Findelkind und Fürstentochter

 

Tiefe Nacht senkte sich über Ninive.* Die Metropole war zur Ruhe gekommen, angenehme wohltuende Stille. Letzte Möglichkeit für Gomela ihren waghalsigen Plan in die Tat umzusetzen. Ab Morgen sollte mit allem dazu gehörigen Pomp ihre Hochzeit gefeiert werden.

 

Das war zuviel. Wie konnte ihr Vater, der mächtige Fürst von Ninive ihr das antun?

Bis zum Schluss hegte sie die Hoffnung ihn doch noch umstimmen zu können. Doch das war ein Trugschluss.

Sie musste eine Entscheidung treffen und zwar schnell. Es war nicht so spontan wie es aussah. Lange schon hatte Gomela den Plan zur Flucht ersonnen, wenn es sich nicht vermeiden lies. Ihr Blick schweifte durch ihr luxuriöses Zimmer. Sie würde es nie wieder sehen. Wie sollte sie unterkommen, auf der langen gefahrvollen Reise die vor ihr lag? Bei dem Gedanken daran wurde sie von Angst und Schrecken erfüllt. Doch es gab kein zurück mehr. Der Entschluss stand fest. Morgen würde keine Hochzeit stattfinden. Gomela dachte nicht im Traume daran, sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lassen. Dieser arrogante Snob konnte lang auf ihr Ja-Wort warten.

Schnell hatte sie all die Utensilien zusammen die sie für die Reise benötigt und schlich sich durch die großen Flure, dem Ausgang entgegen.

Sie durchquerte den großen Thronsaal, dahinter schlossen sich die zentralen Innenhöfe der riesigen Palastanlage an. Wunderbare Wandreliefs schmückten die Räumlichkeiten, Zeichen des unermesslichen Reichtums.

Die Luft war rein, von den Wachen nichts zu sehen. Es gab nur eine Notbesatzung heute, die meisten hatten aufgrund des morgen beginnenden Festes frei.

Ein kühle Sommernacht begrüßte die Prinzessin als sie auf die Terrasse des wuchtigen Palastkomplexe trat. Ein sternenklarer Nachthimmel breitete sich über die ganze Stadt.

Heute würde sie zum letzten Mal die etwa 20 m hohe Palastmauer hinabklettern. Sie holte das starke Seil hervor und befestigte es an einer Mauernische, dann lies sie es hinab gleiten. Dutzende Mal schon hatte sie sich darin geübt und war mit der Zeit zu einer perfekten Kletterin geworden. Das kam ihr jetzt zugute. Das und noch vieles mehr.

Heimlich hatte sie sich in fast allen Kampftechniken ausbilden lassen und galt als die beste Schwertkämpferin weit und breit.

Auch ihr Wissensdurst war kaum zu stillen. Sie lernte lesen und verstand sich gut, die in den Ton gebrannten Zeichen der Keilschrift zu deuten. Gern hielt sie sich bei den Astronomen auf und beobachtete die Gestirne am Himmel, löcherte dabei die Sterndeuter pausenlos mit Fragen.

 Ihr Vater drückte immer wieder ein Auge zu und duldete zähneknirschend die vielen Extravaganzen der Tochter.

Gomela war schon als kleines Mädchen sein Lieblingskind, die beiden verband ein gutes Verhältnis. Doch nun hatte sich das Blatt gewendet. Es musste wohl eines Tages so kommen. Der Tölpel den sie ehelichen sollte war ein Langweiler und zudem dumm wie ein Brot. Aber er war reich, sehr reich. der Fürst einer bisher mit Ninive verfeindeten Stadt. Ihr sorgenfreies Leben würde sie bedenkenlos fortsetzen können. Doch zu welchem Preis? Ein goldener Käfig. Als Ehefrau warteten entsprechende Pflichten auf sie. Mindestens zehn Kinder sollte sie gebären, so der Wunsch des zukünftigen Gemahls. Na vielen Dank! Die Hälfte ihres Lebens rund wie ein Fass herumzulaufen, dazu fühlte sie sich wahrlich nicht berufen.

Gomela war eine Perle an Schönheit und begehrt im ganzen Land, jeder Fürst wollte sie gern an seiner Seite haben. Der sportliche Körper strahlte Eleganz und Erhabenheit aus. Die feinen Gesichtszüge, braue Augen und seidenglattes schwarzes Haar das ihr bis zu den Schultern reichte, exakt geschnitten, wie wir es von Bildnissen altägyptischer Prinzessinnen kennen.

Ein umwerfendes Charisma, die geborene Herrscherin.

Doch sie hatte ganz anderes im Sinn. Als sie ihr Pferd bestiegen und durch die Straßen der Stadt in Richtung nördliches Stadttor ritt, lag das Ziel vor ihr.

Sie wollte in den Norden, dorthin wo sich das Reich der Amazonen** erstreckte.

Seit ihrer Kindheit hatte sie systematisch darauf hingearbeitet. Sie brannte darauf die beiden legendären Amazonenköniginnen, die leiblichen Schwestern Inanna und Aradia kennen zu lernen, deren Taten in aller Munde waren und die das Reich, das eigentlich eher eine lockere Föderation sich eigenständig verwaltenden Siedlungen war, gleichberechtigt regierten Die Fürsten der einzelnen Stadtstaaten waren ihre erklärten Feinde und sie hatten dem Amazonenbund den Krieg erklärt.

Alle möglichen Schauermärchen waren im Umlauf über die Taten der Schwertschwestern. Schon als Mädchen hörte Gomela diese Berichte in den schwärzesten Farben, bewusst im Umlauf gebracht um Furcht vor den kämpfenden Frauen zu säen. Bei Gomela erreichten sie damit das genaue Gegenteil. Eine ungeheure Faszination und Begeisterung. Seit jener Zeit hatte sie nur einen Wunsch. Sie wollte sich ihnen anschließen, als „Schwester des Schwertes“.

Gomela hatte frühzeitig damit begonnen eigenständig zu denken und sich mit den Anschauungen der Schwertschwestern vertraut gemacht. Sie konnte diese vorbehaltlos unterstützen. Die vom Amazonenbund gegründete Freie Föderation bot befreiten Sklaven und allen Randexistenzen eine sichere Zuflucht. Ein großer Schaden für die Wirtschaft der einzelnen Fürstentümer, deshalb hassten sie die Amazonen.

Die Prinzessin war sicher und behütet aufgewachsen. Doch sie hatte erkannt dass ihr übermäßiger Wohlstand mit dem Schweiß und dem Blut tausender Sklaven erwirtschaftet wurde und sie entdeckte großes Unrecht darin. So wollte sie auf keinen Fall weiterleben.

 

Nun befand sie sich also auf dem Weg dorthin, ohne die geringste Ahnung was sie erwartete.

Das letzte das sie in Erfahrung hatte bringen können war, dass sich Inanna, die ältere der beiden Königinnen krankheitsbedingt weitgehend zurückgezogen hatte und ihrer jüngeren Schwester Aradia das alleinige Oberkommando über die vereinigten Amazonenscharen übertragen hatte, jedoch als eine Art geistiges Oberhaupt weiter zur Verfügung stand. Die beiden Schwestern hatten ein sehr inniges Verhältnis zueinander und Aradia ließ sich von der Älteren in allen wichtigen Entscheidungen beraten und handelte danach.

Ihre wahre Identität als Fürstentochter musste Gomela auf jeden Fall verheimlichen, ihre vornehme Herkunft würde ihr dort sicherlich zum Schaden gereichen. Eine Prinzessin als Amazone? Ungeheuerlich! Feuer und Wasser!

Zunächst  musste sie jedoch erst einmal an ihr Ziel gelangen. Vor ihr lagen hunderte Kilometer offenes Land. Halbwüsten, Wüste und schließlich das Hochland. Gefahren ohne Ende. Sie musste mit allem rechnen. Schon als sie die Stadt hinter sich gelassen hatte wurde Gomela von einem beklemmenden Gefühl der Angst befallen. Wüstenlandschaft wohin sie auch blickte. Der Wasservorrat den sie bei sich hatte, konnte, wenn sie sparsam damit umging, etwa drei Tage reichen. Aber wie ging es danach weiter? Das Gleiche traf auch auf den Proviant zu. Auch ihr Pferd benötigte Nahrung und vor allem Wasser. Den großen Fluss musste sie hinter sich lassen, wenn sie gen Norden strebte.

Die Nacht in der Wüste war kalt, so dass es ihr entsetzlich fröstelte, doch das war nichts gegen die sengende Hitze des Tages die sich schon bald nach Sonnenaufgang erbarmungslos auf sie herabsenkte. Sie trieb ihr Pferd voran, gönnte sich kaum eine Rast, bis ihr bewusst wurde dass ein solches Tun ausgesprochen unklug war.

Die ersten zwei Tage kam sie gut voran und konnte eine weite Wegstrecke hinter sich lassen, doch im Laufe des dritten Tages, bemerkte sie dass ihr Pferd lahmte. Offensichtlich hatte sie es mit der Eile übertrieben. Es blieb ihr nichts weiter übrig als immer wieder abzusteigen und ihr Ross zu führen, dass bedeutete aber eine erhebliche Verzögerung.

Gegen Mittag erreichten sie einen kleinen Bach. Sie konnte ihr Pferd tränken und sich selbst den Wasservorrat erweitern. Sie ruhte eine Weile länger als sonst aus.

Gestärkt von der Rast glaubte sie nun ihren Ritt unbeschwert fortsetzen zu können. Eine Weile ging das gut, doch dann kam ihr Pferd zu stürzen und brach sich ein Bein. Horror , abgrundtiefer Horror, ein Alptraum. Lange verharrte sie, dann musste sie handeln und erlöste ihr Pferd mit einem Schnitt durch die Halsschlagader. Ein Trauma, nun musste sie zu Fuß weiter. Laufen, laufen und abermals laufen. Bald schon war sie am Ende ihrer Kräfte. Schließlich war auch noch der Wasservorrat aufgebraucht. Zu essen hatte sie ohnehin nichts mehr.

Wie eine Erlösung erschien es ihr als sie am sechsten Tag nach ihrer Flucht auf eine Gruppe von Schafhirten traf, die ihre Herde in Richtung eines Flusses trieben der im Norden lag.

 Durstig, hungrig und todmüde bat sie um Wasser, Essen und ein Nachtlager, dass ihr auch gewährt wurde. Die Männer waren sehr freundlich zu der ausgesprochen schönen und edlen Frau mit den vorzüglichen Manieren. Zu freundlich! Gomela erkannte die Gefahr zu spät. Sie hatte sich gerade auf dem Boden ausgestreckt, da hörte sie wie sich die Männer anschlichen.

Schon sah sie sich umzingelt. Sie verstand sich zu wehren. Mit einer geübten Schwertkämpferin hatte die wohl nicht nicht gerechnet. Ihr hartes Training dem sie sich im Palast täglich unterzogen hatte, zahlte sich zunächst aus. Doch vier muskelbepackte Kerle gegen eine Frau, die zudem durch die Wanderung ausgesprochen geschwächt war, konnte nicht positiv für sie enden.

Mit einem Schlag auf den Kopf setzen sie Gomela außer Gefecht. Halb benommen warfen die Kerle sie zu Boden, rissen ihr die Kleider vom Leib und stürzten sich auf sie, drückten sie zu Boden und fesselten ihr die Arme auf den Rücken. Zwei hielte sie von hinten fest, während ein anderer in sie eindrang. Es war die Hölle. Gomela fühlte sich in ein blutroten Schlund aus siedenden Öl gestoßen. Ihr ganzer Körper schien zu brennen und es kam ihr so vor als zog ihr einer die Haut von den Innenseiten der Oberschenkel. Sie wollte weinen, doch sie vermochte es nicht.

