Die Stunde der Männer

 

Die Tage vergingen und obgleich noch gar kein offizieller Termin festgelegt wurde, bereitete sich Akratasien auf die Wahlen vor. Bald tobte ein erbitterter Wahlkampf. Eine schaurige Vorstellung, womöglich Monate lang diese  Schlammschlachten über sich ergehen zu lassen. Die Gegner schonten sich nicht im Geringsten, bewarfen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, einander mit Dreck. Die Aktivisten aller Lager schienen geradezu besessen. Die Initiativen, Syndikate, Kommunen und Föderationen wurden auf diese Weise immer weiter in ihren Aktivitäten gelähmt. Das brachte es mit sich, dass die Infrastruktur im Begriff war völlig zum Erliegen zu kommen. Konservative und vor allem Rechtspopulisten kam dieser Umstand sehr gelegen. Konnten sie doch bei all ihren Auftritten, die Unfähigkeit der Akratie dafür verantwortlich machen.

Fast täglich kam es zu Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit, vor allem dann wenn Rechtspopulisten und Radikale Anarchisten aufeinander trafen. Letztgenannte glaubten noch immer die Wahlen zu vereiteln, indem sie mit ihren Sabotageakten  genügend Verwirrung stifteten. Doch erreichten sie damit das genaue Gegenteil.

Gewalt, Chaos und Unordnung das ist eben Anarchie. Dieser Begriff ersetzte bald die relativ harmlos klingende Wortschöpfung Akratie, mit der ohnehin nur eine Minderheit etwas anzufangen wusste. 

Wir schaffen „Ruhe und Ordnung“! Die Menschen brannten geradezu vor Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Welt, bekamen sie solche oder ähnliche Parolen zu hören. Diese und andere Attribute aus alten bürgerlichen Moralvorstellungen waren hoch im Kurs.

Die Anarchisten mit ihren hochgesteckten Zielen einer auf Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ausgerichteten Gesellschaft wollte hingegen kaum noch jemand hören.

Ihre Ideen zerplatzten wie Seifenblasen auf der Erde.

 

In der Zwischenzeit konnte Folko seine Nachforschungen über den mysteriösen Fremden, der sich selbst Fabian nannte, weiter vorantreiben. Er hatte sich ihm dicht an die Fersen geheftet und suchte nach Gelegenheiten diesen aus der Reserve zu locken. Doch wurden seine Aktionen bisher von wenig Erfolg gekrönt.

Offensichtlich rechnete der Typ damit, dass es Recherchen über sein Leben gab und hatte entsprechend Vorsorge getroffen. Geschickt verstand er es immer dann auszuweichen, wenn Folko ihn eine Falle stellte.

Es bestand nicht der geringste Zweifel. Es war Cassian, es konnte gar nicht anders sein. Zu sehr fielen die charakterlichen Ähnlichkeiten ins Auge. Doch wie ließen sich die beweisen?

Es war wie verhext. Es hatte den Anschein, dass ihm eine unsichtbare Aura Schutz nach allen Seiten bot.

Doch ist kein menschliches Wesen dauerhaft unverwundbar. Es musste einfach etwas geben, das ihn verriet. Die perfekte Tarnung gibt es nicht.  Jeder Mensch besitzt eine Achillesferse.

Eines Abends, während eines feucht-fröhlichen Umtrunkes im Männerzentrum spielte Fabian Folko ohne es zu bemerken, einen Ball zu.

Längst war er zum Star dieser Runden avanciert. Die meisten anderen schienen geradezu an seinen Lippen zu hängen, wenn er seine Heldengeschichten zum Besten gab. Er verstand sich perfekt darin schon nach kurzer Zeit die Runde zu dominieren und das Gespräch zu übernehmen. Ein Meister der Inszenierung. Es schien sich bei ihm um einen Alleskönner zu handeln. Ganz gleich welches Thema auch immer angeschnitten wurde, Fabian kannte sich bestens damit aus. So verwundert es kaum, dass sich andere, vor allem jene die sich mit Minderwertigkeitskomplexen zu plagen hatten, in seiner Nähe klein und nichtig vorkamen.

Auf diese Weise war es ihm gelungen, dass Männerzentrum fast vollständig unter seine Kontrolle zu bringen. Nur wenigen, besonders starken und selbstbewussten Charakteren, gelang es noch sich seinem Einfluss zu entziehen.

An diesem Abend schnitt er unter anderem damit auf, welch hervorragender Basketballspieler er doch sei und das er imstande wäre jeden an die Wand zu spielen.

Folko fühlte plötzlich seine Stunde gekommen.

Kurz entschlossen regte er an, doch ein Spiel zu organisieren. Bei dieser Gelegenheit könne Fabian seine Künste unter Beweis stellen.

Nach kurzem Zögern willigte der überraschend ein und für den kommenden Samstag wurde ein Basketballturnier beschlossen.

Folko war sich noch nicht ganz darüber im  Klaren, was er damit bezwecken wollte. Aber er glaubte fest daran bei dieser Gelegenheit seinen ärgsten Feind zu entlarven.

Er hatte noch in guter Erinnerung das Cassian die Hauptverantwortung für die Ermordung Leanders trug. Auch konnte er nicht vergessen, was dieser Kyra angetan hatte. Und  schließlich wäre auch er selbst beinahe von Cassian zur Strecke gebracht worden.

Jetzt schien er da, der Tag der Vergeltung. Cassian sollte für all seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden.

 

Von den Männern die sich für das Turnier meldeten, hatten die Wenigsten Erfahrungen in Basketball. Möglicherweise hatte der eine oder andere mal ein Spiel gesehen, mehr aber auch nicht. In Folge dessen konnten sie sich auch nur ganz sporadisch darauf vorbereiten. Wahllos wurden zwei Mannschaften gebildet. Es gab ein Training am Tag zuvor, nicht mehr und nicht weniger.

Es war eben Spiel, ein Gaudi, eine willkommene Ablenkungen von den Problemen die auf allen Schultern lasteten.

So verwundert es auch nicht, dass Fabian von Anfang an das Spiel dominierte und kaum auf nennenswerten Widerstand stieß. Zudem hatte er für einen Basketballspieler eine ideale Größe und überragte die meisten anderen fast um eine Kopfgröße. Wie ein Feldherr bewegte er sich durch die Reihen und am laufenden Band gelang es ihm den Ball problemlos  in den gegnerischen Korb zu platzieren.

Folko hatte sich wie nicht anders zu erwarten der gegnerischen Mannschaft angeschlossen. Er verfügte als einer der wenigen über etwas Ahnung und hatte in früheren Zeiten selbst einmal aktiv gespielt. Doch das war lange her. Dementsprechend schwer tat er sich mitzuhalten. Mehrmals landete er äußerst unsanft mit den Knien auf dem harten Parkettfußboden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht gelange es ihm aber schnell wieder auf die Beine zu kommen. Fabians hämisches Grinsen über seine offensichtliche Tollpatschigkeit trieb ihn dabei weiter voran. Ständig den Blick zur Uhr an der Wand gerichtet, sehnte er den Abpfiff herbei.

Die Sporthalle hatte sich gut gefüllt. Viele Bewohner von Anarchonoplis waren gekommen um dem ungewöhnlichen Schauspiel beizuwohnen. Auch viele Schwestern waren erschienen, allem voran natürlich Kyra und Alexandra, die es sich zur Aufgabe machten, Folko dauerhaft anzufeuern. Ronald hatte ebenfalls auf der Zuschauertribüne Platz genommen, froh über den Umstand, sich nicht von Folko überreden zu lassen aktiv am Turnier teilzunehmen.

„Autsch!“ Schrie Kyra als sie ihren Folko wieder einmal auf den Boden landen sah, gleichsam als verspüre sie den Schmerz mit ihm.

„Tja, ich hatte schon meine Gründe dort unten nicht dabei zu sein. Ansonsten würde es mir ebenso ergehen wie ihm. Er hat die Anregung gegeben, nun muss er auch den Kopf hinhalten, bzw. die Knie!“ Versuchte Ronald sich rein zu waschen und  seiner Stimme war deutlich ein Anflug von Schadenfreude zu entnehmen. 

Die Zeit wollte einfach kein Ende nehmen. Fabian lief auf Hochtouren, in der Zwischenzeit hieß es 73: 24, deutlicher konnte wohl kaum ein Sieg ausfallen.

„Mann, hoffentlich ist das Spiel bald vorüber. Ich habe keine Lust mit anzusehen, wie sie Folko noch als Verletzten aus der Halle tragen.“ Erregte sich Kyra.

„Tja, wer nicht hören will, muss fühlen. Ich hatte ihn gewarnt.“ entgegnete Ronald.

Und abermals landete Folko auf dem harten Boden, Fabian lies nur sein Grinsten erkennen.

Eine 10 min Pause folgte, danach würde es in Richtung Endspurt gehen, Folkos Mannschaft war hoffnungslos abgehängt. Dieser Rückstand lies sich unmöglich ausgleichen.

Außer Puste begab sich Folko in Richtung Zuschauerreihen um seine Familie kurz zu begrüßen.

„Gleich geschafft, noch 20 min, dann haben wir es hinter uns!“

„Ich kann mir noch immer nicht erklären, warum du auf so eine Idee gekommen bist! Gut es ist mal ne Abwechslung, aber um welchen Preis. Sieh dir nur deine Knie an. Naja, ich werde dich im Anschluss ordentlich massieren müssen.“ Versuchte Kyra zu trösten.

„Gute Aussicht, damit stehe ich es schon bedeutend besser durch.“ Antwortete Folko mit Erleichterung.

„Und? Glaubst du gefunden, wonach du suchst?“ Erkundigte sich Ronald.

„Ich bin nah dran. Heute finde ich den Beweis. Da kannst du sicher sein.“

„Häh? Was redet ihr da? Ich versteh nur Bahnhof.“ Wunderte sich Alexandra, die, ebenso wie Kyra, nicht eingeweicht war.

„Musst du im Moment noch nicht. Erklären wir alles später:“ Versuchte Ronald abzublocken.

Schon war die Pause vorüber und es ging in die letzte Runde. Noch einmal in aller Härte sein Können beweisen.

