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Die große Wende

 

Lustlos stocherte Elena am Morgen in ihrem Müsli.

Sie fand einfach keine Erklärung für das  eigenartige Gefühl dass sie sich plötzlich in ihren eigenen vier Wänden plötzlich so unendlich fremd fühlte.

Gewiss, sie hatte in den vergangen Nächten vorzüglich auf ihrem Komfortwasserbett geschlafen.

Kein Vergleich mit der alten Liege in Cornelius Herberge.

Doch immer wenn sie am Morgen die Augen aufschlug, spürte sie eine starke Sehnsucht nach all dem, was sie dort erlebte hatte.

Etwa eine Woche war vergangen seit sie in ihre alte, vertraute Welt zurückgekehrt war. Vorsorglich hatte sie sich noch ein paar Tage frei genommen um ihre Erinnerungen zu verarbeiten. 

Wie immer genoss sie ihr Bad ausgiebig  um sich danach an den gedeckten Frühstückstisch zu setzen. Luisa richtete auch nach der langen Abwesenheit alles wie gewohnt.

Heute sollte der Alltag wieder beginnen. Ein Alltag im Rampenlicht einer Glimmerwelt die ihr auf einmal merkwürdig fremdartig erschien.

Aber es war doch noch ihre Welt? In ihrer Wohnung hatte es nicht die geringste Veränderung gegeben, sie fand alles so vor, wie sie es vor Wochen zurückgelassen hatte. Auf ihre Mitarbeiter konnte sie sich jederzeit verlassen.

Doch warum?

„Weil sie von mir abhängig sind! Weil ich über sie herrsche! Sollte ich mit deren Arbeit nicht zufrieden sein, genügt ein Wort  und sie fliegen auf die Straße, einem ungewissen Schicksal entgegen. Das ist der Grund weshalb sie ihre Aufgaben gewissenhaft und korrekt erledigen!“

Stellte sich die Einsicht ein.

Eine simple Angelegenheit, so funktionierte das schon seit Generationen und es bestand nicht der geringste Zweifel, dass sich das auch inden nachfolgenden Generationen so fortsetzten würde.

„Aber was kann ich daran ändern? Warum sollte ich daran überhaupt etwas ändern? Wem könnte das nützen?“ Fuhr sie fort.

Ihre Gedankenflut beendete das Klingeln an der Tür.

Nanu? Wer konnte das denn sein? Wem würde Luisa wohl gerade die Haustür öffnen?

Frederic erschien in gewohnt dandyhaftem Auftreten.

„Was machst du denn hier?“ begrüßte sie diesen mit nicht gerade einladender Geste.

„Na, das klingt aber nicht gerade begeistert, meine Schöne!“ erwiderte der.

„Ich meine, wie konntest du denn wissen, dass ich schon wieder zurück bin? Ich habe doch keiner Menschenseele davon berichtet. Ursprünglich hatte ich die Absicht, noch eine Weile zu bleiben.“

„Na, ich denke, es reicht doch, oder? Du warst drei Monate fort. Ist das noch nicht genug? Muss ja was ganz Anregendes geschehen sein bei diesem Cornelius, dass du deinen Aufenthalt so in die Länge zogst. Wenn ich mich recht entsinne, wolltest du 2 Wochen bleiben, Maximum.“ erinnerte sich Frederic.

„Drei Monate?“ wunderte sich Elena. „Soviel? Ich weiß nicht, mir scheint dort irgendwie das Zeitgefühl abhanden gekommen.“

„Das würde ich auch sagen. Wir hatten schon die Befürchtung, du würdest uns nie wieder mit deiner Anwesenheit beglücken. Nun mal raus mit der Sprache, dieser alte Narr muss dich ja ganz schön behext haben. Oder wie erklärst du dir das alles?“ wollte Frederic wissen.

„Erklären? Ich weiß nicht, wie? Ich hab keine Erklärung, zumindest nicht im Augenblick!“

„Na, hör dir das einer an. Dass ich das noch erleben darf. Die schlaue Elena,  gewohnt , stets mit dem letzten Wort zu punkten, findet keine Erklärung. Puaah, da muss ja was ganz Bemerkenswertes vorgefallen sein, dass es der großen Elena die Sprache verschlägt.“ spottete Frederic. Elena konnte ihm in Gedanken nur vorbehaltlos zustimmen, er hatte den Nagel wahrlich auf den Kopf getroffen.

„Hm, war schon interessant dort. Viele Eindrücke. Wir müssen uns ein objektives Bild davon machen, wenn wir die Angelegenheit richtig beurteilen wollen. Wir dürfen diesen Cornelius auf keinen Fall unterschätzen, der verfügt über viel Potential um sich die nötige Geltung zu verschaffen.“ versuchte Elena die ganze Sache herunterzuspielen.

„Ist das wirklich  alles? Oder könnte nicht  vielleicht noch mehr geschehen sein ? Ich meine so in Punkto Emotionen. Komm Elena, ein Defizit zeichnete dich schon immer aus. Du lügst nicht besonders gut, das konntest du noch nie.“ Frederic ließ keinen Zweifel daran, dass er bedeutend mehr vermutete.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst!“

„Wirklich nicht? Elena, wir führen beide unser separates Leben. Du brauchst dich nicht vor mir zu rechtfertigen. Bei deinem Aussehen, diese Proleten da unten müssen dich doch angehimmelt haben, wann bekommen die denn so etwas außergewöhnliches zu sehen. Wenn ich diese Proletenweiber betrachte, grässlich, da wirkt ja jede Vogelscheuche sinnlicher.

War er gut?“

„Wer, was? Kannst du dich vielleicht mal etwas genauer ausdrücken? Was willst du eigentlich von mir?“ Elena lies sich ihre Empörung bewusst anmerken. Das Gespräch begann ihr langsam auf den Wecker zu gehen.

„Na, der Prekatyp, mit dem du's getrieben hast. War er ausreichend potent für deine Bedürfnisse.“

„Jetzt ist es aber genug! Was bildest du dir ein? Ich halte es für besser, wenn du jetzt gehst.

Ich kann mich nicht erinnern, dich eingeladen zu haben. Mit einem hast du tatsächlich recht, ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.“

„Aber, aber, wer wird denn gleich so auf die Palme gehen? So kenne ich dich gar nicht. Das erhärtet meinen Verdacht nur umso mehr. Wir haben uns unsere aktuellen Abenteuer doch immer genüsslich gebeichtet. Wenn dir das plötzlich unangenehm erscheint, da muss es schon mächtig gefunkt haben.“

„Ja, und wenn schon?.“ fuhr ihn Elena scharf an.

„Also doch! Hab ich mir doch gleich gedacht!“

„Was hast du dir gedacht? Ich habe nicht gesagt, dass etwas geschehen ist, zumindest nicht, was du denkst. Deine Vermutung ist unbegründet!“ gab Elena zu verstehen. Das konnte sie auch, denn sie sprach  die Wahrheit. Und sie bedauerte es zutiefst, denn gerade jetzt durch Frederics Provokation wurde ihr bewusst, dass sie sich mehr gewünscht hätte. Ein heißer Flirt, ein echter Flirt wäre in ihrem Sinne, aber es war nicht geschehen. Sie, die doch jeden haben konnte, war unberührt geblieben.

„Wie ich sehe hat dich die Zeit dort verändert, sehr sogar. Deine ganze Art zu reagieren. Unsicherheit spricht aus deinen Worten, für die Elena, die ich kannte, gab es keine Unsicherheit. Und Zweifel! Du zweifelst an dir und dem was du bisher getan hast.“ stellte Frederic fest.

„Was redest du da für einen Unsinn! Warum sollte ich an mir zweifeln? Ich habe dort nur ein paar neue Erkenntnisse gewonnen, das ist alles. Erkenntnisse, die ich für meine Arbeit gut gebrauchen kann. Ich werde einiges umstellen. Da kannst du Gift drauf nehmen. Es wird Veränderungen geben. Du wirst das schon bald selbst beurteilen können, wenn du dir meine Sendungen ansiehst.“ klärte Elena auf.

„Oy, da bin ich mal gespannt! Das kann ich kaum erwarten. Wirst du Cornelius tatsächlich interviewen, wie angekündigt? Das musst du, du hast es versprochen.“ erinnerte sich Frederic.

„Das wirst du schon sehen! Überlasse es mir wie ich meine Sendung gestalte. Es wird eine Überraschung.“ versuchte Elena dem Gespräch die Schärfe zu nehmen.

„Spann mich doch nicht so auf die Folter, sag schon, was du vorhast!“ forderte Frederic.

„Dann wäre es ja keine Überraschung mehr! Nein, es wird nichts verraten. Das kann ich auch gar nicht im Moment, da ich selbst noch gründlich überlegen muss.“

Auch diese Aussage entsprach der Wahrheit und war sogar noch stark untertrieben, denn Elena wusste im Moment überhaupt nicht, was si konkret ändern sollte, sie fühlte sich leer, wie ausgebrannt, das konnte sie Frederic natürlich unmöglich beichten, ihm nicht und auch keinem andern.

„Na gut, dann eben nicht!“ entgegnete Frederic und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung.

„Ach ja, anderes Thema! Wie sieht's denn aus mit der Gala am Wochenende bei Egbert? Deshalb bin ich eigentlich gekommen. Dort wirst du schon lange vermisst. Wäre doch eine gute Gelegenheit, dich wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ich bin auf jeden Fall dort. Wäre toll, wenn du mitkommst!“

„Bei Egbert? Was hat der denn schon wieder zu feiern?“

„Egbert ist doch ständig am Feiern. Gründe hat der auch wie Sand am Meer. Diesmal geht es um die Einweihung seiner neuen Produktionshalle. Stell dir vor, seine Bänder laufen dort dreimal so schnell wie üblich. Die will er uns vorführen. Getestet wird auch die eigens dafür zusammengestellte Belegschaft. Es haben sich bedeutend mehr Preka beworben, als es Plätze gibt. Nun soll herausgefunden werden, wer sich dafür eignet. Wer am längsten durchhält, bekommt den Arbeitsplatz.“

„Ach das schon wieder! Ist doch ein alter Hut! Das führt der uns doch schon seit Monaten vor. Ich weiß nicht, was daran so aufregend ist?“  Schon  der bloße Gedanken daran begann sie zu langweilen.

„Richtig! Neu ist das nicht!  Aber das Ambiente ist verheißungsvoll. Die Arbeiter werden angewiesen, sich bei der Arbeit bis auf den Slip auszuziehen. Das versprich doch ein heißer Trip zu werden.“ versuchte Frederic Begeisterung hervorzurufen.

„Na prima! Ist ja echt ne tolle Nummer! Die ist aber keineswegs auf seinem Mist gewachsen. Das gibt’s in andern Firmen schon lange. Es soll sogar einige geben die ihren Arbeitern sogar noch den Slip wegnehmen.“ stellte Elena fest und versuchte die ganze Angelegenheit ins Lächerliche zu ziehen.

„Ach sei doch keine Spielverderberin! Komm doch mit! Wird sicher lustig. Ist doch auch ne gute Sache, wenn wir die Preka mit in unsere Party einbinden, so bekommen die auch was davon mit.“

„Von mir aus! Meinetwegen! Wenn es dich freut. Gut, ich komme! Ich hoffe, du bist zufrieden.“ nahm Elena die Einladung an vor allem um ihre Ruhe zu haben. Denn sie konnte es nicht erwarten, den ungebetenen Gast endlich loszuwerden.

„Wenn du noch etwas Wichtiges auf dem Herzen hast, dann sag es! Ich habe wenig Zeit heute. Wie du dir denken kannst, habe ich nach langer Abwesenheit einiges an Arbeit nachzuholen! Das duldet keinen Aufschub“

„Schon gut! Ich lasse dir deine Mußestunden. Ich denke, eine gehörige Portion Arbeit kann dir jetzt nicht schaden, im Gegenteil, die wird dich so bald als möglich auf den Boden der Realitäten zurückholen.“ pflichtete ihr Frederic bei.

Dann erhob er sich.

„Also dann, mein Engel! Ich rufe dich an. Oder gib mir Bescheid, wenn du auch geistig wieder angekommen bist und dementsprechend ansprechbar. Du weißt, wo du mich findest.“

„Jaja, gehab dich wohl!“

Flugs verließ Frederic das Zimmer.

Genervt ließ er Elena zurück. Diese musste sich noch einmal vor Augen führen, dass er einige unangenehme Wahrheiten angesprochen hatte. Wie sollte sie nach den Erlebnissen bei Cornelius und seinen Leuten ihre Arbeit auf die gewohnte Art und Weise wieder aufnehmen?

 

Die nun folgenden Tage wurden für Elena  zur regelrechten  Tortur. Sie fand einfach nicht mehr in ihren gewohnten Rhythmus zurück. In der Redaktion hatte sie es gerade mal einen Vormittag ausgehalten. Sie beschloss, zu Hause zu arbeiten, dass war nicht ungewohnt, dass tat sie früher des Öfteren. Sie war die Chefin und daher niemanden  über ihr Tun Rechenschaft schuldig.

Doch auch hier wollte ihr einfach nichts gelingen.

Unfähig auch nur einen kreativen Gedanken zu erfassen, langweilte sie sich fast zu Tode. Eine Blockade mit verheerender Wirkung. Wie kam das? Wie lies sich das erklären?

Alles, was sie tat, kam ihr sinnlos vor, so oberflächlich, inhaltsleer, ohne auch nur die Spur von Leben.

