Fehlermeldung

Deprecated function: The each() function is deprecated. This message will be suppressed on further calls in menu_set_active_trail() (Zeile 2405 von /kunden/409241_99994/webseiten/includes/menu.inc).

Anarchakundra

           

Schließlich kam jener Tag an dem die Person, die in späteren Zeiten neben Elena zur zweiten herausragenden Persönlichkeit der neuen Gemeinschaft werden sollte, eintraf. Colette!

Endlich war es ihr gelungen über ihren Schatten zu springen und den Weg in diese Gemeinschaft zu finden und zwar gerade noch rechtzeitig um als  Gründungsmitglied der Urkommune gelten zu können.

Als sich Colette zum ersten Mal  in der kleinen Siedlung aufhielt, fühlte sie sich auf seltsame Weise zu Hause. Erstmals in ihrem Leben nahm sie Heimatgefühle war. Ein noch nie gekanntes Gefühl des Glücks durchströmte jede Pore ihres Körpers, ihrer Seele und ihres Geistes. Das hob ihre Stimmung ganz erheblich und sie veränderte  schlagartig ihr Wesen. Die Depression musste warten und sich fürs erste in ihr finsteres Loch zurückziehen. Innerhalb kurzer Zeit mutierte Colette zu einer Art Frohnatur.

Elena war sich sofort bewusst, welche große Bereicherung Colettes Einzug in der Kommune für alle bedeutete. Ihr androgyner Charme, ihre völlig unkonventionelle Art zu leben, brachten einen neuen Schwung in die Gemeinschaft. Wo sie auch auftrat, verbreitete sie Heiterkeit und Stimmung. Ein offensichtliches und attraktives Wesensmerkmal war ihr Lachen. Colettes Lachen hatte etwas Besonderes, etwas Göttliches und es steckte an. Mit ihr wurde es nie wieder langweilig. Zudem war sie ausgesprochen einfühlsam und sanft. Geradezu prädestiniert um Konflikte jedweder Art zu entkrampfen und zu lösen.

Als sie sich zum ersten Mal gegenüberstanden spürten sie auf Anhieb eine unglaubliche Anziehungskraft. Für beide ein unvergleichliches De ja viu Erlebnis. Es hatte den Anschein, als kannten sie sich seit Jahrhunderten. Eine Vertrautheit für die es keine logische Erklärung gab. Ein Gefühl das weit über sexuelle Anziehung hinausging. Sich in Elena zu verlieben  war nicht schwer. Deren erotische Ausstrahlung zog jeden in den Bann, kaum einer der sie nicht begehrte. Bei Colette war es ganz anders. Hier wirkte ein viel enger geknüpftes Band. Schwester, entfuhr es Colette bei einer ihrer ersten Begegnungen und Elena überkam dabei ein Gefühl des tiefen Geborgenseins, der Wärme und des Friedens. Es kam ihr so vor als sei sie nach Jahren in ein fremdes Zuhause zurückgekehrt. Geliebte kommen und gehen. Eine Schwester hingegen bleibt ein Leben lang verbunden.

Woher sie kam, was sie bisher getan hatte, darüber schwieg sich Colette aus. Sie brauchte sich nicht zu offenbaren, denn von Beginn an galt in der Kommune die Anonymität der Herkunft, so bezeichneten Elena und Kovacs ein Privileg das allen zustand, keine Angaben über ihr bisheriges Leben machen zu müssen, wenn man es nicht aus freien Stücken tat. Ein Umstand den Colette mit ganz besonderer Genugtuung betrachtete, sie, die sich bisher in ihrem Leben stets hatte erklären müssen. Bei allem möglichen Anlässen wurde sie genötigt die Hosen herunter zu lassen. Was bist du? Wer bist du? Woher kommst du? Welche Qualifizierungen kannst du dein Eigen nennen. Warum bist du so wie du bist? Weshalb bist du immer so schweigsam? Warum ziehst du dich so häufig zurück? Wie gedenkst du dich hier ein zu bringen? Und so weiter und so fort. Man konnte die Liste beliebig erweitern.

Noch nie in ihrem bisherigen Leben fühlte sich Colette so frei und ungebunden. Hatte sie jetzt ein echtes zuhause? Die ersehnte Heimat?  

Schon bald machten allerlei Gerüchte über Colettes Vorleben die Runde.

Sie schien gebildet, was eine Herkunft aus der Privo-Kaste vermuten ließ. Andererseits war es kaum möglich, sie einer der drei sozialen Schichten zuzuordnen. Sie war eben eine Kundra

Derzeit machten Moralapostel wieder Stimmung gegen die Kundras. So wurde ihnen subversives Verhalten dem Staat und der Gesellschaft nachgesagt. Sie würden die Moral der Gesellschaft untergraben, seien eine Gefahr für die Jugend und das gesunde Volksempfinden, eine Schande für das ganze Land. es kam zu Pogromen, vor allem auf dem  Lande. Eine schwere Krise befiel Melancholanien und es bedurfte dringend der Sündenböcke um die Bevölkerung ruhig zu stellen.

Aus diesem Grund begannen sich die Kundras zu organisieren und verteidigten ihre Nischen und Refugien die sie sich in der zurückliegenden Zeit hart hatten erkämpfen müssen. Colette betrachtete das mit Wohlwollen und gedachten ihren Beitrag zu leisten indem sie sich dieser Gemeinschaft anschloss um sich dort in entsprechender Weise zu engagieren. 

Sie legte sich zunächst nicht auf eine bestimmte Aufgabe fest, half dort  wo es im Moment gerade Not tat. Nie drängte sie sich in den Vordergrund, sondern wahrte eine höfliche  Distanz, die akzeptiert und verstanden wurde. Sie war nicht der Typ der nach vorne drängte, wartete lieber darauf von den anderen eingeladen zu werden. Gerade das machte sie in kurzer Zeit so beliebt.