Fabian platzierte gekonnt die letzten Bälle im Korb der gegnerischen Mannschaft. Dann der erlösende Abpfiff. Endstand 87: 29. Eine blamable Niederlage, doch es war ein Spiel, nur ein Spiel. Doch was kam jetzt?

Für alle Teilnehmer war nun gemeinschaftliches Duschen angesagt. Zwei Dutzend nackte Männerkörper drängten sich dich an dicht.

Der Moment auf den Folko gewartet hatte. Nun musste er versuchen sich in Fabians unmittelbare Nähe zu begeben. Gar nicht so einfach, da sich dieser inmitten einer Schar seiner leidenschaftlichsten Bewunderer befand. Auf diese Weise sah sich Folko gezwungen mehrere Anläufe zu unternehmen Endlich geschafft. Wie gebannt starrte er auf den Rücken des 1.92m großen Hünen und fand den Beweis wonach er solange suchte.

Ein Muttermal direkt zwischen den Schulterblättern. Ein exakt geformtes Dreieck, das auf der Spitze stand. Es bestand kein Zweifel, es war Cassian. Es müsste sich schon um einen gewaltigen Zufall handeln, sollte so etwas noch bei irgendeiner weiteren Person in exakt der gleichen Form vorhanden sein.  Die Achillesferse lag offen. Er schien an alles gedacht, bei dieser perfekt inszenierten körperlichen Umgestaltung. Doch dieses kleine unscheinbare Ding auf dem Rücken hatte er übersehen. Es schien  ihm so unwichtig, dass er dem Anschein nach  keinen Gedanken daran verschwendet hatte.

Die Angehörigen des früheren Blauen Orden standen sich bei ihren geheimen Ritualen des Öfteren nackt gegenüber, so das Folko alles noch in bester Erinnerung hatte.

Er konnte zufrieden sein. Doch was brachte ihm das ein? Wie konnte er seinen Verdacht an die Öffentlichkeit bringen? Er kannte Cassian aus früheren Tagen, doch wer wusste außer ihm noch von diesem Muttermal? Sie waren beide die letzten Überlebenden des inneren Führungsstabes. Alle anderen waren tot, oder sollten doch einige überlebt haben, würden sie ihm keine große Hilfe sein.

Plötzlich fühlte sich Folko entmutigt. Was nützte ihm die Gewissheit? Alles umsonst?

Frustriert zog er sich um und wollte sich auf schnellstem Wege zu Ronald begeben um mit ihm die nächsten Schritte zu beraten. Doch dann meldete sich eine Idee. Sollte er Cassian direkt mit der Wahrheit konfrontieren? Damit begab er sich allerdings in große Gefahr. Denn der Entlarvte konnte auf keinen Fall einen Mitwisser in seiner unmittelbaren Nähe dulden. Tat er es aber  nicht würden alle Bewohner von Anarchonopolis in Mitleidenschaft gezogen.

Hin und her gerissen und eine Zeit lang unschlüssig entschied er sich schließlich doch für die direkte Konfrontation. Gefahren waren  ständige Begleiter in seinem  bisherigen Leben. Schon einige Male stand es auf des Messers Schneide. Er wusste wie er damit umzugehen hatte, um sich ausreichend zu schützen. Aber Kyra? Was wäre wenn es Cassian wieder auf seine Kyra abgesehen hätte? Oder Alexandra, Ronald?  Es ging kein Weg daran vorbei möglichst schnell alle einzuweihen.

Leise betrat er den Flur und schlich sich im Anschluss durch die Gänge nach draußen. Dort  überlegte er nochmals genau die nächsten Schritte. Die meisten anderen Teilnehmer des Turniers waren bereits gegangen. Wie einer Eingebung folgend postierte sich  Folko hinter einem Mauervorsprung. Da plötzlich tat sich die Tür des Haupteinganges auf und Cassian betrat den Vorplatz. Er war tatsächlich allein, ein Umstand der höchst selten vorkam, da er sich üblicherweise ständig mit seinen Lakaien umgab.

Folko stellte sich ihm in den Weg.

„Ich gratuliere zum Sieg! Deine Mannschaft hat sich gut geschlagen, Cassian!“

„Wie nennst du mich? Mein Name ist Fabian, falls dir das entgangen sein soll. Aber trotzdem danke für die Blumen.“ Erwiderte der Angesprochene selbstsicher, so als ob ihn auch die kalte Wahrheit nichts anheben konnte.

„Wie fühlt man sich, nach so langer Zeit wieder in der Heimat zu sein. Lange her, das Ende unseres Ordens. Die Jahre vergehen, die Menschen ändern sich. Manche nur leicht, andere hingegen scheinen einen völlig neuen Habitus gefunden. Ich muss sagen, die Operation in deinem Gesicht war ein voller Erfolgt!“ Sprach Folko seinen Verdacht offen an.

„Ich weiß nicht wovon du sprichst. Aber ich muss zugeben, sehr originelle Story, die du dir da hasst einfallen lassen.“ Leugnete der Betroffene noch immer seine wahre Identität.

„Cassian! Du bist Cassian! Bemühe dich nicht weiter es abzustreiten. Du glaubst, dir ist der perfekte Coup gelungen? Ein Irrtum! Das Muttermal zwischen deinen Schultern hast du vergessen. Zu blöd würde ich sagen. Auch ein Cassian ist nicht unverwundbar, wenn er sich auch noch so große  Mühe gibt. Du bist entlarvt.“

Plötzlich änderte Cassian seine Strategie nachdem ihm aufgegangen war, dass es keinen Sinn mehr machte seine Rolle weiterzuspielen.

„Folko! Du enttäuschst mich! Ich hätte dich wahrlich für schlauer gehalten. Glaubst du im ernst, dir nimmt irgendeiner diese haarsträubende Geschichte ab? Das Muttermal? Kein Beweis. Wer außer uns hat denn noch Kenntnis davon? Hmm? Nenne mir nur einen Namen! Du kannst es nicht“ Sprach Cassian die Zweifelhaftigkeit an, die Folko bereits selbst erwogen hatte.

„Du kannst nichts weiter als Behauptungen aufstellen. Ich werde diese empört zurückweisen, dass ist dir doch bewusst?  Die gesamte Führungsmannschaft des Ordens ist bei der letzten Schlacht bei Trugstein gefallen.“

„Das dir damals die Flucht gelungen, ist allgemein bekannt. Auch die Tatsache , dass du irgendwann einmal in die alte Heimat zurückkehren wirst, nicht ausgeschlossen. Dich mit Neidhardts Regime anzulegen wagtest du nicht. Du bist kein Dummkopf. Doch nach dessen Abgang sahst du deine Chance gekommen. Du brauchtest nur ein wenig Geduld um anzuwarten bis sich die Anfangseuphorie über die Akratie gelegt hat. Jetzt, da sich die Probleme aufbäumen bist du zur Stelle. Geschickt eingefädelt, muss ich wirklich sagen.“ Sagte Folko ihm weiter war.

„Richtig! Du warst immer ein guter Beobachter und Schlussfolgerer. Warum soll ich weiter leugnen, jetzt da alles raus ist. Genau das war meine Absicht.“ Gestand Cassian offen ein.

„Und? Was kommt als Nächstes? Darf ich raten?“ Bohrte Folko weiter nach.

„Natürlich immerzu?“

„Du wirst dich an die Spitze der Patrioten stellen. Selbstverständlich hast du schon lange mit denen konspiriert, schon vom Ausland her, um die Lage zu peilen. Die wissen wer du bist. Ihr habt strikte Geheimhaltung vereinbart, um die Sache nicht zu gefährden. Die haben natürlich mit Kusshand auf dein Angebot reagiert, in Ermangelung eigener fähiger Führungskräfte.“  fuhr Folko weiter fort.

„Da sind wir ausnahmsweise Mal einer Meinung. Ich stimme dir zu. Die haben kein Format, alles Dilettanten. Außer Parolen kaum etwas auf Lager. Es wird Zeit das einer kommt und für Ordnung und Disziplin sorgt.“ Stimmte ihm Cassian zu.

„Und dieser eine bist natürlich du!“

„Du sagst es!“

„Wie in alten Zeiten! Damals hast du schon ein überhöhtes Maß an Selbstvertrauen besessen. Und wie ich sehe hat  es sich nochmals erheblich steigern lassen.“ Erinnerte sich Folko.

„Tja, so ist das nun mal. Der Sieg gehört all jenen die zu überzeugen verstehen und das können sie nur wenn sie vor allem an sich glauben. Ich habe es immer getan und wie du siehst hat es sich ausgezahlt.“

„Irgendwann einmal wird auch der Überzeugteste unsicher.“ Zweifelte Folko diese These an.

„Kann schon sein! Man darf sich die Unsicherheit natürlich nicht anmerken lassen und rechtzeitig Vorsorge treffen. Ich habe es getan. Wie du dich überzeugen konntest ist es mir gelungen einen erheblichen Teil von Anhängern um mich zu scharen. Leute auf die ich bedingungslos vertrauen kann. Die mir quasi aus der Hand fressen, wenn ich es verlange. Und mit Madleen an meiner Seite öffnen sich sogar Türen, von denn ich es gar nicht erwartete.“

Cassian schien sich in der Tat seiner Sache sicher. Er hatte alles von Anfang an eingefädelt, da steckte langfristige Planung dahinter.

„Ja mit Madleen das ist eine ganz besondere Sache. Ich muss schon sagen. Da hast du dich sogar selbst übertroffen.“ Antwortete Folko mit gespielter Gelassenheit. Er durfte  diesem Mann gegenüber keine Schwächen offenbaren.

„Schade nur dass es mir bei Elena nicht gelungen ist. Die hatte ich ursprünglich im Auge. Erste Garnitur. Gemeinsam hätten wir ein Imperium aufbauen können. Doch sie hat mein Angebot ausgeschlagen. Selber Schuld wenn sie nun immer deutlicher in  Bedeutungslosigkeit  versinkt. Aber Madleen ist auch nicht übel. Wie gut dass sich die beiden gerade im Zwist befanden. Ich brauchte da nur noch ein wenig nachzuhelfen um sie vollends einander zu entfremden.“ Bekannte Cassian freimütig. Pietät war ihm unbekannt. Rücksichtslos nutzte er das Leid andere für seine ehrgeizigen Pläne.

