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Das Eis bricht

 

Langsam begann Elena Interesse an der illustren Gesellschaft um Kovacs zu finden. Auch wenn es Überwindung kostete machte sie sich einige Tage später wieder auf den Weg zu dieser unscheinbaren Hütte am Rande des reifen Weizenfeldes mit Blick auf den herrlichen Stausee.

Und wieder und wieder und immer wieder.

Regelmäßig zweimal die Woche, es wurde mit der Zeit Routine, sie begann die Menschen dort zu mögen, auch wenn fast jede Zusammenkunft in einem Streit endete.

Besonders hart ging es jedesmal mit Leander zu. Die beiden schenkten sich nichts und verletzten sich häufig tief unter der Gürtellinie, so dass sich Kovacs nicht selten zum Eingreifen genötigt sah. 

Die heißen Tage schienen erst einmal eine Pause einzulegen. Das war ein Geschenk, denn in der Zwischenzeit hatte die Getreideernte begonnen und viele Mähdrescher tummelten sich auf den Feldern, dabei hohe Staubsäulen in den Himmel treibend.

Während sie sich auf ihren Drahtesel dahinbewegte, konnte Elena am Horizont ein leichtes Donnergrollen vernehmen und es dauerte nicht lange, bis die Sonne vollständig hinter einer bedrohlich wirkenden Wolkenformation verschwunden war. Wind kam auf, der ihr mit Kraft ins Gesicht blies und die Fortbewegung erheblich erschwerte.

„Na toll! Dann werde ich regendurchnässt in der Hütte eintreffen. Die werden sich über mich tot lachen.“ fluchte Elena leise vor sich hin.

Im Gesicht konnte sie bald die ersten Tropfen spüren.

„ So ein verfluchter Mist!“

Wie besessen trat sie nun in die Pedale so als ob der Leibhaftige hinter ihr her.

In der Ferne fuhr ein riesiger Blitz zu Boden, gefolgt von einem gewaltigen Donnerschlag.

Instinktiv zuckte Elena zusammen.

„Nur noch ein Stückchen, gleich ist es geschafft!“ versuchte sie sich Mut zu machen.

Die Tropfen mehrten sich von Augenblick zu Augenblick, aber noch schienen die Wolken nicht nachzugeben.

Endlich hatte sie die Hütte erreicht. Sie schwang sich vom Rad,  öffnete wieder schwungvoll die Tür und befand sich im Inneren, wo man sie schon voller Sehnsucht erwartete. Gleich einem Weltuntergang entlud  sich draußen ein Platzregen.

Alle Augen waren auf sie gerichtet. Erst Elena schien die Runde zu vervollständigen. 

Mit sinnlich anmutender Geste schwang sie ihr zerzaustes Haar nach hinten.

„Na das ging ja gerade noch mal gut. Ich grüße dich, Elena, da du noch trockenen Fußes zu uns gefunden hast. Ich konnte mir denken, dass es dich erneut in unsere Gesellschaft zieht.“ begrüßte sie Kovacs freundlich.

„So, wie kommst du denn darauf?“ erwiderte Elena und ein verschmitztes Lächeln umspielte ihren Mundwinkel.

„Ganz einfach aus Neugier! Du bist ein Mensch, der sich nicht mit dem einmal Gesagten zufrieden gibt. Gibs zu, du musst weiterforschen. Das, was du hier vernommen hast, lässt dich nicht mehr los. Naja und immerhin ist es ja dein Beruf, nachzuforschen.“ gab ihr Kovacs zu verstehen.

„Richtig geraten! Und mit welcher Weisheit will uns der große Dichter heute beglücken?“

„Oh, sei unbesorgt! Nichts Umstürzlerisches! Diesmal gibt es Einblicke in Mystisches. Ich gehe davon aus, dass das weit weniger problematisch für dich ist.“

„Schade, ich hatte mich schon so darauf gefreut. Aber egal! Erzähl einfach was, ich lausche gespannt!“

„Nimm doch erst mal Platz, Elena! Hmm,… wo waren wir eigentlich stehen geblieben? Ähn ja.. ach so, bei der mysteriösen Begegnung. Ich denke, der Einfachheit halber fange ich noch mal von vorne an. Ist doch sicher auch in deinem Interesse, Elena?“

„Jaja, mach nur!“

Stühle befanden sich auch dieses Mal nicht im Raum. So ließ sich Elena auf dem Boden nieder, auf dem schon etwa ein halbes dutzend Andere den Worten des Poeten lauschten.

Erst jetzt bemerkte Elena, dass Leander nicht unter ihnen war. Dafür konnte sie in einer Ecke Kyra wieder finden, die ihr mit versteinerter Miene zunickte.

Schade, gerade Leander war es, den sie aus einem ihr bisher noch nicht einleuchtenden Grund amüsant und unterhaltsam fand. Wenn sie ehrlich zu sich war, musste sie sich eingestehen, dass sie gehofft hatte,  vor allem ihn wieder zu sehen.

Aber egal! So bedeutsam war das auch wieder nicht, statt dessen wollte sie sich auf das konzentrieren, was der Dichter zu sagen hatte.

Der Regen draußen hatte in der Zwischenzeit an Heftigkeit zugenommen. Die Tropfen pochten auf das Dach und an die Fensterscheiben. Es schien , als geschehe dies in einem eigenwilligen Takt  zu der nun folgenden Geschichte.

 

Kovacs begann seinen Bericht:

„Schon als ich am Morgen jenes ereignisreichen Vorfrühlingstages aufstand, hatte ich ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend, gleichsam, als habe sich eine Ameisenarmee im Gleichschritt auf den Weg gemacht. Ein Zustand innerlicher Freude und Zufriedenheit hüllte mich wie in eine flauschige Dauendecke. So etwas hatte ich schon lange nicht mehr erlebet. 

Irgend etwas war im Gange, das stand außer Frage. Eine innere Stimme schien mir das beständig  ins Ohr zuflüstern.

Ich hatte nichts besonderes zu tun an diesem Vormittag und beschloss einen längeren Spaziergang in der Umgebung zu machen. In jenen Zeiten wohnte ich noch nicht hier, sondern in der dicht bewaldeten Berglandschaft.

Ich wollte mich treiben lassen, ganz ohne Zeitdiktat. Es gab kein bestimmtes Ziel, ich würde  einfach akzeptieren, ganz gleich wohin der Weg auch führte.

Immer schon mochte ich diese Zeit, jenen Vorfrühling, der erahnen ließ, zu welch großem Wunder die Mutter Natur schon bald imstande wäre.

Die Sonne ließ ihren warmen Strahl zu mir herab gleiten und erfüllte mein Inneres mit jener Form von Zufriedenheit, die es wohl nur im Frühling gibt.

Noch harrte die Natur ihrer Erlösung von der lähmenden Starre der langen Winternacht, noch wagten die zarten, zerbrechlichen Triebe nicht den harten Boden zu durchdringen, sah man mal von den wagemutigen Vorreitern ab, Schneeglöckchen und Märzenbecher.

Eine seltsame Wartestellung, jederzeit bereit, dem Startschuss zu folgen.

Bald schon würde ein warmer Regen auf die Erde sich ergießen, den letzten Frost hin weg spülen und die Wachstumsphase einleiten.

Inzwischen hatte ich die Stadt hinter mich gelassen und befand mich jenseits der Zivilisation, fern aller rationalen Gedanken und Tatendränge.

Mein Blick streifte den vor mir liegenden Wald, dessen Bäume noch unbelaubt, einen weiten Blick in sein Inneres gestatteten.

Totale Windstille, auch nicht ein leises Rauschen drang an meine Ohren. Lediglich das zaghaft Zirpen der ersten mutigen Waldvögel durchbrach wie Nadelstiche die Stille.

Hier konnte ich mein Verlangen und Sehnen nach Ruhe und Ausgeglichenheit stillen. Wie ich doch die Großstadt und ihren lärmenden Geräuschpegel hasste, dieses Gewirr aus Verkehrslärm, Geschrei, Hundegebell und was sonst noch dazu auserkoren, die menschliche Seele zu malträtieren.*

Wie sollte man in einer solchen Umgebung der göttlichen Stimme begegnen?

Nein, nur die freie unberührte Natur ist imstande, die heiligen Geheimnisse zu wahren und dem Kundigen zu offenbaren.

Ich hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben eines Tages doch noch fündig zu werden.

Obgleich mein rationaler Geist schon lange die Oberhand gewonnen hatte und ich nicht mehr so recht daran glauben wollte, dass es ein großes Mysterium jenseits aller Dinge gab.

Versunken in solcherlei Gedanken erreichte ich einen Hain aus alten kahlen Weiden, die, wie stumme Zeugen längst vergangener Zeiten, ihre dürren blattlosen Zweige gen Himmel streckten.

Aus dem Inneren des Haines schien irgend eine Kraft auf mich zu wirken und veranlasste mich, dessen Zentrum zu betreten.

Ich war gerade im Begriff eines dieser mystisch durchdrungenen Gewächse zu umfassen, als mein Gehör ein leichtes Schluchzen vernahm. Schon bald hatte ich die Geräuschquelle lokalisiert.

Im Schutze eines besonders majestätisch wirkenden Baumes konnte ich zu meiner Verblüffung die Gestalt einer jungen Frau entdecken, die völlig zusammengekauert auf dem Boden saß und bittere Tränen weinte.

Für den ersten Moment wie geschockt stand ich wie angewurzelt auf der Stelle, so als habe mich dieser Anblick selbst in eine Weide verwandelt.

Erst nach einer gewissen Zeit der Überwindung siegte die Neugierde und ich trat näher zu ihr.

Natürlich wollte ich wissen, was sie quälte und ob ich ihr helfen konnte in ihrer Not.

Gerade wollte ich sie an der Schulter berühren, als sie mich aus zwei verweinten Augen anblickte. Ich wich zurück.

„Wer bist du?“ begann ich sie nun anzusprechen. „Ich habe dich hier noch nie gesehen, was ist denn mit dir geschehen?“

Nachdem sie mich etwa eine Minute lang wortlos anstarrte, was mich sichtlich irritierte, begann sie zu sprechen.

„Einsamkeit, unendlich scheinende Einsamkeit hier draußen. Was einmal ein Paradies gewesen, ist nun  ein Gefängnis. Ich führe ein Leben im Exil, großer Dichter. Vertrieben wurde ich vor unendlich langer Zeit in eine Einöde aus Kummer und Leid. Alles haben sie mir genommen Kovacs. Das wird sich nie mehr wandeln, weil in der Welt kein Mensch mehr an mich glaubt.“

Dann begann sie wieder, leise vor sich hin zu schluchzen.