Und sie brachte das queere Element weiter zum Vorschein. Ein Umstand der das Leben in den Kommunen von Anfang an wesentlich prägen sollte.

Die Grundbesatzung bestand bekanntlicher Weise aus zumeist heterosexuellen Paaren, dazu je ein Schwulen- und ein Lesbenpaar. Im Gunde zunächst einmal eine solide Basis, um eine Gemeinschaft auszubauen. Als sich später aber immer mehr Singles der Gemeinschaft anschlossen, traten immer häufiger Reibungspunkte zu Tage. Ein Liebespaar, das sich gegenseitig trägt und stützt und mit sich beschäftigt ist, erträgt einen kargen einfachen Lebensstil, der obendrein noch ständiger Anfechtung ausgesetzt ist und einer ungewissen Zukunft entgegenblickt gelassener. Ein Single ohne Bindung an eine direkte Bezugsperson hatte es da bedeutend schwerer. Wer alleine lebt, auf die Liebe und Zärtlichkeit einer vertrauten Person verzichten muss, droht unter solchen Bedingungen leicht abzustürzen, neigt zu Depressionen und Schwermut. Elena erkannte früh die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen.

Wer seine sexuellen Wünsche geordnet auslebt, ist im wahrsten Sinne des Wortes, befriedigt, steht im Frieden mit sich selbst und seiner Umwelt. Nicht ausgelebte sexuelle Wünsche können in einer solchen Gemeinschaft fatale Folgen mit sich bringen, Ersatzbefriedigungen den Weg bahnen, die ein friedliches Miteinander erheblich stören

Colette sollte  zu einer wichtigen Ideengeberin werden. Schon bald zog sie das Interesse der Kommunebewohner auf sich, Männer und Frauen gleichermaßen. Es gab im Grunde niemand, der sie nicht auf die eine oder andere Art attraktiv fand und gerne einen Flirt mit ihr begonnen hätte, ohne dabei auch nur mit dem Gedanken zu spielen, die angestammte Beziehung zu beenden.

Die Tatsache, dass Colette nun mal weder dem einem noch dem andern Geschlecht zu zu rechnen war, sondern quasi ein drittes verkörperte, erleichterte vieles.

 

Elena schätzte Colette von Anbeginn, sie erkannte deren Fähigkeiten und überlegte, ob und auf welche Weise sie die neue Schwester für die im Entstehen befindliche Kommune nutzbringend einsetzen konnte.

Nur all zu dankbar nahm sie deren Dienste an und versuchte  Colette in die sich langsam formierenden erste Reihe zu holen.

Ihr  war natürlich bewusst , dass es Kundras gab. Aber sie hatte sich in ihrem früheren Leben nie darum gekümmert.  Diese Tatsache schien einfach nicht wichtig genug um daran auch nur einen Gedanken zu verschwenden.

Eine tief sitzende anarchistische Gesinnung bestimmte Colettes Handeln. Wie fast alle Kundras war sie von einem radikalen Freiheitsgedanken durchdrungen.  Ihre libertären Ideen fielen hier auf fruchtbaren Boden. Sie fand in Elena und Kovacs aber auch in den Anderen Gleichgesinnte. Sie fühlte sich wie ein Fisch im Wasser. Wie kaum einem andereren Kommunemitglied gelang es ihr einen Draht zum Denken und Handeln zu finden.

Colettes spirituelle Ausrichtung schließlich weckte Elenas besonders Interesse. Colette konnte ihren Beitrag leisten, um Elenas Bewusstsein freizulegen und ihre Kanäle für das Unerklärliche zu öffnen.

Eine weitere Person die sich auf Anhieb zu Colette hingezogen fühlte war Kim. Die hatte zwar bereits in Miriam eine Gefährtin gefunden und konnte in dieser Beziehung wachsen und gedeihen. Doch mit Colette verband sie etwas ganz Besonderes. Kim hatte noch kaum mit jemanden über ihre Gefühle gesprochen,denn es ging ihr ähnlich wie Colette. Gern wäre Kim als Junge auf die Welt gekommen. Auch wenn sie gar keine maskuline Ausstrahlung besaß. Im Gegenteil, sie zeichnete ein hübsches feminines Gesicht eine zierliche und sportliche Figur aus. Aber sie tat alles, um sich wie ein Junge zu geben, trug mit Vorliebe Männerkleidung, meist Khakihosen, Springerstiefel, Muskelshirt oder bei kaltem Wetter  Kapuzenshirts. Ihr hellblondes Haar hatte sie extrem kurz geschoren. Sie war noch nicht soweit vorgedrungen, um sich mit männlichem Pronomen anreden zu lassen, war sich auch noch nicht darüber bewusst, ob sie das tatsächlich wollte. Sie lebte  als Lesbe und strebte stets Beziehung zu Frauen an. Mit Colette stand ihr nun eine Person gegenüber, die sich selbst als Frau betrachtete, aber über einen Männerkörper verfügte. Kim begann sich zu fragen, wie es sich wohl anfühlte und ob sie zu einer emotionalen Empfindung  für ein körperlich männliches Wesen imstande sei und sie sehnte sich danach, diesen Wunsch in die Praxis umzusetzen, ohne dadurch ihre Beziehung zu Miriam zu gefährden.

An einem warmen Septembernachmittag bot sich ihr überraschend schnell eine Gelegenheit. Gemeinsam mit Colette hatte Kim Küchendienst. Ihnen oblag das Zubereiten der Mittagsmahlzeit für die hungrigen Kommunemitarbeiter. Des weiteren der Abwasch und die an fallenden Säuberungsarbeiten in der Küche.

Schon während der Arbeit hatten sie ausgelassen miteinander herumgealbert und bemerkt, wie gut sie sich trotz des erheblichen Altersunterschiedes verstanden. Als sie nach getaner Arbeit endlich die Küche verließen, gönnten sie sich ein ausgiebiges Bad im Stausee, der ihnen die gewünschte Abkühlung schenkte.