Folko musste mit sich ringen. Am liebsten hätte er ihm auf der Stelle ins Gesicht geschlagen, doch er musste sich zusammennehmen, zuviel stand auf dem Spiel.

Nachdem sie eine Weile gegangen waren stoppte Cassian plötzlich.

„Ich habe mich noch gar nicht danach erkundigt, was du im Schilde führst, Folko. Du willst mir doch nicht einreden, dass du tatsächlich an diesen Unsinn von der Akratie und der Gleichwertigkeit aller Menschen glaubst. Leute unseres Schlages wissen wo sie hingehören. Ich habe dir deinen Wandel nie abgekauft. Findest du nicht auch dass es an der Zeit ist umzukehren, zurück zu dem was dir entspricht?“

Aha, ein Angebot. Er wollte Folko auf seine Seite ziehen, doch der war darauf vorbereitet.

„Gib dir keine Mühe! Mit mir brauchst du nicht zu rechnen. Die Zeiten sind ein für allemal vorbei. Ich habe meine Entscheidung getroffen und sie noch nie bereut. Hier fand ich Heimat, echte Heimat. Wenn ich auch nicht alles nachvollziehen kann und mir immer meine eigene Meinung bewahre, stimme ich doch im Großen und Ganzen mit ihnen überein.“

Hoppla. Folko hatte ihm unbemerkt einen Ball zugespielt.

„Siehst du! Du bist unsicher! Gibs zu! Nein, in Wirklichkeit bis du noch immer eine Leitfigur.

Ein Adler im Hühnerstall. Träumst du nicht hin und wieder davon an der Spitze zu stehen und Befehle zu erteilen? Pack dich nicht immer wieder der Kampfesruf? Nein, du bist ganz und gar nicht zufrieden mit dem Leben dass du führst, mit dieser drittklassigen Rolle in einem Laienspieltheater.“

Die beiden setzten ihren Weg fort. Wohin, war wohl beiden nicht ganz bewusst.

Folko befand sich in Gefahr und er war sich dessen bewusst. Dieser Mann war ein Magier, der es verstand tief ins Innere der Seele vorzudringen und Gefühle zu erwecken, die lange schon als verschüttet galten.

Trug seine Aussage nicht einen kleinen Kern der Wahrheit in sich? War Folko hier glücklich, mit dem Leben dass er führte? Kam er sich nicht tatsächlich manchmal ausgesprochen deplatziert vor und spielte insgeheim mit dem Gedanken auszubrechen?

Er musste es erreichen dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, auch wenn das zunächst wie eine Art Flucht aussah.

„Keine Chance Cassian! Bei mir stößt du auf Granit. Ich werde mich dir nicht anschließen! Dir bleibt also nichts anderes übrig als dich dem Kampf zu stellen. Du findest mich bereit.“

„Aber, aber, wer wird denn gleich von Kämpfen sprechen Ich habe kein Interesse daran dich zu zerstören. Du selbst wirst dich erledigen. Haben wir unser Reich  erst einmal geschaffen, ein Reich der Stärke und Größe über dem ein Hauch von Unvergänglichkeit schwebt. Du wirst daneben stehen und dir wird aufgehen, dass du nicht dazugehörst. Das wird als Strafe genügen. Glaub mir, schon so manchem wurden beim Ausblick auf die absolute Macht die Knie weich.“

„Ich brauche keine Macht um glücklich zu sein, und das bin ich hier wahrhaftig. In dem Moment da ich alle Macht aus der Hand gab, wurde mir unendliches Glück zuteil. Diesen Augenblick werde ich nicht vergessen. Ich bin mir bewusst, dass du solcherlei Gefühle nicht nachvollziehen kannst. Dein ganzes Streben dient einzig und allein der Macht und deren Erhalt, ohne sie wäre dein ganzes Leben sinnentleert.“ Schlussfolgerte Folko richtig.

„Das hast du aber schön gesagt. An dir ist doch wahrlich ein Poet verloren gegangen. Und du hast Recht. Ich will Macht, dazu sind mir alle Mittel recht und ich werde sie bekommen. Ich bekomme stets was mir gehört. Schon in absehbarer Zeit werden mir diese jämmerlichen Proleten die Füße küssen. Sie werden mich bitten, auf knien bitten über sie zu herrschen.

Darauf kannst du Gift nehmen.“

Cassians Worte trafen ins Schwarze, wenn man bedachte welche Dimension die patriotische Stimmung im Lande schon erreicht hatte. Es schmerzte zutiefst, diesem Erzverbrecher in Gedanken zu zustimmen. Natürlich kamen sie nicht als Worte nicht über Folkos Lippen.

Dieser suchte nur noch nach einer Gelegenheit sich dem Gespräch zu entziehen, doch wollte er sich nicht gern als Verlierer geben. Die Gefahr bestand, sollte er sich voreilig verabschieden.

Dankbar nahm er zur Kenntnis, dass es Cassian war, der das Gespräch zu beenden gedachte.

Dessen Blick streifte seine goldene Armbanduhr.

„Oh, es ist schon spät. Haben wir uns doch total verplaudert. Madleen wartet auf mich, wir möchten heute Abend ausgehen und ich verspäte mich nicht gern. Nette Unterhaltung muss ich sagen. Hätte ich kaum für möglich gehalten. Können wir gerne fortsetzen, wenn du willst.“

„Mit Sicherheit nicht Cassian. Wir waren immer Rivalen und wir werden es bleiben, wenn auch unter völlig veränderten Bedingungen.“ Schlug Folko das Angebot aus.

„Schade! Wirklich Schade! Ich hoffte bis zu diesem Augenblick, dich doch noch umzustimmen.“

Dann streckte er Folko die Hand entgegen.

„Schlag ein und alle Feindschaft ist begraben. Ergreife meine Hand, ich biete sie dir nur einmal an.“

Demonstrativ verschränkte Folko seine beiden Hände in den Achselhöhlen.

„Wie du willst! Ab diesem Zeitpunkt sind wir erbitterte Gegner. Du hast mit deiner Geste, dein Todesurteil unterschrieben, deines und das all der anderen die dir etwas bedeuten.

„Das habe ich erwartet. Aber glaube nicht, dass du leichtes Spiel mit uns hast. Wir sind vorbereitet. Wir sind bei weitem nicht so naiv wie du glaubst.“

„Wir sehen uns auf dem Schlachtfeld, bis dahin gehab dich wohl.“

Zügigen Schrittes entfernte sich Cassian und bewegte sich den Hang hinunter der zum Herzen der Abtei führte. Am Horizont versank die Sonne in ihr Wolkennest. Folko blickte zum Himmel und atmete die kalte, klare Luft des nahen Hochgebirge, die den Beginn des Herbstes schmecken lies.

Ein denkwürdiger Tag, Folko würde ihn in Erinnerung behalten, so wie er es mit allen wichtigen Daten zu tun pflegte.

Cassian in Anarchonopolis. In der Höhle des Löwen. Das mochte sein, nur das der der Löwe war. Eine Bestie inmitten einer Herde zahmer Lämmer.

Das Böse hatte sich wie ein Krebsgeschwür in einem Körper eingenistet und drohte diesen zu zerstören.

Die Würfel waren gefallen. Es würde zum Kampf kommen. Wer konnte ihn führen? Elena hatte sich der Verantwortung entzogen. Die Schwestern des inneren Kreises hatten dieses Trauma noch  nicht überwunden und waren wie vor Kälte erstarrt. Es blieben eine Handvoll Männer, ein kärglicher Rest, jene die sich nicht von Cassian hatten einwickeln lassen, resistent seinen Lockrufen gegenüber.

Ihnen oblag es nun den Fehdehandschuh aufzunehmen.

 

Obwohl im vom zurückliegenden Turnier noch alle Knochen schmerzten, hastete Folko nun selbst zum Zentrum von Anarchonopolis. Noch erfüllte die Abtei diese Aufgabe gut. Doch wie lange konnte sich diese Bastion halten. Colettes Vermutung würden sich wohl als wahr erweisen, wenn sie vom nahen Ende sprach und dem drohenden Exil.

Cassian war nicht Neidhardt. Es existierte kein Status hinter den man sich verstecken konnte.

Hoffentlich fand er Ronald alleine vor. Zunächst musste er mit ihm unter vier Augen reden, bevor sie es den andern offenbaren durften.

Zum Glück traf er diesen im alten Forsthaus alleine an, da Alexandra und Kyra gemeinsam an einer Zusammenkunft der Schwestern teilnahmen.

„ Ja, es ist Cassian. Wie ich es von Anfang an vermutete. Eigenartig dass er es gar nicht zu leugnen versuchte. Das fällt mir jetzt erst auf. Der hat mit größter Wahrscheinlichkeit damit gerechnet. Aber was bezweckt er damit?“

„Na ist doch klar! Er wollte dich auf seine Seite ziehen. Denkt doch mal tiefer. Auch du warst im Führungszirkel. Der kann dich und deine Erfahrung gut gebrauchen. Er wird nicht loslassen und immer neue Köder auslegen, bis du einmal angebissen hast.“ vermutete Ronald.

„Glaubst du wirklich dass ich darauf eingehe? Was unterstellst du mir da?“ Entrüstete sich Folko.

„Beruhige dich! So war das doch nicht gemeint. Der nimmt dir deine Wandlung nicht ab. Ist doch offensichtlich. Das könnte sich allerdings am Ende sogar als günstig für uns erweisen.“

„Wie meinst du das?“

„Was wäre wenn du zum Schein darauf eingehst. Ich meine so wie du es schon einmal getan hast. Du wärst  in seiner Nähe und könntest uns mit wichtigen Informationen versorgen….“

„Auf gar keinen Fall! So etwas tue ich nicht wieder. Damals herrschten völlig andere Voraussetzungen. Außerdem würde das nicht funktionieren. Cassian kann man nicht betrügen, der würde es merken, wenn ich ihn zu täuschen versuche. Und das könnte uns schlussendlich zum Schaden gereichen.“ Lehnte Folko erneut das Ansinnen des Freundes ab.

„Hmm, stimmt auch wieder.“ Ronald schlug sich mit der Handfläche auf den Oberschenkel.

„Verdammt! Es ist einfach zu verflixt! Wenn ich nur wüsste was wir tun könnten. Es muss doch irgendeine Lösung geben. Da sitzen wir nun, haben den Spion in den eigenen Reihen entlarvt und? Was nutzt es uns? Trotzdem müssen wir es publik machen. Schritt für Schritt.