Wie konnte sie anhand dessen, was sie bei Cornelius, bei Kovacs und auch den anderen gesehen hatte, einfach zur Tagesordnung übergehen und ihre Sendungen mit diesen albernen kitschigen Inhalten füllen? Dieses eindimensionale Zeug ohne Tiefgang, diese Schwarz-Weiß-Malerei.

 

Elenas Abwesenheit wurde zunächst gar nicht publik gemacht. Im TV liefen erstmal in Endlosschleife Wiederholungen ihrer früheren Sendungen, niemand schien das zu merken, kein Wunder, glichen sich ihre TV-Auftritte doch wie ein Ei dem anderen. Als es dann nach einiger Zeit doch auffiel, gab die Redaktion bekannt, dass Elena eine Auszeit einlege.

Keine Sache, viele Privo taten dass, die mussten dann immer zu sich selbst finden, unternahmen weite Auslandsreisen in entlegene Gebiete, suchten spirituelle Meister auf, um von denen zu lernen, taten Dinge sonderbarer Art.  Als Privo hatte man es nicht leicht, der Müßiggang konnte mit der Zeit ganz schön schlauchen. Wie einfach hatten es doch die Preka, die mussten komischerweise nie selbst zu sich finden, die waren stets bei sich, wussten sie doch, wo sie hingehörten und worauf es ankam. Ihre Welt war das Fließband, die Baustelle, das Einkaufszentrum und was es sonst noch  gab. Die Paria hatten es noch einfacher, denn die existierten gar nicht mehr für die Gesellschaft und wer nicht existiert, braucht sich auch keine Gedanken über den Sinn des Lebens zu machen, eine simple Gleichung.

Ganz Melancholanien fieberte dem Tag entgegen, da Elena endlich wieder, gut erholt, von neuem auf der Mattscheibe erschien um der Bevölkerung ihre Weisheiten kund zu tun. Viele litten geradezu unter Entzugserscheinungen. Ohne Elenas Ratschläge zu leben war einfach eine Zumutung.

Für Samstag in einer Woche wurde nun ihre Rückkehr angekündigt, das kam einer Erlösung gleich. Endlich wieder die gewohnte Routine.

Es hieß, Elena hätte sogar eine ganz neue Sendung im Gepäck, was für eine grandiose Idee.

Die Zuschauer zählten schon die Stunden, bis es soweit war. Und hier saß sie nun, einem Häufchen Elend gleich und hatte nicht die geringste Ahnung, was sie dem Publikum präsentieren könnte.

Ihr hübscher Kopf war leer. Die gewohnte  Kreativität wie weggespült.

Sie unternahm weite Spaziergänge, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, doch auch das half nichts, im Gegenteil, wenn sie dann nach Stunden wieder zuhause ankam, fühlte sie sich noch deprimierter als zuvor.

Es rumorte in ihrem inneren, da bahnte sich etwas an und sie vermochte nicht zu deuten welche Lawine auf sie zurollte.

Als Frederic eines Abends bei ihr erschien, um sie mit zu Egberts Gala abzuholen, war sie ausgesprochen dankbar für diese Zerstreuung, möglicherweise könnte ihr das sogar einen Auftrieb verschaffen.

Elenas Erscheinen löste bei den Anwesenden große Freude und Genugtuung aus. Alle waren begeistert, sie wieder in ihrer Mitte zu begrüßen.

Wie immer war ihr Outfit perfekt. Ein eng an liegendes flaschengrünes Samtkleid mit tiefen Ausschnitt, dazu ihr Goldschmuck, in Gold eingefasste Brillianten in ihrer Kette und an den Ringen, die ihre graziösen Hände zierten. Auch ihre Pumps strahlten in Gold.

Die Loggia war wie immer pompös gestaltet. Auch heute lies es Egbert an nichts fehlen . Das kalte Büffet strotzte nur so von allen möglichen erlesenen Leckereien, so dass einem schon bei dessen Anblick das Wasser im Munde zusammen lief. Elena stellte fest, dass Egbert neue Polstersessel hatte aufstelle lassen. Nun war es möglich den dort unten schuftenden Preka im Liegen zu zu sehen. Was für eine Erleichterung.

Unten hatte die Belegschaft Stellung bezogen, die trugen zur Enttäuschung der erlauchten Zuschauer in der Loggia noch ihre Arbeitsanzüge und warteten auf den Startschuss.

Über das Sprechgerät konnten wieder direkte Befehle nach unten erteilt werden.

Egbert gab die Anweisung, dass sich alle bis auf den Slip auszuziehen hätten, das sorgte für Stimmung, denn offensichtlich hatte denen das vorher keiner mitgeteilt.

Heftige Auseinandersetzungen in den Umkleideräumen waren die Folge.

Hannes weigerte sich beharrlich, die Hüllen fallen zu lassen.

„Ich glaube ich höre nicht recht! Ausziehen? Niemals! Ich mache mich doch hier nicht zum Affen!“

„Tja, die Anweisung kommt von ganz oben, Hannes! Ich kann da auch nichts ändern. Wer sich weigert, verstößt gegen eine Anordnung und bekommt die Kündigung. So ist das nun mal. Tut mir leid!“ heuchelte Eduard seine Betroffenheit.

„Aber das könnt ihr doch nicht machen, Ich meine, wer sind wir denn? Wir sind gute Melancholanier, anständige Melancholanier. So etwas ist zu tiefst unsittlich. Das dürfen die nicht. Das dürfen die einfach nicht.“ widersprach Hannes energisch.

„Doch die dürfen! Ganz einfach, weil ihnen die Firma gehört!“ entgegnete Eduard.

„Aber uns doch auch! Ich meine, es ist auch unsere Firma!“ entrüstete sich Hannes weiter.

„Hannes, mach die Augen zu, das was du da siehst gehört dir! Basta! Also los, die Schicht beginnt gleich. Entweder du machst mit oder du fliegst, entscheide dich!“ drohte Eduard.

„Eduard, nimm doch wenigstens die Älteren raus. Es ist eine Zumutung für uns alle, aber für die langjährigen Mitarbeiter ist es einfach unerträglich, das musst du doch einsehen.“ schaltete sich nun auch Leander ein.

„Nix da, es gibt keine Ausnahmen. Alle! So lautet die Anweisung. Geh doch hoch zum Chef und beschwer dich bei dem, der drückt dir an Ort und Szelle die Kündigung in die Hand“ wehrte Eduard ab  und verschwand durch die Tür.

„Das ist eine Schande! Wir sollten uns einfach alle weigern! So können die nicht  mit uns um springen!“ schrie Leander.

„Wir müssen es tun! Wenn es auch schwer fällt. Die schmeißen uns einfach alle raus, wenn wir nicht mitmachen!“ betonte Peter ängstlich.

„Ja, das sieht euch ähnlich, immer kneifen, selbst bei diesem entwürdigenden Schauspiel.“ klagte Leander.

„Ich mache es nicht! Nein, ich mache es einfach nicht! Ich geh so zur Arbeit wie immer, dann wollen wir doch sehen. Nein, die werden mich nicht rausschmeißen,nicht mich, ich bin 30 Jahre in der Firma und ich ein guter Melancholanier so wie die dort oben auch.“ trotzte Hannes wie ein kleines Kind.

„Vater, warum gehst du nicht zum Betriebsarzt und meldest dich krank. Ich denke, das wäre die beste Lösung.“ schlug Leander vor.

„Was, kneifen? Kommt nicht in Frage! Ich stelle mich dieser Tatsache. Die werden einlenken, du wirst sehen. 30 Jahre kann man nicht so von einem auf den andern Augenblick  beiseite wischen." War sich Hannes seiner Sache sicher.

In diesem Augenblick betrat Konrad den Raum.

„Na Konrad, was sagst du nun. Jetzt bist du platt! Damit hast auch du nicht gerechnet! Also dann zeig den feinen Pinkeln da oben mal deine Muskeln.“ höhnte Leander.

„Ich weiß nicht wovon du redest! Also ich habe keine Anweisung mich zu entblößen. Ich wurde heute in eine andere Abteilung beordert. Kannst dir also deinen Spott sparen.“ erwiderte der von oben herab.

„Ach so ist das, hätte ich mir denken können, hast dich wieder eingeschleimt, nicht war? Ich sage es ja immer, du steckst mit denen da oben unter einer Decke.“ fuhr ihn Leander an.

„Und wenn schon! Da kannst du sehen was Kooperation ein bringt. Also dann viel Spaß!“ sprachs und ward sogleich entschwunden.

Reiner war am schnellsten ausgezogen. Leander warf ihm nur einen missbilligenden Blick zu, konnte aber einfach nichts mehr sagen. Dann begann auch er sich auszuziehen.

Hannes begab sich angezogen in die Produktionshalle und nahm wie üblich seinen angestammten Platz am Band ein.

Doch es vergingen keine zwei Minuten als via Sprechfunk an ihn die Anordnung ging die Hosen runter zu lassen. Doch Hannes tat nicht dergleichen.

Alle andern hatten Aufstellung genommen, die Männer im Slip, die Frauen im Bikini.

Eduard schritt auf Hannes zu.

„Ich habe dich gewarnt.  Wer nicht hören will, muss fühlen. Du bist hiermit fristlos gekündigt. Geh in die Personalabteilung und hol dir deine Papiere.“

„Aber das ist doch nicht möglich. Ihr könnt mich doch nicht einfach an die Luft setzen. Ich arbeite hier seit 30 Jahren, mir steht doch zumindest eine Abfindung zu, nach Vertrag.“ stammelte Hannes nun bleich wie eine gekalkte Wand.

„Das musst du mit denen klären. Ist nicht meine Angelegenheit. Geh jetzt! Du hast hier nichts mehr zu verlieren.“

Hannes senkte den Kopf und verließ wie ein geprügelter Hund die Produktionshalle, die er nie wieder betreten sollte.

Leander sah ihm nach, fassungslos, niedergeschlagen.

 

Elena blickte nach unten und bekam einen gehörigen Schreck, als sie Leander unter den Beteiligten entdeckte.

Es versetzte ihr einen gewaltigen Stich in der Herzgegend. Nie und nimmer wäre sie der Einladung gefolgt, wenn sie mit seinem Erscheinen gerechnet hätte. Wortlos eilte sie zur Bar, goß sich einen Wodka ein und kippte diesen in einem Zug hinunter um  sich im Anschluss kräftig zu schütteln.

Frederic bemerkte dass mit ihr etwas nicht stimmte, vermied es jedoch sie darauf anzusprechen.

Cassandra fand hingegen ausgesprochenes Gefallen an dem obszönen Schauspiel.

„Wau, das ist geil, das ist einfach supergeil! Gratuliere Egbert, deine Ideen sind perfekt. Darf ich meinen Favoriten noch kurz nach oben beordern?“

„Ja meinetwegen! Aber nicht zu lange. Wir müssen mit der Schicht pünktlich beginnen. Du hast sagen wir mal 2 Minuten, nicht länger.“

„Danke! Mehr brauche ich auch nicht!“

Reiner wurde in die Loggia gerufen und erschien dort fast nackt. Unwillkürlich nahm er Haltung an, als er der illustren Gesellschaft gegenüberstand.

Cassandra schritt auf ihn zu. Aus ihr Seidenhandtasche nahm sie einen 50 Markschein hervor und stopfte den ihn Reiners Slip.

„Also dann mein geiler Hengst, kräftig arbeiten und anstrengen, dann behältst du deinen Job.

Komm gut ins Schwitzen, du weißt, wie sehr ich auf verschwitzte Proletenmuskeln stehe.“

Dann klatschte sie ihm kräftig auf den Po.

Mit unterwürfiger Geste verabschiedete sich Reiner und eilte zu seinem Arbeitsplatz zurück.

Ein Gefühl des abgrundtiefen Ekels bemächtigte sich Elenas beim Betrachten diese unwürdigen Schauspiels.

Mit anklagendem Blick starte sie zu den anderen herüber. Dann nahm sie ihr Glas und füllte es diesmal randvoll mit Kognak und kippte es hinunter.

Frederic kam zu ihr an die Bar.

„Also es geht mich zwar nichts an. Aber meinst du nicht, dass du es ein wenig mit dem Trinken übertreibst?  Ich will dich schließlich noch unbeschadet nach Hause bringen heute.“

„Lass mich in Ruhe! Mach das du verschwindest, ich habe dich nicht um deine Fürsorge gebeten!“ fauchte Elena wie eine Furie.

Jaja, schon gut! Schon gut! Mann, hast du eine miese Stimmung heute! Ich meine es nur gut!“

Auf der Stelle begab sich Frederic an seinen Platz zurück.

Am Band wurde unterdessen die Schicht eingeleitet und die fast nackten Leiber wetteiferten gleichsam wie Athleten aus der Zeit der Antike.

Elena stopfte jetzt aus Frust ein Lachsschnittchen nach dem andern in sich hinein. Nahm auf einem Sessel Platz und blickte empört nach unten.

Leander schien noch gut drauf zu sein, doch wie würde er sich nach zwei Stunden schlagen, wenn die Kräfte langsam schwanden? Plötzlich füllten sich Elenas Augen mit Tränen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was Leander ihr bedeutete. Ihn in einer solch entwürdigenden Pose zu sehen, schnürte ihr den Hals zusammen.

Cassandra waren solche Gewissensbisse fremd.

„Hey, Elena, sieh doch mal. Was sagst du? Sieh dir diese Muskeln an! Meiner ist Spitze, was?