Erfrischt entstiegen sie dem Wasser und begaben sich wieder in Richtung Gartensiedlung.

Kim bewegte sich einige Schritte vor Colette.

„Also wenn man dich so von hinten betrachtet könnte man durchaus geneigt sich dich für einen Jungen zu halten, wenn da nicht die etwas ausladenden Hüften wären. Aber ansonsten. Deine Muskeln können es mit jedem Jungen in deinem Alter aufnehmen.“ versuchte Colette das Gespräch in eine bestimmte Richtung zu lenken.

„Danke, Colette! Aber wenn man mich von vorne betrachtet? Unverkennbar weiblich, mein Gesicht und nicht zu vergessen meine Brüste.“ entgegnete Kim.

„Deine kleinen Brüste sind traumhaft schön. Warum stören sie dich?“

„Du kannst Fragen stellen! Was haben denn Brüste bei einem Jungen zu suchen?“ wunderte sich Kim.

„Ach so! Ich finde das nicht problematisch. Was glaubst du wie viele Männer mit Brüsten es gibt, ich meine vor allem korpulente Männer, da käme kein Mensch auf die Idee, die für Frauen zu halten.“ klärte Colette auf.

„Ach so, das meinst du! Aber das kann man nicht vergleichen. Ich bin von vorne jedenfalls eine Frau!“ gab Kim zu verstehen.

„Ja und? Warum kannst du denn nicht beides sein?“

„Du meinst eine Kundra?“

„Zum Beispiel!“

„Hab ich ehrlich gesagt noch nie darüber nachgedacht. Von mir aus bin ich eben eine Frau, ich kann ohnehin nichts daran ändern. Und ich liebe Frauen, das finde ich toll, daran möchte ich auch nichts ändern.“ antwortet Kim, während sie stehen blieb und nun ihrerseits Colette von hinten in Augenschein nehmen konnte. Colette hielt an und breitete die Arme aus.

„Und wie ist es mit mir? Wie sehe ich von hinten aus, männlich oder weiblich?“

Kim warf den Kopf hin und her, eine Einschätzung viel ihr offensichtlich nicht leicht.

„Hm, schwer zu sagen. Eigentlich wie…. Ja . beides zugleich würde ich mal behaupten. Es fällt mir schwer dich fest zu legen festlegen. Echt, das ist auf Anhieb nicht einzuschätzen, da muss man schon intensiver betrachten!“

„Siehst du, genau das ist es, was ich meine.  Auch ich möchte ungern in einer Schublade stecken, denn da gehöre ich nicht nicht hin.“ meinte Colette, dann schlang sie ihren Arm um Kim und die beiden setzten ihren Weg fort. Bald hatten sie ihr Ziel erreicht.

„Miriam, bist du da?“ rief Kim in den Bungalow, den sie seit kurzen mit Miriam alleine bewohnte, nachdem Kyra Hals über Kopf in Folkos Hütte umgezogen war.

„Sie scheint nicht da zu sein. Ach ja, die sind heute wieder unterwegs. Mit Elena und Kovacs  unten in der Paria-Siedlung. Schade! Miriam hätte sicher eine Antwort auf unsere Fragen“

„Du hast Miriam sehr gern, stimmts?“ wollte Colette wissen.

„Ja das kann man wohl sagen!“

„Große Liebe?“

„Total! Noch nie habe ich so etwas empfunden, nicht mal bei Kyra, als ich noch mit ihr zusammen war. Miriam ist eben ganz anders.“ antwortet Kim selbstsicher.

„Miriam ist eine schöne Frau, aber sie könnte bequem deine Mutter sein. Stört dich das nicht?“ War Colettes Frage eine Provokation? Kim aber fasste es nicht so auf.

„Nein! Im Gegenteil! Ich fühle mich bei ihr total geborgen. Das ist es, was ich immer gesuchte habe, verstehst du? Sie geht so zartfühlend mit mir um. Ich kann mich bei ihr fallen lassen, ein irres Gefühl!“

„Also fühlst du zumindest dabei nicht als Junge?“

„Was hat denn das damit zu tun?“ Sprach Kim mit großem Erstaunen.

„Nun, Männer übernehmen üblicherweise die aktive Rolle, gerade was Beziehungen mit Frauen betrifft. Hast du, wenn du mit Miriam zusammen bist, den Wunsch so eine Rolle zu übernehmen?“ Wollte Colette sehr direkt wissen, was die neue Freundin nur noch umso mehr irritierte.

„Nein! Komische Frage!  Hab ich mir ehrlich noch keine Gedanken  gemacht. Es ist gut so wie es ist und es ist schön. Das ist doch wohl das Wichtigste, oder?“

„Sicher ist es das!“

Kim verschwand kurz im Bungalow. Dann kam sie zurück mit zwei Gläsern und einer Flasche Fruchtsaft in den Händen.

„Lass uns etwas trinken! Bei der Hitze bekomme ich immer schrecklichen Durst!“

„Ja, gute Idee, schenk ein!“

Nachdem beide einen kräftigen Schluck genommen hatten, fühlte sich Kim wieder in der Lage, das Gespräch fortzusetzen. Es schien etwas in ihr bewirkt zu haben, warum sollte sie sonst weiter nachforschen.