Als erstes weihen wir unsere Frauen ein. Das wird sich wohl so gehören. Dann gehen wir einen Schritt weiter.

Was ist mit Madleen? Wir müssen sie auf jeden Fall davon in Kenntnis setzten, als einer der ersten.“

Schlug Ronald vor.

„Selbstverständlich! Aber wer sagt es ihr.“

„Das kann eine der Schwestern übernehmen.“

„Richtig! Die können das besser. Auch wenn ich vermute das es bei ihr kaum  Wirkung hinterlassen wird. Cassian hat sie voll in seinem Bann. Die weiß im Grunde gar nicht mehr was vor sich geht. Sie befindet sich in einer Art Trancezustand.“ Gab Folko zu verstehen.

„Traurig! Einfach nur tief traurig. Man steht daneben mit gebundenen Händen. Und Elena? Die sollte es auch zur Kenntnis nehmen.

„Elena? Die ist aus dem Spiel und das ist gut so! Ich glaube nicht dass wir die in ihrem derzeitigen Zustand auch noch damit konfrontieren sollten. Sie wird es ohnehin noch früh genug in Erfahrung bringen.“ Widersprach Folko.

„Aber Colette muss es unbedingt wissen. Die hätten wir jetzt beinahe außer Acht gelassen.“ Erinnerte sich Roland der Königin.

„Auf jeden Fall. Sie ist in der Zwischenzeit zur Lichtgestalt in dunkler Nacht avanciert. Die muss ins Boot und zwar an vorderster Stelle.  Auch wenn sie gesundheitlich eigentlich nicht dazu in der Lage ist.“

„Wer sagt es ihr?“ Wollte Ronald wissen.

„Ich werde es tun! Sie kann danach die gesamte Schwesternschaft informieren. Erst wenn die alle im Bilde sind, können wir damit an die Öffentlichkeit gehen.“

„Auf welche Weise? Wie stellst du dir das vor?“

„Über sämtliche Nachrichtenkanäle. Ein Verlautbarung der Regierung, verbunden mit einer Warnung und der Ausrufung des Ausnahmezustandes.“ Bestimmte Folko.

„Genau! Chantal kann das für uns übernehmen. Die kennt sich bestens damit aus.“ Schlug Ronald vor.

„Wir überlegen in der Zwischenzeit was zu tun ist. Sicherheitsvorkehrungen und alles was dazu gehört.“

„Beinahe hätten wir die Regierung vergessen. Schließlich gehören wir ihr beide an. Ich glaube das solltest du übernehmen Ronald.“

„Ich werde umgehend Dagobert kontaktieren. Ich sprach schon vor einiger Zeit mit ihm. Es muss mir zunächst gelingen ihn weich zu klopfen, damit er sich einverstanden erklärt die Regierungsgeschäfte bis auf weiteres dauerhaft zu übernehmen. Wird nicht leicht. Der ist auch nicht dumm und kann sich vorstellen, was er sich damit auflädt. Aber es gibt im Moment keinen anderen. Ich denke, ich werde Lars mitnehmen. Zwei können womöglich besser überzeugen.“

„Auf wie viele männliche Bewohner von Anarchonopolis können wir noch setzen?“ Lautete nun Folkos Frage.

„Du meinst jene, die sich noch nicht haben einwickeln lassen? Nicht mehr viele. Cassian hat ganze Arbeit geleistet. Warum willst du das wissen? Ist das von Bedeutung für dich?“

„Ich denke an eine Art Schutzschar, um die Abtei und alles was dazu gehört zu sichern. Viel wird es nicht bringen. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber immerhin besser als gar nichts. Wir müssen uns aber unbedingt derer Loyalität versichern. Cassian hat ohnehin schon überall seine Spitzeln, wie ich vermute.“

„Hier spricht wieder ganz der Stratege von einst!“ Spöttelte Ronald leicht.

„Ja, warum nicht? Meine Kenntnisse können uns in dieser Lage von großem Nutzen sein.

Cassian ist sich dessen ebenfalls bewusst, wie du vorhin schon feststelltest.“

„Aber das weiß ich doch. Aber noch mal zurück zu den Männern. Wir können nicht einfach ein Treffen im Männerzentrum einberufen, da sitzt Cassian in der ersten Reihe, samt seinen Gefolgsleuten. Wie also sollen wir die Standfesten erreichen.“ Überlegte Ronald, während er sich am Hinterkopf kratzte und das Gesicht zu einer Grimasse verzog.

„Wir müssen einfach all jene persönlich ansprechen, von denen wir wissen dass sie hinter uns stehen und dann ein Geheimtreffen arrangieren. Im privaten Bereich. Möglicherweise hier. Vielleicht stellen uns die Schwestern auch ihr Heiligtum im Dachgeschoss zur Verfügung.

Dorthin wird sich Cassian bestimmt nicht verirren.“ Glaubte Folko zu wissen.

„Noch nicht! Aber was nicht ist kann noch werden. Unter den Frauen hat der auch schon einen gewaltigen Eindruck hinterlassen. Von Madleen einmal ganz abgesehen.“

„Die hat im Moment keine Verbindung zur Schwesternschaft. Dadurch bedeutet sie auch keine Gefahr für uns.“ Antwortet Folko.

„Madleen und eine Gefahr! Wer hätte sich das einmal träumen lassen. Ein Jammer! Einfach nur ein Jammer.“ erwiderte Ronald mit tiefem Bedauern in der Stimme.

„Aber zurück zu den Männern. Genau so werden wir verfahren. Günstigsten Falles laden wir Colette dazu ein. Sie soll wissen, dass die Männer hinter ihr stehen.“

„Gut, abgemacht! So werden wir verfahren! Jetzt ist erst mal Zeit für ein kühles Bier? Was hältst du davon.“ Schlug Ronald vor und schon bewegte er sich in die Küche in Richtung Kühlschrank.

„Da sag ich nicht nein!“

Im nächsten Augenblick erschien Ronald mit zwei geöffneten Flaschen der Marke Akratasisches Klosterbräu. Gebraut in der Brauerei der Abtei, die schon vor Jahrhunderten Bestandteil des Klosters war.

„Hier bitte, mein Freund!“ Ronald reichte Folko eine Flasche.

„Na dann prost!“

Beide nahmen erst einmal einen kräftigen Zug.

„Ja, so etwas tut gut, nach all den endlos scheinenden Diskussionen.“ Meinte Ronald und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund.

„Gutes alten Klosterbräu. Schade wenn es Cassian in die Hände fällt, wie so vieles andere mehr.“ Sinnierte Folko und betrachtete das Etikett auf der Flasche.

„Die Vorstellung dass der sich hier oben breit gemacht hat verursacht schon jetzt Brechreiz bei mir. Dieses Gelände gönne ich ihm am allerwenigsten. Grotesk, einfach grotesk.“

„Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Auch wenn sie im Moment nur noch ein zartes Pflänzchen ist. Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder, wer weiß.“ Versuchte Folko den Freund aufzurichten.

„Wunder? Ja, es gab hier schon eine ganze Reihe von Wundern. Aber die hatten doch irgendwie allesamt etwas mit Elena und ihrer Gabe zu tun. Doch jetzt, da sie weg ist?

Wie mag es ihr wohl gehen? Wo steckt sie?“

„Möglicherweise im Waldhaus! So jedenfalls lauten meine letzten Informationen. Gesehen hat sie in den letzten drei Wochen keiner mehr. Sie kann überall sein. Überall im ganzen Land. Oder gar im Ausland? Wer weiß:“ Antwortete Folko und setzte die halbleere Bierflasche geräuschvoll auf den Wohnzimmertisch.

„Ihre Depressionen müssen furchtbar sein. Nie und nimmer hätte sie uns sonst im Stich gelassen. Das passt überhaupt nicht zu ihr.“ Erwiderte Ronald und schüttelte nur mit dem Kopf.

„Ich denke, wenn die Entwicklungen so weitergehen, wie ich befürchte, werden hier bald sehr viele an Depressionen leiden. Die Lethargie könnte wie ein großer schwarzer Vogel seine Schwingen bedrohlich über das ganze Land breiten.“ Prophezeite Folko mit gedrückter Stimmung

 

Später am Abend kehrten Alexandra und Kyra von ihrem Treffen zurück und beglückten die feucht-fröhliche Männerrunde mit ihrer Anwesendheit.

Auch bei ihrem Treffen ging es natürlich um die Frage, wie es nach Elenas Weggang weitergehen sollte.

Folko unterrichtete die beiden auch sogleich von seiner Entdeckung, einen Umstand, den die beiden mit großem Entsetzen aufnahmen.

Besonders Kyra war getroffen, hatte sie doch noch immer die schlimmen Erinnerungen im Kopf die sie mit Cassian verbanden.*

Alexandra musst dementsprechend handeln und ihre Liebste auf ganz besondere Weise trösten.

 

Die folgenden Tage ließen Taten folgen. Folko und Ronald waren beständig damit beschäftig so viele wie nur möglich mit ins Boot zu nehmen.

Viel Arbeit stand ins Haus, die getan werden musste. Ronald suchte gemeinsam mit Lars den amtierenden Kanzler Dagobert auf und es gelang schließlich nach einer langen Diskussion ihn davon zu überzeugen, vorübergehend die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Sie konnten zufrieden mit dem Ergebnis sein. Doch schon am gleichen Abend stellten  sich die Zweifel ein. Hatten sie vorschnell gehandelt? Dagobert an der Spitze bot eine ideale Zielscheibe für die Gegner aus dem rechten Lager. Besonders Folko tat sich sehr schwer ihn zu akzeptieren und er glaubte es ihm auch offenbaren zu müssen.

 

Eines Abends hatte sich eine Gruppe Männer im Kapitelsaal des Konventsgebäudes eingefunden um die Lage zu besprechen. Neben Folko und Ronald, nahmen Klaus, Lars, Ansgar, Lukas, Heiko, Pater Liborius daran teil, sowie weitere die nicht direkt zum innersten Kreis zählten. Allen voran die Kommandanten der Volksmilizen, deren Aufgabe im Besonderen besprochen werden sollte. Des Weiteren war Colette in ihrer Eigenschaft als Königin geladen und thronte dementsprechend auf einem gut gepolsterten bequemen Sessel an der Stirnseite des Raumes, dort wo zu früheren Zeiten der Platz des Abtes war. Sie wollte sich  zunächst zurückhalten und erst einmal in Erfahrung bringen was die Männer alles ausgeheckt hatten.