„Woher kennst du meinen Namen?“ wollte ich erstaunt wissen. Denn sie war mit völlig unbekannt. Noch nie hatte ich ihr Angesicht gesehen.

„Den Dichter Kovacs kennen doch viele in diesem Land.“ gab sie mir kurz und knapp zu verstehen, das leuchtete ein. Immerhin war ich in jenen Zeiten noch so etwas wie ein Medienstar.

Schließlich gelang es mir ihre Gestalt näher in Augenschein zu nehmen und mich packte das blanke Entsetzen.

Ihr zerzaustes, total verfilztes Haar hing in langen Strähnen von ihr herab und  es stockte geradezu vor Dreck.

Ihre traurigen Augen wurden von schwarzen Rändern umrahmt und blickten apathisch aus einem Gesicht so weiß wie der Kalk an der Wand.

Ihre zierliche, zerbrechlich wirkende Gestalt war in ein langes grünes Kleid aus groben Leinen gehüllt. Wobei zu bemerken ist, dass man die Farbe grün aufgrund der unendlichen Schmutzflecken kaum noch als solche wahrnehmen konnte.

Über ihre Schultern hatte sie sich eine Art Umhang gelegt, der sich bei näherer Betrachtung als Fell herausstellte.

Schuhe konnte sie nicht ihr Eigen nennen. Ihre nackten Füße umgab eine dicke Schmutzschicht, die ihre weiße Haut nur noch erahnen ließ.

Tiefes Mitgefühl erfasste mich bei diesem Anblick. Was um alles in Welt war mit ihr geschehen? Wie konnte sie in diesen erbärmlichen Zustand der Verwahrlosung geraten?

Doch einst, so glaubte ich zu erblicken, da war sie eine Schönheit, zart und weich, voller Anmut und Grazie. Auf irgendeine Art schien das auch noch durch diese Hülle zu dringen, die so ganz und gar nicht zu ihr passte.

„Sag, wie kann ich dir helfen?“ wollte ich von ihr wissen und staunte über mich selbst, ob meiner Direktheit. Ungeachtet der Tatsache, dass wir noch leichten Frost verzeichneten, ließ ich mich einfach neben ihr auf dem Boden nieder.

„Verzweiflung und Angst, tiefer Schmerz und Trauer, Verlassenheit und Vereinsamung, sind meine  einigen Weggefährten. Kaum noch verirrt sich einmal ein Mensch in mein Reich. Dabei bin ich bereit, auch das letzte, was mir noch geblieben, zu teilen.

Wenn die Menschen doch nur wieder an das Gute glauben könnten, welchen Segen würden sie über sich und jener ihrer Art bringen. Die Menschen sind zur Freiheit berufen. Aber sie lassen sich versklaven, allesamt, dienen Hierarchien, die sich selbst ermächtigt.    

Du aber Kovacs bist anders als der Durchschnitt, du kennst mehr als nur Mittelmaß. Gerade bist du dabei zu überlegen, ob du das Wagnis eingehen kannst, umzukehren, den Pfad den du eingeschlagen, in Frage zu stellen und dich auf unbekanntes Terrain zu begeben.

Ich sage dir: Du kannst! Tue es einfach! Fange einfach damit an! Jetzt und hier! Das kannst du erreichen, indem du einfach mit mir gehst!“

Sie schien von einer magischen Aura um geben und faszinierte mich von Sekunde zu Sekunde mehr. Andererseits meldete sich auch die Ratio in mir und signalisierte Alarmbereitschaft. Mir ging das alles zu schnell. Wer war sie wirklich? Darauf hatte sie noch mit keinem Sterbenswörtchen hingewiesen.

„Mit dir gehen, einfach so?  Aber ich kenne dich doch gar nicht!“ versuchte ich mich für mein Zögern zu rechtfertigen. „Ich kann mich nicht entsinnen, dir schon einmal begegnet zu sein, weder in der Stadt noch hier draußen.“

„Aber selbstverständlich hast du das!  Das tust du doch andauernd. Ich bin die, die immer da ist. Ich bin in dir, ich bin über dir und an deiner Seite. Ich hülle dich in meinen Mantel.

Unzählige Male hast du mich schon berührt auf deinen zahlreichen Gängen in die Flur.“

Langsam wurde mir unheimlich.

„Wer bist du? Sag es mir! Du sprichst in Rätseln, aus dir wird keiner schlau.“

„Aber das ganze Leben ist doch ein einziges Rätsel. Ich bediene mich dieser Metaphern, um die Menschen zu schützen. Vor allem die wenig Erfahrenen könnten nur all zu leicht den Verstand verlieren, redete ich sie frontal an. Es bedarf der langsamen Einführung, um den Schleier von den Augen zu lösen. Die meisten brauchen Jahre um dorthin zu gelangen, nicht wenige schaffen es überhaupt nicht. Nur einzelnen ist es vergönnt am Ende gestärkt durch die absolute Erkenntnis, die Ernte einzufahren.“

Ich tauchte in ein Wechselbad der Gefühle.

„Und du bist dir sicher, dass du mich nicht zufällig mit einem anderen verwechselst?“ entfuhr es meinen Lippen.

Wie sollte ich diese Situation beurteilen? War sie eine Verrückte? 

„Ich bin keinesfalls verrückt!“ Entgegnete sie mir, so als habe sie gerade meine Gedanken gelesen. „Ich weiß wer du bist, Kovacs. Ich kenne deine Sehnsüchte und die Zweifel, die dich quälen. Ich kennen die Energiequelle, die in deinem Inneren schläft und kann dir den Weg weisen, wie du zu ihr kommst.“

Ich bekam es langsam mit der Angst zu tun. Doch die Neugierde hielt weiter die Oberhand.

Ihre Worte hatten einen gewaltigen Eindruck hinterlassen. Sie schien über eine außergewöhnliche Bildung zu verfügen. Das aber stand in einen totalen Widerspruch zu ihrem äußeren Erscheinungsbild.

Was konnte es schon schaden, sie ein Stück zu begleiten? Damit war ja keine Verpflichtung verbunden. Es würde sich mir schon irgendwann die Gelegenheit bieten, mich rechtzeitig aus der Affäre zu ziehen, sollte Gefahr in Verzug sein.

Gerade wollte ich mich erheben, doch sie kam mir zuvor, erhob sich und reichte mir ihre Hand.

Ohne zu zögern griff ich danach, verlor jedoch den Halt und landete äußerst unsanft auf dem Boden.

Es kostete schon einige Anstrengung um mich wieder aufzurichten. Da bemerkte ich, dass sie fast einen Kopf größer war als ich und spindeldürr dazu.

Erneut hielt sie mir ihre knochige Hand entgegen, zog sie aber zurück, nachdem ihr offenbar bewusst wurde, dass ich nicht ein zweites Mal nach ihr greifen würde.

„Wo liegt es denn, dein Zuhause, wenn die Frage gestattet ist?“ versuchte ich den Faden wieder aufzunehmen.

„Es ist nicht weit, du brauchst mir nur ein Stück in den Wald zu folgen!“ lud sie mich höflich ein, nachdem sie mein brennendes Interesse erkannt zu haben schien.

„Mitten im Wald Aber da ist doch nichts! X- mal habe ich diese Gegend schon durchstreift, aber nichts von einer Behausung entdeckt.

„Immer wieder der alte Zweifler! Schade! Auf diese Weise wirst du nie zur Erkenntnis gelangen. Das wahre Leben findet nur, wer den Mut hat, die ausgetretenen Pfade der Ratio zu verlassen und sich auf Neuland zu begeben.“ Konterte sie sofort.

Sie sprach weiter in Rätseln. Noch ehe ich nachdenken oder etwas erwidern konnte lautete ihre Aufforderung „Komm! Folge mir!“.

Dann schritt sie weiter wortlos auf dem kalten Boden, sogar durch den letzten Schnee, der an geschützten Stellen noch spärlich vorhanden war. Ihren nackten Füßen schien dies nicht das Geringste anzuhaben.

In etwa einem Meter Abstand folgte ich ihr. Unser Weg führte durch dichtes Gestrüpp, die kahlen Zweige schlugen mir beständig ins Gesicht, so dass ich große Mühe hatte Schritt mit ihr zu halten. Ich verspürte ehrlich gesagt keine große Lust, zerkratzt und zerschunden heim zu kehren.

Etwa 20 m zu meiner Rechten führte der Hauptweg direkt in das Innere des Waldes, eine mühelose und bequeme Art der Fortbewegung wäre also durchaus gegeben.

„Ist es wirklich von Nöten ausgerechnet an solchen Stellen zu laufen, wo das Gestrüpp am dichtesten ist? Warum benutzen wir nicht einfach den Hauptweg dort drüben? Da könnten wir beide sicher und schneller vorankommen.“ fasste ich mir schließlich den Mut.

Sie blieb stehen, wandte sich zu mir, hob den rechten Arm und wies mit dem Zeigefinger ihrer knochigen Hand auf den Hauptweg.

„Dieser Weg wird dich nicht an den Ort geleiten den du zu sehen wünschst. Hast du denn noch immer nicht begriffen?“

„Ich verstehe dich nicht. Gut, ich folge dir! Einverstanden! Aber weiß ich denn, wohin du mich wirklich geleitest?“

„Alles verstehen zu wollen ist eine Krankheit, die das Schöne zerstört.“ Gab sie mir barsch zu verstehen. Dann drehte sie sich um und ging schnurstracks weiter.

Mir blieb nichts anderes übrig als weiter hinter ihr her zu trotten. Die Neugierde triumphierte über die Vorsicht. Ich wollte wissen, worum es sich bei diesem geheimnissvollen Wesen handelte.

Alles an ihr schien unwirklich. So benahm sich doch kein Mensch des 21. Jahrhunderts!

Mir kam es vor, als habe sie sich aus einer fernen Welt hierher verirr, auch wenn mein logisch-rationaler Intellekt heftigsten Protest gegen solche Denkspiele anmeldete.

Nicht an einen falschen Ort, sondern in eine falsche Zeit war sie geraten. Das nur konnte des Rätsels Lösung sein.

Als sich mein Blick dann rein zufällig noch einmal in Richtung Hauptweg wandte, stellte ich zu meinem allergrößten Erstaunen fest, dass dieser hinter einer dichten Nebelwand verschwunden war, nicht einmal mehr in Umrissen erkennbar.