„Sag mal, wie hast du das eben gemeint? Ich meine mit dem Rollenspiel. Warum muss ich mich denn als Junge fühlen, wenn ich Sex habe? Ist das denn so wichtig?“

„Nein überhaupt nicht! Das beweist nur einmal mehr wie unsinnig überhaupt dieses Rollenklischee ist. Du kannst alles sein, alles auf einmal aber auch über den Dingen stehen. Was ich damit sagen will, ist, bleib einfach so wie du bist. Nimm die Rolle an, die dir entspricht, die dir bekommt. Und ich denke in deinem Fall ist es eine Rolle zwischen den Geschlechtern, ähnlich der meinen!“

„Und du meinst das funktioniert?“

„Aber sicher doch! Ich tue es schon seit Jahren! Und ich kann sagen, es ist das Beste, das du dir vorstellen kannst. Du fühlst dich , als ob dir Flügel wachsen. Du kannst allem davonfliegen, allem, was dich auf eine Position festnageln will.“

„Das kann sein! Jetzt wo du es sagst! Ich habe mir das immer gewünscht. Ich fühle mich soweit ganz gut. Ich schwanke hin und her. Manchmal möchte ich ein Junge sein, manchmal aber bin ich wiederum ganz froh mit meiner Rolle als Mädchen. Das kommt ganz auf die Umstände an. Und du meinst das ist ok?" Forschte Kim weiter.

„Natürlich! Das ist es. Lebe weiter so ungezwungen, lass dir von niemandem einreden, du müsstest dich entscheiden. Und ich denke mal, hier haben wir eine Umgebung gefunden, die es uns gestattet ganz wir selbst zu sein. Wo findest du so etwas sonst noch auf der Welt?. Und genau das ist die Botschaft, die ich in diese Welt tragen will. Ronald spricht ständig von einer Revolution die kommen sollte um vieles in diesem Land zu verändern. Ich finde, sollte die einmal wirklich stattfinden, wäre sie unvollständig, wenn nicht auch das Androgyne eine entscheidende Rolle spielt. Ich meine, entweder eine androgyne Revolution oder gar keine.“ begeisterte sich Colette.

„Na, wenn wir zwei da mitmischen, kann nichts schief gehen. Wir habe unsere kleine Revolution schon hinter uns.“ bestätigte Kim.

„Genau, und das sollten wir den andern immer wieder einschärfen, wenn die mal einen Durchhänger haben. Selbst in dieser Gemeinschaft ist nicht alles Gold was glänzt. Die müssen noch gewaltig an sich arbeiten. Gerade was solche Fragen betrifft. Der Einstieg ist geschafft, nun aber muss die Entwicklung ihren Lauf nehmen. Bei Elena hab ich  keine Bedenken, bei Kovacs auch nicht, aber die anderen? Du meine Güte, die haben zum Teil Ansichten, da fragt man sich, ob die allesamt aus dem 19. Jh stammen.“

„Stimmt! Die meinen es sicher nicht böse! Aber da gibt es manchmal Bemerkungen, da möchte ich am liebsten in die Luft gehen!“ erinnerte sich Kim.

„Dann tue es, wenn dir danach ist! Mache dir Luft! Schwimm dich frei! Hier  dürfen wir das, ohne die Konsequenzen fürchten zu müssen. Wir sollten uns  mit Kovacs darüber unterhalten. Wenn er wieder seine theoretischen Lehrsätze vorträgt, müssen wir anregen, dieses Thema verstärkt in den Vordergrund zu stellen, damit sich auch die anderen der Sache öffnen.

Mit einer Kundra ins Bett zu gehen, seinen Spaß haben, weil es mal was exotisches ist, ist eine Sache. Aber eine Kundra als vollwertigen Menschen akzeptieren, ist ein anderes paar Schuhe, das fällt selbst den fortschrittlichsten Geistern schwer.“ begann sich Colette zu entrüsten.

„Es ist toll, dass du zu uns gekommen bist. Jetzt erst fühle ich mich nicht mehr allein.  Trotz der vielen lieben Menschen, die mich hier um geben, die mich in ihre Reihen wie ein Familienmitglied aufnahmen, gab es da immer so ein Gefühl der Leere, als ob noch ein wichtiges Detail fehlt. Als sei noch nicht alles ausgesprochen. Richtig! Wir sollten zu Kovacs und Elena gehen und uns mit denen darüber austauschen.“ stimmte Kim dem Ansinnen zu.

„Entweder die Freiheit gilt allen oder keinen. Ein Zwischending gibt es nicht! Dann wäre es keine richtige Freiheit. Solange nur eine Randgruppe  ausgeschlossen wird, ist die Freiheit nicht verwirklicht.“ Colette war sich ihrer Sache sehr sicher. Man merkte, dass sie sich schon recht lange mit solchen Dingen auseinandersetzte.

Nun hatte sie auch bei Kim einen wahren Begeisterungssturm ausgelöst.

„Ohne dich wäre ich sicher nie darauf gekommen. Ich danke dir! Deine Worte haben mir sehr gut getan!“ Kim rückte näher an die neu gewonnene Freundin heran und schmiegte sich eng an deren Körper. Ein Gefühl der Vertrautheit durchströmte sie, so als habe sie einen Menschen neben sich, den sie schon immer kannte. Sie streichelte Colettes nackten Arm.

Wollte sie in diesem Moment mehr von ihr?

„Könntest du mehr als nur Freundschaft für mich empfinden? Was bin ich für dich? Siehst du mich in vollem Sinne als Frau, oder?“   

„Du stehst über den Dingen. Du bist Frau, aber auch wieder nicht. Ich weiß es nicht. Wie möchtest du denn von mir betrachtet werden. Sag es einfach und es soll geschehen.“ Bot Kim an.

„Ich habe den Menschen immer Kompromisse angeboten. Sie können mich als vollwertige Frau betrachten, oder als Kundra, eben als Zwischenwesen. Damit bin ich einverstanden.

Niemals aber sollten sie mich als Mann betrachten. Das ist schon die einzige Festlegung, die ich je getroffen habe.“ gestand Colette.