Du hättest dir auch einen aussuchen sollen, das macht die Sache spannender. Zugegeben, völlig nackt wäre es noch prickelnder, auch die Frauen machen keine schlechte Figur. Die kleine Blonde da, die könnte mir auch gefallen. Die muss ich auch kennen lernen. Egbert, kannst du das arrangieren!“

„Aber sicher doch. Wann möchtest du denn unter die Decke mit ihr?“

Nun reichte es. Elena konnte nicht mehr an sich halten.

„Ihr seit ja verrückt! Ihr seid total bescheuert! Da dreht sich einem ja der Magen um!“

Elena flüchtet aus der Loggia. Sie taumelte. Der Alkohol begann seine Wirkung u entfalten. Ihr war auf einmal schrecklich übel.

Sie schoss die Treppe hinunter, den langen Flur entlang, nur mit großer Not erreichte sie die Toilette, es würgte ihr und sie erbrach alles was sie in den letzten Minuten zu sich genommen hatte. Sie schrie und keuchte dabei.

Wenig später blickte sie in den Spiegel, ihr Gesichte aschfahl, totenbleich. Die Augen einer Fremden starten sie fragend an.

„Aradia, geh fort. Das ist nicht mehr deine Welt. Komm zu mir! Komm zurück zu dem, was dir entspricht!“ hörte sie wieder diese Stimmen mit der schon gewohnten Aufforderung.

Sie drehte den Wasserhahn auf und befeuchtet sich mit der Handfläche das Gesicht.

Dann taumelte sie zum Fenster auf der gegenüberliegenden Seite, öffnete es und atmete tief ein und aus. Langsam wurde es ihr besser. Sie wollte nach Hause, einfach nur weg. Sie hatte ihren Wagen dabei, brauchte auf Frederic keine Rücksicht zu nehmen.

Langsam ging sie den Flur entlang, blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Was war das? In diesem Augenblick überkam sie eine Erleuchtung . Nicht nur körperlich hatte sie sich gerade entleert, nein, es schien, als habe sie mit dem Mageninhalt auch den Dreck ausgespieen, der, gleich einem Mühlstein, auf ihrer Seele  lagerte. Der Unrat von Jahren, weg. Sie konnte wieder  klar denken, sah deutlich den Weg, der sich vor ihr auftat, als habe jemand gerade eine ewig lang verschlossene Tür geöffnet. Sie wusste, was sie tun würde, mit ihrem bisherigen Leben radikal brechen.

Alles musste sich ändern, nichts durfte mehr sein, wie es einmal war. Sie würde den ganzen Ballast hinter sich lassen. Was sie konkret zu tun gedachte , war ihr im Moment noch nicht bewusst, die Zeit würde diese Frage beantworten. Sie könnte zu Cornelius gehen, um ihm ihre Hilfe an zu bieten, er hatte sie dazu aufgefordert. Dann musste er beweisen, ob er auch Wort hielt.

Aber so sang- und klanglos wollte sie nicht aus diesem Leben ausbrechen.

Das konnte nur mit einem Paukenschlag geschehen.  Auf einmal wusste sie detailgetreu, was sie den Menschen Melancholaniens am Samstag während ihrer neuen Sendung zu sagen hatte. Sie würde sich verabschieden von ihrer bisherigen Tätigkeit, aber vorher  alle jene  um Verzeihung bitten für all die Lügen, den Betrug, die Gehässigkeit, die Verachtung andern gegenüber und um  Verzeihung bitten für all den Schmutz, der über ihre Lippen kam. Schlussendlich die  Menschen auffordern dass sie ihren Kopf zum Denken benutzen sollten um nie mehr all den selbst ernannten Meinungsmachern auf den Leim zu gehen.

Freude, unaussprechliche nie gekannte Freude erfüllte ihr Herz, der Krampf löste sich in Luft auf.

Auf dem Flur kam ihr eine Putzfrau entgegen, abgehärmt, von der Arbeit vieler Jahre verbraucht.

In geduckter Stellung schritt sie an der eleganten Frau vorbei. Plötzlich überkam es Elena und sie sprach die  unbekannte Person an, zog ihre Ringe von den Fingern, nahm das Collier ab und betrachtet es kurz, es war ihr Lieblingsschmuck, auch davon würde sie sich trennen.

Dann blieb sie  vor der Putzfrau stehen und drückte der völlig verdutzen den Goldschmuck in die Hände.

„Den brauche ich nicht mehr, wurde mir einfach zu schwer, nimm ihn als Geschenk, er gehört dir. Ich bin frei, verstehst du, ganz frei!“

Mit einem sanften Lächeln verabschiedet sie sich und ließ die Putzfrau zurück. Dann eilte sie die Treppe hinunter und fand sich am eingng wieder, dort ging gerade ein heftiger Platzregen nieder.

Elena ging durch gläsernen Eingangspforte, streifte ihre Pumps von den Füßen und schritt barfuß auf den glatt gemähten Rasen. Barfuß, das sollte zum Markenzeichen der neuen Elena werden.

Schon bald hingen ihre kupferroten Locken in nassen Strähnen herab und ihr Kleid war durchgeweicht, aber das störte nicht im Geringsten. Ein unbeschreibliches Gefühl des Losgelöstseins bemächtigte sich ihrer.

Elena konnte nicht mehr an sich halten, sie musste ihre Regung nach außen bringen.

Sie reckte die Arme nach oben und schrie aus voller Brust.

„Ich bin frei! Ich bin frei! Hört ihr mich? Ich komme! Ich bin frei!“

Die Regentropfen perlten an ihrem Gesicht herunter. Sie begann zu tanzen, drehte sich wie ein Derwisch im Kreis, die Arme weiter nach oben.

Sie rannte pitschnass zu ihrem Auto. Erst jetzt bemerkte, sie dass sie ihre Schuhe weggeworfen hatte, nie wieder wollte sie solche tragen. Aber barfuß konnte sie kein Auto fahren.

Sie fand ein paar alte Stoffturnschuhe und zog sie an die Füße. Dann stieg sie ein und brauste davon. Nur weg hier! Fort aus diesem Leben, das nicht mehr das ihre war. Vor ihr tat sich das Unbekannte wie ein großes Abenteuer auf und wartete daraus von ihr erobert zu werden.

 

In der Nacht tat sie kaum ein Auge zu. Was in aller Welt war mit ihr geschehen? Woher dieses plötzliche Glücksgefühl? Eine Flut von Gedanken strömte durch ihr Hirn, Tausende von Bildern tauchten auf und verschwanden wieder. Wie nur sollte sie diese verarbeiten? Unruhig warf sie sich von einer Seite auf die andere. Immer wieder lief sie zum Fenster, um Luft zu schnappen. Ruhe überall. Sie kam sich vor wie ein Jungvogel, der ungeduldig seinem ersten Flug entgegenstrebt.

Und immer wieder Leander! Sie konnte ihn nicht vergessen.

Noch eine Woche ausharren , unmittelbar nach ihrer Sendung würde sie aufbrechen.

Konnte das gut gehen so ständig in seiner Nähe zu leben?

 

Die geistige Blockade der vergangenen Tage war einem kreativen Schub von enormen Ausmaß gewichen.

Elena konnte es am Morgen kaum erwarten, sich an ihren Schreibtisch zu setzen, um die Flut der Gedanken in Worte zu kleiden.

Sie arbeitete jetzt ständig zu Hause, verspürte keinen Drang mehr, in die Redaktion zu gehen. Bald würde sie dieser ohnehin für immer Lebewohl sagen.

Auch Luisa, ihr Dienstmädchen wunderte sich nicht schlecht über ihre Arbeitgeberin, die wie ausgewechselt schien. Zu sehen bekam sie diese allerdings höchst selten, denn Elena hatte sich regelrecht in ihrem Arbeitzimmer verbarrikadiert. Luisa erhielt strenge Anweisung, niemanden zu ihr vorzulassen, vor allem Frederic wollte sie um keinen Preis noch einmal begegnen.

Eigentlich war  es ihr ansonsten  ein Leichtes die anderthalbstündige Sendung mit Inhalten zu füllen. Doch an diesem Abend wollte sie so perfekt wie nur irgend möglich sein, änderte, korrigierte immer dann, wen sie noch treffendere Begriffe, Ausdrücke, etc. fand.

Wie revidiert man innerhalb von anderthalb Stunden fast vollständig seine Lebenseinstellung, seine Weltanschauung, seinen Wertekodex? Selbst für eine feinsinnige Intellektuelle wie Elena ein Mammutprojekt. Dabei war sie sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal im Klaren darüber, was sie nun wirklich zu ändern gedachte. 

Sie musste sich eingestehen, dass der Ausgang offen war, aber nichts und niemand würde sie jetzt noch davon abhalten.

Es versteht sich von selbst, dass Elena mit vorrückender Zeit immer nervöser wurde. Ein Gefühl wie Lampenfieber war ihr bisher fremd, meisterte sie doch bisher cool und routiniert.

Doch die Nacht vor dem entscheidenden Samstag war geradezu qualvoll, sie litt nicht nur unter Schlafstörung, nein, es gesellten sich Magenschmerzen, Herzflattern und sogar Durchfall hinzu. Ihr vegetatives Nervensystem  schien Achterbahn zu fahren.

Am Morgen stellte sie mit Entsetzen fest, dass sie nicht einmal mehr imstande war die Kaffeetasse ruhig zu halten, so sehr zitterten ihre Hände. Essen bekam sie erst gar keins hinunter.

Sie fürchtete, dass sie am Ende noch alles stornieren müsste, denn in diesem Zustand wollte sie sich auf gar keinen Fall vor eine Kamera setzen und sich einem Millionenpublikum präsentieren. War am Ende alles für die Katz? Entsetzlich allein der Gedanke an ein Versagen.

Doch endlich am späteren Nachmittag, als sie sich zum Aufbruch rüstete, stellte sich die gewohnte Ruhe und Routine wieder ein. Elena nahm das mit äußerster Erleichterung zur Kenntnis.

Als sie durch die Eingangspforte des Table-TV schritt, fühlte sie sich wie eine Gladiatorin in der Arena.

Die Mitarbeiter des Senders trauten ihren Augen kaum, als sie ihrer ansichtig wurden, so sehr schien sie verändert. Das lag vor allem an ihrem Aufzug. Eine alte ausgebleichte weißblaue Jeans, weiße Leinenturnschuhe, ein hellgraues T-Shirt sowie als Krönung eine abgewetzte schwarze Lederjacke die sie sich eigens für diesen Auftritt von einem Flohmarkt besorgt hatte und die in Zukunft zu einem ihrer Markenzeichen werden sollte. Nichts erinnerte an die topgestylte Elena von früher mit ihren Designerkostümen. Ihr Haar hing in langen Locken herab, auch die extravaganten Frisuren gehörten nun der Vergangenheit an.

Ihrer sinnlichen Erscheinung tat das keinen Abbruch.  Auch in einem alten Kartoffelsack würde Elena die wunderschöne Erscheinung abgeben, die alle in den Bann zog.

Sie wählte diesen Aufzug  mit Bedacht , sollte er doch auch rein äußerlich ihren radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben symbolisieren.

Nora wagte es nach einigem Zögern, sie darauf anzusprechen.

„Oh Elena, du bist noch gar nicht umgezogen? Na, macht nichts, hattest es wohl sehr eilig, wie? Dann werde ich dir mal ein paar Kostüme rauslegen. Du suchst dir dann eines aus wie immer?“

Elena hatte immer etliche Kleider im Studio, für alle Fälle.

„Lieb von dir Nora, aber ich brauche keines, Danke!“ lehnte Elena kurz und knapp das Angebot ab.

„Wie, du brauchst keines? Ich verstehe nicht!“ gab diese ihre Verwunderung kund.

„So wie ich es gesagt habe! Ich werde mich nicht umziehen, ich bleibe heute einfach so wie ich bin.“ gab ihr Elena zu verstehen.

„Du bleibst so wie du bist? Das heißt, du willst in den alten Jeans und dieser Lederjacke vor die Kamera? Das kann doch nicht dein Ernst sein?“ Nora schien aus allen Wolken zu fallen.

„Doch, das ist mein Ernst, Liebes! Sieh es einfach so als eine Art Imagewechsel. Ist doch auf Dauer ein wenig langweilig immer in diesen Topkostümen. Die Menschen sollen einfach mal eine andere Elena kennen lernen, eine der saloppen Art, verstehst du?“ versuchte Elena sich herauszureden, denn noch war es nicht an der Zeit, die Katze aus dem Sack zu lassen.

„So ist das! Na, du musst es ja wissen! Also, ich würde mich so auf keinen Fall einem Millionenpublikum präsentieren. Aber wie gesagt, es ist deine Sendung.“ entgegnete Nora unverständig.

„Ich weiß es! Du kannst dir sicher sein, dass ich genau durchdacht habe, was ich tue! Oder hast du schon einmal erlebt, dass ich das nicht konnte.“ lies Elena erkennen.

„Na gut! Dann eben im Alternativlook. Wenn du meine Hilfe nicht brauchst, auch gut!“

Nora entschwand, so schnell wie sie gekommen. Elena war froh, wieder allein mit sich und ihren Gedanken zu sein.

Noch eine Stunde bis zum Auftritt, sie ging in Ruhe alles noch mal durch. Es war wichtig jedes Wort genau abzuwägen, damit sie den zu erwartenden Reaktionen gekonnt Paroli bieten konnte. Und die würde es in Hülle und Fülle geben, zu Hunderten, ja zu Tausenden. Heute Abend brach für viele Melancholanier eine Welt zusammen, eine heile Welt der Täuschung und Fassade. Viele Menschen würden sich dann auf einmal im Stich gelassen fühlen und es war damit zur rechnen, dass sie ihr persönlich die Schuld zuwiesen.