Nebel? Jetzt zu dieser Tageszeit? Immerhin hatte sich die Sonne vor nur wenigen Augenblicken voll an einem fast wolkenlosen Himmel entfaltet.

War es etwa schon Abend? Halt! Wie lange lief ich schon hinter ihr her? Auf einmal schien ich jegliches Zeitgefühl verloren. Auch die Umgebung, die sich vor mir auftat, war mir vollkommen unbekannt, obgleich ich jenes Waldstück doch in- und auswendig, wie meine Westentasche kannte.

Erneut wandte sie sich mir zu. Ihr durchdringender Blick ließ meinen Leib fast erstarren „Gleich sind wir am Ziel! Deine Ungeduld wird sich verflüchtigen, wenn du erst einmal begriffen hast, welchen Schatz du hier finden kannst.“

Wieder wollte ich nach ihr greifen, doch im gleichen Moment löste sich ein Zweig von einer Astgabel und schlug mir entgegen. Nur mit großer Mühe konnte ich es verhindern dass dieser genau in meinem Gesicht landete.

Dichter Nebel breitete sich auch vor uns aus,  einer überheizten Dampfsauna nicht unähnlich.

Sie erhob ihre Arme und machte mehrere kreisrunde Bewegungen in der Luft. Noch ehe ich über den Sinn dieser seltsamen Verrenkung nachdenken konnte, verschwand die Nebelwand und machte strahlendem Sonnenschein Platz.

Ein klarer Blick wie gestochen, ich traute meinen Augen kaum.

Vor uns erschien ein mittelgroßer Teich, gefüllt mit glasklarem, etwas bläulich schimmerndem Wasser, einem Bergsee in den Hochalpen vergleichbar. In seiner Mitte eine Insel, die ich in meinem ganzen Leben hier noch nie gesehen.

Die Wasseroberfläche reflektierte das Sonnenlicht und eine sanfte Brise ließ eine Wellenbewegung entstehen, die das Sonnenlicht wie Tausende tanzende Glühwürmchen erscheinen ließ.

Ein Blick, der meine Seele jubilieren ließ. Mir schien, als sei mein Inneres wie in einen wärmenden Mantel gehüllt. Eine tiefe Sehnsucht ergriff mich und signalisierte meinem Verstand, sich doch für unbestimmte Zeit aus meinem Gehirn zu verabschieden.

Das Ufer der Insel war von dichtem Gestrüpp bewachsen, unterbrochen nur von einer kleinen, etwa einem Meter breiten kahlen Stelle. Bei deren genauerer Betrachtung stellte sich der Eindruck her, als blicke man in einen unendlich weiten Gang.

Nie hatte ich bisher etwas Vergleichbares gesehen. Ich schwankte hin und her Mein Herz drängte mich ihr zu folgen, die sich soeben auf den Weg ans Ufer der Insel machte. Doch mein Verstand signalisierte Alarm und schien mich mit Gewalt zurückzuhalten. Wie angewurzelt stand ich auf der Stelle, unfähig, mich zu bewegen.

Erst allmählich wurde ich mir bewusst, dass sie über die Wasseroberfläche schritt, ohne darin zu versinken.

Träumte oder wachte ich? Beides zugleich und keins von beiden, würde ich diesen Zustand heute bezeichnen. Ein Klartraum oder ähnliches. Ich hatte mich einfach zwischen den Realitäten verfangen.

Sie vermochte also über Wasser zu gehen, eine Tatsache, die bisher nur Jesus gelungen war.

Da sie es auch konnte, musste sie ihm wohl ebenbürtig sein.

Wer war sie? Nein, konkreter ausgedrückt, was war sie?

Wie aber konnte ich mir sicher sein, dass das, was hier geschah von guten positiven Mächten bewirkt wurde. Was, wenn hier die Mächte der Finsternis versuchten, mich auf eine falsche, verhängnisvolle Fährte zu locken?

In der Zwischenzeit hatte sie das andere Ufer erreicht und schien verwundert darüber, dass ich ihr nicht dorthin gefolgt war.

„Was hält dich? Warum folgst du mir nicht?“ rief sie zu mir herüber und irgendwie klang ihre Stimme jetzt ganz anders. Etwas Majestätisches, etwas Feenhaftes lag darin.

„Wie ich sehe, bist du noch immer nicht soweit,“ fuhr sie fort. "Deine rational gesteuerten Gedanken halten dich fest, sie geben dich noch nicht frei. Sie ketten dich an einen Zustand, der dich der Wirklichkeit entfremdet. Dabei ist es so einfach. Der Kopf ist rund, damit die Gedanken ihre Richtung wechseln können. Warum also lässt du es nicht zu?“

„Wer bist du? Was gibt dir die Macht über Wasser zu laufen? Wie erreichst du es, einen Menschen dazu zu bringen, seinen eingeschlagenen Pfad zu verlassen und dir blindlings zu folgen?“

Jetzt drängten die Fragen aus mir heraus, in der Hoffnung, endlich eine plausible Erklärung  zu bekommen.

„Ich allein.“ hallte es zu mir herüber. „Ich bin die Macht, die immer war, die ist und die in Ewigkeiten nicht vergehen wird, auch wenn die Menschen nicht mehr imstande sind,ihr zu folgen. Deshalb, nur deshalb hast du mich in einem solch erbarmungswürdigen Zustand gefunden. Und nun gestatte ich dir einen kurzen Blick auf das zu werfen, was ich einmal war, was ich im Grund auch noch bin, aber nur voll entfalten kann, wenn Menschen wie du damit aufhören, sich zu Sklaven ihrer Ratio zu machen.“

Da plötzlich sah ich eine Macht in ihr aufwallen, die mein Vorstellungsvermögen nicht fassen konnte. Eine Macht aber, die meine Weltanschauung für immer verändern sollte.

Die Mitleid erregende, gebrechlich wirkende, zerlumpte und verschmutzte Gestalt von eben wich einem Wesen, dessen Anmut, Grazie und Schönheit alles in den Schatten stellte, was meine Augen je zu Gesicht bekommen hatten.

Statt den verklebten erdbrauen Haarbüscheln wallte eine kupferrote Mähne von ihrem Haupte herab. Weich, sanft und geschmeidig leuchtet es mir entgegen und schien das Sonnelicht einzufangen.

Sie blickte mich mit zwei leuchtend grünen Augen an, heller und klarer konnte kein Stern des Universums funkeln. Diese hoben sich ebenso wie ihr sinnlicher, zart violett schimmernder Mund deutlich von der Blässe ihrer Gesichtshaut ab. Lediglich ihre Wangen glänzten zart rosa.

Ihre wohlgeformte Nase passte sich perfekt diesen Gesichtszügen an, deren Formen selbst der genialste Maler nicht modellieren konnte, so vollkommen schienen diese.

Sie trug ein Kleid aus zarten grünen Leinen, jeglicher Schmutz war verschwunden. Der Stoff schmiegte sich perfekt an ihren Körper, so dass dessen traumhafte Rundungen deutlich zum Vorschein kamen.

Ihre vollen Brüste schaukelten wie reife Früchte bei jeder Bewegung und stimulierten mein Begehren nach ihr.

Ihre ausladenden Hüften ließen ihre Erscheinung so rein und makellos erscheinen wie die Statue einer griechischen Göttin. Noch immer barfuß, ließ sie ihre eleganten Füße voller Anmut durch das weiche Moos streifen.

Schließlich erhob sie erneut die Arme und winke mir mit ihren zarten Händen zu.

„Kann dich selbst dieser Anblick nicht überzeugen, großer Dichter? Dabei spüre ich doch, wie die Sehnsucht Stück für Stück weiter von dir Besitz ergreift. Warum musst du immer zweifeln?

Warum gibst du nicht einmal nach? Komm zu mir und von Stunde an werden weder Raum noch Zeit deinem Leben irgendwelche Grenzen setzen können. An meiner Seite wirst du unsterblich sein und niemand kann dich dann noch anfechten.“

Hier konnte wohl nur der Hartgesottenste widerstehen, so verlockend, so verführerisch klang all das, was sie sagte und ausstrahlte.

Würde ich widerstehe? Da drüben stand eine Göttin. In einer leibhaftigen Manifestation. Nur wenige Schritte trennten mich von ihr und ihrem Reich der ewigen Jugend, des ewigen Friedens und Wohlstandes. Ich würde an ihrer Seite sitzen, sie hatte mich auserwählt. All meiner irdischen Sorgen und Probleme wäre ich auf einem Schlag enthoben. Was könnte es für eine größere Auszeichnung geben, als Unsterblichkeit zu erlangen. Was hatte ich denn zu verlieren? Nichts und niemanden. Frau und Sohn lebten nicht mehr, für die es sich gelohnt hätte, zu kämpfen. Zu Hause erwarteten mich nur Schulden und Nöte. Der einst so gefeierte Dichter stand schon lange nicht mehr auf dem Siegerpodest. Es ging steil bergab.

Doch wer die Hand der Göttin hat berührt, wird von ihr in die Ewigkeit geführt. Ich wäre ihr auf ewig ausgeliefert, ein Zurück gab es nicht mehr.

Ich blickte zu ihr und vernahm, wie sie sich gerade einen himmelblauen Umhang überwarf der ihrer Aura einen noch majestätischeren Ausdruck verlieh.

„Du musst dich entscheiden, Kovacs. Viel Zeit hast du nicht mehr, denn in wenigen Augenblicken werde ich meine Welt versiegeln. Sie wird dann wieder für lange Zeit dem Zugriff der Menschen verschlossen sein.“ mahnte sie mit eindringlichen Worten.

Noch nie in meinem Leben stand ich vor einer schwerwiegenderen Entscheidung. Es ging schlicht und einfach um alles oder nichts. Es war eine Entscheidung, die mein Leben völlig aus der Bahn werfen würde.

Sollte ich mich wirklich am Tisch einer Göttin platzieren? Stand mir armen Wurm eine solche einmalige Ehre zu? Eine Angst bemächtigte sich meiner, die mir die Kehle zuschnürte.

„Du musst dich entscheiden!“ rief sie mir erneut vom anderen Ufer zu.

Gegen sie war ich machtlos. Sie kannte jeden Gedanken in mir, noch bevor ihn mein Bewusstsein formen konnte. Ihr konnte ich nichts vormachen.