„Also ich kann zwischen den beiden Möglichkeiten wählen?“

„Ja genau, tue es!“

„Also dann bist du für mich…“ Kim machte eine Kunstpause, so als fürchtete sie  in ein Fettnäpfchen zu treten. „Du bist für mich eine Kundra. Ein Zwischenwesen. Das ist es, ja und das ist es, was ich an dir liebe.“

„Danke! Eine gute Antwort! Genau das was ich hören wollte! Damit kann ich leben!“

„Gern geschehen! So sehe ich es tatsächlich!“

„Ich betrachte dich ähnlich! Wie ich schon andeutete. Nun ehrlich gesagt nicht ganz so. Du hast einfach mehr Weibliches an dir. Betrachte nur dein Gesicht im Spiegel, das ist eben doch feminin. Trotzdem hast du viel von einem Jungen. Ich denke, es ist ähnlich Eine Kundra.Aber nicht ganz!  Ein Mädchen auf dem Weg zur Kundra? Eine möglich Erklärung! Aber warum müssen wir überhaupt erklären?“ Versuchte Colette herauszufinden. "In der Tat, hier klaffte ein Defizit. Kundras sind  stets körperlich männliche Personen, die sich weiblich fühlten, ein Pendant dazu war nicht ausfindig zu machen."

„Sag einfach, eine Kundra! Damit kann ich gut leben..“ Bot Kim an und streichelte dabei Colettes Bauch.

„Könntest du etwas mit mir an fangen? Ich meine sexuell?“ Colettes Fragen wurden nun direkter.

„Ich weiß nicht. Ich habe keine Erfahrung mit Männern!“

„Also bin ich doch ein Mann in deinen Augen? Eben hast du das verneint!“

„Entschuldige! Ich meine ich habe keine Erfahrung mit Männerkörpern! Ich glaube so ist es besser ausgedrückt!“ Korrigierte sich Kim selbst.

„Also könntest du es dir nicht vorstellen?“ Bohrte Colette weiter.

„Ich weiß nicht, ich kann es nicht beurteilen, ich war bisher immer nur mit Frauen und Mädchen zusammen. Über Männer, pardon Männerkörper habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, es kam für mich bisher nicht in Frage. Das wäre eine ganz neue Erfahrung!“ versuchte Kim eine Erklärung, wobei sie feststellen musste, dass es ihr ständig schwerer fiel, die rechten Worte zu finden. Ein ganz und gar verzwicktes Thema. Aber ein Thema, über das es sich durchaus  zu reden lohnte .

„Und wäre es vorstellbar für dich, praktische Erfahrung zu sammeln.“

„Sag doch einfach, dass du mit mir schlafen willst! Warum redest du immer wie die Katze um den heißen Brei!“ Kim ließ deutlich durch blicken, dass ihr die Fragerei langsam auf die Nerven ging.

„Natürlich möchte ich das, aber nur wenn du es auch willst!“ Erwiderte Colette, während sie sich aufrichtete dabei tief in Kims Augen blickend.

„Weißt du, mit den Kundras ist es nämlich auch manchmal ganz schön stressig. Ich kenne einige von unserem Schlag. Die wollen zwar, dass man sie als das akzeptiert was sie  möchten. Umgedreht aber haben sie häufig erhebliche Schwierigkeiten. Alles schöne Theorien, an den Klippen der Praxis zerschellen diese nur all zu oft.“ Bedauerte Colette.

„Also reicht es nicht zu sagen, das ich auf Frauen stehe, sondern ich müsste richtigerweise betonen, auf Frauenkörper?“ Wollte Kim wissen.

„Das wäre besser ausgedrückt!“

„Aber steckt da nicht auch schon wieder eine Diskriminierung dahinter. Ich glaube, wenn ich es dir ins Gesicht sage, klingt das doch sehr brutal ablehnend?“ schob Kim weiter nach.

„Genau so ist das! Natürlich müssen wir ehrlich zueinander sein. Aber Ehrlichkeit kann  den anderen unter Umständen außerordentlich verletzen. Ich denke, es wird kaum gelingen, Diskriminierung vollständig zu vermeiden. Gerade was zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft, können die ständig auf der Lauer liegen. Oftmals sind wir uns dessen gar nicht bewusst, dass wir andere diskriminieren.“

„Glaubst du daran, dass sich das nach einer erfolgreichen Revolution ändert?“ Wollte Kim wissen und legte sich ganz flach auf den Boden, so als wolle sie Colette einladen, sie zu nehmen.

„Sicher besteht die Möglichkeit . Aber wir müssen das in die Hand nehmen, sonst haben wir im Anschluss das Nachsehen. Nicht alle Revolutionen nehmen einen positiven Verlauf. Nach der Revolution ist vor der Revolution! Gerade für  Leute wie uns!“

„Also gut, du hast gewonnen!“ Meinte Kim plötzlich und richtet sich abrupt wieder auf.

„Wie gewonnen?“

„Ich bin bereit, ich möchte Sex mit dir, jetzt und hier. Ich will es ausprobieren, wie es sich anfühlt. Aber ich möchte bei unserem Date der Mann sein!“ erklärte sich Kim, was Colette in Erstaunen versetzte.

„Sehr gut! So mag ich es! Immer sagen was du willst. Ist in Ordnung. Ich bin einverstanden.“

Colette begann sich auszuziehen. Wieder kam ihre weiche weiße Haut zum Vorschein, Kim griff zu und bemerkte erst jetzt wie geschmeidig Colette war.

„Du bist ja weicher als eine Frau. Das hätte ich kaum für möglich gehalten.“ Fasziniert tastete sich Kim weiter voran, was die Ältere von beiden außerordentlich genoss.

Colettes Körper war eindeutig männlich, aufgrund der kaum zu übersehenden Merkmale, strahlte aber andererseits kaum männliche Härte aus. Weich und glatt wie die Haut eines Säuglings schoss es Kim durch den Kopf, sie wagte aber nicht es auszusprechen, glaubte sie doch, Colette damit zu beleidigen.