Endlich hatten sie wohl ihre Befriedigung gefunden und ließen von ihr ab. Gomela sank in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

Am nächsten Morgen waren die Hirten verschwunden, nur einer war zurückgeblieben und hielt Wache. Ein offensichtlich halb schwachsinniger Tölpel, der aber nicht sonderlich gefährlich schien. Nackt, gefesselt und durstig kauerte Gomela am Boden. Sämtliche Glieder taten ihr weh. Der Tag verging, ohne dass etwas geschah. Als am zweiten Tag erneut keiner von den anderen erschien, glaubte Gomela sich stark genug für eine Flucht.

Sie betörte den geistesschwachen Sonderling solange bis er ihrem Wunsch nachkam und die Fesseln löste. Sie lies sich noch von ihm begrabschen, dann trat sie ihm mit voller Wucht in den Bauch so dass dieser mit einem Schmerzenschrei zu Boden ging und sich wie ein Wurm im Staube wand.

Nun musste alles schnell von statten gehen. Gomela war nackt. So konnte sie unmöglich fliehen. Doch wo konnte sie Kleidung finden, oder irgendetwas um ihren Körper zu bedecken? Und ohne Wasser und ein wenig Proviant würde sie in der sie umgebenden Wüste kaum lange überleben.

Sie rannte in eines der Zelte und durchstöberte verzweifelt dessen Innenleben, endlich fand sie einen alten Sack. Mit einem alten stumpfen Messer gelang es ihr gerade noch drei Löcher hinein zuschneiden um den Sack über den Kopf und die Oberarme zu ziehen.

Dann hörte sie plötzlich wie die Hirten sich näherten, keine Zeit mehr sich mit Wasser zu versorgen.

Sie hastet nur noch aus dem Zelt und rannte um ihr Leben. Rannte, rannte, rannte, weinte dabei wie ein kleines Mädchen das sich im dunkel fürchtet. Es war aus. Daran bestand kein Zweifel. Sie konnte in der Wüste nicht lange überleben. Doch das war ihr im Moment egal. Nur weg von diesem Ort des Grauens. Wie hatte ihr das geschehen können, Gomela, die Prinzessin von Ninive, eine geübte Kämpferin in allen Waffengattungen. Sie wurde schneller und schneller. Wohin sollte sie laufen? Sie näherte sich einem Abhang und konnte nicht mehr bremsen, stürzte und rollte die steile Böschung hinab. Sie spürte einen starken Schmerz in ihrem linken Fußgelenk als sie unten angekommen war. Als sie sich aufrichtete stellte sie fest dass der Schmerz eine Fortbewegung unmöglich machte. Sie versuchte es trotz alledem, verlor den Halt und stürzte in eine Dornenhecke. Unglaubliche Schmerzen durchzogen sie an allen möglichen Stellen. Mit letzter Kraft gelang es ihr sich aus dem Gestrüpp zu befreien. Weinend schleppte sie sich voran um schließlich im heißen Wüstensand liegen zu bleiben, dabei der sengend heißen Sönne ausgesetzt.

 

Etwa zu jener Zeit durchstreifte Daraya diese Gegend alleine weiter, nachdem sie die Patrouille bereits in Richtung Siedlung vorausgeschickt hatte. Daraya, die verwegenste in Aradias Amazonenschar kannte diese Gegend genau. Ihr oblag die Erkundung dieses Gebietes. Oft war sie hier tagelang unterwegs, allein, oder mit ihrer Truppe. Sie liebte es sich auf dem Rücken ihres Pferdes den Wind um die Ohren sausen zu lassen, den Blick dabei auf den unendlichen Horizont gerichtet der sich vor ihr erstreckte.

Ihr verwegenes Aussehen sollte dem Gegner Furcht einflößen. Ihre dunkelblondes Haare wie immer  bis etwa 5cm über den Ohren wegrasiert. Das Gesicht weiß gekalkt und die Augenringe mit schwarzem Cajal gefärbt, ebenso den Mund geschwärzt. Die Oberarme mit kunstvollen Mustern tätowiert.

Die Sonne hatte ihren Höhepunkt erreicht, als sie sich dem Abhang näherte, nach unten blickte und dort den scheinbar leblosen Körper im Staube liegen sah.

Sie stieg aus dem Sattel, ging ein paar Schritte nach vorn und hockte sich in den Sandboden um mit ihren Adleraugen akribisch genau die Umgegend auszukundschaften. Keine weitere Person zu sehen. Langsam begann sie die Böschung hinab zu klettern, ihre rechte Hand dabei am Griff ihrer bronzenen Doppelaxt, der legendäre Waffe der Amazonen.

Eine kurze Weile betrachte sie die Frau am Boden aus der Distanz, dann hockte sie sich neben diese und rollte sie auf den Rücken. Das ganze Ausmaß ihres Leides kam dabei zum Vorschein. Daraya hielt den Kopf in den Händen.

„Verdammte Drecksbande! Wieder mal ein Opfer gefunden! Leider zu spät. Verzeih mir dass ich nicht früher eintreffen konnte um dein Leben zu retten. Dann kann ich dich nur noch begraben, um dich davor zu bewahren, dass sich die Schakale an dir satt fressen.“

Als Daraya den Körper aufrichtete stellte sie fest, dass das Leben noch nicht daraus entwichen war.

„Du lebst? Kannst du mich hören? Hmm. Dann werde ich dich also mitnehmen.“

Darayas athletisch- muskulöser Körper gestatte es die Fremde wie ein Mann auf ihre Arme zu nehmen und mit Leichtigkeit den Abhang hinauf tragen konnte. Trotzdem war sie geschafft als sie oben ankam.

„Ein Leichtgewicht bist du nicht gerade. Aber schön bist du. Wo magst du hergekommen sein?“

Die Amazonenkriegerin packte Gomela auf ihr Pferd, sicherte alles so gut es ging, saß auf und ritt mit ihrer ungewöhnlichen Fracht dem Hauptquartier der Schwertschwestern entgegen.

Dort angekommen bat sie Uratha, die ihr zufällig über den Weg lief, ihr dabei zu helfen die verletzte Fremde in ihr Haus zu bringen. Das war nicht einfach, denn dafür mussten sie die Hauswand erklimmen ein Stück über die Dachterrasse laufen um dann den bewusstlosen Körper über die 8m lange Leiter in Darayas Haus bringen. Daraya lebte hier seit kurzem wieder allein nachdem ihre letzte Gefährtin ausgezogen war.

Sie bettete die Fremde auf ihre Liegestatt und eilte schnell in Richtung Krankenstube um von dort Hilfe zu erbitten.

Galbura, eine der älteren Heilkundigen Frauen begleitete sie dann zurück. Galbura hatte sich, seit sie ihre Laufbahn als aktive Schwertschwester beendet hatte, den Heilkundigen angeschlossen und war besonders auf die Wundbehandlung spezialisiert. Die Frau mittleren Alters trug ihr dunkelgraues Haar zu einem Zopf geflochten, der ihr über die rechte Schulter hing. Dabei hatte sie einen kleinen Holzkasten, mit einem Lederband über ihrer Schulter tragend, mit allerlei heilsamen Tinkturen, Salben und anderem Materialien.

Am Krankenlager angekommen entkleideten sie Gomela und Galbura machte sich zuerst daran die zahlreichen Dornenspitzen zu entfernen und die Wunden zu reinigen. Danach begann sie den Körper genau zu untersuchen.

„Da hast du dir aber ein besonders Edle und Schöne eingefangen Daraya. Du hattest schon immer einen guten Geschmack was schöne Frauen betrifft. Auch wenn ihr Körper stark in Mitleidenschaft gezogen ist, sieht man gleich dass sie edler Herkunft ist. Sieh dir nur diese feinen, geschmeidigen Hände an. Und ihr Haar war nicht immer so zerzaust wie im Moment.“

Galbura hob Gomelas Kopf und betrachtet deren Augen.

„Ich hoffe die Augen haben nichts abbekommen. Sie lag auf dem Rücken sagst du?“

„Ja, zumindest habe ich sie so gefunden!“ Bestätigte Daraya.

„Das ist gut für ihre Augen, dafür hat ihre Haut am ganzen Körper einen sehr starken Sonnebrand, dazu viele Schürfwunden. Sie wird große Schmerzen haben, wenn sie erwacht.

Es ist gut dass sie ohne Bewusstsein ist. Am besten lässt du sie lange schlafen.“

Galbura betastete den ganzen Körper vom Köpf bis zu den Füßen .Als sie den linken Fuß anhob und das Gelenk leicht bewegte, stöhnte Gomela auf.

„Sie hat sich den Fuß verstaucht. Siehst du die Schwellung? Kühlen, mach ihr kalte feuchte Verbände. Ihren Körper wirst du zunächst eine Weile mit kühlem Wasser betupfen. Später kannst du sie vorsichtig mit dieser Salbe einreiben.“ Galbura hob ein Fläschchen in die Höhe.

„Es wird mir ein Vergnügen sein!“ Gab Daraya zu verstehen.

„Das kann ich mir vorstellen! Aber Spaß beiseite. Sie ist sehr krank und bedarf unserer Hilfe, dass ist im Moment das Wichtigste. Vor allem musst du ihr viel zu trinken geben, wenn sie erwacht. Ihr Körper hat eine Menge an Flüssigkeit verloren, das muss ausgeglichen werden. Ich verlasse dich jetzt. Du weist was du zu tun hast. Sollte es ihr schlechter gehen dann rufe mich oder eine der anderen Heilkundigen. Im Moment könne wir nur abwarten.“

Galbura verabschiedete sich und entschwand durch die Dachluke ins Freie.

Nun war Daraya mit ihrer Eroberung allein und betrachtete sehnsuchtsvoll den nackten Körper.

Nach einer Weile machte sie sich ans Werk Galburas Anweisungen Folge zu leisten. 

Dabei ging sie sehr behutsam vor um ihrem Gast nicht weh zu tun, trotzdem stöhnte Gomela mehrmals dabei auf.

Der Schlaf stellte sich nicht ein. Daraya wachte vor allem an Gomelas Bett. Mit einem feuchten Leinentuch kühlte sie deren Stirn, die Wangen, Nase und Mund, sowie die Schulterpartien, jenen Stellen die der Sonnenbrand besonders in Mitleidenschaft gezogen hatte. Kam Gomela zwischendurch hin und wieder kurz zu Bewusstsein, gab ihr Daraya reichlich zu trinken.

Sanft streichelte sie den Kopf der schönen Frau, vor allem dann wenn sie aufstöhnte, das half tatsächlich und beruhigte sie wieder.

 

Die folgenden zwei Tage fieberte Gomela, bekam Schüttelfrost, so dass Daraya sie in eine Decke hüllen musste. Hatte sie doch innere Verletzungen? Würde sie durchhalten? Eine zeitlang stand es tatsächlich auf des Messers Schneide.

Daraya lies sich von allen ihren Aufgaben vorübergehend entbinden und wich nicht von der Seite ihres unfreiwilligen Gastes.

Am  Morgen des vierten Tages kam Gomela zu sich. Daraya wachte bereits seit geraumer Zeit an der Bettkante.

Als Gomela die Augen aufschlug nahm sie ihre Umgebung zunächst verschwommen war, doch dann verdichtete sich das Bild und sie blickte auf in das Gesicht mit der markanten Kriegsbemalung.

Sie bekam einen gewaltigen Schreck.