Nach langer Zeit der Frauendominanz, füllten nun wieder Männer diesen altehrwürdigen Saal.

„Unsere Milizen sind schon seit geraumer Zeit in Alarmbereitschaft. Wir sichern das gesamte Gelände so gut es eben geht. Versprechen kann ich natürlich nichts. Ja, wenn wir noch eine richtige Armee hätten. Aber die wurde ja abgeschafft.“ Erklärte Martin, Kommandant einer Einheit die eigens zum Schutz der Abtei gebildet wurde. 

„Was soll ich den Leuten sagen? Eine Miliz besteht es Männern, pardon Menschen, die ihren Dienst freiwillig tun und nach Feierabend nach hause gehen. In den letzten Tagen konnten sie das aber kaum noch. Ich stelle seit geraumer Zeit eine deutliche Unzufriedenheit fest.

„Ach komm schon Martin! Dieses  Kleine Opfer können wir ihnen durchaus abverlangen. Auch wir, ob Ronald oder ich, sind ständig in Bereitschaft und kaum noch zu hause die letzten Tage. Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, vergesst das nicht!“ Wies ihn Folko zurecht.

„ Natürlich bin ich mir dessen bewusst. Ich versuche es den Leuten zu erklären, pausenlos, Tag für Tag. Es ist eben nur schwierig.“ Verteidigte sich der Angesprochene.

„Glaubst du wirklich dass Gefahr von Außen droht, Folko? Ich verstehe das nicht! Wer könnte ein Interesse haben die Abtei anzugreifen?“ Wundert sich Klaus.

„Kein gezielter Angriff. Die Aufgestachelte Volkmenge. Von den Populisten aufgehetzte Aktivisten, die sich beweisen wollen. Unkontrollierte Gewalt.“ Versuchte Folko eine Antwort zu geben.

„Es ist leider so, wie Folko sagt. Die Abtei mutierte in der Zwischenzeit zum Symbol für Ungleichheit. Wir, die wir hier leben, gelten denen da draußen als abgehoben und privilegiert.

Leider, wer hätte das einmal für möglich gehalten. Es ist aber so und darauf müssen wir uns einstellen.“ Fügte Ronald hinzu.

„Also, ich komme langsam nicht mehr mit!“ Beschwerte sich Lukas. „Ich denke wir sind hier zusammen gekommen um zu überlegen, was wir gegen diesen Cassian unternehmen können, der sich hier eingenistet hat und ihr redet von Angriffen von außerhalb. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

„Siehst du denn den Zusammenhang nicht? Wir haben die Gefahr im Inneren und sie kommt von außen. Gesteuert von einer zentralen Person, die im Zentrum der ganzen Unruhen steht. Das macht die Sache so schwierig.“ Gab Ronald zur Antwort, die aber nur wenig befriedigte. Denn nicht nur Lukas blickte hier nicht durch, auch viele andere der anwesenden schien  mit dem Sachverhalt nicht klar zu kommen.

„Ich habe mich eindringlich damit beschäftigt, immer wieder und immer neu, aber trotzdem ist es mir nicht gelungen einen Sinn zu erkennen. Dieser Typ taucht hier eines Tages wie aus dem Dunkel auf, anonym, unter falschen Namen und mit falscher Identität um sich hier einzunisten. Zeitgleich flammen im ganzen Land die Unruhen auf. Der sitzt hier seelenruhig in abwartender Stellung. Schließlich wird er entlarvt. Doch das scheint den Leuten da draußen nicht das Geringste auszumachen. Im Gegenteil, nun folgen sie ihm erst recht. Das ergibt keinen  rechten Sinn für mich.“ bekannte Ansgar.

„Genau! Warum erscheint der nicht einfach auf der Bühne, sagt den Leuten, hey ich bin Cassian, der große Ordensmeister von damals. Gekommen um euch vom Joch der Weiberherrschaft zu befreien. Diese Akratie zu beseitigen, um wieder geordnete Verhältnisse zu schaffen, so wie sich das die Mehrheit offensichtlich wünscht.“ Wunderte sich Lukas

„Sei doch nicht so begriffsstutzig Lukas? Überleg doch mal: Der hätte keinen Fuß in die Tür bekommen, wenn er mit offenen Karten gespielt hätte. Der hat sich hier auf dem Gelände ein Haus gekauft und sich häuslich niedergelassen. Einem Cassian wäre so etwas nie und nimmer gestattet worden“ Klärte Ronald auf.

„Ja, aber warum kommt er überhaupt hierher. Dass verstehe ich nicht. Seine Aktionen hätte der doch auch von außen führen können.“

„Ganz einfach, weil er im Zentrum der Macht stehen will. Der sitzt hier und wartet gemütlich ab bis ihm die Macht wie eine reife Frucht in den Schoß fällt, während die verhetzte Meute draußen den Aufstand macht. Derweil wollte er Elena umgarnen und für sich einnehmen. Mit ihr an seiner Seite hätte er leichtes Spiel gehabt. Sie hat ihn abgewiesen. Dann versuchte er es bei Madleen, mit Erfolg. Er hat die beiden entzweit. Ein Umstand der auf die gesamte Kommune Auswirkungen hat.“ Setzte Folko nach.

„Indem er Elena und Madleen auseinander brachte traf er die Seele unserer ganzen Gemeinschaft.

Die beiden sind doch fast schon eine Institution. Sie personifizieren die Werte an die wir alle glauben. Liebe, Frieden, Harmonie und Verständigung All die Menschen die zu ihnen aufschauten sind zutiefst verunsichert und dadurch gezwungen sich nach neuen Leitfiguren umzusehen. Cassian nutzt diesen Umstand schamlos aus, indem er sich selbst ins Spiel bringt, sich als Erlöser inszeniert und den Menschen versichert ihre Sorgen und Nöte lösen zu. können.“ Fügte Pater Liborius hinzu.

„Sehr gut gesprochen! Das trifft genau den Kern der Sache. Es geht Cassian ausschließlich  darum unsere Kommune zu spalten.“ Stimmte Folko zu.

„Tja, nun sitzt er aber einmal hier. Das ist eine Tatsache. Die Frage ist, wie wir ihn wieder loswerden. Hat einer von euch eine Idee?“ Wollte Klaus wissen. Sein Tonfall verdeutlichte, dass es ironisch zu verstehen sei.

„Den werden wir nicht los. Das können wir nicht. Und selbst wenn, was würde es uns nützen?

Der hat schon so viele um sich geschart, dass ihn eine Vertreibung vom Gelände der Abtei nur erst recht zum Helden machen würde.“ Glaubte Ansgar zu wissen.

„Cassian, Cassian. Immer wieder höre ich diesen Namen. Was ist das überhaupt für einer? Gut, ich weiß dass er beim untergegangenen Blauen Orden eine führende Position hatte. Aber der Orden ist tot. Ich war damals noch fast ein Kind, so ist vieles an mir vorbei gegangen. Aber ich weiß noch genau, wie die Menschen überall im Lande jubelten, als dieser zerschlagen wurde. Und heute? Einer von denen taucht plötzlich wieder auf, wie ein Phönix aus der Asche

und wird nun von den gleichen Leuten als Befreier begrüßt. Das soll einer verstehen.“ Schaltete sich Heiko ein und sprach damit einen wichtigen Umstand an.

„So läuft nun mal Geschichte. Heute ein Star, morgen ein Nichts. Nach einer gewissen Zeit versucht das Nichts wieder Oberwasser zu gewinnen und schon beginnt der Kreislauf von Neuen.“ Versuchte sich Ronald in einer Erklärung.

„Aber was hat dieser Cassian in der Zwischenzeit gemacht? Der ist doch nicht einfach nur so untergetaucht oder hat sich in Luft aufgelöst? Wo hat er gelebt? Was hat er getan? Hakte Heiko weiter nach.

„Ich war ihm gemeinsam mit Kyra lange Zeit auf den Fersen. Ihr erinnert euch, als wir beide im Ausland lebten. Er war uns stets einen Schritt voraus. Er verdingte sich als Söldnerführer, an verschiedenen Fronten der Welt. Immer dort wo es kriegerische Auseinandersetzungen gab. Umsturzversuche, Militärputsche, Staatstreiche, überall war Cassian an vorderster Front dabei. Natürlich nicht unter seinem Namen. Er änderte Identität und Aussehen innerhalb kürzester Zeit, so entkam er allen Nachstellungen. Da unsere Welt nun einmal so ist wie sie ist, konnte er nie arbeitslos werden. Die ungerechte Welt braucht Leute vom Schlage eines Cassian.“ Enthüllte Folko sein Wissen.

„Aber warum zum Teufel ist er hierher zurück gekommen?“ Wollte Lukas wissen.

„Nun, es zog ihn einfach zurück in die Heimat. Jeder Mensch hat seine Wurzeln, hat eine Region die ihm ein zuhause ist. Auch Cassian bildet da keine Ausnehme. Solange Neidhardt fest im Sattel saß, wagte er es nicht. Nach dessen Abgang sah er seine Zeit gekommen. Ich gehe davon aus dass er sich schon seit geraumer Zeit wieder im Lande aufhält. Das konnte er nur versteckt und unter falscher Identität. Mit dem Ausbruch der Unruhen und Zwistigkeiten sah er seine Chance gekommen.“

„Ja und nun ist er hier und wir haben ein großes Problem. Ihr seit jetzt im Bilde. Chantal hat es gestern Abend per Medien bekannt gegeben. Es gab nur wenige Reaktionen. Die Menschen sind bereits so abgestumpft, dass ihnen so eine Tatsache vollkommen abgeht.“ Sprach Ronald und es hörte sich schon fast wie ein Schlusswort an.

Nun sah sich Colette, die der Diskussion bisher nur als Zuhörerin gefolgt war, genötigt doch noch das Wort zu ergreifen. 