Nach einer Weile begann auch sie sich zu entkleiden.

„Wenn ich etwas falsch mache, dann mach dir nichts draus. Ich muss erst lernen, was man mit solchen Dingern macht.“ Gestand Kim während sie Colette zwischen die Beine grabschte.

„Ich denke, dass ich ein ganz ordentliches Studienobjekt abgebe.“ meinte Colette, dabei genüsslich stöhnend.

Dafür, dass Kim das erste Mal einen männlich geformten Körper bearbeitete, stellte sie sich überraschend geschickt an.  

Sie war stets bedacht „Oben“ zu liegen. Schließlich machen das  die Männer

Wie ein Cowboy ritt Kim auf Colette. Sie sie war der Mann, zweifelsohne. Doch eine eigentliche Vereinigung fand dabei nicht satt. Colette war nicht imstande wie ein Mann zu penetrieren.

Eine queere Welt pur. Zwei Kundras zusammen, das bedeutete erhebliches Kopfzerbrechen. Wer hatte wann wann welche Rolle zu spielen? Eine körperliche Frau, die sich als Mann fühlte, zusammen mit einem körperlichen Mann, der sich als Frau betrachtete, ging es noch queerer?  Sicher kaum!

Nun fehlte nur noch der Regenbogen am Himmel der beide wie ein schützender Mantel bedeckte.

Erschöpft lies sich Kim zur Seite fallen, schmiegte sich wieder eng an die ältere Partnerin.

„Wie fühlst du dich?“ Wollte Colette nach ganzen Weile wissen.

„Total gut! Wau, ein tolles Gefühl war das!“ Gab Kim noch ganz benommen von sich.

„Hattest du nun das Gefühl mit einem Mann oder einer Frau zusammen zu sein?“

Kim legte ihre Handfläche auf ihre Stirn. Sie musste gründlich in sich gehen und das nach einem solchen Rauschzustand, keine leichte Aufgabe.

„Musst du ausgerechnet jetzt so eine schwere Frage stellen, ich bin noch voll dabei die Nachwirkungen zu genießen?“

„Dann genieß erst mal richtig! Aber mir wäre es schon wichtig zu erfahren, wie es dir dabei ergangen ist.“

Eine ganze Weile lagen sie wortlos beieinander. Dann glaubte Kim den rechten Moment gefunden zu haben.

„Mir hat es total gut getan. Aber Ich kann nicht mit Gewissheit sagen als was ich dich wahrgenommen habe. Ich hatte den Eindruck, dass ich mit einem Mann und einer Frau gleichzeitig zusammen bin. es fällt mir schwer eine Grenzlinie zu ziehen. Gehört einfach alles zusammen und das ist gut so!“

„Eine gute Antwort, Kim, besser könnte das keiner ausdrücken! Ich danke dir!“ Colette legte ihren Arm um Kim und drückte sie fest an sich, die schmiegte sich auch bereitwillig an.

Eine solche Beziehung braucht keine Definition, im Gegenteil, das würde nur den Zauber des Augenblickes zerstören.

„Ich glaube, ich hab noch lange nicht genug, Colette! Ich möchte es gerne wiederholt so mit dir schmusen.“

„Das lässt sich sehr gut einrichten! Ich könnte mich auch  daran gewöhnen!“ pflichtete ihr Colette bei.

„Ich bin hin und her gerissen! Irgendwie total verwirrt. Ich habe doch eine schöne Beziehung, die ich nicht aufgeben möchte. Muss ich mich jetzt entscheiden?“ wollte Kim wissen.

„Nein, das musst du nicht! Verlange ich überhaupt nicht von dir! Im Gegenteil! Lebe deine Beziehung mit Miriam aus, denn ich glaube, dass die dir gut bekommt. Es wäre falsch, hier etwas abzuschneiden. Ich möchte auch wieder mit dir zusammen sein. Ich habe aber keine Probleme damit, mich hinten anzustellen."

„Das ist gut! Da bin ich beruhigt!“ Kim begann wieder Colettes Brust zu streicheln.

„Ach, entschuldige! Ich habe mich gar nicht erkundigt, wie es dir geht!“ fuhr Kim nach einer Weile fort.

„Ausgezeichnet! Normalerweise ist es für mich immer wieder eine Herausforderung, wenn ich Sex mit einer Frau, pardon, mit einem Frauenkörper habe. Ich muss dabei immer befürchten auf die männliche Rolle zurückgeworfen zu werden, ein Umstand der mir außerordentlich schwerfällt. Aber mit dir war es irgendwie anders.“ antwortete Colette.

„War ich für dich Mann oder Frau?“

„Beides und keines zugleich!“

 "Scheint so eine Art Standardbezeichnung zu sein.“ glaubte Kim festzustellen.

„Sicher! Aber ich wüsste nicht, wie ich es sonst definieren soll. Du hast auf jeden Fall das Heft in die Hand genommen, du warst der aktive Part, trotz deines Körpers, das war toll. Ich habe jeden Augenblick genossen. Ich brauche in der Regel sehr lange, bis ich komme, aber du hast es mir sehr leicht gemacht!“ bedankte sich Colette immer weiter.

„Das freut mich sehr zu hören.“

„Wir können beide lernen in einer solchen Beziehung, du kannst die Rolle als Mann ausprobieren, ich jene als Frau. Und das alles unverkrampft und ohne unnötige Scham.“

Nach einer Weile begannen sich beide wieder anzukleiden. Beide hatten eine wichtige Lektion hinter sich. 