„Wer bist du denn?“ Schnellte Gomela nach oben das Gesicht dabei zu einer schmerzverzerrten Grimmasse schneidend.

„Au!“

„Ruhig! Ganz ruhig bleiben! Alles in Ordnung. Du bist in Sicherheit! Komm leg dich wieder hin.“ Versuchte Daraya zu beruhigen.

Gomela spürte Schmerzen am ganzen Körper, Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn.

Daraya tupfte ihr das Gesicht.

„Wo, wo bin ich hier? Was… was ist mit mir geschehen? Bist du etwa eine Amazone?“

„Und wenn ? Wäre das ein Problem für dich?“

„Nein! Nein, im Gegenteil! Ich war auf dem Weg in das Reich der Schwertschwestern. Ich möchte eine von ihnen werden. Aber ich wurde Opfer von Wegelagerern. Ich bin geflohen, aber ich kann mich nicht erinnern was wirklich geschah.“ Fuhr Gomela weiter fort.

„Na wenn du eine Schwertschwester werden willst musst du noch eine Menge lernen. Viel Ahnung scheinst du vom Leben in der Wildnis nicht zu haben. Bist eine feine Dame, was?

Hab ich gleich bemerkt, als ich dich da draußen liegen sah.“ Erwiderte Daraya  erhob sich um einen Krug mit Wasser zu holen.

„Du hast mich gefunden? Dann… dann bist du meine Lebensretterin! Ich stehe somit tief in deiner Schuld:“ Schätzte Gomela die Situation richtig ein.

„Komm! Trink erst mal was! Du hast sicher großen Durst!“ Meinte Draya und goss einen Becher aus gebranntem Ton randvoll mit Wasser.

„Ich bin durstig wie eine Bergziege. Ich könnte einen ganzen Teich austrinken!“ Bestätige Gomela und griff nach dem Becher. Dann stürzte sie den Inhalt gierig die Kehle hinunter.

Während sie sich aufrichtete rutsche die Decke nach unten und entblößte ihre Brüste, schnell zog sie das Tuch wieder nach oben.

„Na, na, na. Ich gucke dir schon nichts ab. Wie ich schon sagte. Wenn du eine echte Schwertschwester werden willst musst du vieles lernen. Zum Beispiel dass übertriebenes Schamgefühl bei uns überflüssig ist. Sieh mich an.“

Daraya streckte ihre vollen Brüste nach vorn. Sie bewegte sich im Haus wie auch in der Siedlung fast immer mit freiem Oberkörper. Einziges Kleidungsstück war die uralte abgewetzte, eng anliegende Reithose aus Wildleder. So fleckig und speckig, dass man glauben konnte sie habe sie ein ganzes Jahr nicht vom Leibe bekommen.

„Wir sind eine Familie. Wir sind unter uns Frauen hier. Kerle wirst du hier nicht entdecken, die sind hier unerwünscht. Ja, du bist bei den Schwertschwestern. Das hier ist die Hauptsiedlung.“

Gomela ballte die Fäuste und stieß einen Triumphschrei aus.

„Ja! Ich habs geschafft! Ich habs tatsächlich geschafft! Die Strapazen waren also nicht umsonst.“

Diesmal lies sie ihre Brüst offen, betrachtete und betastete die noch immer stark geröteten Stellen am Oberkörper.  

„Unvorsichtig und unbesonnen warst du. Wie kannst du so einfach in die Wüste reiten. Ja, ich habe dich gefunden. Du warst mehr tot als lebendig. Wenn ich nicht zufällig des Weges gekommen wäre, wärst du jetzt ein Fraß für die Geier.“

„Ich danke dir! Ich danke dir von Herzen! Meine Lebensretterin!“ Gomela schenkte ihrem Gegenüber ein sanftes Lächeln.

„Schon in Ordnung! Jetzt nur kein Süßholz raspeln. Aber ich könnte mir vorstellen dass du hungrig bist. Dann lass uns erst mal etwas essen.“

Daraya bewegte sich im Raum herum und suchte alles zusammen was sie fand.

„Ein Festmahl ist es nicht gerade. Wir haben frisch gebackenes Fladenbrot, Schafskäse, ein paar Oliven. Satt werden wir davon allemal.“

Daraya brachte alle Zutaten als Lager ihres Gastes.

„Mir ist alles recht! Ich habe seit Tagen nichts mehr bekommen. Oh, dass ist sehr wohl ein Festmahl hier.“ Gomela griff zu und lies es sich schmecken.

 Daraya nahm im Schneidersitz auf der Schlafstätte Platz und tat es ihrem Gast gleich.

„Entschuldige! Ich habe dich gar nicht gefragt wie es dir geht. Hast du noch Schmerzen?“ Durchbrach Daraya nach einer Weile das schweigen.

„Ja, am ganzen Körper! Besonders am Fuß und an den Beinen.“ Gomela schlug die Decke beiseite und betrachtet ihre Waden, an denen noch immer die durch die Dornen verursachten Wunden zu sehen waren.

„Das sieht ja schlimm aus. Und weh tut es auch.“ Tränen schossen Gomela in die Augen.

Dann versuchte sie sich kurzer Hand aufzurichten, doch der Schmerz in ihrem Fuß war noch beträchtlich.

„Warum tust du das? „ Wunderte sich Daraya. „Bleib liegen die nächsten Tage, ruh dich aus. Du hast nichts zu versäumen. Mit allem was du brauchst, kann ich dich versorgen. Mund auf!“ Daraya schob ihrem Gast eine Olive in den Mund. „So und jetzt wieder hinlegen, wenn du mit dem essen fertig bist.“

Gomela folgte der Anordnung widerspruchslos, konnte sich aber ein lächeln nicht verkneifen.

Daraya griff vorsichtig nach Gomelas Fuß.

„Den werde ich jetzt wieder mit feuchten Tüchern kühlen.“ Sprach sie und holte die dazu gehörigen Utensilien. Dann legte sie die kalte Kompresse an die schmerzende Stelle.

„Tut dir das gut?“

„Ja sehr! Ich danke dir !"

Ich bin so gespannt auf all das was mich hier erwartet. Sehr lange habe ich darauf hingearbeitet. Ich werde lernen. Versprochen! Alles was für mich wichtig ist. Wenn du mir dabei hilfst könnte ich sicher schnell zum Ziel gelangen.“

„Hm! Darüber lässt sich reden!“ Stimmte Daraya zu.

„Wirklich? Du willst mich unterweisen. Das ist wunderbar. Fangen wir sobald als möglich damit an.“ Begeisterte sich Gomela.

„Langsam, langsam ,langsam! Erst musst du richtig gesund werden. Sei doch nicht so ungeduldig.“ Bremste Daraya, während sie das Geschirr beiseite räumte.

„Natürlich hast du Recht! Aber sobald es besser wird fangen wir an zu trainieren. Bitte!“ Gomela  presste die Handflächen gegen einander, so als habe sie vor zu beten.

„Meinetwegen! Aber sei gewiss, es ist eine mühsame Angelegenheit. Du hast starke Muskeln, das ist schon mal von Vorteil. Das ist mir schon aufgefallen, als ich dich hierher brachte. Hasst dich viel bewegt und Sport getrieben, was? Das ist immer richtig.

Aber kämpfen, das ist eine ganz andere Angelegenheit.“ Meinte Daraya. Danach öffnete sie eine Truhe und holte eine saubere hellgraue Tunika aus groben Leinen hervor und brachte sie zu Gomela.

„Hier! Probier mal! Es sei denn duhast vor ständig nackt herumlaufen. Habe ich sicher nichts dagegen. Solche Dinger tragen die meisten Schwestern im Haus. Ich bin da nicht so begeistert davon.“

Gomela griff zu und betrachtete das Ding. Dann entschloss sie sich doch, es sich vorerst wieder im Bett bequem zu machen..

„Was die Aufnahme neuer Schwestern betrifft. So kann ich das ohnehin nicht entscheiden. Du bist zunächst mein Gast. Kein Problem, kannst so lange bleiben wie du magst. Aradia entscheidet über eine vorübergehende Aufnahme. Über die endgültige befindet unser Großer Rat. Aber uns in den Waffentechniken üben können wir natürlich unabhängig davon.“

Die Worte schmeckten wie süßer Honig. Nur all zu gerne hätte Gomela ihrer Gastgeberin schon jetzt ihre Fähigkeiten bewiesen. Doch das hatte Zeit. Sie war hier, hatte es geschafft. Die Strapazen und Gefahren der langen Reise hatten sich allemal gelohnt. Der Weg zu ihrem neuen Leben als Schwertschwester stand offen.

 

Die folgenden Tage erholten sich Gomela weiter. Die Wunden heilten, der Schmerz in ihrem Fuß lies immer deutlicher nach und der Sonnenbrand war einer gesunden Bräune gewichen.

Dabei kam sie Daraya immer näher. Bald waren die beiden Freundinnen.

Daraya hatte Gomela in der Zwischenzeit in der Siedlung herum geführt und sie mit vielen Schwestern bekannt gemacht. Überall fand sie freundliche Aufnahme.

Schließlich war es soweit sich wieder an das so lange vernachlässigte Training zu machen.Zu diesem Zweck fanden sie sich auf den Dachterrassen ein. In der Annahme eine unbedarfte Anfängerin vor sich zu haben, versuchte Daraya der Freundin die Grundzüge in der Handhabung der wichtigsten Waffen zu erläutern.

„Wir probieren heute erst einmal die beiden wichtigsten Nahkampfwaffen. Das Kurzschwert und die Doppelaxt. Letzteres ist unser Symbol. Aber das ist dir ja sicher ein Begriff.

Sieh her wie leicht sich das Kurzschwert in der Hand führen lässt.“

Daraya jonglierte mit der Waffe als sei diese ein Teil von ihr. Eine Meisterin. Daran bestand nicht der geringste Zweifel.

Gomela hockte am Boden und betrachtete alles genau, dabei immer wieder vor sich hin schmunzelnd. Nach wie vor mimte sie die Ahnungslose.

„Wie gut dass es das neue Metall gibt. Unsere Schmiede haben eine besondere Technik entwickelt. Sie geben einfach etwas Zinn in das geschmolzene Kupfer und schon haben wir ein viel stärkeres Material. Bronze nennen sie es. Viel härter und biegsamer als unsere alten Kupferwaffen. Trotzdem geht viel kaputt. Die Schmiede sind Tag und Nacht dabei neue Waffen zu fertigen.“

Daraya bewegte Schwert und Axt mit einer Anmut durch die Luft, als führe sie einen Tanz vor.

Gomela konnte sich nicht satt genug an diesem athletischen Körper sehen. Daraya war etwa in ihrer Größe, aber der sportliche und von der Sonne dunkel gebräunte Körper bewegte sich mit einer Perfektion, die jeden in Staunen versetzte. Sie war nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Den Oberkörper präsentierte sie wie so oft frei.

„Was ist denn so komisch an der Sache Gomela? Dir fehlt anscheinend der richtige Ernst um zu begreifen. Nicht dass mich dein Lächeln stört, ganz im Gegenteil. Aber hier ist einfach Konzentration gefragt.“

Daraya hatte die heitere Miene ihres Gastes erkannt und konnte sich diese nicht erklären.

„Entschuldige! Ich war tatsächlich nicht recht bei der Sache. Ich habe nur deinen Körper bewundert.“

„Danke! Jetzt aber lass uns probieren. Nimm doch einfach mal die Waffen auf.“

Gomela tat wie ihr geheißen.