„Dein Angebot kann ich unmöglich an nehmen!“ entfuhr es mir, noch bevor ich recht überlegen konnte. “Ich habe ein Leben, Aufgaben, die ich erfüllen muss. Ich kann mich nicht einfach davonstehlen wie ein Dieb in der Nacht. So verlockend deine Einladung auch klingt, ich kann nicht mit dir gehen. Es gibt noch so viele Aufgaben für mich. Diese Welt ist verdorben, ungerecht und grausam. Ich muss mit daran arbeiten ihr eine neue Form zu geben.  Würde ich jetzt mit dir gehen, käme ich mir vor wie ein Verräter, der all jene bitter enttäuscht, die  stets ihre  Hoffnung auf ihn setzen.“

 

„Nun gut! Wie du willst! Ich akzeptiere deine Entscheidung! Sie ist ehrenvoll, das wertet dich auf. Aber die Entscheidung ist auch dumm. Die meisten ehrenhaften Entscheidungen sind dumm und bringen jenem der sie tut nur Ungemach und Verdruss. Auch bei dir wird es der Fall sein. Die Welt in der du lebst, ist verdorben, dekadent und grausam. Da stimme ich dir zu. Sie wird es dir nicht danken. Aber ich bin trotz allem bei dir und halte meine Hände schützend über dich, bis die Zeit der Erfüllung gekommen ist. Ich bin die Göttin der Freiheit, der Nichtherrschaft und der Gerechtigkeit. Merke dir das gut, es wird dein Leben von nun an bestimmen. " erwiderte sie mir und es schien, als ob ein Hauch von Traurigkeit auf ihrem Gesicht aufblitzte.

„Ich komme wieder, ich komme zurück! Ich werde dich aufsuchen so oft ich kann!“ versuchte ich mich verzweifelt zu rechtfertigen.

Ohne mich noch einmal umzudrehen lief ich weg, den Weg, den ich vordem genommen.

Eine unnatürliche Stille legte sich über den ganzen Wald, da, wo vorher angenehmes Vogelgezwitscher unser Wegbegleiter war.

Endlich hatte ich den Waldrand erreicht und betrat bekanntes Terrain. Doch  in meinem Inneren spürte ich eine unendliche Leere. Auf einmal wurde ich mir bewusst, welch ein Narr ich doch gewesen. Ich hatte gerade das größte Glück meines Lebens wie Abfall von mir geworfen. Ich konnte mich einer nie da gewesenen Dummheit rühmen.

Ich, als der edle Kämpfer für Gerechtigkeit und Frieden. Ich, ausgerechnet ich! Sie hatte vollkommen Recht, niemand würde es mir danken,  würde sich auch nur nach mir bücken, wenn ich ganz unten angekommen. Anfeindung, Schmach, Schande, Not, Entbehrungen und Einsamkeit sollten zukünftig meine Begleiter sein. Dafür hatte ich mich soeben entschieden.

Ohne weiter zu überlegen, machte ich auf der Stelle kehrt.

Wie besessen rannte ich zurück. Die Zweige, die mir entgegenschlugen, vernahm ich kaum, denn es ging um alles. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Möglicherweise ahnte die Erscheinung meinen inneren Zwist und ließ mir doch noch eine Galgenfrist.

Doch das sollte sich als Irrtum erweisen. Als ich die Stelle von eben erreicht hatte, war sie samt Teich und Insel  längst verschwunden, so als habe sich alles in Luft aufgelöst.

Der Schweiß rann mir von der Stirn, ich war außer Atem und die Leere im Inneren machte mich unendlich traurig.

Tief betrübt ging ich von dannen.  Es war zu spät. Nie im Leben würde ich solch Chance noch einmal bekommen. Doch es war müßig weiter darüber nach zu sinnen. Es war geschehen. Ich musste meinen Weg in der Welt der Sterblichen fortsetzen. Dort gehörte ich unwiderruflich hin. 

Gedankenverloren irrte ich durch die Gegend. Zu allem Übel hatte ich mich verirrt.

Mir war es, als dränge ich immer tiefer vor in ein Dickicht, das mir vollkommen fremd erschien. Es müssen Stunden vergangen sein, als ich endlich den Wald hinter mir gelassen.

Ich schwitzte nach wie vor. Aber warum, so schnell hatte ich mich gar nicht fortbewegt.

Ich blickte nach oben. Die Sonne brannte unbarmherzig von einem wolkenlosen Himmel.

Staubwolken trieben mir entgegen und ich vernahm das laute Surren von Mähdreschern, die sich auf den Getreidefeldern zu schaffen machten.

Ich musste mich setzen und zog die dicke Jacke aus. Da packte mich das Entsetzen. Mähdrescher? Reife Getreidefelder? Eine Sonne die vom Himmel brannte? Ich betrachtete nun auch zum ersten Male genauer die Bäume, die mich umgaben. Diese waren in dichtes, satt grünes Blattwerk gehüllt, dass sich an den Rändern schon leicht in gelb wandelte.

Wie in aller Welt war das möglich?

Als ich wenige Stunden zuvor den Wald betrat präsentierte sich die Bäume kahl und noch ohne Knospen.

Und auf den Feldern konnte man noch nicht einmal den Ansatz von grün entdecken.

Weg hier! Einfach nur weg hier! In Windeseile rannte ich nach Hause.

Unterwegs begegnete ich leicht bekleidete Menschen, die verwundert von mir Kenntnis nahmen. Ich muss auf sie wie ein Idiot gewirkt haben, in meiner dicken Winterkleidung.

Wie benommen lief ich durch die Straßen der Stadt. Ich kam an meinem Zeitungskiosk vorbei.

Mein Blick streifte die erst beste Tageszeitung. Doch ich las kein Wort von dem was da geschrieben, einzig das Datum interessierte mich. Der Schreck fuhr mir in die Knie.

9. August! Ich traute meinen Augen kaum. Als ich am Morgen das Haus verließ, da zählten wir gerade mal den 2. März. Was ging hier vor? Ein Traum? Nein, dafür war alles zu real. Horror, der blanke Horror.

Zuhause angekommen, gelang es mir kaum die Tür zu öffnen, so viel Post hatte sich dort inzwischen angesammelt.

Solcherlei Geschichten begegneten uns doch nur in seichten Science Fiction-Romanen und -Filmen, die zuhauf produziert wurden, um die Bevölkerung zu betäuben.

Nein, ich hatte es erlebt, ich, der doch stets darauf bedacht, so logisch-rational wie nur möglich zu erscheinen.

Es  verwundert sicher nicht weiter, dass mich dieses Erlebnis in meinen Grundfesten tief erschütterte und ich von Stunde an mein Leben auf den Kopf stellte und so ziemlich alles über Bord  warf, was bisher bestimmend und von Bedeutung war.

Ich war derselbe, aber doch ein völlig anderes Wesen.“

 

Kovacs unterbrach seinen langen Vortrag.

„Elena, ist dir nicht gut? Du bist so blass im Gesicht?“ erkundigte sich der Dichter nach deren Befinden.

„Wie? Was? Ich…ich bin nur etwas verwirrt. Es ist, als habe ich ähnliches selber schon mal erlebt, aber ich kann nicht sagen, in welchem Zusammenhang!“

Elena befand sich wie in einer Art Trance. Diese Geschichte hatte in ihr eine enorme Wirkung hinterlassen, so unglaublich sie auch schien.

Erinnerungen wurden in ihr wach, Erinnerungen an eine Zeit so fern und doch so nahe, so als käme sie aus einer früheren Existenz.

Eine ratlose Stille erfüllte die kleine Hütte. Von außen war lediglich das Trommeln des Gewitterregens auf dem Dach zu hören und von der Ferne hin und wieder leichtes Donnergrollen.

Erst  Ansgars  Hände klatschen, riss Elena mit einem Ruck aus ihrem Tagtraum. Sie empfand diese Tatsache als ausgesprochen unangenehm.

„Bravo Kovacs, eine schön anheimelnde Geschichte, muss ich ehrlich zugeben. Das richtige, um sich von den Alltagssorgen zu erholen. So richtig schön unpolitisch. Da braucht sich keiner auf den Schlips getreten fühlen. Und deshalb hast du uns hierher kommen lassen. Um uns dieses Märchen zu erzählen? Ich glaub es nicht“ beklagte sich Ansgar.

Elena blickte sich um und musste zu ihrer großen Freude feststellen, dass Leander doch noch eingetroffen war. Sie hatte sein Kommen gar nicht bemerkt, so vertieft war sie in der Geschichte. 

„Aber was stört dich denn an dem  Gehörten, Ansgar?“ wollte Kovacs wissen:

„Was mich daran stört? Hör mal, ich bin hierher gekommen, um etwas über den Urkommunismus zu erfahren. Du wolltest uns deine neuesten Forschungserkenntnisse zu diesem Thema vorlegen. Stattdessen mimst du den Märchenonkel.“

„Du hast mich missverstanden. Diese Geschichte sollte, sagen wir mal, als Einstieg dienen, wenn man so will. Hättest du richtig zugehört, könntest du den Zusammenhang erfassen. Ein Rätsel, dessen Entschlüsselung uns weiter voran bringt.“

„Musst du denn immer in Rätseln sprechen, kannst du nicht einmal gleich am Anfang auf den Punkt kommen?“ Ansgar ließ nicht locker.

„Mensch Ansgar. Musst du immer alles in Frage stellen? Las Kovacs erklären was er sagen will!"

Er wird schon wissen, wohin er uns führt. Tut er doch immer.“ wies ihn Ronald zurecht.

„Richtig! Mir hat die Geschichte gefallen. Gut, ich gebe zu, mir ist auch nicht ganz bewusst, worauf er hinaus will. Aber ich denke, er wird es uns gleich sagen!“ schaltete sich Elena ein.

Sie brannte darauf, das Geheimnis zu lüften. Ferner machte sie die Feststellung, dass Leanders Blick wie gebannt an ihr hing, was in ihr eine Mischung aus Unbehagen und Genugtuung zugleich auslöste.

„Wollt ihr eigentlich nicht wissen, welchen Namen diese unbekannte Göttin hat?“

Ansgar senkte mit einem Seufzer den Kopf. Die anderen aber signalisierten ihr Interesse.

„Anarchaphilia heißt sie!“

„Anarcha was?“ Wollte Kyra wissen.

„Das bedeutet Liebe zur Anarchie, also zur Herrschaftslosigkeit! Ich…ich kenne diesen Namen. Wenn ich doch nur wüsste in welchem Zusammenhang!“ erinnerte sich  Elena!

„Ganz richtig, Elena! Du hast den Sinn des Namens gleich erfasst. Nun kommt es darauf an zu ergründen, warum sie diesen Namen trägt!“

„Ja und? Warum trägt sie ihn denn?“ fragte Leander, der auch ein wenig genervt schien.