Es war geradezu ein Omen, dass zwei Kundras, also zwei Transpersonen auf diese Weise zusammen waren. Zwischen den Geschlechtern stehen, das war Anarchie pur, das bedeutete eine ständige Provokation für eine Umwelt, denen die binäre Geschlechterdoktrien als wichtige Grundlage ihres Herrschaftsystems diente. Dabei handelte es sich ganz einfach um eine ständige Untergrabung der gefestigten staatlichen Ordnung. Eine Kundra konnte sich nicht integrieren, selbst wenn sie ihre Bereitschaft bekundete. Woran auch sollte sie sich anpassen? Die gesamte Gesellschaft war nun einmal in zwei Geschlechter eingeteilt und niemand stellte das in Frage. Also blieb ihnen nichts weiter übrig, als ihre Außenseiterrolle an zunehmen.

Kundras waren die geborenen Anarchistinnen. Und es war ihnen gegeben, diesen Anarchismus auch anderen, ihrer direkten Umwelt kund zu tun.

Colette und Kim waren sich in jenem Augenblick nicht im Geringsten darüber  bewusst, was sie gerade angestoßen hatten. Vorerst genügten sie sich selbst und das war auch vollkommen in Ordnung.

Sie bemerkten nicht, wie die Zeit verstrich. In der Zwischenzeit war Miriam wieder eingetroffen.

Irgendwie schien sie zu ahnen, was sich hier gerade abgespielt hatte, aber das war im Moment gar nicht  bedeutsam.

Kim hatte ihre Gefährtin nicht betrogen, sie blieb ihr auch während des Liebsspieles mit Colette treu, auf eine ganz spezielle Weise. Doch komisch war ihr  schon zumute.

Sie hatte im Schneidersitz auf dem Boden Platz genommen. Ihr weißes enges T-Shirt ließ ihre Brüste deutlich durchscheinen.

„Na ihr zwei, habt ihr euch gut unterhalten?“ begrüßte Miriam die beiden.

„Ja, Colette ist eine gute Unterhalterin. Wenn man mir ihr zusammen ist, wird es niemals langweilig!“ entgegnete Kim, nachdem sie aufgesprungen und Miriam zur Begrüßung um den Hals gefallen war.

„Hallo Colette! Wir haben dich vermisst heute! Warum bist du nicht mitgekommen  in die Paria-Siedlung. Das war doch deine Absicht, oder irre ich mich da.“ erkundigte sich Miriam.

„Hab ich scheinbar total vergessen! Ich nahm an, ihr wolltet euch am Nachmittag auf den Weg machen. Da hab ich scheinbar was durcheinander gebracht.“ versuchte sich Colette herauszureden.

„Ja das denke ich auch! Also wir versuchen hier unsere Außerhausaktivitäten möglichst auf den Vormittag zu verlegen. Ist sicher nichts für Langschläfer. Bist du so eine?“ wollte Miriam wissen.

„Hm, kommt ganz drauf an! Eigentlich bin ich zuverlässig, das zumindest sagen jene Leute, mit denen ich zu tun hatte!“

„Colette ist ausgesprochen zuverlässig. Nein Miriam, wir hatten heute Dienst im Küchenbereich. Hast du das vergessen?“ sprang Kim in die Bresche.

„So? Gut, dann habe scheinbar ich etwas durcheinander geworfen. Ist aber auch nicht weiter tragisch. Dann kommst du eben ein andermal mit runter, Colette. Ich meine unsere Arbeit dort interessiert dich doch, oder?“ Miriam ließ nicht locker.

„Natürlich tut sie das. Aber ich muss mich erst mal nach und nach mit allem hier vertraut machen. Ich denke, ich habe den Tag gut genutzt.“ Colette blickte dabei zu Kim und zwinkerte ihr zu.

„Das kann ich mir gut vorstellen!“ antwortet Miriam und ging in den Bungalow.

„Was meinst du? Ob sie etwas ahnt? Ob sie mir das verübelt?“ flüsterte Kim in Colettes Ohr.

„Kann ich mir nicht vorstellen! Ich meine letzteres! Sicher ahnt sie etwas. Ich denke damit hat sie kein Problem!“ versuchte Colette zu beruhigen.

„Ich will auf keinen Fall, dass Miriam mir böse ist. Das könnte ich nicht ertragen!“ gab Kim etwas ungehalten zu verstehen.

Da trat Miriam wieder ins Freie. Sie ließ sich auf einen Klappstuhl neben den beiden nieder.

„Ganz schön anstrengend war das heute. Na, ich muss mich auch erst wieder einarbeiten. Bin schon eine Weile weg von der Materie.“

„Sag mal, was hast du denn eigentlich für einen Beruf erlernt, wenn ich mal ganz dumm fragen darf.“ forschte Colette.

„Ich bin gelernte Krankenschwester, war lange als Gemeindeschwester tätig, bevor ich mich Cornelius anschloss.“ klärte Miriam auf.

„Verstehe!  Dann bist du für Elena eine große Hilfe! Die kann dich  dort sicher gut verwenden.“ glaubte Colette zu wissen.

„Und wir können noch viele  weitere Helfer brauchen. Wäre das nicht auch etwas für dich, Colette?“

Natürlich wollte sie Colette damit aus der Reserve locken,  hatte die es doch bisher nicht für nötig erachtet, sich auf eine bestimmte Arbeit festzulegen. Miriams Worte konnten somit auch als eine Art von Werbung betrachtet werden.

„Sicher könnte ich das! Ich werde weiter überlegen. Ich helfe gerne.“

Sehr überzeugend klang es nicht. Aber Miriam schien fürs erste zufrieden.

Kim erhob sich und nahm schwungvoll Platz auf Miriams Schoss

„Sag mal Miriam, was ich fragen wollte! Könntest du mich auch lieben, wenn ich ein Junge wäre?“

„Wie kommst du plötzlich auf so was?  Ich denke du bist ein Junge?“ lautete Miriams Antwort.

„Aber nur im Geiste! Ich meine, wenn es auch körperlich der Fall wäre!“ hakte Kim weiter nach und umschlang dabei mit ihren Armen Miriams Hals, so dass sie ihrer geliebten dabei tief in die Augen blicken konnte.