„Nein, doch nicht so. Das ist kein Kamm. Du hältst die Doppelaxt nicht richtig. Im Kampf muss jeder Griff sitzen. So, jetzt geh einfach mal ein paar Schritte von mir. Dann stürmst du auf mich zu und greifst mich an.“

„Willst du dir nicht vorher die Kampfmontur anziehen?“ Wollte Gomela neckisch wissen.

„Haha! Du glaubst wohl dass du mir gefährlich werden könntest? Aber du hast Recht! Auch bei den Übungen sollten wir uns schützen und nicht leichtfertig mit unserer Gesundheit umgehen.

Daraya zog sich die Reiterhose und die Kampfweste über, dann erwartete sie Gomelas Angriff. Die täuschte noch ein paar ungeschickte Bewegungen vor, doch plötzlich begann sie sich wie ein Kreisel zu drehen und stürmte wie wild auf Daraya zu. Die bemerkte sofort dass sie es hier keineswegs mit einer Anfängerin zu tun hatte und stellte sich darauf ein.

Sie hieben und hackten auf einander ein. „King Klong Klang. Kling Klong Klang. Kling Klong Klang. Metall prallte auf Metall. Beide parierten genau die Schläge ihres Gegenübers.

Auch die Beine kamen zum Einsatz. Beide wichen den Tritten der Gegnerin gekonnt aus.

Auf diese Weise hätte der Kampf  Stunden lang weiter verlaufen können, ein ewiges Unentschieden.

Bald hatten sich einige andere Schwestern auf die Terrasse begeben um diesem Meisterkampf beizuwohnen. Dabei immer wieder Applaus spendend.

Plötzlich schwang sich Gomela in die Luft, drehte sich um ihre Achse, holte mit dem linken Bein aus und setzte ihren Fuß auf Darayas Bauch, die durch diesen Stoß zu Boden geschleudert wurde. Doch kaum war sie dort angekommen sprang sie aus dem Stand, drehte sich in der Luft und traf nun ihrerseits Gomela die durch den Aufprall auf ihrem Allerwertesten landete. Schnell richtet auch sie sich wieder auf.

„Stopp! Aus! Lass uns erst mal ne Pause einlegen!“ Schlug Daraya völlig außer Atem vor.

„Habe ich dich ermüdet, oder etwa wehgetan?“ Wollte Gomela wissen.

„Hat es dir gefallen?“

„Ob es mir gefallen hat? Ich bin sprachlos!“ Begeisterte sich Daraya. „Du kämpfst wie eine Amazone. Ja du bist hier mehr als willkommen,“

„Deine Worte machen mich sehr glücklich. Das ist es was ich möchte, nicht mehr und nicht weniger.“

„Aber sag schon. Wo hast du so zu kämpfen gelernt?“ Bohrte Daraya weiter nach.

„Ich.. äh.. ich hatte gute Lehrer! Dort wo ich herkomme.“ Versuchte Gomela abzulenken. Sich jetzt nur nicht verplappern. Niemand sollte jemals wissen wer sie war und was sie gewesen. Dieses Leben lag hinter ihr. Damit hatte sie nichts mehr zu tun. Selbst wenn sie wollte konnte sie niemals dorthin zurück.

Die beiden hockten sich auf den Boden und tranken in hastigen Schlücken aus ihren Tonflaschen, die sie mitgebracht hatten. Der Schweiß perlte von ihren Körpern und lies ihre Leiber in der Sonne glänzen.

Daraya streckte ihre Glieder auf dem Boden aus um eine Weile auszuruhen. Doch Gomela konnte es nicht erwarten den Kampf fortzusetzen. Sie kitzelte Darayas Fuß.

„Komm! Lass uns weiter machen!“

„Na du bist mir ja eine! Täuscht hier seelenruhig die Unerfahrene vor, dabei ist sie eine Löwin.“

Daraya erhob sich und brachte sich in Stellung. Dann ging es weiter. Es schien als tanzen beide ein perfekt einstudiertes Ballett, so sehr waren ihre Bewegung auf einander abgestimmt.

 

Auch alle anderen Herausforderungen meisterte Gomela mit Bravour, den Kampf mit dem Langstab etwa, der zweiten traditionellen Waffe aller Amazonen, dem Bogenschießen, dem Reiten, dem Schnelllauf oder dem Klettern an einer steilen Wand. Bei all diesen Dingen versetzte sie Daraya in Staunen.

 

„Gomela? Kommst du mit mir? Aradia möchte dich sprechen.“ Rief ihr Daraya eines Morgens von der Dachterrasse zu.

Nun war es also soweit. Bisher war sie der großen Meisterin und Anführerin der Schwertschwestern noch nicht begegnet, weil sich diese wieder einmal mit einem Teil der Truppe auf einem Streifzug in den Süden befand, wo sie gleich mehrere Strafexpeditionen gegen die Sklavenhändler zu führen hatte und viele Sklaven befreien konnte.

Ein mächtiges Grummeln im Bauch befiel Gomela als sie mit Daraya Aradias Haus betrat.

Das Haus einer Königin, es unterschied sich in nichts von den übrigen.

Gleiche Größe, gleiche Einrichtung, gleiche Atmosphäre.

Viel hatte sie über das legendäre Oberhaupt der Schwertschwestern gehört und sie kam mit einer konkreten Vorstellung von ihr, doch was sie nun zu sehen bekam übertraf all ihre Erwartungen. Das war keine Frau, das war eine Göttin, direkt aus dem Himmel herabgestiegen. Gekleidet war sie noch in ihrer Reiterkluft. Gomela schätzte sie auf etwa 190 cm Körpergröße, Breitschultrig wie ein Mann, ein feines Muskelgeflecht das sich über den ganzen Körper erstreckte. Kraftvolle, aber elegante Hände. Die Muskeln zogen sich über den Hals bis in das Gesicht, so dass ihr ein Hauch Androgynität anhaftete

Trotzdem war sie wunderschön, keineswegs das Mannweib, als dass sie verunglimpft wurde.

Ein ausdrucksstarkes Gesicht mit einem wunderbaren Lächeln und feinen Grübchen in den Mundwinkeln und sonnen gebräunt am ganzen Körper. Ein guter Kontrast zu ihrem blonden Haar und den blauen Augen.

Ehrfurcht und Staunen erfasste Gomela. Kein Wunder dass sich die Soldaten ihre Vaters vor Angst in die Hosen machten wenn sie ihrer ansichtig wurden. Wo diese Frau zulangte da blieb kein Auge trocken.

Aradia  breitete die Arme aus und zog Gomela an sich, dann verabreichte sie ihr den fünffachen Schwesternkuss.

„Nun lerne ich dich endlich kennen, Gomela. Daraya hat mich neugierig gemacht indem sie nur in den glühensten Farben von dir berichtet hat. Sie hat nicht übertrieben. Du bist eine echte Perle voller Anmut und Sinnlichkeit.“

„Und eine Kämpferin ist sie, voller Kraft und Energie, sag ich dir. Die ist bei uns bestens aufgehoben, von ihr können sich einige andere noch ne Menge abschneiden. Wir messen uns jeden Tag und sie wird von Mal zu mal besser.“ Schwärmte Daraya.

„Du hast doch sicher schon bemerkt das Gomela einen Mund hat, lass sie doch einfach selber reden, Daraya.“ Erwiderte Aradia.

Gomela hingegen war dankbar für die Fürsprach der Freundin. Zu sehr zog sie Aradia in den Bann. Dieses Lächeln, dieses unwiderstehliche Lächeln.

„Ja… äh. Ich freue mich dich kennen zu lernen Aradia. Lange habe ich auf diesen Moment warten müssen. Nun ist es endlich soweit. Ich möchte hier bleiben und mit euch leben und kämpfen. Ich bitte um Aufnahme in eure Gemeinschaft.“ Brachte Gomela schließlich noch hervor.

„Das bist du bereits! Zumindest vorläufig erteile ich dem meine Zustimmung. Über einen dauerhaften Verbleib entscheidet der Rat. Aber da hast du nichts zu fürchten, bei den Fürsprechern die dir zur Seite stehen. Daraya und mich selbst.“

Über die Treppe stieg eine junge Frau ins Innere des Hauses. Sie war noch sehr jung, etwa 18/19 Jahre alt und hatte einen sportlichen schlanken Körper.

„Darf ich euch bekannt machen. Das ist Leyla, meine Schülerin, Gehilfin in allen Belangen und Gefährtin in meinem Haus.“ Stellte Aradia vor.

„Und ihre Geliebte!“ Flüsterte Daraya Gomela ins Ohr.

„Leyla, dass ist Gomela, unsere neue Schwester. Eine gute Kämpferin, die wie gut gebrauchen können.“

Die beiden begrüßten sich auf Schwesternart.

„Ja dann wäre alles geklärt! Herzlich willkommen! Ich hoffe ihr zwei findet mal eine Gelegenheit unsere Gemeinschaft mit euren Kampfkünsten zu unterhalten. Übrigens seit ihr beide heute Abend zum essen eingeladen, bei Inanna. Sie möchte dich auch kennen lernen Gomela. Kasuba will uns mit ihren Kochkünsten verwöhnen. Es wird sicher ein netter Abend.“ Lud Aradia ein.

Plötzlich meldeten sich Gewissenbisse bei Gomela. Sie fühlte dass sie ihre wahre Identität offenbaren musste, denn die Liebe die ihr hier von allen zu Teil wurde verlangte nach Ehrlichkeit.

„Ich …ähm. Ich muss euch noch etwas sagen. Ich möchte darüber sprechen wer ich bin und woher ich komme.“

„Das musst du nicht!“ Entgegnete Aradia. „Wie jeder anderen auch steht dir das Recht zu über dein bisheriges Leben zu schweigen. Deine Vergangenheit ist unwichtig. Die Gegenwart alleine zählt. So wie du bist und dich einbringen kannst und willst.“

„Ich weiß! Aber ich möchte mit euch darüber sprechen. Ihr seit alle so gut zu mir und ich fühle mich hier sehr wohl. Ihr habt ein Recht alles über mich zu erfahren.“

„Nun denn! Wenn du willst! Dann leg mal los!“

„Also… äh. Ja, mein Vater ist…. Also wie soll ich es sagen? Mein Vater ist….“

„Dein Vater ist der Fürst von Ninive! Das ist es doch was du uns sagen wolltest, oder?“ Half ihr Aradia auf die Sprünge.

„Ja, aber woher weißt du…“

Aradia erhob sich von ihrem Platz.

„Händler die hier regelmäßig vorbei kommen, berichteten von der Prinzessin Gomela aus Ninive, die  am Tag vor ihrer Hochzeit ihren Bräutigam nebst all seinem pompösen Gefolge sitzen lies und sich davon machten.  Ihre Spur verliert sich in unserer Gegend. Dann brachte dich Daraya hierher. Bevor ich auf unseren Feldzug ging, habe ich dich am Krankenlager besucht und lange an deinem Bett gesessen. Diese Anmut und Ausstrahlung, das konnte nur die verlorene Prinzessin sein. Und als ich dann hörte das du rein zufällig auch Gomela heißt bestand für mich kein Zweifel mehr.“

Gomela senkte den Kopf. Nun war es raus. Aus der Traum? Konnte sie unter diesen Umständen die herzliche Gastfreundschaft der Schwestern  weiter genießen?

„Na dass war`s wohl. Dann werde ich mich verabschieden müssen und reumütig nach Hause zurückkehren, die verlorenen Tochter spielen, die von nun an wie ein Mäuschen allem zustimmt, was man für sie entscheidet. Das heißt natürlich nur wenn sie mich überhaupt noch akzeptieren.“

„Was redest du da Gomela. Ich versteh kein Wort von dem was du sagst!“ Wunderte sich Daraya. „Wieso willst du uns auf einmal verlassen?“

„Das verstehe ich auch nicht!“ Pflichtet ihr Aradia bei.

