Hambacher Forst

,          Schon seit geraumer Zeit unterstütze ich die Waldbesetzer im Hambacher Forst. Dieses einmalig schöne Waldgebiet soll dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen. 90% sind schon abgeholzt und dort wo wir vor nicht all zu langer Zeit den Wald genießen konnten, erstreckt sich eine gespenstische Mondlandschaft. Verantwortlich ist der Rheinenergiekonzern (RWE) der nun auch noch die Abholzung der verbliebene Fläche in Auftrag gegeben hat.

Ein Gruppe anarchistisch motivierte Menschen lebt seit etwa 6 Jahren fest auf einer Wiese am Rande des Waldes. Ein Landwirt, dem dieses Grundstück gehört hat es  den Aktivisten zur Verfügung gestellt.

Infos über die Laufenden Aktionen könnt ihr unter: www.hambacherforst.blogsport.de

abrufen.

 

                  Hambacher Wald muss leben.

 

1,12.18

In Berlin und Köln finden Demonstrationen statt. Es soll noch mal ausdrücklich darauf hingewiesen werden, wie wichtig der Kohleausstieg ist. Auch die Leute aus dem Hambacher Forst sind dabei.

Ich bin leider nicht vor Ort, was ich sehr bedauere. Ich halte mich zu diesem Zeitpunkt in Thüringen auf, muss ja immer mal wieder nach meiner Mutter sehen.

Ich sollte es aber unbedingt bewerkstelligen , im Dezember noch einmal in den Forst zu fahren, konnte ich doch in Erfahrung bringen , dass die Repressionen fortgesetzt werden, die lassen die Leute einfach nicht in Ruhe. Lucy ist noch immer dort. Wie lange wird sie durchhalten? Die ist schon sehr hart im nehmen. Das Wetter wird immer schlechter, viel Regen ist prognostiziert und irgend wann wird auch der Frost kommen.

Wie gerne würde ich meine Zelte dort aufschlagen um direkt vor Ort zu sein, den Alltag miterleben und alles was dazu gehört. Doch das ist unmöglich. Mein Gesundheitszustand verschlechtert sich weiter. Schon lange ist der Plan gereift. Ich möchte einen Roman über den Hambacher Forst schreiben. Ein umfangreiches Stück, mit reichlich Platz für Gesellschaftskritik, Zukunftsvisionen,Zwischenmenschliches,  vielen queeren Beziehungen und über Allem schwebt ein Hauch von Fantasy. Doch dafür benötige ich genauere Informationen. Die bekomme ich vor allem wenn ich unter den Leuten lebe. Aber für mich ist das einfach zu hart.  

17.11.18

Samstag, ich bin noch einmal einen Tag im Forst unterwegs. 

Wettermäßig kündigt sich schon am Morgen ein schöner Tag an. Kalt, aber trocken und sonnig. Ich kann es noch mal riskieren. Gesundheitlich geht es den Umständen entsprechend.  Doch dem messe ich nicht all zu hohe Bedeutung bei, das kann sich  jederzeit ändern. Die Vorbereitungen sind dabei immer am Schlimmsten. Endlich bin ich soweit, dass ich am Bahnhof Nippes in die S-Bahn Bahn steige. In Buir entsteige ich und genieße erst mal die Ruhe die mich hier in Empfang nimmt. Ich gehe auch heute zunächst zur Mahnwache um dort einen Blick auf die Schautafel zu werfen. Diesmal laufe ich gleich in Richtung Wald. Die Sonne steht tief und blendet entsprechend, aber ihre Wärme ist mir mehr als willkommen, auch wenn ich mir natürlich der Tatsache bewusst bin, das die Natur darunter zu leiden hat. 

Ich begebe mich in Richtung Jesus-Point. Dort haben sich viele Aktivist*innen versammelt um eine Barrikande zu errichten. Unter ihnen entdecke ich Lucy.

Sie kommt auf mich zu, herzliche Begrüßung, ein paar Worte. Sie versichert mir das es ihr gut geht. Ich hoffe dass es der Wahrheit entspricht.

Ich gehe im Anschluss weiter in den Wald, laufe alle wichtigen Stützpunkte an und mache eine kurze Stippvisite auf dem Wiesencamp, nicht viel los heute.

Um so mehr an den einzelnen Baumhaussiedlungen, dort wird eifrig in Stand gesetzt und wieder errichtet was der Zerstörung zum Opfer fiel.