„Untergang! Über allem liegt ein Hauch von Untergangsstimmung. Elena weg, Madleen hat sich uns entfremdet. Die Schwesternschaft uneins und gespalten. Die Regierung kaum noch handlungsfähig. Die Selbstverwaltungsorgane beginnen sich langsam aufzulösen. Und die Königin ist krank. Ihr habt mich heute eingeladen um mir Vorschläge zur Lösung der Krise zu unterbreiten. Aber ich finde euch ebenso ratlos vor wie alle anderen und mich selbst.“

Die Königin wirkte krank, müde und abgespannt. Sie hatte sich in ihren langen antrazyth-farbenen Umhang  gehüllt, ihr schwarzes Barett auf den grau-weißen Haaren, den Kopf leicht nach unten geneigt. Jeder im Raum konnte fühlen, wie nah ihr die ganze Sache ging.

Würde sie durchhalten? Dachte auch sie daran alles hinzuschmeißen und sich aus dem Staub zu machen? Und wenn sie es tat, würde es ihr keiner übel nehmen.

„Wir sind dabei Antworten zu finden, Colette. Eine Garantie gibt es keine. Uns kam es vor allem darauf an, heraus zu finden, auf welche Männer wir uns noch verlassen können. Folko, ich und viele andere sind schon dauerhaft im Einsatz um zu retten was zu retten ist. Im Moment heißt es vor allem wachsam zu sein und darauf zu achten wie sich die Dinge weiter entwickeln.“ Versuchte Ronald zu beschwichtigen.

„Könnten wir sonst noch etwas tun außer rumzusitzen?“ Meinte Lukas.

„Wenn du eine gute Idee hast, dann raus damit. Kritisieren kann jeder.“ Wies ihn Ronald zurecht.

„Einige von uns könnten sich Cassian zum Schein anschließen, um Informationen zu sammeln. Könnte das ein wenig weiterhelfen?“ Schlug Heiko vor.

„Nun, dieses Thema hatten wir schon, mehrmals.“ Erwiderte Folko und blickte dabei auf Ronald.

„Das hätten wir vor einigen Monaten tun sollen. Damals als der Typ hier aufkreuzte. Heute sind wir im Bilde. Bald schon wird sich Cassian an die Öffentlichkeit wenden und offen sein Pläne verkünden. Natürlich werden die Patrioten ihn zu ihrem Spitzenkandidaten bei den bevorstehenden Wahlen machen. Davon ist auszugehen. Dann beginnen wieder die Redeschlachten und darin ist Cassian ein Meister. Aber gut Heiko. Wenn du dir sicher bist, kannst du die Aufgabe eines Spions übernehmen. Du bist ihm ja weitgehend unbekannt. Er dürfte also keinen all zu großen Verdacht schöpfen.“

Der Angesprochene errötete leicht. Er hatte sich wohl gerade ein wenig zu weit aus dem Fenster gelehnt. Die Aufgabe barg ein hohes Gefahrenpotenzial in sich.

„Du musst versuchen möglichst in den inneren Kreis einzudringen. Suche seine Nähe, schmeichle dich bei ihm ein. Süßholz raspeln, darauf stet er. Das hat er immer schon getan.“

Gebot Folko weiter.

„Naja, ich kann`s versuchen. Versprechen kann ich nichts. Aber ich versuch mein bestes zu geben.“ Bekundete Heiko seine Bereitschaft.

„Gut! Hervorragend! Das kann uns sicher von Nutzem sein. Überlegen wir mal weiter, welche Aufgaben wir sonst noch zu vergeben haben.“ überlegte Ronald laut.

„Ich könnte Heiko dabei unterstützen! Doppelt hält besser:“ Bot Lukas an.

„Nein lieber nicht! Einer reicht! Mehr würde uns nur verdächtig machen. Außerdem bist du bekannt wie ein bunter Hund Lukas.“ Lehnte Folko freundlich aber bestimmt ab.

„Sagt mal, wann soll eigentlich unser Wahlkampf beginnen? Davon habt ihr komischerweise noch gar nicht gesprochen. Das wäre meiner Meinung nach ein ganz wichtiger Punkt.“ Warf Klaus plötzlich in die Runde.

„Eine gute Frage! Die dürfte aber noch schwerer zu beantworten sein. Immerhin haben wir noch nicht einmal einen Spitzenkandidaten, bzw eine Spitzenkandidatin. Denn es sollte ja eine Frau sein.“ beantwortete Ronald die Frage mit einem Seufzer.

„Hat sich denn aus den Reihen der Schwesternschaft immer  noch keine gefunden, diese Aufgabe zu übernehmen?“ Wollte Pater Liborius wissen.

„Na, dass ist ja toll. Da sind uns die Rechten ja um Haaresbreite voraus. Die haben sich genau vorbereitet. Die wissen worauf es ankommt. Und wir? Wir hinken hoffnungslos hinterher.“ Ärgerte sich Ansgar.

„Dem Anschein haben die also doch die besseren Argumente auf ihrer Seite.“ Meldete sich Martin wieder zu Wort

„Muss es denn unbedingt eine Frau sein? Ich meine, wenn sich keine findet, sollten wir auch daran denken einen Mann ins Rennen zu schicken, oder habt ihr etwa Bedenken?“ lautete Klaus provokativer Vorschlag. Es folgte ein kurze Zeit des Schweigens, des in sich Gehens und Nachdenkens.  

Plötzlich richtete sich Colette auf und blickte mit erster Mine über die versammelte Schar.

„Es wird eine Frau, eine aus der Schwesternschaft, dafür werde ich sorgen. Macht euch deretwillen keine Gedanken. Lasst es getrost meine Sorge sein. Ich werde die richtige Wahl treffen.“

Ein Machtwort. Colette ließ sich wieder auf den Sessel nieder. Es schien ihr schwer zu fallen, offensichtlich hatte sie Schmerzen.

Niemand wagte zu widersprechen.

„Aber was ist, wenn sich letztendlich doch keine findet. Dann können wir doch nicht einfach den Kopf in den Sand stecken!“ Bohrte Klaus weiter nach.

„Dann ist die Akratie am Ende, dann ist Anarchonopolis am Ende, dann steht auch eure Königin nicht mehr zur Verfügung. Ich habe genug gehört. Ich danke für eure Einladung. Ich danke, dass ihr euch bemüht Lösungen zu finden. Ich lass euch jetzt allein. Unterrichtet mich darüber wenn ihr etwas weiter seit.“

Colette erhob sich erneut. Trat in die Mitte und taumelte leicht. Dann aber fasste sie sich und schritt erhobenen Hauptes aus dem Raum, lies die versammelte Männerrunde mit sich allein.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen, senket sich schweigen über die Versammelten.

Hatten sie die Königin verärgert?

„Siehst du was du angerichtet hast? Du hast sie beleidigt Klaus. Warum musstest du unbedingt dieses heikle Thema ansprechen.“ Beschwerte sich Ansgar.

„Ich! Wieso denn? Was habe ich denn so ketzerisches gesagt? Ist doch wahr mensch.

Darf man denn nicht mal mehr seine Meinung sagen? Ständig fühlt sich einer oder eine auf den Schlips getreten. Ist ja lächerlich!“ Verteidigte sich der Angegriffene energisch.

„Schluss jetzt! Was wir im Moment am allerwenigsten brauchen ist Zank und Streit. Es reicht wenn die Schwestern den in ihren Reihen auszutragen haben. Ich versteh beide Argumente. Besser ein Mann als Kandidat als gar keine Kandidatur. Aber ich vertraue auf Colettes Überzeugungsgabe.“ Schaltet sich Ronald wieder rein.

„Und was wollen wir jetzt beschließen. Oder wollen wir ohne Ergebnis auseinander gehen? Das wäre sicherlich keine gute Idee.“ Gab Pater Liborius zu bedenken.

„Nun, im Grunde sind wir gar nicht  mit der Absicht zusammengekommen, etwas zu beschließen. Es galt zunächst die Situation auszuloten und das haben wir getan. Es werden weitere interne Treffen folgen. Hier im Konventsgebäude, weil das Männerzentrum nicht mehr sicher ist. Es herrscht Alarmbereitschaft. Jeder einzelne von uns muss ständig abrufbereit sein, sollte es denn erforderlich sein.

 

 Im Lande blieb es in den drauffolgenden Tag verhältnismäßig ruhig. Die Menschen hatten die Nachricht von Cassians auftauchen ohne große Emotionen aufgenommen. Der Alltag bestimmte weitgehend das Handeln. Noch funktionierten die Strukturen, doch wie lange noch?

Musste mit Sabotageakten von Seiten der Patrioten gerechnet werden? Diese Frage galt es bald zu klären, bei einem neu anberaumten Treffen.

 

Auch auf der gegnerischen Seite dominierten die Männer das Geschehen, damit wurde gerechnet. Immerhin hatten sich die Patrioten auf die Fahnen geschrieben die altehrwürdige Geschlechterzuweisung wieder herzustellen. Frauen in Führungspositionen sollte es nach Möglichkeiten nicht mehr geben.

So verwundert es kaum dass Cassian ausschließlich männliche Gefolgsleute um sich scharte.

Schließlich kam der Tag seines erstmaligen öffentlichen Auftretens. Bei dieser Gelegenheit wollten die Patrioten ihn zu ihrem unangefochtenen Führer deklarieren. Diese Funktion beinhaltete auch die Spitzenkandidatur für die anberaumten Wahlen.

In der großen Halle des Volkes, einst  zu Neidhardts Zeiten errichtet, fanden sich einige Tausend Parteigänger ein um diesem Schauspiel beizuwohnen. Dort, wo sich vor Zeiten Neidhardt und seine Revolutionäre hatten feiern lassen, lies sich nun ein Mann huldigen, der jedweder revolutionärer Bestrebung diametral entgegenstand. Sein oberstes Ziel bestand darin sämtliche Errungenschaften sowohl aus der Neidhardt-Ära, als auch jene der akratasischen Föderation rückgängig zu machen.

Es galt in einer pathetischen Rede, seine  überwiegend männlichen Anhänger darauf einzuschwören. Es waren auch Frauen erschienen, doch befanden sich diese in einer deutlichen Minderheit. Unter ihnen befand sich auch Dagmar und einige ihrer Vertrauten. Sie hatten sich vorgenommen, diese Selbstinszenierung mit allen Mittel zu sabotieren.