Tue ich recht? Meldete sich eine innere Stimme . Kann ich mich so von dannen schleichen?

Noch war Zeit alles abzublasen. Sie hatte für diesen Fall sogar ein Alternativkonzept parat, etwas das sie schon vor einiger Zeit ausgearbeitet hatte und das seitdem in der Schublade vor sich hin schlummerte. Sie brauchte nur dieses Manuskript zur Hand zu nehmen und ihr Leben würde verlaufen wie bisher. Kein Skandal, keine Revolution!

Nein, es war zu spät für einen Rückzieher, zu sehr hatte sie mit sich gerungen, zu tief waren die Ackerfurchen die Cornelius, Kovacs, Leander und alle anderen durch ihren Geist und ihr Herz gezogen hatten. Sie stand vor der Entscheidung ihres Lebens.

Ganz ruhig bleiben, alles mit Gelassenheit erwarten. Alles kommt, wie es muss! Sprach sie zu sich selbst, lehnte sich in ihrem Sessel zurück und schloss die Augen. Das pflegte sie stets vor ihren Sendungen zu tun  um so Ruhe und Ausgeglichenheit zu fördern. Eine Atemmeditation.

So blieb sie bis etwas zehn Minuten vor dem eigentlichen Start, dann nahm sie ihr Manuskript und verließ den Raum, das Alternative lies sie zurück, die Entscheidung war gefallen.

Im Studio nahm sie ihren Platz ein, so wie immer, und wartet auf das rote Licht, es würde heute zum letzten Male für sie leuchten.

Dann der Start, sie war auf Sendung, auch heute fragte sie sich, wie viele wohl daheim vor den Bildschirmen saßen und auf ihr Gesicht starten und sie wünschte sich, dass es gerade an diesem Abend möglichst viele seien.

Routiniert begann sie mit der Begrüßung:

„Einen wunderschönen guten Abend liebe Zuschauer daheim, wo immer sie in diesem Moment auch sein mögen. Ich bin  wieder da. Nach einer Arbeitspause melde ich mich zurück. Ja, es war eine Pause, wenn Sie so wollen, aber eine, die ich intensiv nutzen konnte. Eine wichtige Pause, ohne die ich viele Erkenntnisse nicht hätte sammeln können, die ich Ihnen heute mit auf den Weg geben möchte. In der hinter mir liegenden Zeit wurden mir, wenn sie so wollen, gründlich die Augen geöffnet, für Dinge auf die ich hier in meinem sichereren Hafen, wohl niemals aufmerksam geworden wäre.“

 

Auch Leanders Familie hatte sich wie immer am Abend am Bildschirm versammelt und wartete wie gebannt auf Elenas Rückkehr. Leander war zugegen und diesmal ganz freiwillig. Er wollte die Frau wieder sehen, deren Reizen er gerade hoffnungslos erlegen war, eine Frau, die für ihn unerreichbar schien, so glaubte er, aus dem einfachen Grund, weil sie aus einer anderen fremdartigen Welt stammte.  Real würde er ihr wohl nie mehr begegnen, aber hier konnte er zumindest ihre Nähe spüren. 

Was er nun zu hören bekam, übertraf alle seine Erwartungen.

 

„Wer bin ich? Was bin ich für Sie? Haben Sie sich das jemals gefragt? Damit meine ich nicht die vielen unsinnigen Sprüche, die überall in der Öffentlichkeit über mich zu hören oder zu lesen sind.

Nein, ich meine es im Ernst. Sein Sie ehrlich zu sich. Wie abhängig sind sie von all den Weisheiten, die ich Ihnen Abend für Abend serviere? Wie leicht sind Sie beeinflussbar von all dem? In wieweit richten sie Ihr Leben danach aus? Hinterfragen Sie das was sie hören auch mal kritisch? Oder gehört kritisches Denken schon lange nicht mehr zu Ihren Fähigkeiten?

Gehen Sie mit offenen Augen durchs Leben, betrachten Sie ihre Umwelt so, wie sich diese tatsächlich offenbart oder sehen Sie nur das, was sie sehen wollen?

Viele Fragen, nicht war? Es tut mir leid, dass ich Sie so frontal damit konfrontieren muss, aber es muss sein, denn noch ist es nicht zu spät, die Reißleine zu ziehen. Noch ist es möglich, einfach nur STOP zu rufen!

Ich weiß, mir ist durchaus bewusst, was viele von Ihnen jetzt denken werden. Was redet die? Das ist doch unsere Elena, so etwas sind wir von der doch gar nicht gewohnt. Sonst drückt sie sich doch stets so klar und korrekt aus. Eine Botschaft, ein Urteil, eine Handlungsweise. So war das immer. Warum in aller Welt sollte das auf einmal anders sein? Selber denken, selbst entscheiden? Wieso denn das auf einmal, dafür haben wir doch unsere Elena, die denkt für uns, die sagt uns stets, was wir tun oder lassen sollen, auf Elenas Urteil ist immer Verlass.

Aber jetzt mal Hand aufs Herz. Sind sie wirklich schon so abgestumpft? Hat das Gift, durch das ich sie alle infizierte, schon seine Breitenwirkung entfaltet, dass Sie in einer Traumwelt leben und Ihnen die Wirklichkeit hingegen nur noch wie eine Fata Morgana erscheint?

Mir jedenfalls scheint das so! Als ich mich in den letzten Wochen auf Abwegen bewegte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Ich sah sie auf gehen, die giftige Frucht, die ich einst mit half  auszusäen. Wo ich auch hinsah Apathie, Hoffnungslosigkeit und Stagnation.

Es ist so wie es ist, man kann ja doch nichts machen. Sie lassen sich nicht ändern, die Zustände, in denen wir leben müssen. So die Durchschnittsmeinung. Ehrlich gesagt, es kann einem schon das kalte Grausen kommen. Melancholanien besteht aus lauter Menschen, die sich lange schon selbst aufgaben. Zombies, lebende Tote, Maschinen, Automaten, die per Kopfdruck funktionieren und das tun, was ihnen suggeriert wird. Phantasielose Schattengestalten ohne die Spur einer eigenen Urteilskraft. So weit sind wir schon gekommen!

Ja leider!“

 

Überall, im ganzen Lande Melancholanien wurde es still, hielten die Menschen gleichsam den Atem an, um nur ja nicht zu überhören, was Elenas in der noch folgenden Sendezeit über ihre schönen Lippen bringen würde.

Leander traute seinen Ohren nicht. Was ging hier vor? Träumte er? War das echt oder nur wieder einer von Elenas ausgeklüngelten Methoden, um die Einschaltquoten zu erhöhen?

Auch Hannes und Anna saßen wie versteinert vor dem Flimmerkasten.

Und ebenso ging es Tausenden und Abertausenden von Zuschauern überall im Lande. Langsam, scheibchenweise, Stück für Stück setzte sich das Bewusstsein durch, dass sie wohl heute Abend noch kollektive Zeugen eines Wunders würden.

Auch Neidhardt hatte an diesem Abend jene Taste auf der Fernbedienung gedrückt, die ihn in eine Welt führte, die er schon lange verlassen hatte. Es war sich nicht bewusst warum er es ausgerechnet heute Abend tat. Er besaß zwar einen Fernsehapparat, doch schaltete er diesen ansonsten ausschließlich ein, um den Wetterbericht  anzusehen. Er war wohl einer Intuition gefolgt, eine andere Erklärung dafür fand er nicht.

 

„Auch ich würde wohl jede Hoffnung verlieren, gäbe es da nicht etwas, dass mein Herz wieder lachen lässt. Früher hätte ich das wohl als Unkraut bezeichnet. Unkraut, das unter den guten Getreidehalmen wuchert und diese schädigt. Menschen, die gegen den Strom schwimmen, Menschen, die einfach nicht mehr mitmachen bei diesem schmutzigen Spiel, die sich verweigern, auch auf die Gefahr hin, dadurch ihre nackte Existenz aufs Spiel zu setzen.

Ich lernte solche Menschen kennen. Am Anfang tat ich mich schwer damit, ihre Gedankengänge zu ergründen, fühlte mich wie vor einer unüberwindbaren Barriere, konnte keine Brücke zu ihnen finden. Doch eines Tages entdeckte ich einen schmalen Steg und ich begann das Wagnis, diesen zu betreten. Zögerlich, ja ängstlich näherte ich mich einer unbekannten Welt. Dann fand ich mich am anderen Ufer wieder. Ich entfernte die Scheuklappen von meinen Augen und mein Blick weitet sich, bis ich klar und deutlich sah.

Ich lernte die Welt mit andern Augen zu sehen, mit deren Augen, aus einem völlig andern Blickwinkel. Vielleicht klingt das abgedroschen, aber ich finde einfach keine andere Umschreibung für das, was dort mit mir geschah.“

 

Tief gerührt vernahm auch Cornelius diese Worte. Er kämpfte mit den Tränen, schließlich ließ er diesen freien Lauf. Mit allem hatte er gerechnet, nur damit nicht. Elena hatte ihre Lektion erhalten und tatsächlich die richtigen Schlüsse daraus gezogen. Das er das noch erleben durfte.

Wut und Empörung hingegen bei Frederic. War Elena denn von allen guten Geistern verlassen? Die war gerade im Begriff, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln. Verrätern jener Sorte begegnete man in seinen Kreisen mit Null Toleranz. Standesbewusste Menschen wussten stets, wo sie hingehörten. Es würde einer enormen Anstrengung seinerseits bedürfen, um das wieder ins rechte Lot zu bringen.

 

„In diesem Land herrschen Zustände, so unhaltbar, dass mir die Worte fehlen, dies auch nur annähernd auszudrücken. Da gibt es welche, die führen ein Leben in verschwenderischem Luxus, während anderen das Notwendigste fehlt. Und da erdreistet sich unsere Regierung, zu behaupten, wir leben in einem der freiesten Länder dieser Erde.

Freiheit, was für ein Wort. Ein schönes Wort, zugegeben. Wir hören es fast täglich aus dem Munde dieser Pseudodemokraten. Nichts aber macht einen Menschen so unfrei wie Armut.

Wer tagtäglich um die nackte Existenz kämpfen muss, für den ist der Begriff Freiheit nur noch Staub und Schatten.

Wo bitteschön finden wir denn diese Freiheit? An den Fließbändern, deren Geschwindigkeit fast täglich erhöht wird, so dass die Belegschaften dort kaum noch Luft zum Atmen hat?

Oder in den schäbigen Pariasiedlungen, dort wo Menschen leben denen man noch nicht einmal mehr eine eigene Persönlichkeit zugesteht?

Ihr solltet euch schämen, ihr, die ihr an den Schalthebeln der Macht sitzt. Das Blut in euren Adern hat die gleiche Farbe wie das all jener, die tagtäglich von euch geschunden werden, nur damit ihr noch reicher, noch abgehobener, noch arroganter werdet.

Ich stelle mir die Frage, warum begehrt keiner dagegen auf? Aus welchem Grund können wir nirgends im Lande nennenswerten Widerstand verzeichnen? Wieso fügen sich die Leute, gleichsam wie Schafe im Angesicht der Hütehunde?

Woher kommt diese devote Haltung?

Lange musste ich überlegen, um zu dem Schluss zu gelangen, wie simpel doch die Antwort ist. Es ist die gezielte Verblödung der Bevölkerung durch die Medien. Tagein tagaus bekommen die Menschen durch 24-stündige Dauerberieselung mittels TV, Radio, Presse, etc. suggeriert, was richtig und was falsch sei. Die veröffentlichte Meinung der Regierung und der herrschenden Eliten wurde zur Grundlage einer ganzen Philosophie. Sie dient als Gerüst, um den Herrschaftsverhältnissen Stabilität zu verleihen. Ich scheue mich nicht, hier von einer regelrechten Ersatzreligion zu sprechen. Die Massenmanipulation hat inzwischen ganze Arbeit geleistet.

Hier gegenzusteuern ist kaum noch möglich. Und trotzdem gibt es Menschen, die bisher jener Infiltration tapfer die Stirn boten.

Und was mich betrifft so war ich ein ganz wichtiges Rädchen im Getriebe dieser schmutzigen Angelegenheit.

Ich habe an herausragender Stellung meinen Beitrag zur Volksverblödung geliefert, vorsätzlich, im vollen Bewusstsein. Und was noch viel schlimmer ist, für Geld, für viel Geld. Ich habe mich selbst zur Hure degradiert und mich dem System an den Hals geworfen. Meine Karriere bedeutete mir  alles. Selbst über Leichen wäre ich gegangen, wenn man es von mir erwartet hätte. Ich habe euch nur benutzt, um meine ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen.

Euer Leid, eure unzähligen Schicksale waren mir gleich.

Für all das was ich getan habe, gibt es keine Entschuldigung. Wenn ihr mich von nun an verachtet, kann ich das absolut verstehen.

Trotzdem möchte ich euch alle um Verzeihung bitten. Um Verzeihung für all die Lügen, die ich verbreitet habe, für das Gift, das ich über euch vergossen. Um Verzeihung für jahrelangen Betrug, Täuschung, bewusste Falschmeldungen und  Manipulationen jeglicher Art.

Und vor allem um Verzeihung für die tiefe Verachtung, die ich euch entgegenbrachte.

Noch bin mir nicht im Klaren darüber, auf welche Weise ich meine große Schuld sühnen kann. Nur eines weiß ich genau, so konnte es nicht weiter gehen.