„Ja, aber ihr müsst mich doch hassen, jetzt wo ihr über mich aufgeklärt seid. Mein Vater ist euer Feind und auch der Mann den er für mich zum Gemahl erkoren, ist euch sehr feindselig eingestellt.“

„Aber warum sollten wir dich deshalb hassen? Schau mal, in dem Moment als du deinem Pferd das Zaumzeug anlegtest und dich auf den Weg machtest, warst du bereits unsere Schwester. Du hast dich auf eine gefahrvolle Reise begeben und wärst um ein Haar gestorben.

Na wenn das kein Beweis für deine ehrlichen Beweggründe ist?“ Erwiderte Aradia, danach legte sie ihren Arm um die um einiges kleinere Schwester und drückte sie sanft an sich.

„Ich darf trotz meiner Herkunft bei euch bleiben?“

„Ja natürlich! Allerdings musst du bedenken dass die meisten hier einem wesentlich niedrigeren Stand entstammen als du. Viele waren Sklaven, so wie Daraya, Inanna und ich.

Wenn du damit zurecht kommst ist alles in Ordnung.“ Klärte Aradia auf.

„Ob…ob ich damit zurecht komme? Seit meiner Kindheit habe ich nur einen Wunsch, als Schwertschwester zu leben. Vergesst die Prinzessin! Ich möchte so leben wie ihr, ohne Privilegien, ohne Sonderrechte."

„Das bist du. Ich kann dich nur noch einmal willkommen heißen und Inanna wird es auch, sie ist bereits über deine Herkunft in Kenntnis gesetzt.“

Daraya klopfte Gomela auf die Schulter, dann schlang sie ihren Arm um die Freundin.

„Wau, so ein hohes Tier bist du also? Na, da habe ich mir in der Tat einen ganz dicken Fisch geangelt.

 

Am Abend trafen sich alle in Inannas Haus zu einem gemeinsamen Mahl. Daraya und Gomela waren die ersten die erschienen.

Noch während Gomela die Leiter hinab stieg fiel ihr Blick auf Inanna, die auf ihrer mit einer Menge an Schaffellen gut gepolsterten gemauerten Schlafstätte lag, den Oberkörper an die ebenfalls gepolsterte Wand gelehnt. Gekleidet in die hellgraue ärmellose Leinetunika. Die nackten Füße elegant übereinander liegend.

Das also war sie, die eigentliche Gründerin der Schwesternschaft, das Spirituelle und geistige Herz der Gemeinschaft. Jene Frau die tausenden geschändeter und gequälter Frauen und Mädchen in ihrer Gemeinschaft die gestohlene Würde zurückgab und ihnen neue Perspektiven in einer alternativen Lebensform schenkte. Die Frau die tausenden von Sklaven zu einem Leben in Freiheit und Würde verhalf und ihnen eine gesicherte Lebensgrundlage bot.

Ohne Inanna gäbe es weder den Amazonenbund noch die freie Föderation an Siedlungen die sich unter dessen Obhut darum gebildet hatte.

Die Krankheit hatte sie gezeichnet, doch ihre Würde, Anmut und Schönheit tat das keinen Abbruch.

Gomela stellte fest dass sie wenig Ähnlichkeit mit ihrer jüngeren Schwester Aradia hatte.

Inanna, ein dunkler Typ, was die schwarzen Haare und den dunklen Teint ihrer Haut betraf. Auch war sie einen halben Kopf kleiner als die jüngere Schwester.

Eines aber hatten sie gemeinsam. Jenes zauberhafte Lächeln. Auch in Inanans Mundwinkel bildeten sich feine Grübchen wenn sie lachte.

Gomela war sofort von ihr angetan und begeistert.

„Du bist also Gomela, die neue Schwester. Komm setzt dich zu mir.“ Lud Inanna ein.

Gomela kam der Einladung nur zu gern entgegen.

„Ja, du bist eine Prinzessin, das habe ich schon an der Art bemerkt wie du dich bewegst und dann dieses geschmeidige Haar.“ Inanna lies ihrer Hand durch Gomelas Haare gleiten.

„Ich fühle mich tief geehrt deine Bekanntschaft zu machen, Königin der Amazonen. Du…du kannst dir nicht vorstellen wie ich diesem Moment entgegenfieberte. Schon als ich noch ein Mädchen war hörte ich von deinen Taten und war erfüllt von dem Wunsch einmal zu euch zu gehören.“

Lies Gomela ihrer Begeisterung freien Lauf.

„Ja, du gehörst zu uns. Wenn Aradia dich aufgenommen hat gibt es von meiner Seite nichts einzuwenden. Ah, Daraya ich grüße auch dich. Einen großen Dank dafür dass du dieses bezaubernde Wesen in unsere Gemeinschaft gebracht hast. Wie ich sehe habt ihr euch schon angefreundet. Das ist gut! Das ist sehr gut!“

„Ohne Daraya wäre ich in der Wüste umgekommen, sie hat mich gesund gepflegt und durch sie konnte ich mich schon richtig einleben. Tiefen Dank und tiefe Freundschaft bringe ich ihr entgegen.“ Bestätigte Gomela.

Inanna griff nach Gomelas rechter Hand. Mit ihren Fingerspitzen streichelte sie deren Handfläche. Gomela wurde von einer Flut positiver Energien erfasst. Was da durch ihren Körper strömte überwältigte sie geradezu. Es schien als sei Inanna dabei ihre Seele zu streicheln. Der lähmende Krampf in der Brust, den sie seit jenem fürchterlichen Erlebnis in der Wüste hatte, begann sich zu lösen und sie fühlte sich auf einmal frei.

„Du hast schlimmes erlebt da draußen, auf deinem Weg hierher. Wenn du magst kann ich dir helfen. Ich kann dich befreien. Komm zu mir wenn du bereit bist. Wann immer du willst.“ Flüsterte ihr Inanna zu.

„Wir haben noch viel Zeit. Ich möchte dich gerne näher kennen lernen, schöne Prinzessin.

Lass mich erst einmal Aradia begrüßen.“

Aradia und Leyla hatte in der Zwischenzeit das Haus über die Leiter betreten. Gomela erhob sich und trat zur Seite. Nun wurde sie Zeugin einer Begegnung die ihr erneut das Herz wärmte.

Aradia, die große athletische Kriegerin mit den stahlharten Muskeln kniete an der Liegestatt der älteren Schwester nieder und bettete ihren Kopf in deren Schoß. Inanna begann sie zu streicheln, durch das Blonde Haar dass sie an diesem Abend offen trug, dann über die Schultern und die Oberarme. Was für eine innige Beziehung die Geschwister doch hatten.  Die beiden in dieser innigen Umarmung zu betrachten tat ungeheuer gut. Ein Anblick der Frieden, Liebe, Harmonie und Verständigung ausstrahlte.

Kasuba und Manto waren dabei dass Essen zu bereiten.

„Kommt alle hier rüber!“ Lud Kasuba ein. Dann breiteten sie Bastmatten auf dem Boden aus und trugen das Tongeschirr auf.

Gegessen wurde das übliche. Fladenbrot, Schafskäse und jede Menge Gemüse. Zur Feier des Tages gab es sogar Lammfleisch.

„Sehr viel Fleisch essen wir hier nicht. Wir achten auf eine gesunde Ernährung. Alles ist gut dass den Muskelaufbau fördert. Ja, wohl dem der das kann, in Zeiten in denen anderswo die Not herrscht.“ Klärte Inanna auf während sie sich neben Gomala setzte.

„Du musst nicht auf den Boden sitzen. Wenn es dir Schmerzen bereitet kannst du auch auf der Liege essen, meine Königin.“ Schlug Kasuba vor.

„Danke mein Liebling, aber die Schmerzen halten sich in Grenzen. Ich möchte dort sitzen wo die Schwestern sich niederlassen. In deren Mitte gehöre ich.“

Dann langten alle ordentlich zu. Es wurde ein gemütlicher Abend mit vielen guten Gesprächen.

Gomela fühlte sich wohl und gut aufgehoben, es war ihre neue Familie. Während sie aßen kamen auch noch Ajana und deren Schülerin-Geliebte Uratha hinzu und ließen sich in der Runde nieder.

„Entschuldigt dass wir zu spät kommen. Aber unsere Übungsstunden haben uns die Zeit vergessen lassen.“ Gab Ajana zu verstehen.

„Und wie läuft es? Macht Uratha Fortschritte?“ Wollte Inanna wissen.

„Langsam aber sehr sicher. Am Anfang war es schwer. Doch jetzt ist der Knoten gelöst und sie lernt beständig.“ Antwortete Ajana, dabei legte sie ihren Arm um Uratha und zog sie zu sich.

„Du hast sicher schon von unserem Brauch gehört, Gomela? Eine im Kampf erfahrene ältere Schwester sucht sich ein junges und noch wenig erfahrenes Mädchen, lebt mit ihr zusammen und bildet sie in allem aus. Meist werden die beiden Geliebte, wie du bei Ajana und Uratha unschwer erkennen kannst.. Viele dieser Paare bleiben ein Leben lang zusammen. Außer Daraya, die hatte bisher immer gleich einen ganzen Harem um sich versammelt.“ Klärte Inanna auf.

„Na ja es ist eben so wie es ist. Ich fühle mich halt wohl im Kreis von schönen jungen Mädchen. Die Richtige war eben noch nicht dabei. Aber was nicht ist kann ja noch werden.“

Daraya blickte mit ihrem verschmitzten Lächeln auf Gomela. War das ein Angebot? In Gomelas Bauch grummelte es. Sie hatte keine Erfahrung was die Frauenliebe betraf. Auf diesem Gebiet war sie blutige Anfängerin.

„Das wird langsam Zeit, Daraya meine Wildkatze. Weißt du Gomela, ich hatte sie als Kind schon unter meinen Fittichen. Eine rotzfreche Göre war das, sage ich dir. Kaum zu zähmen.“

Erinnerte sich Inanna.

„Von wegen! Inanna hat mich des Öfteren gebändigt. Wenn es nicht mehr ging gab es schon mal eine ordentliche Tracht mit dem Kochlöffel auf den Hintern.“ Entgegnete Daraya.

„Na du hast es dir auch verdient. Wenn ich daran denke, was du für Streiche drauf hattest. Ging es irgendwo richtig rund, gab es eine Keilerei, Daraya war mit Sicherheit dabei.“ Stimmte Aradia zu. 

„Das tut sie doch heute noch gern!“ Meldete sich nun auch noch Ajana zu Wort.

„Na dann weiß ich ja was mir ins Haus steht, wenn ich dauerhaft bei ihr wohnen bleibe.“ Schmunzelte Gomela.

Dauerhaft bleiben? Daraya hörte solche Worte gern. Kaum etwas wünschte sie sich im Augenblick mehr als diesen Engel für immer bei sich zu haben.

Aradia hob ihren Becher den sie mit dem Süßen Wein gefüllt hatte.

„Wir trinken auf das Wohl unserer neuen Schwester Gomela!“

Nachdem sie alle einen Kräftigen Schluck genommen hatten fuhr Aradia mit dem toasten fort.

„Und wir trinken auf Inannas Wohl. Wir alle freuen uns unendlich darüber dass du heute so guter Dinge bist und wünschen das es mit der Gesundheit weiter bergauf geht.“

„Ja, es geht mir tatsächlich besser, Kasubas Hände, ja ihr ganzer Körper sind die beste Medizin der Welt. Ob ihrs glaubt oder nicht, ich mache schon wieder Liegestütze. Last es mich euch beweisen.“

Inanna erhob sich, bewegte sich zwei Schritte weiter und streckte sich auf dem Boden aus.