„Kannst du dir das nicht denken, Leander?  Weil sie die Nichtherrschaft, die Akratie oder die Anarchie, wie wir auch zu sagen pflegen, liebt.  Mehr noch, weil sie diese Herrschaftslosigkeit repräsentiert. Es handelt sich um eine Metapher. Es ist jener Zustand der uns in der Zeitepoche, die wir Urkommunismus zu nennen pflegen umgab.“

„Moment, Moment, jetzt komme ich nicht mehr mit. Du willst mir sagen, dass eine Göttin einen Zustand der Herrschaftslosigkeit favorisiert. Das ist äußerst unlogisch. Ein Gott, eine Göttin, das bedeutet immer Herrschaft. Die Menschen beteten zu Göttern gerade weil sie sich bedingungslos deren Willen unterwarfen. Die transzendente Linie erfuhr ihre Entsprechung im Diesseits.

Irdische Herrscher beriefen sich auf Götter, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Nicht wenige sahen sich direkt von den himmlischen Mächten in ihre Ämter eingesetzt.

Eine Göttin, die Herrschaft ablehnt wäre ein Widerspruch in sich selbst.“ bezweifelte Elena die Aussage.

„Ich kann deine Bedenken gut nachvollziehen, Elena. Ich selbst hegte solche vor noch nicht all zu langer Zeit.

Aber es ist eine Tatsache. Warum? Anarchaphilia ist eine vorpatriarchale Gottheit und steht als Symbol des Urzustandes der Menschheit. Die Menschen  der Urzeit lebten egalitär, nicht elitär. Das ist das ganze Geheimnis!“ klärte Kovacs auf.

„Hey könnt ihr vielleicht mal etwas verständiger reden? Was soll das Gelaber? Hatten wir nicht eine Abmachung, Kovacs? Oder hast du das vergessen, nur weil sich eine von deinesgleichen zwischen uns befindet.“ beschwerte sich Kyra.

„Entschuldige Kyra! Ich verspreche, mich verständiger auszudrücken. Es gab in den Anfängen der Menschheit keine Standesunterschiede. Alles gehörte allen. Es gab keine Privilegien einer Oberschicht. Trotzdem funktionierte das Gemeinwesen erstaunlich gut.“

„Wie kannst du dir  so sicher sein? Ich meine, es ist doch keiner von uns dabei gewesen, du auch nicht. Sind das nicht alles reine Spekulationen?“ zweifelte auch Leander.

„Aber es klingt gut. Eine Menschheit ohne Unterschiede, ich stell mir das richtig ergreifend vor.“ erwiderte Ronald.

„Das war es auch!“ bestätigte Kovacs. „Ich würde sonst etwas dafür geben, dabei gewesen zu sein. Erlebt zu haben, wie so etwas funktioniert. Selbstverständlich ist auch jede Menge Spekulation dabei und um ein Paradies auf Erden handelte es sich mit Sicherheit nicht . Auch diese Menschen hatten Probleme, führten Auseinandersetzungen. Auch hier herrschte nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Aber sie fanden einen Weg, ihr Leben zu gestalten, ein Leben ohne Krieg, Herrschaft, Unterdrückung, Ausgrenzung, Anhäufung von Reichtum auf der einen, Armut auf der andere Seite.“

„Was aber in aller Welt hat diese Anarchaphilia nun damit zu tun. Ich verstehe den Zusammenhang noch immer nicht!“ meldete sich Ansgar wieder zu Wort.

„Du hast einfach nicht  nicht richtig zugehört, Ansgar. Sie ist ein Symbol, eine Metapher, eine Umschreibung, wenn du so willst. Sie ist der Geist, der alle erfasst, der ihnen die Kraft und die nötige Ausdauer gab, um dieses schwierige Unterfangen durchzuhalten und sie immer wieder zu neuen Taten anspornte. Anarchaphilia ist Anarchie!“

„Also ich hab`s begriffen! Anarchaphilia ist also der Ursprung, von dem sich die Menschen entfernten und zu dem sie, denke ich, wieder zurückfinden müssten, oder so! Meine ich, oder nicht?“ rief Kyra. Alle blickten erstaunt zu ihr.

„Sehr richtig Kyra! Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Du hast es erkannt.“ pflichtete ihr Kovacs bei, was sie mit einem gewissen Stolz erfüllte.

„Nun, dann müssten wir nur noch die Kleinigkeit klären wie wir zu diesem Urzustand zurückfinden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen hier in Melancholanien überhaupt je davon gehört haben.“ gab Leander seinen Zweifel kund.

„Das ist unmöglich!"

„Dem kann ich nur zustimmen! Die Bevölkerung dieses Landes ist derart ungebildet, dass jeder Ansatz vergebliche Liebesmühe wäre. Da brauchst du gar nicht damit anzufangen, großer Philosoph. Die Menschen würden es nicht verstehen. Einfach zu kompliziert. Sie sind Hierarchien gewohnt und sie benötigen diese als ihre Leitfäden. Sieh es ein, es geht eben nicht ohne eine starke Hand, die führt.“ stimmte Elena zu.

„Aha, da spricht wieder unsere Superintellektuelle!“ beschwerte sich Kyra.

„Das hat nichts damit zu tun. Es ist einfach so, wie es ist.“ setzte Elena nach.

„Schön, dass wir mal einer Meinung sind: Wenn auch aus völlig anderen Motiven.“ gestand Leander.

„Leute, Leute, immer mit der Ruhe.“ versuchte Kovacs zu beschwichtigen.

„Ich bin mir dessen bewusst, dass die meisten erhebliche Probleme damit haben. Es gehört immer eine an Selbstzerfleischung grenzende Überzeugungsgabe dazu die Massen dahingehend zu bewegen, dass sie ihr wahres Glück erkennen und es sich holen. Das wird eine Sisyphosarbeit. Doch sie muss getan werden, wollen wir nicht irgendwann mit Haut und Haar im Nirgendwo versinken. Die rechte Zeit ist  nun gekommen. Ein neues Zeitalter zum greifen nahe Wir dürfen es nicht aus den Augen verlieren.“

„Und du bist dir ganz sicher, dass du dich nicht verschätzt hast?“ stellte auch Ronald Kovacs Aussage in Frage.

„Wir müssen den Aufbruch wagen, dürfen nicht mehr im Nichtstun verharren. Aber bevor ihr nach draußen geht und versucht, andere zu überzeugen, müsst ihr bei euch selbst anfangen. Aus diesem Grund habe ich vor einiger Zeit diesen Kreis ins Leben gerufen. Um euch darauf vorzubereiten.“

„Und weshalb hast du mich dazu eingeladen? Spiele ich auch eine Rolle dabei?“ wollte Elena wissen.

„Mit Sicherheit und zwar die wichtigste Rolle von allen!“

„Wie bitte?“ Elena traute ihren Ohren nicht.

„Also jetzt bist du uns erst recht eine Erklärung schuldig Dabei kann es sich  wohl nur um  einen Scherz handeln, oder?“ entsetzte sich Leander.

„Keineswegs! Auch das habe ich mit Bedacht getan. Ich wusste dass Elena eines Tages zu uns kommen wird.“

Kovacs Aussagen klangen von mal zu Mal immer abenteuerlicher.

„Also mir wird das jetzt  zu bunt, ich haue ab!“ Ansgar machte Anstalten  die Hütte zu verlassen.

„Halt Ansgar! Bleib doch hier. Wenn du mir ein wenig Zeit lässt, kann ich alles erklären. Eine Ungeheuerlichkeit! Aber es gibt für alles eine Erklärung. Anarchaphilia weiß immer was sie tut.“ mahnte Kovacs.

„Du sagst es, eine Ungeheuerlichkeit ist das. Ich meine etwas Abwegigeres gibt es nicht.“ beteuerte Leander erneut seinen Unmut.

„Setzt euch, setzt euch doch einfach wieder hin. Also von vorne.“

In der Zwischenzeit hatten jene, die gehen wollten den Halt wieder gefunden und beschlossen, Kovacs noch eine Chance der Erklärung zuzubilligen.

„Ich versuche euch jetzt in das Geheimnis einzuweihen. Ihr müsst mir aber versprechen, es vorläufig noch für euch zu behalten. Denn in den falschen Ohren könnte das fatale Folgen für uns alle haben. Elena, du glaubst, du bist durch Zufall hier? Ich kann dir sagen, nein. Es ist eine Art von Vorsehung, die dich dich hierher geführt hat.“

„Eine Vorsehung? Das ist Schwachsinn. Ich weiß, weshalb ich hier bin. Aus freien Stücken, um meine Reportage zu machen, das ist alles, weiter nichts. Mich interessiert eure Welt nur insofern, dass ich daraus meinen beruflichen Nutzen ziehe. Sobald ich hier fertig bin, verschwinde ich wieder. Zugegeben, ich blieb länger als zunächst geplant, wahrscheinlich bin ich schon zu lange hier. Es ist Zeit für mich, zu gehen.“ widersprach Elena energisch, dabei wurde ihr ausgesprochen unbehaglich.

" Das denke ich auch. Es ist Zeit für dich zu gehen und aus unserem Leben zu verschwinden.“ gab Kyra zum Besten.

„Nein das ist es eben nicht! Elena, du wirst bleiben! Ich weiß es. Schon lange hast du ein Interesse entdeckt, das weit über deine beruflichen Ambitionen hinausreicht. Du spürst es in dir. Da regt sich etwas. Du beginnst deine innere Bestimmung zu akzeptieren, auch wenn dir das im Moment noch nicht so bewusst erscheint.“ versuchte Kovacs weiter zu überzeugen.

„Du irrst dich, Kovacs! Ich spüre gar nichts! Das einzige, was ich im Moment spüre ist, dass mir alles gehörig auf die Nerven geht!“ wiegelte Elena ab, doch im Inneren nagte tiefer Zweifel. Kovacs hatte den wunden Punkt  freigelegt. Sie hatte ein großes Interesse an all dem, was sich hier entwickelte. Sie fand keine Erklärung, aber es war so. Doch glaubte sie das im Moment auf gar keinen Fall offen aussprechen zu dürfen.

„Aber andererseits macht mich das schon ein wenig neugierig. Ich möchte schon hören was du zu sagen hast, aus rein beruflichen Interesse natürlich.“

„Natürlich, rein beruflich, versteht sich von selbst.“ antwortete Kovacs mit ironischem Unterton.

„Nun sag schon. Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ forderte Leander.