Ich habe heute das letzte Mal zu euch gesprochen, es wird keine weiteren Sendungen geben. Derer bedarf es nicht, denn ihr braucht mich nicht mehr. Ihr seid jetzt für euch selbst verantwortlich und müsst in der Lage sein, euch eure Urteile selbständig zu fällen. Ich würde dabei nur im Wege sein.“

Elenas Augen füllten sich mit Tränen, nur unter großer Anstrengung gelang es ihr, die Fassung zu bewahren um ihren Monolog fortzusetzen.

„Erhaltet euch ein gesundes Misstrauen all jenen gegenüber, die vor geben euch aufzuklären, statt dessen mit Informationen ein müllen. Kauft diesen Schund nicht mehr! Bildet euch eure Meinung allein durch kritisches Denken. Macht euch kundig. Horcht euch um, wägt ab, vergleicht, bevor ihr euch für irgendwas oder irgendwen entscheidet. Versucht vor allem, so gerecht wie nur irgend möglich zu handeln. Wehrt euch! Seht nicht zu, wenn Unrecht geschieht! Greift ein! Helft eurem Nächsten, wenn es ihm dreckig geht! Geht solidarisch miteinander um! Nehmt nicht mehr hin, was euch zugemutet wird! Seit wachsam gegenüber den Heilslehren, die sich vielerorts verbreiten und  die allein darauf bauen, den Keil noch tiefer in die ohnehin schon gespaltene Gesellschaft zu treiben.

Das ist meine Botschaft an euch. Handelt danach und ich bin mir sicher, binnen kurzer Zeit leben wir in einem veränderten Land. In einem Land, dessen Menschen miteinander teilen, einander geschwisterlich begegnen. In einem, Land dessen Grundsätze auf Liebe, Mitgefühl, Verständigung, auf Toleranz, Harmonie und gegenseitiger Hilfe aufbauen.

" ich fühle mich angekommen! Ich bin angekommen im Leben. Es gibt keine Umschreibung für das Glücksgefühl, das ich derzeit empfinde. Ich bin zutiefst dankbar für diese Erkenntnis und die Möglichkeit, mein Leben von Grund auf zu erneuern.

Im Moment bin ich mir noch nicht sicher, was ich tun werde. Ich habe mal einen recht anständigen Beruf erlernt, ich bin Ärztin, möglicherweise finde ich auf diesem Gebiet etwas. Ich kann die große Welt nicht allein verbessern, das können wir nur gemeinsam tun. Aber im Kleinen könnte ich einen Beitrag leisten, etwa in gezielten Projekten vor Ort. Medizinische Betreuung für jene, die sich eine Behandlung nicht mehr leisten können, derer gibt es so unendlich viele. Das wäre eine Möglichkeit, aber ich weiß es nicht. Vielleicht helft ihr mir dabei und gebt mir einen Hinweis, wo es fehlt. Ich halte mich bereit.“

 

Kovacs wusste beim Anhören dieser Wort sehr genau, was Elena tun könnte, längst schon hatte er das Netzwerk gesponnen, in dessen Bereich sich Elena bewegen könnte. Natürlich hing es davon ab, ob sie dem, was er vorbereitet hatte, zustimmte, aber er war guter Hoffnung. Denn nach diesem Abend gab es die alte Elena nicht mehr.

 

„Seid nicht traurig! Ich werde weiter unter euch sein, wenn  auch nicht mehr in jenem Maße, wie bisher.

Ich habe einfach nur genommen, aber kaum etwas gegeben, das möchte ich versuchen wieder gut zu machen, wenn ich auch nicht weiß, ob es eine Wiedergutmachung geben kann, wie ich bereits erwähnte. Ich kann nur hoffen, dass ihr mich alle versteht und nachvollziehen könnt, was mich zu diesem Schritt bewogen hat.

Ich verdanke euch so vieles. Erst jetzt bin ich zu dieser Erkenntnis gelang, nach langen unendlich scheinenden Umwegen. Leb wohl, Volk von Melancholanien, vergeßt mich nicht!

Ich grüße euch ein letztes Mal ganz herzlich. Und ich grüße ganz besonders dich, Leander!“

Ein Sturzbach bitterer Tränen ergoß sich aus ihren Augen, nun konnte Elena ihre Gefühle nicht mehr im Zaum halten. Ein Millionenpublikum betrachtete die weinende Elena. Ein Bild, das sich tief ins kollektive Bewusstsein der Bevölkerung eingrub.

Dann wurde die Übertragung abgebrochen, wie meist in solchen Fällen folgte ein Reklameblock mit den albernsten Werbeangeboten, das passte zur vorangegangenen Szene wie die Faust aufs Auge.

Bevor noch einer etwas sagen konnte, war Elena schon in ihr Büro entschwunden.

 

Leander sprang nach Abbruch der Übertragung auf und rannte in sein Zimmer, wie ein aufgescheuchter Tiger lief er unruhig auf und ab. Am liebsten wäre er auf der Stelle aufgebrochen und hätte nach Elena Ausschau gehalten. Sie hatte ihn erwähnt, ihn den unbedeutenden Fließbandarbeiter, vor einem Millionenheer von Zuschauern. Träumte er das alles? Er liebte Elena, das wusste er schon lange, auch wenn er lange benötigte, um sich diese Tatsache einzugestehen. Aber nie hätte er auch nur im Traum vermutet, dass Elena ebenso empfand. Sie bewegten sich aufeinander zu und irgendwann würden sie sich finden und das konnte schon in Kürze geschehen.

 

Schnell raffte Elena ihre Sachen zusammen. Sie wollte verschwinden, wollte niemanden mehr begegnen. Ihr Plan gut durchdacht. Ihr Auto parkte in einer unbelebten Seitenstraße und sie würde über die Feuerleiter nach unten gelangen, die sich wie durch eine Fügung direkt vor ihrem Fenster befand. Noch saß der Schock bei den meisten der Redaktion, aber das konnte sich jeden Augenblick ändern. Man würde sie bestürmen mit tausenden Frage und das wollte sie unbedingt vermeiden. Alles was gesagt werden musste, war ausgesprochen und stand im Raum, das reichte, mehr Worte bedurfte es nicht.

Elena schulterte ihren Rucksack und eilte die Leiter hinunter. Die Luft war rein, noch hatte man sie nicht entdeckt. Schließlich befand sie sich auf der Straße um zu ihrem Auto zu gelangen. Als sie eine Weile gelaufen war, bemerkte sie wie sich die ersten Fenster der angrenzenden Wohnblocks öffneten.

Sie hörte jemand rufen: „Holt Elena zurück! Wir wollen Elena zurück!“ Da war offensichtlich der Erste am Verzweifeln. Sei`s drum! Da konnte man nichts machen, so leid es ihr tat, das Risiko musste sie eingehen.

Doch plötzlich wurden weitere Fenster aufgestoßen. „Elena! Wir wollen Elena zurück!“

Von der anderen Seite ertönte: „Lass uns nicht im Stich Elena, wir brauchen dich!“

Was war das? Hatte man sie etwa entdeckt? Das konnte nicht sein:

Nein, daran schien  es nicht zu liegen. Es waren einfach nur spontane Reaktionen auf das so eben Geschehene. Es wurde ihr geradezu unheimlich.

Ein erneuter Beweis für die manipulierende Wirkung die noch immer von ihrer Person ausging. Die würden in den folgenden Tagen, Wochen, ja Monaten an erheblichen Entzugserscheinungen zu leiden haben.

Immer mehr Fenster wurden aufgestoßen. Ein Chor von abertausend Stimmen.

„Elena! Elena! Wir wollen Elena! Wir wollen Elena!“

Immer lauter immer dichter, immer kräftiger. Es schien, dass ganz Melancholanien einer Massenhysterie erlegen war.

Es kam einer Erlösung gleich, als Elena ihr Auto erreicht hatte, schnell hinein und die Tür zu.

Drinnen hielt sie sich die Ohren zu, doch der kollektive Aufschrei drang weiter in ihr Hirn.

Wie von einer Meute gehetzt brauste Elena davon so dass die Reifen quietschten.

„Weg, nur weg hier! Das ist der blanke Wahnsinn! Was habe ich getan? Was habe ich da nur angerichtet!“ heulte Elena laut vor sich hin.

Doch es war zu spät! Die von ihr ausgelöste Lawine rollte und niemand vermochte sie noch aufzuhalten. Wer konnte auch mit solch einer Massenpanik rechnen?

Elena fuhr und fuhr. Als sie wieder zu sich kam stellte sie fest dass sie ohne eigentliches Ziel aufgebrochen war. Sie brauste einfach so durch die Gegend. Erst mal nach Hause, aber lange konnte sie dort nicht bleiben. Nur noch die letzten Instruktionen für Luisa, die gepackten Taschen hatte sie im Kofferraum. Aber wohin dann? Zu Cornelius? Sicher! Wo sollte sie denn sonst unterkommen?

Zu Hause angekommen, stellte sie zu ihrer Genugtuung fest, dass es in ihrem Viertel noch keinen Aufruhr gab. Kunststück, es war das vornehmste der ganzen Stadt. Die Leute, die hier wohnten hatten andere, weit bessere Möglichkeiten, als Abend für Abend vor der Glotze zu hängen. Wie so oft waren die meisten am Samstagabend schon unterwegs in den feinen Restaurants, Bars oder Tanzlokalen. In Theatern oder sonst wo. Angenehme Ruhe umgab sie.

Sie huschte ins Haus. Luisa erwartet sie schon voller Erregung.

„Elena, meist du das ernst mit deiner Äußerung im TV. Aber was soll nun werden. Was soll aus mir werden, ich bin total überflüssig.“

„Nein das bist du nicht! Ja es ist richtig, ich werde gehen! Und ich werde möglicherweise nie zurückkehren. Aber hab keine Angst. Es ist alles geregelt! Die Villa, sie gehört dir!“

„Mir?“ erschrak Luisa:

„Ja dir! Ich habe in der vergangenen Woche alles notariell beglaubigen lassen, ab morgen 0 Uhr bist du stolze Villenbesitzerin. Erhalte mir lediglich die Wohnung im Dachgeschoss, dort habe ich mir das Wohnrecht gesichert, für alle Fälle, sollte ich doch noch schwach werden. 

Ferner habe ich dir ein Konto eingerichtet. Für die ersten Monate erhältst du dein Gehalt weiter wie bisher und kannst zusätzlich über Geld verfügen, um die Kosten für das Haus zu decken. Bitte sende mir die Post an eine Adresse, die ich dir in den nächsten Tagen zukommen lasse.“ erläuterte Elena im Eiltempo.

„Ich kann es noch nicht fassen! Es geht mich nichts an, aber du willst einfach alles zurücklassen?“ Luisa konnte nicht begreifen.

„ Ich habe es mir reiflich überlegt. Du wirst es verstehen, wenn die Zeit gekommen ist.

Ich möchte es nicht versäumen, dich noch um Verzeihung zu bitten.“

„Um Verzeihung? Mich? Für was denn?“

„Ich habe dich sehr oft ungerecht behandelt! Dich angefahren, dich abgekanzelt, dich beleidigt.Oft habe ich mich wie eine Zicke benommen und du hast alles geduldig ertragen. Ich bitte dich in aller Form um Entschuldigung für all die Grobheiten, die du hast ertragen müssen und den Stress, den du um meinetwegen hattest.“

„Aber du bist meine Arbeitgeberin! Das ist normal, dass so etwas geschieht! So ist das nun mal, du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“

„Nein, das ist nicht normal! Und es sollte nie normal sein, ganz gleich wo auch immer auf der Welt.“

Elena griff nach Luisas Händen und drückte sie. Dann umarmte sie ihr einstiges Dienstmädchen und küsse es auf die Wangen.

„Ich muss jetzt verschwinden. Hierkönnte bald die Hölle abgehen, das Haus könnte schon in absehbarer Zeit von Presseleuten und Schaulustigen aller Couleur belagert werden.

Du lässt dich auf keine Gespräche ein. Ich bin nicht da, für niemanden zu sprechen. Du weißt nicht, wo ich mich aufhalte. Dir ist auch nicht bekannt, wann ich wieder komme. Nach kurzer Zeit werden die von alleine verschwinden, wenn sie merken dass es nichts Sensationelles zu berichten gibt. Verlasse in den folgenden Tagen am besten das Haus nur durch den Geheimausgang, das ist sicherer.“

„ Ich werde alles erledigen, wie du es aufgetragen! Und du wirst nie mehr zurückkommen?“ Luisas klang traurig.

„Sag niemals nie! Gut, für die erste Zeit sicher  nicht. Später, ja vielleicht, wenn sich die Wogen geglättet haben. Aber im Moment kann ich gar nichts sagen, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll mit mir. Leb wohl und pass gut auf dich auf.“

„Leb wohl Elena! Ich wünsche dir viel Glück! Alles nur erdenklich Gute!“

„Danke! Machs gut!“

Sprachs und machte sich auf und davon.

Sie startete das Auto, um es zu Cornelius in Richtung Alte Fabrik zu steuern. Er hatte es ihr angeboten und dort wollte sie vorerst unterkommen. Doch nein, sie konnte nicht, zumindest  nicht heute . Mit Sicherheit würde Cornelius überwacht. Morgen würde es ganz Melancholanien erfahren, dann war es vorbei mit dem sicheren Versteck. Verzweiflung bemächtige sich ihrer.

War es schon soweit gekommen, dass sie kein Obdach fand, nicht mehr wusste, wo sie sich verkriechen sollte? Arme Elena, tief bist du gesunken, sprach eine  Stimme aus ihrem Inneren.

Erneut kämpfte sie mit den Tränen. Dann ließ sie den Motor an und fuhr los.