„Nein Inanna! Lass es bleiben. Wir glauben dir auch so. Du darfst dich nicht überanstrengen. Dann bekommst du wieder nur Schmerzen.“ Sorgte sich Kasuba.

Doch Inanna lies sich nicht beirren und stemmte sich vom Boden ab. Die ersten Züge schaffte sie ganz gut, doch etwa ab dem sechsten ließen ihre Kräfte nach.

„Zehn hatte ich schon! Es müssen zehn werden. Ihr werdet sehen! Ich schaffe das. Ich schaffe…“

Dann blieb sie am Boden liegen. Allen versammelten Schwestern traten sofort die Tränen in die Augen.

„In ihren Spitzenzeiten hat sie hundert geschafft und mehr, ohne dabei eine Miene zu verziehen.“ Flüsterte Daraya Gomela leise ins Ohr.

Kasuba kniete neben ihrer Gefährtin um ihr auf zu helfen.

„Danke dir meine Liebe, alles gut. Ich bin in Ordnung. Ich komme allein auf die Beine.“

„So, jetzt musst du aber ausruhen!“ Schlug Kasuba vor und wollte sie zu ihrer Liegestatt begleiten.

„Nein, noch nicht! Ich möchte euch noch zeigen dass ich wieder auf einem Bein stehen kann, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Wisst ihr noch, so wie früher.“ Lehnte die Königin ab.

„Nein, Inanna ,nein!“ Erwiderte Kasuba.

Schon streckte Inanna die Arme und das linke Bein zur Seite. Sie hielt eine gute Balance.

Doch dann begann sie zu taumeln und landete sicher in den Armen ihrer Geliebten.

„Hab ich dir doch gesagt meine Königin. Du musst dich in Geduld üben. Es kommt langsam und es wird immer besser.“ Versuchte Kasuba ihr Mut zu zusprechen.

„Unsere Königin Inanna wird immer die Stärkste von uns allen bleiben. Ganz gleich was auch geschieht. Niemand wird vergessen was du für uns getan hast. Was sind da schon ein paar nicht vollbrachte Liegestütze.“ Sprach Aradia, dabei eine Träne vergießend.

Kasuba bette Inanna auf ihre Liege.

„Aber morgen werde ich wieder ausreiten, ich hoffte dass ich es allein schaffe, doch das lasse ich lieber. Mit Kasuba in meinem Rücken fühle ich mich sicher. Wenn du Lust hast kannst du uns gerne begleiten Gomela. Ich möchte mehr über dich erfahren und du sicher auch über mich.“

„Ja gerne! Sehr gerne komme ich mit euch.“ Begeisterte sich die Prinzessin.

Der Abend ging noch weiter und klang schließlich aus, als sich die Schwestern erhoben um zu gehen.

Inanna verabschiedete Daraya und Gomela.

„Mein Segen begleite euch in die Nacht. Möge die Göttin eure Herzen erwärmen. Ein schönes Paar wärt ihr. Passt gut aufeinander auf.“

Danach entschwanden die zwei durch die Dachluke auf die Terrasse.

Beide waren durch die Erlebnisse des Abends aufgewühlt, an Schlaf war vorerst nicht zu denken.

Daraya hockte sich auf ihre Schlafstätte und zog die Beine an. Gomela platzierte sich an ihre Seite.

„Ein Tag der Überraschung neigt sich dem Ende zu. Du, ich kann es immer noch nicht recht fassen dass du eine Prinzessin bist. Eine Fürstentochter lebt an der Seite von einer wie mir.“

„Was bedeutet eine wie du?“ Wollte Gomela in Erfahrung bringen.

„Ich bin ein Findelkind! Ich weiß nicht mal wer meine richtigen Eltern sind. Wahrscheinlich Sklaven. Die haben mich nach meiner Geburt ausgesetzt. Gefunden wurde ich in einer Abfallgrube. Da hatten mich die Ratten schon gebissen. Hier willst du mal sehen.“

Daraya präsentierte der Freundin eine Narbe an der Außenseite ihres linken Oberschenkels.

„Dann lasen mich irgendwelche Leute auf und zogen mich groß, besonders gemocht haben die mich nicht. Kaum das ich laufen konnte musste ich ran, arbeiten. Wenn ich nicht spurte gabs Prügel. Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus und bin ausgerückt. Dann hieß es auf der Straße leben, betteln, stehlen uns so weiter. Wenn sie mich erwischten, laufen was dass Zeug hielt. Irgendwann hatte ich meine eigene Bande. In der Gruppe ging es besser. Doch nach einiger Zeit schnappten sie uns. Ab in die Sklaverei. Da war ich eine Weile bis ich wieder getürmt bin. Es ging mir damals sehr schlecht. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben. Dann traf ich auf Inanna, gerade noch rechtzeitig. Sie nahm mich in ihre Schar, bildete mich aus, seither bin ich bei ihr.“

Gomela rutschte noch enger an Daraya und legte ihren Arm um deren Schulter.

„ Du magst Inanna sehr, nicht war?“

„Das kann man wohl sagen. Alles was ich bin verdanke ich ihr. So wie die meisten anderen hier .

Ohne sie wäre ich schon lange nicht mehr am Leben.“

„So wie ich ohne dich, meine Lebensretterin.“ Erinnerte Gomela die Schwester an ihre große Tat.

„Ich habe gesehen wie ihr alle Tränen in den Augen hattet, als Inanna ihre Gymnastikübung vorführte. Es schmerzt euch sehr sie in diesem Zustand zu sehen.“

„Wenn du sie hättest kämpfen sehen. Die hat es mit fünf Männern auf einmal aufgenommen und dreimal darfst du raten wer am Ende den Kürzeren zog. Sie war die Beste, keine von uns konnte ihr das Wasser reichen. Ausgenommen Aradia, nur die ist Inanna ebenbürtig.

Ja, sie zu sehen wie sie heute ist schmerzt tief in meiner Seele. Sie hat sich verausgabt. Einfach total verausgabt, nun hat sie die Konsequenzen zu tragen“ Schluchzte Daraya und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem Auge.  

Gomela drückte die Freundin fest an sich und strich ihr durch das Haar.

„Sie war die Stärkste und sie wird es immer für uns bleiben. Doch den Gegner mit den sie es jetzt zu tun hat kann sie nicht mit dem Schwert oder der Doppelaxt gegenübertreten, der ist unsichtbar, in ihrem Inneren.“

„Ich bin so froh sie noch rechtzeitig kennen gelernt zu haben. Aber sie machte auf mich einen so frohen und heiteren Eindruck. Ein Mensch der mit sich im Reinen ist, so mein Gedanke als ich ihr gegenüberstand.“ Wunderte sich Gomela.

„Ihr ging es schon bedeutend schlechter. Damals hatten wir alle Hoffnung aufgegeben.

Lange Zeit lies sie sich überhaupt nichts anmerken, ist noch unter großen Schmerzen im Rücken und den Beinen in die Schlacht geritten, bis sie nicht mehr konnte. Da ist sie einfach vom Pferd gestürzt.  Du musst dir vorstellen,die begabteste Reiterin fällt einfach so von ihrem Pferd. Da wurde es offensichtlich. Eine ganze Zeit konnte sie sich überhaupt nicht richtig bewegen.

Wir kümmerten uns ums sie. Eine von uns  blieb ständig bei ihr. Es tat so unendlich weh sie leiden zu sehen. Oft hat sie geweint vor Schmerzen. Wir wussten nicht wie wir ihr helfen sollte. Dann kam Kasuba zu uns und sorgte fortan Tag und Nacht für unsere Königin.

Seit her hat sich ihr Zustand deutlich gebessert.“

„Kasuba ist ihre Geliebte?“ Forschte Gomela nach.

„Ja! Und was für eine. Ihre Zärtlichkeit und Fürsorge hat Inannas Lebensgeister wieder geweckt. Kasuba tauchte einfach hier auf, aus einem entfernten Land weit im Süden, dort wo die Menschen alle eine dunkele Hautfarbe haben. Sie ist eine ausgezeichnete Kämpferin und sie versteht sich auf die Kunst des Heilens. Die perfekte Gesellschafterin für unsere Königin.“

„Ich finde den Brauch mit der Adoption so schön. Eine erfahrene Kriegerin adoptiert ein junges Mädchen, bringt ihr alles bei was sie zum Leben braucht, bildet sie zur Kämpferin aus und schenkt ihr ihre Liebe. Ich konnte mich davon überzeugen wie gut Ajana und Uratha sich verstehen. Aber sag warum hat mir Aradia ihr Schülerin Leyla nur als solche vorgestellt und nicht auch als ihre Geliebte.“

„Hmm, schwierige Frage. Im Grunde wissen wir längst das Aradia und Leyla ein Paar sind, aber bei Aradia liegen die Dinge etwas anders. Sie ist unsere Königin. Viele Schwestern sind in sie verliebt  und möchten ihre Gefährtin sein. Aradia aber will Eifersüchteleien in unserer Gemeinschaft vermeiden. Aus diesem Grund hatte sie bisher immer nur heimliche und kurzzeitige Liebschaften mit den Schwestern. Ich war übrigens auch mal für eine gewisse Zeit mit ihr zusammen.

Bei Leyla aber scheint sie ihr Herz verloren, die bedeutet ihr wirklich was. Ich wünsche dass die beiden glücklich mit einander werden.“ Klärte Daraya auf.

„ Immer zuerst die Gemeinschaft im Blick, dem ordnet sie sogar ihr privates Glück unter. Was für eine Frau. Was für eine Gemeinschaft. Mein Traum wird war. Ich habe lange darauf warten müssen. Nun bin ich hier, am Ziel meiner Träume.“

„Wirst du nicht Heimweh verspüren? Sehnsucht nach deinem bisherigen Leben? Wie du schon feststellen konntest führen wir ein einfaches Leben hier und ein gefahrvolles dazu.  Das ist kein Zuckerschlecken. Mal ein Abenteuer erleben und dann wieder zurück hinter die schützenden Mauern eines Palastes. Du bist hier mit Haut und Haar. Ich muss dir das sagen als deine Freundin und Schwester.“ Darayas Warnung klang einleuchtend. Der wunde Punkt in Gomelas Leben. Noch war alles neu und aufregend. Doch was würde die Zeit mit sich bringen, dann wenn erst mal der Alltag zur Realität wurde?

„Du hast Recht. Es wird nicht einfach für mich. Ja, ich spüre Heimweh. Ich vermisse vieles. Aber ich weiß dass ich trotzdem richtig gehandelt habe. Es gibt kein Zurück mehr. Der Weg ist versperrt. In meiner Familie gelte ich als Verräterin. Ich muss mit dem Tod rechnen, sollte ich dort wieder auftauchen. Ich habe mich entschieden. Ich möchte eine Schwertschwester sein. Wenn du mir dabei hilfst, könnte es einfacher für mich werden zu vergessen wer ich einmal war.“

Während sie sprach hatte sich Gomela erhoben und ging unruhig im Raume auf und ab.

Daraya tat es ihr gleich und stellte sich ihr gegenüber.

„Ich bin da, wann immer du mich brauchst. Ich stehe an deiner Seite und werde dir helfen, bei allem was dich bedrückt.“

Gomela berührte Daraya sanft an der Schulter.