„Es gibt seit uralten Zeiten eine Art von Geheimbund. Sie nennen sich „Töchter der Freiheit“. Entstanden ist dieser in der Zeit des ökonomischen Umbruches. Damals vor etwa 5000 Jahren, als überall auf der Welt bestimmte Gruppen von Menschen zu der Überzeugung gelangten, dass die alte egalitäre Ordnung überholt sei, weil angeblich Stagnation eine technologische Weiterentwicklung behinderte. Sie begannen ganz langsam, am Anfang kaum wahrnehmbar, sich in Führungspositionen zu manipulieren, fingen an Macht auszuüben, das führte dazu, dass sie Reichtum anhäuften. Eines ging ins andere über. Macht und Reichtum bedingen einander. Sie bedienten sich dabei äußerst raffinierter Methoden. Vor allem zwei Sachverhalte spielten eine entscheidende Rolle dabei. Einmal die Religion. In der alten Ordnung war die profane Welt nicht von der sakralen getrennt. Spiritualität durchdrang jeden Bereich des Lebens. Es bedurfte keines eigens dafür geschaffenen sakralen Raumes, schon gar keiner Priesterschaft, die sich anmaßte, das Sakrale zu verwalten. Jeder hatte direkten Zugang zur göttlichen Urkraft, die wir heute Anarchaphilia nennen. Vor ihr waren alle gleich. Nicht nur die Menschen, nein auch die Tiere, die Pflanzen, ja die ganze Umwelt, war erfüllt von ihrer Kraft und Energie. Das wurde seit menschengedenken respektiert. Doch jene, die glaubten, mehr vor ihr zu gelten, begannen ihr Bild zu manipulieren und waren überzeugt von der göttlichen Kraft berufen zu sein, die Masse der Menschen zu führen, zu regieren und schließlich auch für sich arbeiten zu lassen. Gehorchten die Menschen nicht, drohten sie ihnen göttliche Vergeltungsmaßnahmen an, das schüchterte ein. Die Menschen begannen sich vor der Göttin zu fürchten, die sie eigentlich lieben sollten.

Anarchaphilia wehrte sich gegen diese Manipulation. Da veränderten die neuen Priester kurzerhand ihr ganzes Bild. Sie vermännlichten sie, erfanden sie quasi noch einmal von neuem. Anarchaphilia wurde ins Exil verbannt. Die getäuschte Masse gehorchte den neuen Priestern, glaubte an die von ihnen erschaffenen Götter, Anarchaphilia verlor zusehends  ihre Kraft, denn nur, wenn wir ihr glauben kann sie ihre Kraft entfalten. Irgendwann geriet sie vollends in Vergessenheit.“

„Das leuchtet ein. Ich verstehe. Und die zweite Sache, von der du sprachst?“ unterbrach Leander kurz den Redefluss.

„Ganz einfach, es bildete sich ein Nationalgefühl. Die Rasse, die Nation entstand, das spaltete die Menschen. Begehrten die Menschen gegen ihre Unterdrücker auf , beschworen die einfach das völkische Gefühl, den Nationalstolz. Die anderen Völker waren schuld, die bedrohten dann immer angeblich das Vaterland. Auf diese Weise wurden blutige Konflikte angezettelt, die Tausende und Abertausende von Menschenleben forderten. Ganze Völker wurden aufeinander gehetzt. Die jeweiligen Machthaber blieben nicht nur verschont, nein sie verdienten noch kräftig daran. Und das setzte sich bis in unsere heutige Zeit fort.“ Fügte Kovacs hinzu..

„Das kann sein. Zieh eine Fahne hoch, singe ein paar patriotische Lieder und die Menschen werden hey!“ erinnerte sich Kyra.

„Sehr treffend ausgedrückt, Kyra! Ja, die Verdummung  ist ein ausgesprochen beliebtes Mittel zu deren Manipulation.“ bestätigte Kovacs.

Aller Augen richteten sich auf Elena, deren Arbeit ja darin bestand, die Bevölkerung unwissend zu halten und deren Meinung künstlich zu konstruieren. Keiner aber wagte sie darauf hin anzusprechen.

Elena spürte jedoch, wie sich die Anklage bedrohlich auf sie senkte. Kovacs erkannte das, wollte aber eine Eskalation unbedingt vermeiden, deshalb fuhr er rasch mit seinen Ausführungen fort.

„Die ökonomischen  Angelegenheiten, der einzig echte Grund für das Entstehen von Standesunterschieden, konnte so hervorragend übertüncht werden. Heute spielt die Religion kaum noch eine Rolle, an deren Stelle ist die Unterhaltungsindustrie getreten. Die Menschen hängen an ihren Mattscheiben und merken gar nicht, wie abscheulich sie manipuliert werden.“

Nun fühlte sich Elena herausgefordert.

„Ich weiß, dass du mich dabei im Auge hast, Kovacs. Rede nur  offen weiter. Aber damit  widersprichst du dir selbst. Somit kann ich gar nicht in Frage kommen im Plane deiner Göttin, oder wie immer du jenen Zustand auch  nennen magst.“

„Ganz einfach, weil du Macht und Einfluss hast.  Nur wer über diese verfügt, kann sie auch nutzen um sie auf positive Art einzusetzen. Ein Beispiel: Du verblödest in deinen Fernsehsendungen Melancholaniens Menschen. Was aber wäre, wenn du fortan das Gegenteil tätest?  Wenn du ab jetzt die Wahrheit sagst und zur Aufklärung beiträgst.

Du hast Möglichkeiten, von denen alle anderen Personen, die sich hier versammelt haben nicht einmal zu träumen wagen. Nutze deinen Intellekt und all die anderen Gaben für uns alle, für den Kampf für die Freiheit.“

„Freiheit? Aber die haben wir doch. Wir leben in einem freien Land. Nirgends können sich die Menschen so frei bewegen wie  in Melancholanien.“ protestierte Elena.

Sie erntete von den anderen einen wahren Gelächtersturm.

„Sag Elena! Tust du nur so oder bist du tatsächlich so naiv?“ hielt ihr Leander entgegen.

„Elena ist keineswegs naiv. Sie tut es aus Berechnung. Elena, du weißt genau, wovon ich spreche. Diese viel gepriesene Freiheit in unserem Land ist doch keinen Pfifferling wert. Eine hohle unverbindliche Phrase, weiter nichts.“ hakte Kovacs nach.

„Ach so ist das, ich verstehe. Ihr wollt mich erneut vorführen. Das habt ihr euch fein ausgedacht. Aber nicht mit mir. Ich habe genug. Das höre ich mir nicht länger an. Schade, Kovacs, ich hatte auf ein anregendes Gespräch gehofft. Weil ich gerade begann, dich irgendwie zu mögen. Aber ihr habt euch wieder auf euer Standartthema festgelegt, so wie schon die letzten Male. Ich kam heute mit ehrlichem Interesse her, weil ich  bereit war euch eine echte Chance zu geben und am Anfang sah es ganz danach aus. Aber ihr seit einfach unbelehrbar.  Nichts für ungut. Ich denke, noch einmal werden wir uns nicht wieder sehen. Ich breche meine Zelte  ab, ich habe genug von eurer Welt.“

Elena erhob sich und öffnete die Tür, schloss diese aber leise. Draußen hatte es unterdessen aufgehört zu regnen, so dass sie wohl trockenen Fußes ihren Rückweg nehmen konnte.

Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und radelte los.

Derweil ging in der Hütte die Diskussion weiter.

Kovacs zog Leander zur Seite.

„Leander, geh ihr nach. Las sie nicht so von dannen ziehen, das wäre nicht gut, für keinen von uns.“

„Ich? Wieso ich? Ich denke gar nicht dran. Lass sie doch gehen, diese Zicke!“

„Doch du wirst gehen. Du magst sie und sie mag dich. Von Liebe will ich noch nicht sprechen. Aber egal ist sie dir auf keinen Fall.“ behauptete Kovacs.

„Ich hör wohl nicht recht. Ich und diese Person lieben? Was redest du für einen Quatsch.“

„Leander, ich will das jetzt nicht ausdiskutieren, holen wir später nach. Geh, schnell die Zeit drängt. Nimm mein Fahrrad, da bist du schneller.“

Schließlich gehorchte Leander und machte sich laut fluchend auf den Weg. Es dauerte nicht lange und er hatte Elena eingeholt. Trotzdem musste er sich in die Pedale legen, um mitzuhalten.

„Elena, halte doch mal an. Es tut mir leid. Es tut uns allen leid. Es war nicht so gemeint.“ rief Leander, langsam außer Puste.

„Es ist, wie es ist. Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Eure Welt ist eure Welt und meine ist die meine.“

Inzwischen radelten sie nebeneinander und konnten auf Augenhöhe sprechen.

„Was willst du denn noch hören. Mehr als um Verzeihung bitten kann ich nicht.“ Leander bereute inzwischen, Kovacs Rat gefolgt zu sein. Er war gerade im Begriff, sich zum Trottel zu machen.

„Ich habe dich nicht darum gebeten. Fahr zurück zu deinesgleichen. Ich mache mich auf den Weg in meine Welt.“ wies ihn Elena schroff ab. Doch schien ihr nicht wohl dabei zu sein. Was machte ihr den Abschied so schwer?

„Na gut, wenn du meinst. Also dann, auf Nimmerwiedersehen. Dann wirst du wohl viele Geheimnisse nicht erfahren, auch meines nicht.“

Mit einem heftigen Rücktritt brachte Elena ihr Rad zum stehen. Leander tat es ihr gleich, um ein Haar hätte er sich dabei langgelegt.

„Was willst du von mir? Du bist doch nicht hinter mir her, um mir das zu sagen. Das entspricht so ganz und gar nicht deinem Charakter. Du bist kein Mann, der sich so leicht demütigen lässt. Schon gar nicht einer, der einer Frau hinterherläuft, die ihn gerade abgewiesen hat.“

„Oder fährt!“ berichtigte Leander. Darauf musste Elena lachen, Leander schloss sich ihr an.

„Du hast Recht, das bin ich in der Tat nicht. Kovacs ist eine Art  Hellseher, weißt du, er war der Ansicht, ich sollte dir folgen, weil sonst mein Glück auf und davon radelt. Er meint, dass du mich magst und ich dich ebenfalls.“ fuhr er fort.

Elena musste erneut lachen.

„So, hat er das festgestellt? Und du, hast du auch eine eigene Meinung?  Magst du mich?“

„Also da habe ich noch nicht darüber nachgedacht, wenn ich ehrlich bin.“ bekannte Leander und war sich zugleich bewusst, dass er die Unwahrheit sprach.