Sie beschloss, an die Promenade zu fahren, das Ufer des Radung. In lauen Spätsommernächten konnte man dort stundenlang spazieren gehen. Es war Ende September und bereits dunkel und somit hatte sie vielleicht die bessere Chance, nicht all zu leicht erkannt zu werden. Aber auch das ließe sich wohl kaum vermeiden, bei ihrem Bekanntheitsgrad.

Sie stellte das Auto auf dem Parkplatz in Ufernähe ab und schritt schnellen Fußes zur Promenade. Zum Glück nicht viel los, nur wenige waren unterwegs. Sie ließ sich auf einer Bank nieder, blickte den sich leicht kräuselnden Wellen nach, die langsam ans Ufer brandeten, leichtes Rauschen, dazu das Quaken der zahlreichen Enten, die im Wasser paddelten. Von der anderen Uferseite blickten ihr die Lichter der Straßenbeleuchtung und der Wohnhäuser entgehen, zum Glück war es noch angenehm warm, hier würde sie verweilen, vorerst. Sie steckte sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Sie hatte sich fest vorgenommen, auch das Rauchen aufzugeben. Doch noch benötigte sie es zur Beruhigung.

 

Leander hatte sich etwa zur gleichen Zeit auf den Weg begeben. Es schien, als sei er von einer Intuition getrieben. Er suchte Elena, ohne zu wissen, wo. Eine Suche, die der einer Nadel im Heuhaufen gleichkam. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo sich Elena befand.

Auch ihm war bewusst, dass sein Idol nicht zu Cornelius konnte. War sie noch zu Hause? Nein, unwahrscheinlich wegen des Presserummels, auch ihre zahlreichen Freundinnen und Bekanntschaften schieden aus dem gleichen Grunde aus. Sie war hier irgendwo. Wenn er nur einen kleinen Anhaltspunkt hätte, wo er gezielt suchen könnte. Um sich abzulenken, bog er auf die Promenade ein und lief am Wasser entlang, das beruhigte ihn immer ganz besonders in Stresssituationen. Die durchlitt er als Bandarbeiter mehr als genug.

Er hielt inne, lehnte sich an das Geländer und sah sich dass sanft fließende Wasser an, die Sterne am Himmel der klaren Nacht spiegelten sich darin.

Lange blickte er so vor sich hin, bis er sich entschloss, weiter zu gehen. Als er eine zeitlang gelaufen war und sich wieder und wieder eingestehen musste, wie unsinnig sein Unterfangen war, beschloss er umzukehren, es hatte alles keinen Sinn. Er würde Elena nicht finden.

Die feierte wahrscheinlich irgendwo eine rauschende Party und amüsierte sich köstlich über die Verwirrung, die sie mit ihrer Ansprache ausgelöst hatte. Morgen, spätestes in der nächsten Woche würde sie wieder auf der Mattscheibe erscheinen, alles rückgängig machen. Alles vergessen. Wieder ganz die alte. Nix mehr mit der Solidarität und der Liebe unter den Menschen, womöglich drosch sie dann wieder vergnüglich auf die Wehrlosen  ein, so, als sei nie etwas geschehen.

Ein letzter Blick nach vorn, auf einer Bank sah er die Frau mit den leuchtend kupferroten Haaren, die sah Elena ähnlich. Sehr ähnlich! Nein, das konnte nicht sein! Leander kniff die Augen zusammen.  Er glaubte zunächst einer Sinnestäuschung erlegen zu sein. Nein, es war keine Fata Morgana. Die Person, die dort saß, war real.

Zögernd bewegte er sich auf sie zu. Wenige Meter vor ihr hielt er an. Es war Elena. Sie bemerkte ihn nicht, schien leicht vor sich hin zu dösen.

Was sollte er tun, sie aufwecken? Nein, er näherte sich vorsichtig und ließ sich ebenfalls auf der Bank nieder.

Er hatte sie gefunden, welcher Wink des Schicksals hatte ihn hierher gelenkt? Das konnte doch alles kein Zufall sein.

Elena bemerkte jetzt die Nähe einer Person, öffnete die Augen und blickte in Leanders Gesicht.

„Leander? Du? Aber… wie um alles in der Welt hast du mich gefunden?“

„Ich weiß es nicht. Es überkam mich plötzlich das Bedürfnis, nach dir zu suchen. Klingt blöd, ich weiß. Ich ging einfach hierher, ich kann auch nicht erklären warum. Ich glaubte zunächst zu träumen, bis ich feststellte, dass du es tatsächlich bist.“

„Es stimmt! Ich bin durch reinen Zufall hier. Ich hab mich einfach hier niedergelassen. Warum ausgerechnet hier?. Keine Ahnung!“

„Tja, da hast du vielleicht was angestellt, mit deiner Rede. Die Leute sind ja wie aus dem Häuschen.“

„Ich weiß, ich weiß!“ erschöpft ließ Elena ihr Gesicht in den Handflächen verschwinden.

„Aber ich bedaure nichts. Ich bin froh dass ich es hinter mich gebracht habe. Das war lange überfällig. Es ist endgültig. Aber es ist schwer, alles aufzugeben. Ich stehe vor dem Nichts. Helfen möchte ich, aber im Moment kann ich nicht mal mir selber helfen. Viel versprechen kann ich mir von diesem Hundeleben jedenfalls nichts mehr.“ resignierte Elena.

„Elena! Du wirst erwartet. Du wirst sehen, alle haben dich gemocht an diesem Abend, viele Tränen sind geflossen. Du gehörst jetzt zu uns. Du hast dich zu uns bekannt.“

Leander ergriff Elenas Hand. Wie geschmeidig, wie elegant diese doch war. Elena erwiderte seinen Druck und plötzlich fiel sie ihm um den Hals. Leander drückte sie fest an sich, an seinen Wangen spürte er ihre Tränen.

„Ich weiß  nicht mal, wo ich hin soll? Ich kann mich heute nirgends blicken lassen. Ich möchte es niemanden zumuten, mich aufzunehmen. Wenn das bekannt wird, machen die jedem, der dazu bereit ist, die Hölle heiß. Ich fühle mich so einsam und verlassen.“ schluchzte Elena in Leanders Ohr.

„Ruhig, Elena! Ganz ruhig! Ich bin da. Weißt du was, du kommst einfach mit zu mir, zumindest heute Nacht. Morgen sage ich den anderen Bescheid, dann schleusen wir dich in die alte Fabrik zu Cornelius. Der ist nach wie vor bereit, dich bei sich aufzunehmen, die freuen sich alle schon auf deine Rückkehr. Aber es muss im geheimen über die Bühne gehen. Wegen des Staatsschutzes, du weißt, dass sie Cornelius überwachen. Heute kommst du zu mir, vorausgesetzt mein kleines Zimmer genügt deine Ansprüchen.“ bot Leander spontan an, ohne sich  im Augenblick der Folgen bewusst zu sein.

„Ob es meinen Ansprüchen entspricht? Leander, ich habe keine Ansprüche mehr. Das würdest du wirklich für mich tun? Nachdem ich so grob zu dir war, als wir uns zum ersten Mal begegneten?“ wie ein kleines Kind klammerte sich Elena an Leander, der strich sanft durch ihr feines Haar. Was für ein Duft, es raubte ihm beinahe den Verstand, als er ihn einatmete.

„Ich war aber auch nicht viel netter zu dir. Rothaarige Zicke habe ich dich gerufen, weißt du noch?“

Elena konnte wieder lachen.

„Ja, das weiß ich noch! Und du hattest absolut recht damit, denn genau so eine war ich.

Ich möchte so gerne eine andere werden, Leander, nichts auf der Welt wünsche ich mir mehr als das. Glaubst du, es könnte mir gelingen?“

„Ganz sicher! Heute Abend hast du den Anfang gemacht. Was du heute vollbracht hast, wird dich in den Herzen der Menschen  unsterblich machen. So radikal hat wohl noch keiner mit seinem Leben gebrochen. Und nun wird es weiter gehen. Cornelius und Kovacs werden dir helfen, besser, als ich es kann.“

„So wie du mir heute geholfen hast, keiner wird das überbieten.“ Elena strich mit dem Handrücken über Leanders Wange, dem stockte vor Erregung fast der Atem.

„Es wird langsam ein bisschen kühl, findest du nicht auch? Wollen wir gehen?“ versuchte Leander abzulenken, denn er glaubte nicht, sich noch länger beherrschen zu können.

„Ja, wenn du meinst! Und du glaubst wirklich, dass ich mit zu dir kann. Ich will nicht, dass du meinetwegen Unannehmlichkeiten bekommst.“

„Ach, was soll passieren, mir macht keiner Scherereien. Das geht schon in Ordnung.“

Leander spielte seine nicht ganz einfache Lage herunter. Denn so unproblematisch war die Angelegenheit nicht. Die kleine Wohnung teilte er sich mit seinen Eltern und seinen zwei Geschwistern. Sicher, er besaß ein eigenes Zimmer, aber eine Intimsphäre war so gut wie nicht vorhanden.

Was sollte er sagen, wenn er plötzlich Elena ins Haus brachte? Würden seine Leute vor Schreck in Ohnmacht fallen? Zudem, was war sie denn für ihn? Heute Abend waren sie Freunde geworden, gute Freunde, mehr aber auch nicht, wenn es in beiden auch kräftig rumorte und die Gefühle einer Achterbahn glichen. Ein Liebespaar waren sie nicht. Noch nicht. Um dorthin zu gelangen, mussten Tausende von Widerständen  überwinden werden.

„Wollen wir gehen? Fragte Leander:

„Wir können fahren, ich habe mein Auto gleich hier um die Ecke auf dem Parkplatz stehen. Na gut. Dann komme ich mit. Dann lerne ich gleich, wie du lebst. Ist wieder eine neue Erfahrung für mich!“

Die beiden gingen zum Parkplatz. Leander wurde es fast schwindlig als er die Luxuslimousine betrachtete, noch nie in seinem Leben war er in einem solchen Ding unterwegs. Was würde Elena damit machen? Das interessierte ihn im Moment am meisten.

„Tolles Auto! War sicher nicht billig was? Was wirst du jetzt damit machen?“

„Damit machen? Ich verstehe nicht! Ach so, du meinst, ob ich es behalte. Ich weiß nicht! Fürs erste bleibt er noch. Man kann ja nie wissen, wofür ich ihn noch mal brauchen kann.“ antwortete Elena, während sie die Zentralverriegelung bediente und die Fahrertür öffnete.

„Damit wirst du erst recht auffallen. In unserem Viertel fährt niemand so etwas.“ Leander schwang sich auf den Beifahrersitz.

„Ach ja, daran habe ich gar nicht gedacht. Sollen wir ihn hier stehen lassen und lieber zu Fuß gehen?“

„Nein, nein fahr! Ich sage, dir wo du ihn abstellen kannst.“

Elena zündete, jeder Handgriff wie eingeübt. Leander betrachtete wieder nur ihre Hände. Was für eine Eleganz. Würden die je seien Körper auf sinnliche Weise berühren?  Leander war außerstande, sich das auch nur auszudenken.

Elena lenkte den Wagen auf die zu dieser Zeit kaum benutzte Straße. Leander lotste sie sicher durch das Viertel, dann, nach einer Weile erreichten sie sicher ihren Bestimmungsort.

Elena parkte ihren Wagen an einer etwas abseitigen Stelle, hier würde er weniger ins Auge fallen.

„Du hast ja ne ganze Menge Gepäck dabei, sollen wir das alles mit nach oben bringen? Das gibt ein Problem bei meinem kleinen Zimmer.“ vermutete Leander.

„Ach wo! Hier der kleine Rucksack genügt erst mal, habe ich alles drin was ich für eine Nacht benötige. Alles Weitere können wir zurücklassen, ich schließe ja ab. Oder fürchtest du, dass man ihn aufbricht?“

„Schon möglich! Weißt du, solche Luxusschlitten kommen äußerst selten in diese Gegend, die erregen Aufmerksamkeit, aber hier an der Stelle ist er relativ sicher.“ versuchte Leander zu beruhigen.

„Na ich schließe ihn ja ab. Und da gibt es noch ein eingebautes Sicherheitssystem.“

„Ein Sicherungssystem?“

„Ja! Pass auf! So, jetzt ist es eingeschaltet.“ Elena betätigte einen Knopf auf einer Fernbedienung.

„Versuch jetzt, das Auto zu berühren!“

Leander tat wie ihm geheißen. Kaum hatte er die Hand nach dem Luxusschlitten ausgestreckt, bekam er einen heftigen Stromstoß, so dass ihm der Arm nach hinten flog.

„Autsch! Das ist aber ne heftige Sache!“

„Ja, und dabei habe ich erst die geringe Stärke eingestellt, da gibt es noch weit heftigere!“ klärte Elena auf.

„Du meinst auch solche, die zum Tode führen?“ entsetzte sich Leander.

„ Auch so was in der Art. Aber die habe ich nicht eingestellt, keine Sorge.“

Die Privo verstanden ihr Eigentum zu schützen. Das mussten sie auch, waren sie doch nur von Neidern umgeben, die ihnen ihren Wohlstand nicht gönnten. So lautete  Elenas Botschaft  tagein tagaus.

Die beiden schritten auf den Wohnblock zu, Elena fiel der Lärmpegel auf, überall drangen Geräusche aus den Fenstern, das war aber noch nichts im Vergleich zu dem was sie vernahm als sie das Treppenhaus betraten. Der Aufzug war schon wieder seit Tagen außer Betrieb, so quälten sie sich die Treppe hinauf bis zum siebten Stock, selbst der sportlich-durchtrainierten Elena ging zum Schluss ganz schön die Puste aus.