„Aber du bist es nicht! Ich würde mir an deiner Stelle nicht so viele Gedanken darüber machen. Oder hast du etwa vor deinen Körper zu ändern?“ Aus Miriams Worten konnte Colette ein wenig Besorgnis spüren.

„Nein, hab ich ganz bestimmt nicht!“

" Da bin ich  beruhigt. Nein, ich mag dich so wie du bist. Das burschikose Mädchen, was gerne hin und wieder ein Junge sein möchte und sich zumeist auch wie einer verhält, ist mir so sehr ans Herz gewachsen. Da denke ich gar nicht drüber nach, was wäre, wenn…

Du bist du und das ganz und gar! Wenn du ein richtiger Junge wärst, wenn ich das mal so bezeichnen will. Ich weiß nicht, ob wir uns da so nahe gekommen wären.“

Colette staunte der Worte, die sie hier zu hören bekam. Hier hatten sich zwei gefunden, es würde ihr nicht in den Sinn kommen, diese Beziehung zu untergraben, so sehr sie Kim auch begehrte. Aber die Freie Liebe machte es möglich sich nach vielen Seiten zu orientieren, das hatte etwas befreiendes.

„Ein schönes Paar seit ihr! Man sieht  gleich, dass ihr zusammengehört und das total. Es tut richtig gut, euch zu betrachten.“ glaubte Colette noch sagen zu müssen, so als habe sie ein schlechtes Gewissen wenn sie an das vor wenigen Augenblicken Geschehene zurück dachte.

„Miriam, macht es dir was, aus wenn ich auch hin und wieder mit Colette zusammen bin. Ich finde die auch total lieb!“ Kim streckte Colette die Hand entgegen, zögernd schlug die ein.

Es war ihr peinlich, dass Kim jetzt diese Tatsache ansprach. Musste denn immer gleich alles auf den Tisch? Konnte man nicht genießen und schweigen, so wie es Colette bisher immer getan hatte?

Offensichtlich aber lagen die Dinge hier etwas anders.

„Nein, warum denn? Kim Liebes kleines !  Wir verstehen uns ganz toll, aber du könntest meine Tochter sein. Ich bin mir vollkommen bewusst, dass du auch hin und wieder mit Menschen zusammen sein möchtest, die altersmäßig besser zu dir passen. Wenn du mit ihr gehen willst, dann tu es einfach. Nicht immer fragen, das macht die ganze Angelegenheit nur unnötig kompliziert. Wenn ich mir sicher sein kann, dass du mich dabei nicht ganz vergisst, habe ich damit keine Probleme.“ bekannte Miriam, was die beiden andern in Erstaunen versetzte.

Keiner rechnete damit dass Miriam diese Offenbarung so gut verkraften konnte.

„Du bist ein Schatz! Ein ganz lieber Schatz!“ Kim gab Miriam einen dicken Kuss.

Dann griff sie wieder in Richtung Colette.

„Na komm schon rüber Colette, ich beiße nicht! Du bist doch sonst auch nicht so zaghaft!“ lud Miriam ein.

Colette nahm neben den beiden Platz und es folgte eine lange innige Umarmung zu dritt.

"Danke für das Kompliment Miriam! Aber so jung bin ich auch nicht mehr. Sicher einige Jahre jünger als du. Aber Kim könnte ebenfalls fast meine Tochter sein." Glaubte Colette etwas richtig stellen zu müssen.

Die Spannung war mit einem Male verflogen.

In dieser Gemeinschaft konnte man solche Dinge ohne schlechtes Gewissen benennen. Man musste es sogar denn  Heimlichtuerei, das war allen bewusst, schien hier fehl am Platze, sie war einfach unnötig,  in einer Umgebung totaler Akzeptanz. Da offenbarte sich wieder das von Kovacs so herbeigesehnte Neu

Nun schienen sich auch Miriam und Colette näher zu kommen, zumindest konnte man darauf schließen, wenn man ihre innige Berührung betrachtete.

„Du Miriam! Könnte denn nicht Colette zu uns in den Bungalow ziehen? Was meinst du? Platz hätten wir  genügend?“ schlug Kim vor.

„Aber nur wenn es auch dein Wille ist, Miriam! Ich habe volles Verständnis, wenn du mit Kim alleine leben möchtest!“ schob Colette gleich nach, denn  das schien ihr jetzt ein wenig schnell zu laufen.

„Hm, ich muss einfach überlegen! Aber im Grund spricht nichts dagegen. Sollte es dann doch nicht funktionieren zu dritt, können wir ja immer noch anders….“ Miriams Sprache wurde immer sanfter, sie genoss einfach nur Colettes Streicheleinheiten. Diese machten ihr die Entscheidung leicht und sie stimmte schließlich zu.

Damit war die erste Dreierbeziehung geboren. Die Kommune wurde auf Grund dessen wieder ein ganzes Stück queerer.

Die Zukunft würde unter Beweis stellen, ob solche Experimente gelängen. Die Weichen für spätere Zeiten waren zumindest gestellt.

Miriam breitete ihre Arme aus und drückte die Beiden fest an sich. Von Misstrauen keine Spur.

„Sagt mal, was haltet ihr davon, wenn wir jetzt nach drinnen gehen und ein wenig mit einander kuscheln?“ lud Miriam ein.

„Eine gute Idee, das würden mir sehr gefallen!“ stimmte Kim zu.

„Ja sehr gern! Da sag ich nicht nein!“ schloss Colette sich an.

„Na dann kommt!“ Abrupt erhob sich Miriam und wies mit einer fordernden Geste die beiden an, ihr in das Innere des Bungalows zu folgen. Colette und Kim folgten ohne weitere Worte.

Zu dritt fielen sie in ihre Liebe wie in ein weiches Daunenkissen. Es schien als sei es das normalste auf der Welt.