„Schade! Da kann man nichts machen!“ antwortete Elena schwang sich auf ihr Rad und huschte davon.

Wieder hatte Leander  Mühe und Not, ihr zu folgen.

„Warte doch mal! Willst du mir sagen, dass du es lieber hättest, ich würde dich mögen. Außerdem hast du mir noch nicht gesagt, ob du mich magst!“

„So? 

Möchtest du das wissen? Was wäre dir lieber, wenn ich es täte oder nicht?“

Elena fuhr wie ein Blitz davon.

„Elena, warte! Was wäre dir lieber?“

Nach einer Weile brachte Elena ihr Rad erneut zum Stehen. Sie wollte etwas sagen, als ein heftiger Blitz den Horizont erhellte ,wenig später entlud sich ein Donner, der beide zusammenfahren ließ. Schon spürten sie die ersten Tropfen, die einen erneuten Regenguss ankündigten.

„Da braut sich was zusammen. Das schaffen wir nicht mehr bis in die Stadt. Komm, ich weiß, wo wir uns unterstellen können. Es sei denn, du möchtest nass bis auf die Haut werden.“ schlug Leander vor.

„Da verspür ich keine Lust, ok, lass uns irgendwohin flüchten.“ stimmte Elena zu.

Alles oder nichts. Nun gab es kein Ausweichen. Der Platzregen zwang sie, ihr Gespräch ohne Fluchtmöglichkeit fortzuführen. 

Leander führte Elena zu einer Schutzhütte, die am Rande des Wäldchens stand das sie gerade passierten.

Doch sie waren nicht schnell genug, der Regen peitschte noch auf den letzten Metern heftig nieder und durchnässte sie, bevor sie die Hütte erreichten.

Blitz und Donner, Sturmwind, alles war dabei, das schwülheiße Wetter der letzten Tage entlud sich weiter in vollen Zügen.

„So ein Mist, wie sehe ich jetzt aus. Das hat mir gerade noch gefehlt.“ schimpfte Elena vor sich hin.

Elenas T-Shirt klebte an ihrem Körper und ließ ihre vollen Brüste erkennen , ihr Haar hing in feuchten Strähnen herab, sie versuchte es verzweifelt auszuschütteln.

„Es gibt kaum etwas, das ich mehr hasse, als eine zerzauste Frisur.“

„Du siehst wunderschön aus. Ich kann mich nicht erinnern, je  etwas Schöneres gesehen zu haben.“ fuhr es aus Leander, der sich gleich im Anschluss auf die Zunge biss. Wie konnte sich  vor ihr  auf so eine Art  bloßstellen? 

Elena blickte auf, sie glaubte sich zunächst verhört zu haben, doch dann kreuzten sich ihre Blicke und sie standen sich wie elektrisiert gegenüber.

„Danke!“ entfuhr es Elena, mehr vermochte sie im Augenblick nicht zu sagen.

Auch Leander stockten die Worte auf der Zunge.

Schließlich packte er all seinen Mut zusammen, ging auf sie zu, nahm sie in die Arme und drückte seine Lippen auf die ihren. Elena ließ es geschehen.

Sie war perplex, konnte im Moment gar nicht richtig denken. Dann ließen sie los, blickten einander in die Augen. Für Leander nicht einfach, da er zu ihr auf schauern musste, er war etwa einen halben Kopf kleiner.

Elena entwand sich der Umarmung, es wurde ihr heiß und kalt in Intervallen.

„Ob…ob es bald aufhört zu regnen? Ich möchte hier keine Wurzeln schlagen.“ versuchte sie abzulenken.

„Ich weiß es nicht! Sieht nicht danach aus, denke ich!“ antwortete Leander, der auch nur schwer die Fassung  erlangen konnte.

Elena ließ sich auf den Boden nieder und winkelte die Beine an. Dann zog sie die weißen Tennisschuhe aus.

„Durchgeweicht! Hm, die kann ich sicher wegwerfen! Oder sollte ich sie noch trocknen. Keine Ahnung“

Doch Leander blickte nur auf ihre eleganten Füße. Wie mochte dann erst der ganze Körper aussehen? Kovacs lag hundertprozentig richtig mit seiner Vermutung. Elena übte eine Faszination auf ihn aus, die er nie für möglich erachtet hatte. Er musste alle Kraftreserven mobilisieren, um nicht seinem Trieb nachzugeben. Er mochte sie nicht, nein er verzehrte sich nach ihr und das steigerte sich von Augenblick zu Augenblick.

Doch die alles entscheidenden drei Worte konnte er ihr nicht sagen.

Er hockte sich einfach zu ihr auf den Boden.

„Und, was willst du mir jetzt sagen? Hast du es dir überlegt?“ Elenas Frage überraschte ihn.

„Was meinst du damit?“

„Na ob es dir recht wäre, wenn ich dich mag? Nein, falsche Frage. Ich meine…Ach im Grunde brauchst du es mir nicht zu gestehen, das hast du eben  auf sehr direkte Art bewiesen. Ja, und was mich betrifft. Nun ich habe es geschehen lassen. Du konntest damit sehen, was ich von dir halte.“ bekannte Elena.

„Hmm, kann man so oder so deuten. Kommt darauf an. Spielst du mit mir oder meinst du es ernst?“ Wollte Leander wissen.

„Warum nicht beides?“ versuchte Elena  auszuweichen.

„Und wie soll das funktionieren? Spielen und ernst meinen?“

„Das kommt darauf an, was man unter ernst meinen versteht. Ich für meinen Teil habe da so meine Probleme damit. Das Spiel ist mir lieber. Ich denke, ich bleibe dabei. Es schadet ja niemanden?“

„Auch nicht denen, die dich liebten?“

„Oh ich weiß nicht, ob mich bisher jemand geliebt hat. Ist mir im Grund auch egal!“

Harte Worte, Leander verstand nicht recht, was sie ihm damit sagen wollte. Ihn abschrecken, um zu vermeiden, dass er es bei ihr gar nicht erst versuchen brauchte. Er hatte es hier mit einer ganz ausgekochten Person zu tun. Er spürte, dass er ihr kaum gewachsen war.

„Leander, ich gehöre nicht in eure Welt, so wie du nicht in die meine.Schon möglich dass ich mehr für dich empfinde, als ich bereit war zuzugeben. Da war ein Knistern von Anfang an, trotz der Spannung zwischen uns.  Aber ich denke, wir belassen es dabei. Ich bin nicht in der Stimmung für einen Flirt. Zugegeben, ich war mehrfach versucht, es zuzulassen. Ich wollte einfach mal einen aus eurem Stand probieren. Aber ich denke, es ist besser, wenn wir davon ablassen.“

„Du bist sehr direkt. Das muss man dir lassen. Ich gestehe, ich habe dich gehasst!. Gleichzeitig mit dem Hass aber empfand ich Zuneigung. Weiß der Teufel, warum. Du wirkst wie ein Magnet. Auch ich sage mir beständig dass es unmöglich ist, aber ich komme nicht davon los. Heute kam es mir so vor als ob  eine Art von Eispanzer brach. Ein Frühlingserwachen! Aber ich habe mich wohl geirrt.“

Beide blickten eine Weile wortlos in den nicht enden wollenden Regen, der in der Zwischenzeit an Stärke zugenommen hatte.

„Ich glaube, der Regen hört heute gar nicht mehr auf,“ durchbrach Elena das Schweigen.

„Aber ein Gutes hatte er im Gepäck, wir konnten uns mal vernünftig aussprechen. Ich habe Respekt vor euch und auch vor euren Ideen, auch wenn ich sie niemals teilen werde.

Ich muss Kovacs enttäuschen. Ich kehre morgen in meine Welt zurück. Ich muss wieder mal arbeiten. Auch eine Elena bekommt keinen unbegrenzten Urlaub. Was die Reportage betrifft so belasse ich es dabei und gebe sie nicht in Sendung zumindest nicht auf die Weise, wie ursprünglich vorgesehen. Ich denke, ich vergesse alles, was ich hier erlebte. Das Leben geht weiter wie gewohnt. Für euch und auch für mch.“

Elena erhob sich und ging in der Hütte nervös auf und ab. Der innere Zwiespalt setzte ihr enorm zu. Wie lange war sie hier, sie hatte die Wochen nicht gezählt. Am Anfang stieß sie hier so gut wie alles ab. Doch im Laufe der Zeit hatte entwickelte sie Zuneigung zu Allen. Aber zu Leander ganz besonders.,Es hatte  sie gründlich erwischt, der war so ganz und gar anders als die faden langweiligen Typen aus ihrer Glanz- und Glimmerwelt. Es war nicht nur ein Spiel, es war Ernst. Sie musste sich dem entwinden, wollte sie sich nicht noch tiefer in den Strudel begeben.

„Hör mal! Ich weiß ja nicht, ob du dir ernsthaft Hoffnung gemacht hast, um meinetwegen.

Ich will dich nicht kränken. Ich mag dich, auch wenn ich es bisher versäumte, es zu zeigen. Mehr kann es nicht werden. Du musst  akzeptieren. Aber ich halte dich für intelligent genug, dass du es längst getan hast.“

„Schön dass du mich für intelligent hältst. Das ist ja schon ein Fortschritt, wenn ich daran denke, was du mir am Anfang so für Unverschämtheiten an den Kopf geworfen hast.“ hielt ihr Leander entgegen.

„Entschuldige! Es tut mir leid! Das hätte ich nicht tun dürfen. Ihr habt mich  in diesem Punkt auch überzeugen lassen. Wir machen einen Schnitt. Jeder geht in seine Welt zurück und alles ist vergessen, ok?“

„Ja tun wir das? Alles vergessen? Können wir das wirklich? Ich für meinen Fall weiß, das ich dich nicht vergessen kann!“

Elena ließ sich wieder auf den Boden  fallen.

„Leander, mach es mir doch nicht so schwer. Meinst du, mir fällt es leicht? Da kennst du mich aber schlecht. Auch ich werde Zeit brauchen, um alles zu verarbeiten. Aber es gibt einfach  keine Alternative.“

„Wenn du das sagst!“

„Ja, ich sage es.“ Sie griff nach seiner Hand. Dabei wurde ihm heiß.

„Schau, du bist ein feiner Kerl. Ich meine das ehrlich, nicht sarkastisch. Du wirst deinen Weg gehen, du hast das Potential, etwas aus dir zu machen, davon bin ich überzeugt.“

„Aber wenn ich an deine Sendungen im Fernsehen denke, dort vertrittst ganz anderer Ansichten.  Proleten seien entwicklungsunfähig und der gleichen.“ erinnerte sich  Leander.