Cassian ließ sich mit seinem Auftritt bewusst viel Zeit. Auch wenn der Zeitpunkt des Beginnes schon lange überschritten war und im Grunde gar kein Anlass für eine Verzögerung vorlag.

Außer Atem stürzte Kevin, der bisherige Vorsitzende der Patrioten in den kleinen Vorbereitungsraum neben der Halle und drängte ihn zum Auftritt.

„Wir sollten nicht mehr zu lange warten, mein Anführer. Die Halle ist schon fast bis zum letzten Platz gefüllt und die Menschen werden unruhig. Ich schlage vor das wir umgehend beginnen.“

„Wir beginnen dann wenn ich es sage! Verstanden? Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

 „Deutlich! Sehr deutlich! Ich versehe!“ Katzbuckelte Kevin.

„Gut! Sehr gut! Mach dich damit vertraut, das in Zukunft ausschließlich ich bestimme, wann und wo eine Aktion zu starten ist. Las die Leute ruhig eine Weile schmoren, das wirkt sich immer positiv aus. Die sollen das Gefühl haben, dass Cassian ein vielbeschäftigter Mann ist. Das macht Eindruck. Ich werde offiziell mit Verspätung eintreffen. Geh raus und sag es den Leuten. Teile ihnen mit, ich sei auf einer anderen Veranstaltung aufgehalten worden, werde aber sehr bald eintreffen!“ Wies ihn Cassian im Befehlston an.

„Ich eile, mein Anführer. Ich eile! Du kannst dich auf mich verlassen.“ Schon im Moment darauf war Kevin aus der Tür verschwunden und befand sich auf der Tribüne.

„Nützlicher Idiot! Als Laufbursche gut zu gebrauchen, aber für die wirklich wichtigen Aufgaben kaum zu verwenden.“ Meinte Cassian zu dem kleinen Kreis von fünf Männern die sich um ihn scharten.

Derweil erfüllte Kevin seine Pflicht im angemessenen Maße.

Mit beschwichtigender Geste hob er beide Hände in die Höhe.

„Liebe Freunde, freiheitlich gesinnte Patrioten Melancholaniens. Leider verzögert sich unsere

Auftaktveranstaltung um einige Augenblicke. Unser allseits geliebter Anführer ist derzeit noch von anderen wichtigen Pflichten erfüllt, so dass er noch nicht unter uns weilt. Ich habe aber die Nachricht dass er schon in Bälde hier erscheinen wird. Ich bitte nur noch um ein klein wenig Geduld. Aber ich verspreche auch, dass ihr dafür reichlich entschädigt werdet.“

Diese Entschuldigung schienen die meisten nicht zu akzeptieren, es wurde immer unruhiger, die Lage extrem gespannt.

„Cassian, wir wollen Cassian sehen!“ Bekundeten die ersten Zurufer.

„Wir haben lange genug gewartet! Her mit ihm! Wir wollen ihn sehen!“

Kevin bekam es langsam mit der Angst zu tun. Sollte er nochmals den Gang zu seinem neuen Herrn und Meister wagen? Nein! Der würde seiner Bitte kaum entsprechen. Der würde kommen, wann es ihm angemessen erschien.

Einer kleinen Gruppe von Frauen in den hinteren Reihen schien das alles wenig zu interessieren. Sie trafen letzte Vorbereitungen für die Aktion, die sie sich vorgenommen.

„Was glaubst du wie lange das noch dauert, Dagmar. Sollte Cassian nicht kommen, müssen wir unsere Aktion verschieben.“ Schlug Julia vor.

„Er wird kommen, darauf könnt ihr Gift nehmen. Der läst sich ganz bewusst Zeit um die Meute aufzupuschen. Keine Sorge, wir bekommen unsere Auftritt und der wird Geschichte machen.“ Bestimmte Dagmar.

„Lasst uns einfach unsere patriotischen Lieder singen, jene, die solange auf dem Index standen. Das wird uns die Zeit verkürzen bis der Anführer kommt.“ Rief Kevin in das Saalmikrofon.

Doch dafür schlug ihm nur ein kräftiges Buh-Konzert entgegen.

Das anwesende Musikcorps stimmte die Lieder trotzdem auf zackige Art an. Doch selbst diese Klänge wurden vom Reigen der Buh-Rufer verschluckt.

Schließlich sah Cassian den Zeitpunkt für gekommen persönlich einzugreifen. Gemächlichen Schrittes betrat er die Bühne. Sofort verstummte die Meute und es wurde so still, das man eine  Stecknadel hätte fallen hören.

„Ja, hier ist er. Unser über alles geliebter Anführer hat sein Kommen ermöglicht. Wir alle haben dich voller Sehnsucht und Inbrunst erwartet, Cassian. Wir alle sind gespannt deine Worte zu hören. Lange, sehr lange sehnten wir diesen Tag herbei. Wir können es noch immer nicht ganz glauben, dass du endlich vor uns stehst. All die vielen Menschen hier sind nur deinetwillen gekommen.

Ich erteile dir das Wort. Wir alle lauschen gespannt.  Belehre uns. Lass uns teilhaben an deiner unermesslichen Weisheit.“

Eröffnete Kevin offiziell das Programm des Abends. Alle Augen richteten sich auf Cassian.

Eine zugegebenermaßen markante Erscheinung, so wie er dort stand. Schlank und mit athletischer Figur. Die schwarz-grau gekräuselten Haare topp gestylt. Feingeschnittene Gesichtszüge, schmale, leicht nach vorn gebogene Nase und Grübchen in den Mundwinkeln.

Er trug eng anlegende Offiziersstiefel und darüber einen Schwarzen Trenchcoat den er auszog. Weißes Hemd, silberne Krawatte und darüber eine Schwarzglänzende Lederweste.

Nein, das war kein zweiter Neidhardt, im Gegenteil, ganz der Antipode. Ein Mann von extravaganter Eleganz.

Er rückte sich das Standmikrofon zurecht und verschränkte die Hände in den Achselhöhlen. Noch einen  kleinen Moment verharrte er in Schweigen bis auch das allerletzte Geräusch im überfüllten Saal erstickte.

„ Ist das tatsächlich Cassian? So lauten doch eure Fragen? Habe ich Recht?“ Wieder wartete er einen Moment, so als rechne er damit dass ihm gleich eine Flut von Ja-Rufen

wie eine Flutwelle entgegenschwappte.

„Ich bin es! Seit gewiss, ich bin es tatsächlich!“ Fuhr er schließlich fort und setzte zu seiner pathetischen Rede an.

„Ich kam vor einiger Zeit schon in das Land, das mir einmal eine Heimat war. Ja, ich war lange im Ausland, ins Exil getrieben von all jenen die  heute hier die Macht in den Händen halten. Angefangen bei Neidhardt und seiner Diktatur der Revolutionäre, die das Land in den Abgrund wirtschafteten und somit eine zweite Revolution verursachten, die uns heute die so genannte Akratie bescherte, das bedeute Abwesendheit von Herrschaft. Akratie, das ist ein anderes Wort für Anarchie und das ist es auch. Chaos und Unordnung wohin man blickt.

Ich kam in ein Land, das ich nicht wieder erkannte, so sehr hat es sich zu seinem Nachteil verändert. Ich lebte hier unter falscher Identität um den Nachstellungen zu entgehen, aber auch um mir vor Ort ein objektives Bild der herrschende Zustände zu machen.

Ich tauchte tief ab und erhielt Einblick. Ich kam auch mit den richtigen Leuten zusammen, nicht aus Zufall wählte ich meinen Wohnsitz  auf dem Gelände der alten Abtei, die jetzt den Namen Anarchonopolis trägt. Ich wollte mich überzeugen von der Unfähigkeit dieser Schwesternschaft das Land zu befrieden und es ist mir gelungen. Ja es ist mir wahrlich gelungen.

Misswirtschaft wohin sich auch das Auge wendet. Komitees, Kommunen und Syndikate beherrschen das Land, korrupt und unfähig. Getragen von Leuten die nicht die geringste Ahnung von Organisation und Verwaltung besitzen. Sie haben sich auf die Fahnen geschrieben, die Menschen zu lehren sich selbst zu verwalten. Aber wohin ich auch blicke, es gibt gar keine funktionierende Verwaltung mehr. Anstatt die einfach gestrickten Menschen, die Einfältigen und Bildungsfernen, an die Hand zu nehmen und sie zu sinnvoller, nützlicher Arbeit zu drängen, werden sie sich einfach selbst überlassen. Das Ergebnis Faulenzertum und Drückebergerei. Immer abwarten bis ein anderer die Arbeit erledigt. Klar, ist ja kein Problem, es gibt ja keine Chefs mehr, die für Ordnung und Disziplin sorgen.   

Elena und ihr Gefolge haben ganze Arbeit geleistet. Sie setzen den Menschen einen Floh nach dem andern ins Ohr, stiften Verwirrung wo sie nur können. Und warum? Ich frage euch warum? Kann mir einer die Antwort darauf geben?“

Stille, angespannte Stille. Keiner wagte darauf einzugehen. Oder konnten sie es schon nicht mehr? Das setzte einen Denkprozess voraus. Bildungsferne des Denkens fähig? Es wäre ein Widerspruch in sich selbst.

So erwarteten sie artig die Antwort aus dem Munde ihres neuen Herrn und Meisters.

„Nun? Ich werde es euch sagen. Um ihre eigenen Privilegien zu sichern. Sie, die andere dafür kritisieren, tun, so sie denn an die Schalthebel der Macht gelanget, nichts anderes.

Sie haben sich in der Abtei eingerichtet und führen dort ein buntes, fröhliches und sinnliches Leben, während in den Straßen und Gassen der triste Alltag thront.

Elena und die ihren predigen Wasser, aber sie trinken Wein. Einen ausgesprochen süßen Wein der Freuden. Hin und wieder fahren sie durch die Gegend um euch, meine lieben Mitbürger mit erhobenem Zeigefinger zu belehren. Ich sage euch, ihr braucht deren Belehrung nicht. Ihr seid frei. Versteht ihr das? Ihr seit frei!“

Nun hatte er das Zauberwort über seine Lippen gebracht. Schlagartig setzte tosender Jubel ein.