Leander schloss die Türe auf und lugte durch den Schlitz.

„Die Luft ist rein! Alles ruhig!“

„Hast du denn Angst vor deinen Eltern? Ist es denen unangenehm, wenn du Leute mit in die Wohnung bringst?“ wollte Elena erstaunt wissen.

„Das nicht! Aber Elena mit bringen? Das würde die glatt umhauen!“ versuchte Leander die Angelegenheit herunterzuspielen.

„Verstehe, ich bin ganz still!“ flüsterte Elena zurück, während sie sich durch den kleinen Flur auf Leanders Zimmer zu bewegten.

Leander öffnete die Tür, Elena folgte ihm in das Zimmer. Leander betätigte den Lichtschalter.

„Aha, hier wohnst du also, ein wenig klein würde ich auch sagen, dafür aber sehr gemütlich!“ stellte Elena fest.

Das Zimmer bot zwei Leuten kaum genügend Bewegungsfreiheit, es war schlichtweg nicht für Besucher ausgelegt.

Leander machte einen mit frisch gewaschenen Kleidungsstücken beladenen Stuhl frei, damit sich Elena dort setzen konnte.

 Das ist mein Reich! Klein aber mein. Ach ja, Bad und Toilette gleich vis-à-vis die Tür gegenüber und schlafen kannst du in meinem Bett. Ich habe noch eine Matratze, auf der ich mich zur Nacht bette.“

„Danke! Danke noch mal für deine Mühen, Leander, ich will nur hoffen, das ich nicht zu großen Aufwand bereite.“

„Ach was, geht schon in Ordnung! Alles klaro!“ mimte Leander den coolen Macho, das deckte sich allerdings kaum mit seinem wahren Empfinden, denn in Wirklichkeit ging es ihm mächtig durchs Gedärm. Ständig hatte er das Gefühl aufs Klo zu müssen,so sehr hatte die die Aufregung gepackt.

Bekamen seine Eltern mit, wen er mit nach Hause gebracht hatte, war damit zu rechnen dass sie ausflippten. Aber eine Begegnung ließ sich wohl kaum vermeiden, in der kleinen Wohnung bestand keine Möglichkeit sich aus dem Weg zu gehen.

„Ja, viel unternehmen können wir nicht hier, wie du siehst. Oder was möchtest du noch tun?" wollte Leander wissen.

„Nichts! Nur schlafen! Ich bin sehr müde, der Tag hat ganz schön geschlaucht. Oder möchtest du noch was machen?“

„Nein, nein. Geht in Ordnung! Da schlage ich vor, wir legen uns gleich hin!“

Leander begann das Bett herzurichten.

„Ich vertreibe dich ungern aus deinem Bett!“ meinte Elena als sie die kleine Matratze betrachtete, die Leander aus dem Bettkasten holte und auf dem Boden ausbreitete.

„Ach was, kein Problem, mach dir keine Gedanken!“

Elena verschwand kurz im Badezimmer um sich ein wenig zu waschen. Hoffentlich muss jetzt keiner aus der Familie aufs Klo hörte sich Leander flehen. Groß die Erleichterung, als sie eintrat, ohne jemanden begegnet zu sein.

In der Zwischenzeit hatte Leander das Bett gemacht.

Elena begann sich auszuziehen, Scham war für sie noch immer ein Fremdwort . Ein Partygirl und Schamgefühle? Wie sollte er es nur diese Nacht aushalten. Das was sich da entkleidete war keine Frau, das war eine Göttin. Was Leander jetzt zu sehen bekam übertraf bei weitem seinen Erwartungen. Wie konnte ein lebendiger Mensch so einen Körper besitzen, da stimmte einfach alles. Wie eine präzise aus Stein gemeißelte Statue.

Splitternackt kramte Elena in ihrer Tasche herum, holte ein kurzes Nachthemd heraus und streifte es über,um im Anschluss unter die Decke zu schlüpfen.

„Puuah, das tut gut! Endlich Ruhe. Ich hatte schon die Befürchtung, auf der Parkbank nächtigen zu müssen. Ich stehe tief in deiner Schuld, Leander, ich werde dir das nie vergessen.“

Sie streckte sich kräftig und gähnte dabei genüsslich.

Leander konnte seinen Blick nicht von ihr wenden. Schnell schlug er seine Decke um sich, denn seine Erregung wurde immer deutlicher sichtbar.

Zu aller Vorsicht löschte er das Licht, so dass der Raum nur noch von den spärlich eindringenden Strahlen der Straßenlaternen beleuchte wurde.

„Sag mal Leander, wann wollen wir denn morgen zu Cornelius gehen? Hast du denn überhaupt Zeit? Musst du nicht arbeiten?“ fragte Elena in die Dunkelheit.

„Ich habe frei morgen. Überstunden abbummeln!“

„Ach ja, gut! Ach gibt's das überhaupt noch Überstunden abbummeln?“

„Ja! Aber nur, wenn der Chef zustimmt!“

Elena hatte in früheren Zeiten hartnäckig die These vertreten, das Überstunden umsonst geleistet werden müssten, also weder bezahlt noch abgebummelt, die Preka seinen in der patriotischen Pflicht ihrem Vaterland gegenüber.

„Da muss Egbert nen guten Tag erwischt haben. Oder der alte Fuchs führt schon wieder was im Schilde.“ glaubte Elena zu wissen. “Naja, geht mich nichts mehr an, die können mir gestohlen bleiben.“ wieder gähnte Elena.

Eine kurze Zeit der Stille folgte. Leander vermutete, das sie eingeschlafen sei.

„Leander?“

„Ja!“

„Hattest du schon mal ne Freundin? Ich meine, so richtig was fürs Herz?“

„Ich? Nein! Ich meine…nicht so richtig! Eben nur so nebenbei…“ stammelte Leander.

„Schon gut! So genau wollte ich s gar nicht wissen. Hab ich dich mit meiner Fragerei verlegen gemacht?“

„Nein, nein! Kein Problem!“

Das war gelogen, er war mehr als verlegen. Er kämpfte unentwegt mit seiner Erregung, selbst unter der Decke konnte man sein steifes Glied wahrnehmen.

Da lag Venus persönlich nur einen Meter entfernt und wollte wissen, ob sie ihn verlegen machte.

„Such dir eine, die wirklich zu dir passt! Nur so können zwei Menschen wirklich glücklich werden.“ riet Elena.

Die Frau seiner Träume lag direkt neben ihm, nur die wollte er aber leider passte die nicht im Geringsten zu ihm und seinesgleichen.

„Naja, lass uns jetzt schlafen! Gute Nacht, Leander, träum was Schönes!“

„Gute Nacht, Elena!“

Schlaf würde  kaum finden in dieser Nacht und wenn doch wäre der Gegenstand des Traumes leicht zu erraten.

Leander bearbeitete sein Glied, um sich Erleichterung zu verschaffen, machte es dadurch aber nur noch schlimmer, denn zum Höhepunkt konnte er es  ja wohl nicht kommen lassen, das würde sie mit Sicherheit bemerken. Er ließ ab von sich, drehte sich auf die Seite, doch die Erregung blieb.

Elenas Waden und Füße lugten unter der Decke hervor und glänzten im Lichte der Straßenleuchten. Leander streckte die Hand aus. Nur eine Berührung, doch er ließ rechtzeitig davon ab. Er glaubte sich an einen Marterpfahl gebunden.

Endlich nach Stunden fiel er in einen leichten Schlaf.  

Wenn er glaubte, dass Elena mit der Angelegenheit bedeutend cooler und gelassener umging, täuschte er sich gewaltig. Denn auch die lag lange grübelnd wach. Sie verstand es nur bedeutend besser, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Leander bedeutete ihr etwas, das stand zweifelsohne fest. Aber sie konnte nicht deuten, worin diese Zuneigung bestand. Liebe? Noch nicht! Verliebtheit möglicherweise. Das Interesse an der ganzen Art, wie er lebte Auch das spielte sicher eine Rolle. 

Elena war sich der Tatsache durchaus bewusst, dass beide in Welten zu Hause waren, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Konnte da etwas wachsen? Kaum! Stark sein, am Besten gar keine tiefer gehenden Emotionen auf kommen lassen. Schwor sie sich. Ein bisschen verliebt sein? warum nicht? Das würde ihr in ihrem neuen Leben helfen. Aber mehr konnte nicht daraus werden, rechtzeitig gegensteuern, dann, wenn es zu weit gehen sollte. Eine schöne Theorie, aber bekanntlich klaffen theoretischer Anspruch und dessen praktische Umsetzung nicht selten meilenweit auseinander.

 

Als der Morgen graute hielt es Leander kaum noch aus. Die Stunde der Wahrheit nahte.

In der Küche hörte er seine Mutter hantieren. Die waren immer früh zu Gange, sein Vater auch, obgleich der hätte ausschlafen können, nachdem er arbeitslos wurde, doch nein, statt dessen stand der wie üblich auf und verbrachte dann Stunden damit, apathisch aus dem Fenster zu blicken. Er verstand die Welt nicht mehr. Und das schlimmste stand ihm noch bevor, er war jetzt Prekaparia, die Entpersonifizierung drohte.

Und in eine solche Welt hatte er das ehemalige Glamourgirl gebracht. Eine Zusammenstoß mit größter Wahrscheinlichkeit unausweichlich.

Elena gähnte und rekelte sich unter ihrer Decke.

Leander befand sich in einem tiefen Zwiespalt, einerseits schwebte er auf Wolke 7, Elena bei sich zu haben, dass war so phantastisch, das er es gar nicht auszudrücken vermochte. In ihrer Nähe zu sein machte ihn unendlich glücklich. Andererseits würde er zehn Kreuze machen, wenn er sie endlich bei Cornelius abgeliefert hatte. Die konnten sie dort sicher unterbringen.

„Guten Morgen, Leander! Na auch schon wach?“ Elena streckte sich, während sie das sprach.

„Ja, schon lange! Hab kaum geschlafen. Ist so aufregend die ganze Sache. Hast du gut geschlafen?“

" Ganz toll! Ich bin zum ersten Mal seit langem richtig ausgeruht. Ist die Luft rein? Ich möchte mich ein wenig frisch machen in eurem Bad?“

 "Ich glaube schon. Ich sehe nach!“ Leander öffnete die Tür. „Ja komm her, alles in Ordnung!“

Elena schlüpfte in die Nasszelle, so klein, dass sie sich darin kaum bewegen konnte. Kein Vergleich zu dem, was sie gewohnt war und das ihr entsprach.

Aber immerhin, es gelang ihr eine Katzenwäsche, so dass sie sich wenigstes sauber fühlte.

Leander hatte in der Zwischenzeit damit begonnen sein Zimmer aufzuräumen. Soweit war alles gut gegangen. Hoffentlich würde das auch bis zum Ende halten.

Während er so vor sich hin hantierte hörte er den Aufschrei seiner Mutter.

Gleich darauf stürzte sie aufgebracht in sein Zimmer.

„Leander, kannst du mir sagen, wie diese Frau in unser Bad kommt. Du hättest uns  wenigstens vorher einweihen können, wenn du jemanden mitbringst Wer ist das überhaupt?

„Hat sich gestern so ergeben. Hatte keine Zeit vorher was zu sagen. Wer sie ist? Hast du sie dir denn nicht richtig angesehen?“

„Nein, wie sollte ich? Hab die Tür vor Schreck gleich wieder zugeknallt. Sollte ich sie kennen?“

„Das gibt es nicht! Da hockt ihr Abend für Abend vor der Glotze, seht ihr Gesicht, betet sie buchstäblich an und dann erkennt ihr Elena nicht wenn sie in der Wohnung vor euch steht.“

„Komm laß den Unsinn! Ich bin nicht zum Spaßen aufgelegt! Elena! Da musst du dir schon was Besseres einfallen lassen. Also wer ist sie?“ Natürlich konnte die Mutter nicht glauben, was sie da zu hören bekam.

„Es ist Elena! Glaub mir! Ich will jetzt nicht mit dir  diskutieren. Du kannst sie ja gleich selber fragen, wenn sie vor dir steht.“

„Dann eben nicht! Von mir aus mach doch was du willst, aber sag das nächste Mal gefälligst Bescheid, wenn du Leute übernachten lässt! Elena! So ein Blödsinn! Das hättest du gern oder was?“

„Guten Morgen! Verzeihung! Es war meine Schuld. Leander war so freundlich, mich aufzunehmen. Ich wusste nicht wohin nach meinem gestrigen Auftritt. Meine Wohnung wird von Presseleuten belagert und die kann ich im Moment nicht gebrauchen. Aber keine Sorge, es war nur für eine Nacht, ich werde sogleich verschwinden. Leander spricht die Wahrheit! Ich bin Elena!“ stellte sie sich unbekümmert vor.

„Du bist Elena!“ Anna musterte ihren Gast von oben bis unten. „Das…das ist unmöglich. Nein, die Ähnlichkeit ist da, aber… ja die Kleidung von gestern aus dem Fernsehen, die war so ungewöhnlich für Elena, das ich sie mir eingeprägt habe. Aber das Gesicht? So ganz anders.“ erinnerte sich Anna.

„Das liegt daran, dass ich ganz auf Make-up verzichtet habe. Ich wollte so natürlich wie nur möglich erscheinen.“

„Ja, jetzt glaub ich es auch fast! Das ist ein Ding! Elena? In unserer Wohnung? Hannes, Hannes? Wo bist du? Das glaubst du nicht!“ Anna stürzte aus dem Zimmer.