„Die Prinzessin von Ninive ist tot, sie ist in der Wüste gestorben. Du hast mich gerettet, durch dich bekam ich die Chance auf ein neues Leben. Ich bin Gomela die Schwertschwester und sonst gar nichts. Du bist mir Schwester auf ewig, unsere Bande sind viel stärker als das Blut. Wir werden Seite an Seite kämpfen bis zum bitteren Ende.“

„Darf….darf ich mehr für dich sein als nur Schwester?“ Nun war es raus Darayas Frage bedurfte einer klärenden Antwort.

Gomelas Mundwinkel formten sich zu einem sanften Lächeln. Dann nickte sie mit dem Kopf und sprach das entscheidende „Ja!“

Daraya nährte sich ihr langsam, dann rieben sie ihre Nasenspitzen aneinander. Nach einer Weile fanden sich ihre Lippen und sie Zungen. Sanft strich Daraya mit der Handfläche über Gomelas Wangen, gleich darauf der nächste Kuss, nun schon viel leidenschaftlicher und herzlicher.

„Ich liebe dich!“ Gestand Daraya offen.

„Auch ich spüre Liebe für dich.

Du hast mich vor ein paar Tagen gefragt ob es etwas gibt das ich noch nicht kann. Ja, etwas ganz Wichtiges. Ich habe keine Erfahrung mit der Frauenliebe. Unterweise mich in ihr und ich verspreche eine gelehrige Schülerin zu sein.“

Sie entledigten sich ihr Reiterwesten, dem schloss sich eine innige Umarmung an, ganz fest und doch sanft. Ihre Brüste berührten sich und kitzelten einander. Der nächste Kuss, stürmisch wie der Ozean. Küssen immer wieder küssen, streicheln, lecken. Für Gomela öffnete sich die bisher verschlossene Tür zu einer unbekannten Welt. Daraya half ihr sicher über die Schwelle.

Die Hosen waren im Weg, schnell waren sie auch diese los. Die Hände erkundeten die Körper ihres Gegenübers. Eindringen ins Paradies, das sanft Kitzeln.

Sie ließen sich auf dem Boden nieder. Die Bastmatten waren nicht gerade ein weiches Lager, doch das störte sie nicht. Sie nahmen ihre Umwelt ohnehin nur noch schemenhaft war, spürten nur noch Liebe, Sinnlichkeit, Leidenschaft, Befriedigung, Ekstase. Schließlich die Erlösung. Aufsteigen ins Elysium, schweben über den Wolken. Arme und Beine eng umschlungen. Die Körper ertasten und erforschen, Neuland betreten, jeder Zentimeter eine Eroberung. Für Gomela war es eine Offenbarung. Sie berührte einen Körper der wie der ihre war. Es war wie süßer Nektar. Sie hatte aus dem vollen Kelch getrunken, nun würde sie nie mehr davon los kommen. Schnell war ihr Status als Schülerin überwunden und sie lies sich in die Lieben fallen wie in ein weiches Daunenkissen. Wie im Kampf zeigte sie nun auch hier vollen Einsatz, sehr zu Darayas Freude.

Stunden vergingen, doch ihren Hunger hatten sie noch immer nicht gestillt. Verlangen, abgrundtiefes Verlangen. Zwischendurch ruhen, sanften kühlen Atem der Geliebten auf der schweißnassen, erhitzten Haut spüren. Streicheln und einfach in den Armen halten.

Dann wieder pure Leidenschaft, wild und verwegen, sanft und zärtlich zugleich. Zwei hatten den Weg zueinander gefunden, zwei die von Anfang an für einander bestimmt waren.

Zwischendurch fanden sie die Zeit sich ihr Lager mit den zahlreich vorhandenen Schaffellen gut auszupolstern.

So ging es die ganze Nacht hindurch, bis die Hähne in den nicht weit entfernten Hühnerställen die Geburt des neuen Tages verkündeten.

Gomela lag auf den Rücken. Beine und Arme weit von sich gestreckt. Daraya ruhte über ihr, den Kopf auf deren Bauch liegend. Gomela graulte das Haar der Geliebten, die das mit einem zarten Stöhnen honorierte. 

Nach einer Weile robbte die wilde Kriegerin wie eine Eidechse ein Stück nach oben, schlang ihren linken Arm um die Angebetete, mit der rechten Hand streichelte sie deren Brüste.

„Guten morgen meine Schöne. Willkommen in der neuen alten Heimat:“ Flüsterte Daraya in Gomelas Ohr.

Die atmete zufrieden ein und wieder aus, dann drehte sie ihren Kopf zu der Geliebten so das sich ihre Nasen berührten.

„Ich danke dir! Tausend mal Dank für diese wunderbare Nacht. Jetzt hast du mir zum zweiten Mal das Leben neu geschenkt. Wie war es mir nur möglich ohne dieses himmlische Gefühl zu leben. Ich weiß es nicht. Auf einmal sehe ich die Welt in völlig neuen, bisher unbekannten Farben.“

„Jetzt bist du in vollem Sinne Schwertschwester. Du hattest keine Lehrerin nötig letzte Nacht. Auch auf diesem Gebiet bist du perfekt. Du Frauenliebe war stets in dir, dein ganzes Leben lang.“ Glaubte Daraya zu wissen.

„Aber ohne dich wäre sie nie zum Leben erwacht. Habe ich dir schon gesagt das ich dich wunderschön finde?“

„Ich und schön?“ Wertete sich Daraya selber ab.

„Warum zweifelst du an dir?“ Gomela erhob sich, dann beugte sie sich zu Daraya und streichelte deren Wangen.

„So natürlich wie jetzt gefällst du mir viel besser. Warum versteckst du dein hübsches Gesicht hinter dieser Maskerade?“ Wollte Gomela wissen

„Im Kampf ist das immer von Vorteil, den Gegner erschrecken bringt dir Sicherheit.“ Entgegnete Daraya

„Für den Kampf kann ich das gelten lassen, aber so?“

„Ich finde es schön, es gefällt mir und…. Außerdem finde ich mich hässlich.“ Lies Daraya erkennen.

„Du und hässlich? Was für ein Unsinn! Ich hätte mich kaum in dich verliebt wenn dem so wäre.“  

„Findelkind und Fürstentochter. Glaubst du dass es so etwas noch einmal gibt auf der Welt?“

Gomela schüttelte den Kopf.

„Nein! Ich fürchte nein! Die Welt ist nicht reif für solch eine Art der Liebe. Aber hier ist sie möglich. Wir leben auf einer Insel inmitten eines Meeres von Ertrinkenden. Unsere Liebe ist einmalig. Aber eines Tages wird sie Schule machen und viele werden unserem Beispiel folgen.“ Erwiderte Gomela.

„Möchtest du, wenn wir eine Weile zusammen gelebt haben meine Blutschwester*** werden?“

Wollte Daraya wissen.

„Deine Blutschwester?“

„Ja, ein alter Brauch. Wenn zwei Schwestern das möchten, können sie zum heiligen Stein gehen, unten am Teich, dort wo wir gestern waren und es dir so gut gefallen hat. Dort haben sie die Möglichkeit einen heiligen Schwur zu leisten und sich aneinander binden. Bei einer symbolischen Geste fügen wir uns eine kleine Wunde mit dem Dolch zu und trinken das Blut der Gefährtin.

Unser Blut vermischt sich. Dadurch werden wir zu Blutschwestern. Ein Bund der weit über die Familienbande hinausgeht und den nur der Tod beenden kann. Inanna und Kasuba haben es vor ein paar Wochen getan. Und ich glaube demnächst folgen noch weitere.“

„Hört sich sehr romantisch an. Ja, ich möchte es. Ich stimme zu. Ich sage ja zu dir vor allen anderen, vor der ganzen Welt. Ja zu dem Menschen, den ich über alles liebe. Das ist eine Hochzeit nach meinem Geschmack.“ Begeisterte sich Gomela erneut.

Und wieder eine innige Umarmung und der Liebesakt der vergangenen Nacht wurde fortgesetzt. Gomela hatte Blut geleckt. Sie befand sich wie in einen Rausch der Sinne. Es verlangte ihr nach mehr. Sie konnte gar nicht genug bekommen.  Diese Form der Sexualität faszinierte sie. Sie konnte sich ihr nach Herzenslust hingeben, frei von jeglicher Angst davon schwanger zu werden.

 

Mit einem Ruck fuhr Alexandra aus dem Schlaf. Sie blieb ruhig liegen und atmete tief durch. Sammeln. Ein Traum, nur ein Traumerlebnis, aber was für eines. Langsam richtete sie sich auf und legte ihre Handfläche auf die Brust. Im Schlafzimmer alles ruhig. Draußen war es noch dunkel, am fernen Horizont kündigte sich der neue Tag an.

Was in aller Welt war das? Sie lies ihre kleinen grauen Zellen arbeiten und stellte zu ihrer Verblüffung fest, dass sie sich an fast jede Einzelheit des Traumes erinnern konnte. Noch nie hatte sie dergleichen erlebt. So intensiv, so plastisch, als wäre sie persönlich dabei gewesen.

Kyra neben ihr bewegte sich unruhig hin und her, stöhnte leise vor sich hin.

„Gomela bleib! Du bist so schön! Lass es uns noch eine Weile genießen!“ hörte sie ihre Frau leise im Halbschlaf sprechen.

„Gomela??? Das kann nicht sein. Kyra wach auf! Komm zu dir!“

Sanft holte Alexandra  die Geliebte aus dem Traum.

„Was? Was ist denn? Wo…wo sind wir?“ Stammelte Kyra noch ganz geistesabwesend.

„Wo sollen wir schon sein? In unserem Bett. Du bist bei mir Schatzi, sicher und wohlbehalten. Du sagtest Gomela. Hattest du ebenfalls so einen Traum? Was hast du gesehen? Versuche dich zu erinnern. Ich muss es wissen! Es ist ganz wichtig!“

„Hmmmmm, ich möchte schlafen. Ich möchte dorthin zurück! Es war so schön, so sinnlich.“

Knurrte Kyra in die Bettdecke.

„Das möchte ich auch. Aber wir können es nicht willentlich herbeiführen. Bitte Kyra versuch dich zu erinnern. Ich weiß dass es schwer fällt, aber wir müssen uns genau konzentrieren. Wir hatten dem Anschein nach den gleichen Traum.“ Versuchte sich Alexandra verständlich zu machen.

Kyra bewegte den Kopf hin und her, dann richtete sie sich auf und strich über ihren nun schon stark gewölbten Babybauch.

„Was sagst du da? Den gleichen Traum? Aber so etwas gibt es nicht. Was hast du erlebt? Sag nur du warst auch im Land der Amazonen in der Vorzeit. Ich sehe es noch genau vor mir. Die Personen, diese eigenartigen Häuser:“

„Die man nur über die Dächer erreichen kann, da es keine Innenhöfe gibt. Über Leitern steigst du in das Innere des Hauses. Stimmt`s? Du hast es also auch gesehen.“ Setzte Alexandra an.

„Das ist ein Ding. Hat es uns jetzt auch erwischt? Halluzinationen? Ich glaubte zunächst dass es mit der Schwangerschaft zu tun hat. Ich bin schon Mal abgetaucht, aber da war es bei weitem nicht so kompakt.“ Gab Kyra zu verstehen.

„Lass uns genau nachdenken. Ja, es gibt kein Zweifel. Ich war Gomela, die abtrünnige Prinzessin. Demzufolge warst du…“

„Daraya! Ich war Daraya die Verwegene!“ beendete Kyra Alexandras Aussage.

Beide ließen sich zurück in die Federn fallen.