Die Leute waren außer sich. Freiheit? Hatte die ihnen nicht Elena einst versprochen? War sie gekommen? Waren sie von Freiheit nicht schon längst umgeben?

Sie hatten sie dem Anschein nach vergessen und begrüßten Cassian als den großen Freiheitsbringer.

„Ja, wir wollen Freiheit! Wir wollen frei sein! Frei von allen Zwängen! Frei von der Diktatur der Syndikate. Wir wollen Freie Wahlen!“

Solche und ähnliche Parolen peitschen von allen Seiten durch die Luft.

„Ja, ihr werde wieder frei sein. Ich werde euch die Freiheit schenken. Melancholanien wird wieder auferstehen und es wird mächtiger denn je.“ Brüllte Cassian in das Mikro und der Jubel brandete ihm erneut entgegen.

Nach einer Weile hob er beide Arme in die Höhe um sich Ruhe auszubitten, die er auch prompt bekam.

„Lasst mich mit meine Ausführungen fortfahren. Ich möchte noch auf ein besonderes Ärgernis eingehen. Ein Thema das euch allen sicher auf den Nägeln brennt. Es handelt sich um die vielen, tausenden und aber tausenden von queeren Leuten die seit geraumer Zeit in unser Land strömen und drohen es in Besitz zu nehmen.“

Nun kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Die Situation drohte schon jetzt zu eskalieren.

Erneut musste sich Cassian Gehör verschaffen.

„Was hier geschieht ist einfach unverantwortlich. Artfremde Menschen kommen in dieses Land und sind dabei euch liebe Mitbürger zu verdrängen. Sie werden wahllos angesiedelt und sofort mit Privilegien ausgestattet.

Sie werden euch in allen Belangen vorgezogen. Eure Probleme interessieren die feinen Damen der Schwesternschaft und ihre männlichen Lakaien in der Abtei schon lange nicht mehr. Sie haben sie bis heute nicht gelöst. Sind aber wie besessen davon neue Probleme ins Land zu schaufeln.

Das muss ein Ende haben. Melancholanien den Melancholaniern, so lautet meinen Devise, daran sollt ihr in Zukunft meine Politik erkennen.“

Nun begannen die ersten auf den Tischen zu tanzen. Der Erlöser hatte seine Botschaft verkündet, nun gab es kein Halten mehr.

„Folgt mir und ich werde euch in ein Land führen in dem Milch und Honig fließen. Es wird ein Land der Freiheit sein, so wie es einmal war. Bevor diese Unheil verkündenden Zukunftspropheten ihr Gift in die Herzen der Menschen senkten.“

Dagmar und ihr Gefolge verharrten noch in Passivität. Sie hofften bis zum Schluss auf Widerstand von Seiten der Zuhörer. Den gab es auch, aber nur verhallt. Die Opposition war an den Rand gedrängt. Deren Proteste gingen im Jubel der Mehrheit unter.

Es bedurfte eines zündenden Funkens um für Gegenwind zu sorgen.

„Wann stürmen wir los. Auf was wollen wir denn noch warten. Die sind ja jetzt schon total außer sich.“ Meinte Mona einer Punkerin in entsprechenden Outfit.

„Gleich! Haltet euch bereit. Noch eine Weile. Wir dürfen nicht unkontrolliert handeln. Der Widerstand ist da, wenn auch an den Rand gedrängt. Auf mein Zeichen, werden wir wie geplant nach vorne stürmen.“ Wies Dagmar an.

Noch hatte Cassian sein Ansprache noch nicht beendet und es drängte ihn noch weitere heikle Punkte offen anzusprechen.

„Ich möchte noch einen weiteren Finger in die Wunde legen und nicht versäumen etwas zum Thema öffentliche Sicherheit zu sagen.

Dieser Punkt scheint die derzeitige Regierung nicht im Geringsten zu interessieren. Die Armee, abgeschafft, die Polizei, abgeschafft. Dieser Umstand ist ein unverzeihlicher Skandal. Damit wurden kriminellen Machenschaften  geradezu Türen und Tore geöffnet und alle lichtscheuen, subversiven Elemente eingeladen hier schalten und walten zu können wie es ihnen beliebt. Diese so genannten Volksmilizen sind Papiertiger und nicht einmal in der Lage sich selbst Schutz zu bieten. Wir benötigen wieder richtige Ordnungskräfte die einen tatsächlichen Sicherheitsfaktor darstellen und in der Lage sind, sich bei der Bevölkerung den nötigen Respekt zu verschaffen. Alle Menschen sollen sich sicher und beschützt fühlen in ihren Häusern und vor allem wenn sie sich auf der Straße bewegen. Davon kann im Moment nicht die Rede sein Diese Regierung ist das größte Sicherheitsrisiko, dass wir im Moment haben.“

Erneut brandete Jubel auf, doch diesmal schien er nicht ganz so frenetisch. Hatten sich die ersten Bedenken gemeldet. Sollte es etwa wieder einen Sicherheitsdienst geben wie zu Neidhardts Zeiten, oder gar paramilitärische Verbände wie im vorrevolutionären Melancholanien?

Aus den hinteren Reihen konnte man verhallende Buhrufe hören, doch wurden die vom Jubel der ersten Reihen übertönt.

„Ich werde für Ruhe und Ordnung sorgen, das verspreche ich euch, bei allem was mir heilig ist…“ Setzte Cassian an, um mit seiner Rede fortzufahren. Doch sollte es dazu nicht mehr kommen. Er hatte damit unwillkürlich das Stichwort geliefert, auf das Dagmar und ihr Gefolge warteten.

„Auf jetzt und nach vorn!“ Lautete deren Befehl.

Umgehend kletterten eine ganze Reihe von Aktivistinnen auf ihre Tische und begann damit über die vor ihnen liegenden Reihen zu stürmen. Spontan schlossen sich ihnen andere an.

An den ersten Reihen angekommen begannen sie nun Cassian und alle anderen die auf der Bühne Platz genommen hatten mit faulen Früchten und Eiern zu bewerfen. Cassian gelang es gerade noch sich zu ducken, während die andern die volle Breitseite abbekamen.

„Worauf wartet ihr noch? Eingreifen aber sofort! Wofür seit ihr denn hier?“

Brüllte Kevin die Leute vom parteieigenen Saalschutz an.

Die waren umgehend zur Stelle und versuchten auf die Angreifer einzuschlagen. Sie glaubten leichtes Spiel zu haben weil es sich dabei überwiegend um Frauen handelte. Doch vergaßen sie, dass sie es mit kampferprobten Amazonen zu tun hatten.

Die leisteten die entsprechende Gegenwehr und schon entwickelte sich eine Massenschlägerei.

Cassian verstand es auch diese Situation für seine Zwecke zu nutzen.

„Wir können uns gerade davon überzeugen, welche Einstellung diese gewaltbereiten Chaoten von demokratischen Spielregeln halten. Genau diesen Zustand werde ich beenden, wenn ihr mich denn haben wollt, als euren Anführer.“ Schrie er ins Mikro, auch wenn seine Stimme sich im Lärm verlor.

Dagmar und einige andere lösten sich aus der Formation und begannen auf die Bühne zu stürmen. Dabei trafen sie zunächst  auf Kevin.

„Ich hab dir doch gesagt dass wir uns wieder begegnen. Willst du dich auch dieses Mal feige von den Socken machen oder hast du den Mut dich mir zu stellen.“ Fauchte ihn Dagmar an. Noch ehe sich der völlig Überraschte seiner Situation bewusste wurde, trat Dagmar ihn aus dem Weg.

Nun befand sie sich direkt vor Cassian. An die Stelle, an die sie von Anfang an wollte.

Ein kurzer Blickkontakt. Dann griff sie in die Seite ihrer Lederjacke, holte eine Pistole hervor und hielt sie Cassian entgegen.

„Du willst mich töten? Das kannst du nicht! Niemand vermag einen Cassian umzubringen.“

 „Stirb, du Scheusal! Ich befreie mit diesem Akt das akratasische Volk von seiner größten Geisel.“ erwiderte Dagmar, dann drückte sie ab.

Cassian taumelte nach hinten, stürzte zu Boden und blieb eine Weile regungslos liegen.

Der ganze Saal schien in eine Schockstarre zu fallen und die ersten stürmten von Panik erfüllt nach draußen.

Doch dann richtete sich der tot geglaubte wieder auf und grinste Dagmar ins Gesicht. Selbstverständlich trug er eine kugelsichere Schutzweste. Geistesgegenwärtig richtete Dagmar erneut die Waffe gegen ihn und zielte diesmal auf den ungeschützten Kopf. Doch in dem Moment bekam sie ein Schlag von hinten. Ließ die Waffe fallen und rollte von der Bühne.

In dem noch immer unvermindert fortgeführten Handgemenge gelange es ihr zunächst unterzutauchen und später ebenfalls nach draußen zu fliehen, so das sie nicht in die Hände der Sicherheitsleute fiel.

In der Zwischenzeit waren die alarmierten Volksmilizen eingetroffen, denen es aber nicht gelang die Situation zu befrieden, ganz im Gegenteil. Sie wurden von den Schlägertrupps der Patrioten gebührend empfangen und es sollte noch eine ganze Weile in Anspruch nehmen bis die Situation unter Kontrolle war.

Die Veranstaltung wurde umgehend abgebrochen. Cassian und sein innerer Kreis setzte sich durch die Hintertür nach draußen ab.

Somit endete die Auftaktveranstaltung der Patrioten zunächst in einem Desaster. Doch nur dem ersten Anschein nach. Bekanntlich gibt es in der Geschichte immer wieder Niederlagen die sich im Nachhinein als Siege erweisen.

In den folgenden Tagen sorgte der Umstand dass auf Cassian geschossen wurde zu einem enormen Anstieg der Sympathiewerte für die Patrioten. Dagmars Aktivistinnen und Aktivisten hatten nun endgültig einen Märtyrer geschaffen an dem wohl in Zukunft kein Weg mehr vorbeiführte.

Die Zukunft warf ihre Schatten voraus. Die beiden neuen Hauptakteure hatten sich gefunden. Cassian und Dagmar. Schon in Bälde würde der Konflikt eskalieren.

Elena schien vergessen, so als habe es sie nie gegeben.

 

-----------------------------------------------

* siehe Teil 1 Kapitel 33-  Zeit des großen Terrors