„Der Meinung bin ich noch immer, du aber bist kein Prolet. Du nicht und einige andere auch nicht. Diese Einsicht nehme ich mit. Es gibt Prekar, die über ein gewisses Niveau verfügen, fähig zur Bildung, fähig zur Entwicklung. Ich bin sogar bereit, das in aller Öffentlichkeit kund zu tun.“

„Danke! Welche Ehre!“

Was war denn jetzt schon wieder falsch an ihrer Aussage? Musste sie denn ständig in ein Fettnäpfchen treten?

„Wir wollen nicht wieder streiten. Ich möchte im Guten nach Hause zurückkehren.“ bog sie kurzerhand ab.

„Das möchte ich auch. Nehme mein Leben wieder in Angriff wie vorher, schwitze jeden Tag 8-10 Stunden an der Werkbank, dann nach Hause, auf meine Bude, von besseren Zeiten träumen, die wahrscheinlich nie kommen. Hin und wieder zu Kovacs und seiner Runde um dort gemeinsam mit anderen zu träumen, über die Verhältnisse zu schimpfen und theoretisieren, was alles sein könnte wenn, ja wenn die Welt nicht so wäre wie sie ist.“ Leander lehnte sich an die Holzwand der Hütte.

„Ja, genau das wirst du tun. Niemand kann aus seiner Haut. Das ist Bestimmung.“

„Und du wirst wieder in den Sender gehen, deiner interessanten Tätigkeit nachgehen, mit berühmten Leuten zusammenkommen, weite Reisen unternehmen, auf Glimmerpartys gehen, das Leben genießen.“ stellte Leander fest.

„Richtig! Es ist meine Bestimmung. Es lässt sich nicht ändern. Dort hat mich  das Leben hingestellt.“


“So einfach ist das!“

„So einfach ist das! Wenn du damit zufrieden bist. Aber ich sagte dir doch, du kannst mehr, wenn du nur willst. Ein jeder ist seines Glückes Schmied. Es liegt an dir, nur an dir allein. Mach nicht den Fehler immer die ach so schlechte Gesellschaft für alles verantwortlich zu machen. Du, nur du zählst. Du bist kein Prolet, du gehörst nicht dort hin. Aber ich kann dir nicht helfen. Das kannst dir nur du allein.“

Enttäuschung, immer wieder enttäuschte Elena. Sie hatte noch immer nicht begriffen. Leander wollte die Widerpart halten, doch ließ er ab davon. Es machte einfach keinen Sinn, mit ihr über dieses Thema zu streiten. Sie war noch nicht soweit.

„Ich werde es beherzigen, Elena!“

„Fein, endlich bist du einer Meinung mit mir. Oh, es hat aufgehört zu regnen. Wollen wir aufbrechen?“

Elena Feststellung erlöste beide aus einer vertrackten Situation. Denn einen erneuten Streit wollte beide verhindern.

Sie griffen nach ihren Rädern und machten sich auf den Heimweg. Der aufgeweichte Boden brachte es mit sich, dass sie es vorzogen, die Räder zu schieben, so kamen sie zwar langsamer, dafür aber sauberer an ihr Ziel.

Leander brachte Elena noch zu Cornelius' alter Fabrik.

„Leb wohl, Leander. Ich wünsche dir viel Glück und dass du in der Tat beherzt, was ich dir geraten habe. Wer weiß, möglicherweise sehen wir uns sogar mal wieder, wenn du es geschafft hast, wenn du oben angekommen bist. Ich würde mich freuen.“

Elena reichte ihm die Hand zur Verabschiedung.

„Klar, wenn ich oben bin. Ich wünsche dir auch alles Gute. Aber soll es bei dem Handschlag bleiben?“

Elena begriff, worauf er hinaus wollte und küßte ihn. Dann begab sie sich ins Innere der alten Fabrik. Leander sah ihr noch eine ganze Weile nach, auch als sie im Inneren verschwunden war, blickte er auf das alte Gemäuer, bevor er sich in Richtung Siedlung begab.

 

Am folgenden Morgen hatte Elena sich zeitig erhoben, um ohne großes Aufheben ihre vorübergehende Behausung zu verlassen. Schnell, fast hektisch packte sie ihre Taschen, sie wollte Cornelius oder den anderen ungern noch einmal über den Weg laufen.

Am Abend noch hatte sie einen Brief geschrieben, in dem sie allen ihren Dank für die freundliche Aufnahme bekundete,  förmlich und höflicher zugleich.

Noch einmal ein letzter Blick, sie hatte nichts vergessen. Leise öffnete sie die Tür und spähte in den Flur, dann schlich sie hinaus, es schien in der Tat noch niemand auf zu sein.

Die alte Holztreppe betrat sie besonders vorsichtig, denn deren Knarren konnte sie verraten.

Doch als sie unten angekommen war, stand Cornelius ihr plötzlich  gegenüber.

„Du willst uns also verlassen. Ich habe gerade deinen schönen Brief gelesen. Gut dass ich dich noch angetroffen habe. Du schreibst sehr warmherzig. Wie ich sehe, hat dich der Aufenthalt doch ein wenig verändert.“

Elena erschrak und suchte nach Worten.

„Ja, ich habe mich kurzerhand dazu entschlossen, Termine, Termine, du weißt ja wie das bei mir ist und dann Verabschiedungen, die mag ich nicht besonders, deshalb kam ich auf die Idee mit diesem Brief“ stammelte Elena.

„Da kann man nichts machen, wenn die Pflicht ruft. Aber schade ist es trotzdem, wenn du gehst. Es war eine anregende Zeit wenn auch der Anfang schwierig war. Es war gut dich kennen gelernt zu haben.“ erwiderte Cornelius und reichte ihr die Hand.

Auch ich bin dankbar, deine Bekanntschaft gemacht zu haben und die der Anderen.  Das, was ich geschrieben habe, gilt. Ich werde die Reportage ganz anders gestalten. Es gab schon einiges, was mich überzeugte.“ antwortete Elena nun wieder etwas sicherer.

„Das freut mich besonders. Und wie ich schon vor ein paar Tagen sagte. Du bist hier immer willkommen, wenn du magst.“ lud Cornelius ein.

„Danke! Danke für alles!“

Elena küßte den alten Cornelius auf die Wange. Überrascht, aber geschmeichelt sah er ihr nach, als sie sich vom Hof entfernte.

Im Schnellschritt eilte Elena zu ihrem Auto. Schmiss ihr Gepäck auf den Rücksitz, schwang sich auf den Sitz und startete. In ihren gewohnt rasanten Stil brauste sie auf und davon.

Schnell hatte sie die alte Fabrik hinter sich gelassen. Noch ein letzter Blick in den Rückspiegel. Alles vorbei. Das Gewesene loslassen und schnell verarbeiten.

Auf sie wartet ihr altes gewohntes Leben, ein Leben, das ihr entsprach. Zudem hatte sich mit Sicherheit viel Arbeit angehäuft, die ihrer Erledigung harrte. Das würde die Folgetage voll in Beschlag nehmen.

Auf diese Weise würde sie wohl kaum die Zeit finden, um über das Geschehene zu simulieren.

Doch je mehr sie sich entfernte, desto mehr Zweifel bemächtigten sich ihrer. Da hatte etwas gehörig an ihrem Ego gekratzt. Das war keines der üblichen Abenteuer, das sich so einfach abschütteln ließ.

Das wurde ihr vor allem bewusst, als am Horizont die Silhouette der der vornehmen Privosiedlung erschien. Es dauerte auch nicht mehr lange, bis sie das schwer bewachte Eingangstor erreichte, die Security lies sie sogleich passieren. Es ging die gerade Straße weiter, bis sie ihren Wagen vor ihrer Villa parkte. Sie blickte sich um, hier hatte sich nichts verändert.

Auch als sie den Schlüssel im Türschloss drehte und schließlich den langen Flur entlang schritt konnte sie keine Veränderung feststellen. Luisa hatte wie immer alles auf Hochglanz poliert.

Sie betrat sämtliche Zimmer, alles zufrieden stellend.

„Ist jemand hier?“ wollte sie wissen, um im darauf folgenden Augenblick festzustellen, wie unsinnig diese Frage war. Natürlich war niemand anwesend. Wer denn auch. Schließlich befolgten die Dienstboten nur ihre Anweisungen und die lauteten nun mal unmissverständlich, keine Störung.

Sie spürte genau, worauf sie jetzt Lust hatte, ein Bad nehmen, das hatte sie am meisten vermisst im Angesicht dessen, das ihr dort nur eine vorsintflutliche Dusche auf dem Korridor zu Verfügung stand. Schnell war der Whirlpool gefüllt und sie ließ sich darin nieder, eine Wohltat, sie genoss es in vollen Zügen. Sie hatte auch die entsprechende Zeit, niemand drängte sie. Das Wasser prickelte auf ihrer Haut, so wie gewohnt und nebenbei nippte sie an ihrem Lieblingswein. Schön zu wissen, wo man hin gehört.

Als sie sich schließlich erhob und sich in ihr flauschiges Badekleid hüllte, barfuß mit dem Weinglas in der Hand in ihr Wohnzimmer schritt, schien das Glück vollkommen.

Sie ließ ihren Körper auf den weichen Plüschsessel fallen und streckte die Beine aus, ließ den Kopf nach hinten fallen.

Einsamkeit, welch merkwürdige Einsamkeit überfiel sie, Stille, Totenstille, Grabesstille, kein Laut drang von der Straße. Plötzlich wirkte das große Haus bedrückend auf ihr Gemüt und sie vermisste die Geräuschkulisse der alten Fabrik, die sie zu Beginn ihres Aufenthaltes dort so sehr verflucht hatte. Ihr fehlte offensichtlich auch das Knarren der alten Holzdielen und nicht zuletzt ihr kleines Zimmer, das sie im Nachhinein als ausgesprochen gemütlich in Erinnerung hatte.

Sie machte die Feststellung, dass diese Villa für eine Person eigentlich viel zu groß war und rechnete nach, wie viel Menschen hier wohl Platz finden könnten.

Schließlich kam sie sich ausgesprochen deplatziert vor und spürte so ganz und gar nicht das Gefühl, nach Hause zurückgekehrt zu sein.  Hatte sie womöglich ihr eigentliches Zuhause vor ein paar Stunden hinter sich gelassen?