Elena musste kichern. Leander aber war es nicht zum Lachen.

„So, nun haben wird den Salat, naja, war wohl nicht zu vermeiden. Ich hoffe nur, sie trommelt nicht gleich die ganze Nachbarschaft zusammen.“

„War doch ganz amüsant! Du hast selbst gesagt dass eine Begegnung unvermeidlich ist. Nun wissen sie's und das Ist in Ordnung.“

Mit ihrem Mann im Schlepptau kam Anna schnell zurück.

„Sieh hin, es ist Elena! Leander hat sie einfach mit zu uns gebracht, mit nach Hause!“

„Mit nach Hause gebracht. Mit nach Hause!“ stammelte Hannes wie ein wenig abwesend.

„Elena, ja du bist Elena! Ich erkenne dich genau! Sag, dürfen die das?“

„Wer soll was dürfen?“ Wollte Elena erstaunt wissen.

„Na, mich einfach rausschmeißen, so mir nix dir nix! Wie einen alten Mantel, den man nicht mehr braucht, einfach so weg. Sag schon dürfen die dass? Ich meine, wir sind doch gute Melancholanier?“

„Na, ich bin seit gestern Abend bestimmt keine gute mehr. Ob die das dürfen? sicher! Wer die Macht hat, hat das Recht, so einfach ist das. Die werden immer tun was sie wollen, leider, da können wir nichts ausrichten. Noch nicht! Aber womöglich finden wir eine Lösung.

„Aber kannst du denn nicht ein gutes Wort für mich  einlegen, dass die mich wieder einstellen, ich bin über dreißig Jahre im Betrieb, war nie krank, hab jede Überstunde mitgenommen, verzichtet…“

„Vater, lass Elena in Ruhe, sie steht im Moment selber vor dem Nichts!“ beschwor Leander seinen Vater.

„Vor dem Nichts! Alle stehen wir vor dem Nichts! Überall nur Nichts!“ laberte Hannes weiter. „Die, die wollten, dass ich mich zum Clown mache, dass ich mich ausziehe, am Band. Da.., da.. hab ich nicht mitgemacht.  Bin ich einfach fort. Die haben  mich rausgeworfen, einfach so. Sag doch schon, dürfen die das?“ Hannes packte Elena an den Armen. Leander befreite sie davon.

„Es ist genug, Vater! Beruhige dich! Elena ist die Falsche, setze dich lieber gegen die wahren Schuldigen zur Wehr, so wie ich es immer gesagt habe.“

Elena erschrak. Es war Hannes, Leanders Vater, bei dieser unappetitlichen Vorführung. Und sie hatte zugeschaut. Das wurde ihr peinlich, auch wenn er nicht wissen konnte, dass sie oben in der Loggia  war.

„Genug jetzt, raus mit euch, alle beide! Habt ihr keinen Anstand? Seht ihr nicht, dass Elena noch gar nicht angezogen ist?“ schimpfte Leander und drängte seine Eltern zur Tür hinaus.

„Also gut, dann habe ich also deine Eltern auch gleich kennengelernt. Ich denke, wir rüsten uns. Ich möchte so bald als möglich zu Cornelius. Am besten gleich!“ Elena schien es plötzlich sehr eilig zu haben.

„Nix da! Zuerst wirst du mit uns frühstücken. Dann muss ich erst Nachricht geben, ein paar Leute müssen organisiert werden, die helfen, das kann noch den gesamten Vormittag in Anspruch nehmen, so lange bleibst du bei uns. Mach dir nichts draus, die sind Fremden gegenüber immer ein wenig reserviert.“ wiegelte Leander ab.

Elena begann sich umzuziehen, wieder tat sie das ganz ungezwungen. Leander drehte sich um, er wollte nicht schon am frühen Morgen einen Rausch verfallen

Als sie fertig war begaben sie sich in die Küche, Anna hatte den Tisch gedeckt, für alle.

Elena nahm Platz, es war zu spüren, dass es beiden Seiten nicht ganz wohl dabei war. Doch sie musste sich dem stellen.

Anna schenkte ihr Kaffee ein. Leander setzte sich an ihre Seite, so als bedurfte sie eines Beschützers.

Hannes stammelte noch immer vor sich hin.

„Ich sitze hier rum! Ich müsste längst auf der Schicht sein, stattdessen sitze ich einfach hier rum.“

„Du brauchst nicht mehr zur Schicht Vater, das ist vorbei. Gewöhn dich dran, genieße doch einfach den Ruhestand.“ neckte ihn Leander.

„Ja, so ein Ruhestand ist doch was feines, finde ich. Da haben sie  so viel Zeit. Zeit um Dinge zu unternehmen, die sie schon lange einmal machen wollten.“ Hakte Elena nach, während sie sich ein Brötchen schmierte, ohne zu wissen, dass sie dabei in ein Fettnäpfchen getreten war.

„Ruhestand? Was für Ruhestand? Gibt keinen Ruhestand für Preka!“ Polterte Hannes.

„Wir wissen nicht was auf uns zukommt. Hannes ist doch erst 65, der muss doch noch 10 Jahre arbeiten. Jetzt ist er Prekaparia, da bekommen wir viel weniger Geld und das nur für eine Weile. Aber was noch schlimmer ist, wir fürchten, aus der Wohnung geworfen zu werden?“ klagte Anna.

„Aus der Wohnung, aber warum denn das?“ tat Elena so naiv oder kannte sie den Grund nicht.

„Die ist zu groß. Uns stehen dann nur noch 20 Quadratmeter zu.“ gab Anna zu verstehen.

„Aber das ist doch Wahnsinn! Wer kann denn auf so kleinem Raum leben?“ Elenas Entrüstung schien tatsächlich ernst.

„Prekaparia stehen nur so viel zu, die arbeiten nicht, also brauchen sie nicht anständig wohnen. Ich kenne da zufällig jemand, der vor kurzem die Forderung aufstellte, dass 15 ausreichen.“ meinte Leander. „Das warst du! Erinnerst du dich? Brauchst es ja nicht zu sagen.“ flüsterte er anschließend in ihr Ohr. Elena erschrak. Ihr war bewusst das er die Wahrheit sprach Vor Scham wäre sie am liebsten im Boden versunken. 

„Aber kann dein Mann nicht eine Rente beantragen? Das müsste doch zu machen sein!“ schlug Elena vor.

„Rente? Aber die gibt’s doch erst mit 75, vorzeitig ist nicht drin.“ motzte Hannes weiter.

„Es gab mal jemand, der forderte vor gar nicht langer Zeit, das Renteneintrittsalter auf 80 zu erhöhen, die Bandarbeiter inbegriffen.“ schloss sich Leander an.

„Das hast du getan! Kannst du dich erinnern?“ flüsterte er Elena wieder zu.

Der Bissen blieb ihr beinahe im Halse stecken.  Alle drei blickten voller Mitleid auf sie herab.

Nur raus hier, das war im Moment ihr einziger Wunsch, statt dessen saß erst mal fest.

„Es kann natürlich sein, die lassen uns in der Wohnung, die Sozialpolizei wird bald kommen, um hier alles auf den Kopf zu stellen. Wenn die ein Auge zudrücken können wir bleiben, dürfen dann nur nicht mehr alle Zimmer betreten, die werden dann versiegelt.“ kündigte Leander an.

„Hör auf! Ich kann das nicht mehr hören! Ich will es nicht hören!“ schluchzte Hannes!

„Aber warum denn? Vielleicht kommen wir dann ins Fernsehen. Ist doch einer eurer Lieblingssendungen. SoPo greift ein. Da habt ihr doch immer gerne zugesehen, wie die Leute vor laufenden Kameras aus den Wohnungen geworfen wurden. Dir ist diese Sendung diese Sendung sicher bekannt, Elena?“ provozierte Leander.

Natürlich kannte sie die, von ihr erfunden und selbst einmal moderiert, wenn sie diese auch vor Zeiten in andere Hände gegeben hatte.

Elena wurde es übel, sie hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen. Doch sie musste standhaft bleiben.

„Vater war stets der Meinung, uns könne so etwas nie zustoßen. Das trifft nur die Faulpelze, jene, die nicht arbeiten wollen. Wir hingegen sind doch so gute fleißige Melancholanier, denen passiert so etwas nicht. Stimmt doch, hast du gesagt, Vater?“

Hannes sprang auf und verließ fluchtartig die Küche.

„Schäm dich, Leander, so mit deinem Vater zu reden. Du weißt doch was für eine Welt für ihn zusammengebrochen ist, seit er nicht mehr am Fließband stehen darf.“ stellte Anna ihren Sohn zur Rede.

„Entschuldige Mutter, aber so etwas musste mal gesagt werden. Solange immer nur die anderen betroffen sind, ist alles in bester Ordnung. Aber wehe dem, man ist selber an der Reihe, da steht die kleine Welt Kopf.“ versuchte sich Leander zu rechtfertigen.

„Elena, was ist mit dir? Du isst ja gar nichts! Hast du keinen Appetit?“ Leander hielt ihr das Körbchen mit den Brötchen unter die Nase.

Das war nun auch für Elena zuviel, sie würgte, sprang auf, stürzte in das Badezimmer und übergab sich. Schon wieder Erbrechen, sollte das von nun an zur Regel werden, immer dann wenn ihr etwas auf den Magen schlug?

„Das war`s dann wohl!“ Leander stand auf und ließ seine Mutter allein am Tisch. Als er auf sein Zimmer ging, traf er elena in frustrierte Stimmung.

„Bitte Leander, bring mich hier weg, ich halte das keine Minute länger aus!“

„Das kannst du nicht! Ich muss erst Cornelius Leute benachrichtigen. Da musst  durch. Tja, schon am ersten Tag nach deiner Wende mit der Wahrheit konfrontiert. Das hättest du wohl nicht vermutet, was?“

„Warum hast du das getan?  Mich ständig mit der Vergangenheit zu konfrontieren?“ beschwerte sich Elena.

„Ich? Ich bin nur der Anfang! Was glaubst du, wie oft dir das noch um die Ohren gehauen wird? Glaubst du  wirklich, dass das so einfach ist? Sich entschuldigen, alles hinter sich lassen, neues Leben hier bin ich, jetzt mache ich alles besser. Vergangenheit? Schwamm drüber! Ist Geschichte! Damit will ich nix mehr zu tun haben! Die alte Elena ist nicht mehr, seht her ich bin ein total veränderter Mensch. Glaubst du das wirklich?“

„Ich weiß es doch, ich weiß es doch, Leander! Aber es tut so unendlich weh!“Schluchzte Elena in ihre Handflächen.

Leander setzte sich neben sie und legte seinen Arm um ihre Schulter.

„Ich wollte dich nicht verletzen!“ seine Stimme klang jetzt viel sanfter. „Aber sieh doch, wenn du schon am ersten Tag die Flinte ins Korn wirfst und bei der ersten Auseinandersetzung flüchten willst, dann wirst du bald Sehnsucht verspüren nach deinem alten Leben,  es wird dich nicht lange unter uns halten. so ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit ist nun mal kein Zuckerschlecken Aber wenn du genügend Geduld aufbringst, dann wird sich alles regeln.“

„Ich will mich ja zusammennehmen! Aber auch ihr müsst mit mir Geduld haben. Von heute auf morgen werde ich nicht einfach gegensteuern können. Lasst mir Zeit. Lasst mir einfach noch ein wenig Zeit.“

„Ich werde jetzt die Helfer benachrichtigen. Könnte mir vorstellen, das Cornelius  vorbereitet ist, dann lässt sich alles schnell über die Bühne bringen. Ich muss nur telefonieren.“

Leander verließ das Zimmer, ließ Elena eine Weile mit sich allein. Die stöberte derweil in den Büchern herum, die sich im Regal fein säuberlich an einander reihten. Mit welchen Dingen der sich so alles beschäftigte. Sie fand Werke über Philosophie, Psychologie, Spiritualität, das weckte ihr Interesse, so dass sie gar nicht mehr davon ablassen konnte. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und blätterte mit großem Interesse.

Ein Preka der Nietzsche und Schopenhauer las? Sie fand Werke von Karl Marx und Siegmund Freud, bemerkenswert, nicht einmal Frederic würde so etwas in seine Hände nehmen. Zwei schienen es Leander besonders angetan zu haben. Peter Kropotkin und Gustav Landauer. Jahre später sollte Elena ihre Kommune nach deren Prinzipen formen.

Leander erschien wieder im Zimmer.

„Alles klar, hab Cornelius erreicht. Die werden dich mit einem Lieferwagen abholen. Dein Auto bringen sie zunächst an einen andern Ort holen es dann morgen oder später ab, damit es nicht so auffällt. Die waren vorbereitet, es wird also nicht mehr all zu lange dauern.“

„Danke, Du bist so lieb zu mir! Sind interessante Bücher, die du da liest.“

„Ja, hab ich von Kovacs bekommen, der hat bekanntlich zentnerweise davon, beschäftigt sich ständig mit solchen Sachen. Liest sich alles sehr spannend.“

„Erstaunlich. Das du so was liest! Ist kaum zu glauben. Hätte ich nicht für möglich gehalten.“

„Ja, Preka sollten sich nicht mit Geisteswissenschaften beschäftigen. Das verwirrt ihre Psyche und lenkt sie vom Wesentliche ab. Nämlich von der produktiven Arbeit.“

„Ach Quatsch. Wer erzählt denn solchen Unsinn?“

„Weißt du das wirklich nicht mehr? Ist noch gar nicht so lange her, als du versucht hast, uns das einzuhämmern.

Elena senkte nur frustriert den Kopf und biss sich auf die Zunge.