„Ich sehe alles vor mir, so wie in einem Film, den ich mir gerade ansah. Alles ist noch da, die Flucht durch die Wüste, dann das schlimme Erlebnis mit diesem Hirtenpack. Dann klafft ein großes Loch. Ich weiß nur noch wie ich in deinem Haus zu mir kam und du an meinem Krankenlager wachtest.“

„Klar du warst sehr lange krank und ohne Bewusstsein. Ich habe dich aus der Wüste geholt und anschließend gesund gepflegt. Es war ein intensives Erlebnis. Ich weiß dass ich Angst um dich hatte, es sah ein zeitlang aus als würdest du nicht überleben.“ Stimmte Kyra zu.

„Wir haben alles aus verschiedenen Perspektiven erlebt. Deshalb weichen unsere Erinnerung von einander ab. Das ist stark. Ich glaube wir müssen uns bei Colette und Elena entschuldigen.

Als sie mit uns über ihre Erlebnisse sprachen, hielten wir sie für übergeschnappt. Nun hat es uns also auch erwischt.“ Meinte Alexandra.

„Daraya s Schicksal und das meine ähneln sich sehr. Auch mein Leben war nicht auf Rosen gebettet. Ein Findelkind war ich zwar nicht. Ich kenne meine Eltern, ich wollte es wäre mir erspart geblieben. Proleten, Vater und Mutter beide dem Suff verfallen, die Kinder vernachlässigt. Versiffte Wohnung. Mit 5 bin ich ins Kinderheim. Dort immer wieder negativ aufgefallen. Mit 12 das erste Mal ausgerückt, eingefangen, ins nächste Heim, für schwer erziehbare. Wieder getürmt, auf der Straße gelebt. Betteln, stehlen um zu überleben. Später dealen, dabei erwischt, ab in den Knast. Nach einer Zeit wieder frei, wieder auf die Straße. Schließlich auf dem Bauwagenplatz, dort lernte ich meine spätere Clique kennen. Na den Rest kennst du ja. Und jetzt liege ich hier mit einer Prinzessin im Bett.“

Alexandra kuschelte sich ganz an ihre Geliebte, streichelte deren Brust, den Babybauch und küsste deren Wangen.

„Nicht ganz! Comtesse ist mein Titel, bzw war es. Er bedeutet mir nichts mehr. Er existiert nicht mehr für mich. Ja, mein Leben verlief anders. Alles stand mir offen. Konservatorium, Musik studiert, in Wien, später in Paris, gefeierte Konzertpianistin, dann Schauspielerin. In Frankreich habe ich auch meinen ersten Film gedreht. Einen rasanten Action-Thriller, mit den beiden alten Haudegen Alain Delon und Jean-Paul Belmondo. Das war eine

 geile Zeit damals.  Durch die ganze Welt gereist  und mit allerlei Berühmtheiten persönlich bekannt. Partys, Partys , Partys. Ach, warum sind wir uns nicht schon viel früher begegnet.“

„Was hätte das gebracht?“ Wollte Kyra wissen.

„Na, ich hätte dich zu mir geholt. Mein 10-Zimmer –Apartment hätte für uns beide gereicht.

Dort hätte ich dich verwöhnen und vor der bösen Welt beschützen können.“ Erwiderte Alexandra.

„Ich glaube nicht dass das funktioniert hätte. Ich hätte kaum in deine Welt gepasst, so wie du nicht in die meine. Erst in dieser Gemeinschaft wurde es möglich, weil wir beide unser bisheriges Leben hinter uns ließen.“

„Ja, sicher hast du Recht! Das Schicksal hat es so eingerichtet. Deshalb möchte ich es nachholen und dich für deine verlorene Kindheit und Jugend entschädigen. Immer wenn ich dich nach Strich und Faden verwöhne, geht es auch mir gut, meine süße kleine Schatzimaus.“

„Ach wenn doch nur das Kind schon da wäre. Ich halte das langsam nicht mehr aus.“ Stöhnte Kyra und rieb sich dabei erneut den Bauch.

„Ich bin für dich da, am Tage wie bei Nacht. Lass dich einfach fallen, lass dich gehen. Schrei wenn dir danach ist. Ich werd es aushalten.“

In der Tat. Alexandra verwöhnte Kyra so sehr das diese nicht selten genervt davon war. Bei jedem Huster, ließ Alexandra alles stehen und liegen und eilte zu ihrer Geliebten. Auch die Verrichtung leichtester Tätigkeiten nahm sie ihr ab.

Sie hatte sich von ihrem Ministeramt beurlauben lassen ums ich ganz ihrer Gefährtin zu widmen.

Ihre beiden Männer Folko und Ronald waren in die obere Etage der alten Försterei gezogen, damit die Frauen in Parterre ungestört waren, da Alexandra die Meinung vertrat dass Kinder bekommen einzig und allein Frauensache sei und Männer dabei nur stören.

Zwar erkundigte sich Folko täglich nach Kyras Wohl und bot seine Hilfe an, die jedoch von Alexandra stets höflich zurück gewiesen wurde.

Den Männern kam das gar nicht ungelegen. Sie genossen ihr Strohwitwerdasein. Beide bekleideten ebenfalls hohe Regierungsämter und waren ohnehin die meiste Zeit des Tages außer Haus. Auch ihre Freizeit verbrachten sie zusammen, unternahmen viel gemeinsam oder gingen in das Männerzentrum.

Alexandras eigene Kinder, die Zwillinge Jacqueline und Silke waren nun schon alt genug um einige Stunden des Tages in der KiTa zu verbringen, außerdem lebte seit einigen Wochen auch noch eine junge Volontärin, eine Engländerin Namens Lucie im Haus und half im Haushalt mit.

„Ich habe das hinter mir, bei mir waren es sogar zwei. Du wirst es ebenfalls schaffen Kyra, hab nur Mut und vor allem Geduld.“

Alexandra legte ihr Ohr auf Kyras Bauch.

„Ich glaube ich höre die Kleine da drinnen. Ob sie mich auch hört? Gutschigutschiguschi!“

„Alexandra, sei nicht albern. Sie kann dich nicht verstehen. Au, ich glaube jetzt hat sie mich geboxt, so ein Luder.“

„Sie will raus! Das ist alles! Na, bald ist es soweit, dann haben wir noch einen Schreihals mehr, jetzt da die Zwillinge aus dem Gröbsten raus sind.“

„Gomela und Daraya hatten keine Kinder. Die waren frei und ungebunden und sich selbst genug.“ Stellte Kyra fest.

„So möchte ich auch leben, allem enthoben, mit dir gemeinsam durch die Welt ziehen von Abenteuer zu Abenteuer. Aber wir können es nicht. Wir haben Kinder, wir haben zusätzlich unsere Männer an der Seite und Aufgaben die uns binden.“ Stimmte Alexandra zu.

„Aber wir sind nicht mehr Daraya und Gomela. Ferner hatten die auch Aufgaben, viele sogar.

Das Leben dort war kein Abenteuerroman oder einer deiner Filme die du früher gedreht hast.

Gefahren lauerten überall.“

„Aradia und Inanna waren beeindruckende Persönlichkeiten. Von denen ging eine Kraft aus, einfach umwerfend. So etwas habe ich im realen Leben niemals gespürt. Bei allem Respekt Elena und Colette gegenüber. Ich fühlte mich sofort in ihrem Bann.“ Erinnerte sich Alexandra weiter.

„Wenn ich daran denke, wie meine erste Begegnung mit Elena aussah. Schauderhaft. Da war nichts von Ehrfurcht oder ähnlichem. Gezankt haben wir permanent. Erst nach ihrer großen Wende kamen wir uns näher. Bei Colette weiß ich es gar nicht mehr so genau, die habe ich gar nicht beachtet am Anfang unseres Zusammenlebens.“ Blickte Kyra auf die Anfangszeit in der Urkommune zurück.

„Ich kannte Elena schon länger, ich war ja Teil ihres mondänen Clubs. Sie hat mich schon in den Bann gezogen. Später natürlich noch mehr. Aber das ist kein Vergleich zu dem was ich in Aradias Nähe spürte. Und bei Colette, die mochte ich von Anfang an, keine Frage. Aber dass sie mit Inanna identisch sein soll? Wir müssen über unsere Erlebnisse reden. Mit Elena und Colette und zwar so bald als möglich, so lange die Erlebnisse noch frisch in unserer Erinnerung sind.“

Die beiden unterhielten sich weiter bis der Morgen sein Licht in ihr Schlafzimmer goss.

Das Traumerlebnis hatte beide aufgewühlt, wenn wundert`s.

 

So verging die Zeit. Die Frauen des inneren Zirkels waren vor allem mit sich selbst beschäftigt als dass sie einen Blick für die Gefahren erübrigen konnten, die sich im Lande anbahnten.

Colette und Gabriela krank. Chantal und Kyra hochschwanger. Alexandra hatte sich vorerst zurückgezogen und was Elena betraf, die war neben ihrer aufreibenden Tätigkeit hauptsächlich damit beschäftigt ihre Beziehung zu Madleen zu retten, die immer weiter in eine Krise abzutrifften drohte. Dadurch verloren auch die anderen Schwestern weitgehend den Durchblick.

Zum Glück gab es noch die Männer, die noch einsatzfähig waren und das Banner hoch hielten.

Die Stunde der Männer also?

 

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*  Vorlage ist das historische Ninive, eine mesopotamische Stadt im heutigen Irak, am linken Ufer des Tigris gelegen, seine Geschichte reicht bis in die Jungsteinzeit zurück, schon im 3. Jahrtausend v. Chr. war es eine bedeutende Stadt. Es zählte zu den zahlreichen Fürstentümern in frühmesopotamischer Zeit. Später gehörte es zum Reich Akkad. Berühmt ist seine große monumentale Palastanlage, die größte ihrer Zeit. Auch in der Bibel wird Ninive erwähnt.

An seiner Stelle befindet sich heute die moderne Stadt Mossul.

 

** Die Existenz eines Amazonenstaates wird in der realen Geschichtsschreibung allgemein ins Reich der Phantasie verwiesen, nach dem Grundsatz, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Es gibt jedoch zahlreiche Theorien darüber.

Sehr interessant die These von Walter Leonard aus dem Jahre 1911, dieser geht davon aus, dass die Amazonen mit dem Volk der Hethiter identisch seien. Deren Reich erstreckte sich über weite Teile des heutigen Anatolien in der Türkei, bis an die Schwarzmeerküste.

Das Hethiterreich existierte gleichzeitig mit dem Reich der Ägyptischen Pharaonen, mittlere Dynastie.

 

*** Winnetou und Old Shatterhand lassen grüßen. Die waren bekanntlich Blutsbrüder. Deren Schöpfer Karl May ließ jedoch nur eine platonische Freundschaft zu. Aber wer weiß was sich nicht so alles am Lagerfeuer in der Weite der Prärie abgespielt hat? 

Die Blutschwestern machen es vor und leben ihre Gefährtinnen-Liebe mit allem, was dazu gehört.

 

Liste der wichtigsten Schwertschwestern         und ihre Reinkarnationen in Akratasien

 

Aradia                                                                       Elena

 

Inanna                                                                      Colette

 

Leyla                                                                          Madleen

 

Kasuba                                                                      Betül

 

Ajana                                                                         Chantal

 

Daraya                                                                       Kyra

 

Gomela                                                                      Alexandra

 

Ayse                                                                           Gabriela

 

Effini                                                                          Kristin

 

Uratha                                                                       Eve

 

Manto                                                                        Kim

 

Galbura                                                                     Annett

 

Hatifa                                                                        Inga

 

Tiriki                                                                        Sonia

 

Alfura                                                                      Dagmar