Von allen Seiten hört man es hämmern.

Ich laufe zum Wall und verweile dort eine Zeit lang, blicke dabei auf das große Schaufelrad eines der Bagger, die hier Tag und Nacht die Braunkohle fördern, dahinter breitet sich die gespenstische Mondlandschaft aus. 

Dann geht es wieder in den Wald. Ich gelange zum größten Baumhausplatz. In dessen Nähe befindet sich auch der "Kraftort", jene Stelle von der, wie es heißt, eine besondere spirituelle Energie ausgehen soll.

Ich spüre tatsächlich etwas als ich hier verweile und kurzzeitig mit der Natur in Verbindung trete. Es löst Frieden und Harmonie in mir aus. Ein Gleichgewicht der Kräfte. Hier scheint im Augenblick alles zu stimmen. Über mir zieht eine Formation Kraniche am Himmel entlang, es müssen hunderte von Vögeln sein. Ein Geschwader folgt dem anderen.

In einer Stunde schon wird sich Dunkelheit über den Forst senken. Schade, ich wäre gerne länger geblieben.

Ich komme nochmals am Jesus -Piont vorüber, Lucy ist noch am arbeiten. Wir verabschieden uns. Langsam entferne ich mich von der Stelle in Richtung Bahnhof. 

Ich habe kein all zu gutes Gefühl. Ich lasse Lucy nicht gern zurück. Ein alles in allem gefahrvolles Leben. Weiß sie was sie tut?

Wie könnte ich ihr helfen? Braucht sie überhaupt Hilfe?

Gedankenversunken erreiche ich den S-Bahnhof Buir. Ich muss etwa 20 min auf die Bahn warten.

Als ich mich spät am Abend zur Ruhe bette, erfüllt mich ein schlechtes Gewissen. Ich habe es hier schön warm, trocken und sicher. Und Lucy?

Wo schläft sie? Wie ist sie untergebracht. Ich wage es mir kaum vor zu stellen.

Aber denke sie weiß was sie tut. Es ist ihre freie Entscheidung. Doch woher nehme ich die Gewissheit? 

 

14.11.18

 

Am Morgen bin ich zum Arbeitsplenum der SSM, plötzlich taucht Lucy dort auf. Ich erfahre dass die Hausbesetzungen abgebrochen wurden, doch der Plan für einen erneuten Versuch steht.

Lucy ist nun direkt auf die Wiese umgezogen. Ich mache mir Sorgen. Wir haben November. Noch ist es relativ mild, doch für Anfang nächster Woche ist eine deutliche Abkühlung prognostiziert. In der SSM sind wir dabei Kleidung, die wir schon seit Jahren nicht verkaufen konnten, zu entsorgen. Ich werde versuchen so viel wie möglich davon zu sammeln, allen voran natürlich warme Winterbekleidung und alles was für ein Überleben im Freien erforderlich ist. Eine Sammelaktion. Das Problem ist der Transport. Es ist verboten die Waldbesetzer zu versorgen, ganz gleich ob es sich dabei um Nahrung, Kleidung, Werkzeug oder Sonstiges handelt. Wer erwischt wird muss mit Konsequenzen rechnen. 

Ich  kann ohnehin nicht viel tragen, nur eben soviel wie in den Rucksack passt, der darf nicht all zu schwer sein, denn ich muss mit meiner Behinderung weiter Strecken zu Fuß zurücklegen. Guter Rat ist teuer. 

 

9.11.18

Keine guten Nachrichten. Im Kölner Stadtanzeiger lese ich, dass gestern, also am Donnerstagnachmittag die besetzten Häuser in Manheim schon wieder angegriffen und geräumt wurden. Es soll Widerstand gegeben haben. Zwei Personen wurden festgenommen. Sofort läuten bei mir die Alarmglocken.

Lucy ist dort. Ich habe am Mittwochabend noch mit ihr telefoniert. Was ist mir ihr? Wo befindet sie sich? Sie geht nicht ans Handy. Ich mache mir große Sorgen. Ich möchte ihr so gerne helfen. Ich vertraue darauf dass sie sich auch diesmal gekonnt aus der Schusslinie nimmt.

Ich muss wieder dorthin. Dieses Wochenende bin ich anderweitig unterwegs. Doch für nächste Woche ist gutes Wetter prognostiziert. Das muss ich ausnutzen und mich noch mal auf den Weg machen. Dabei muss ich mir überlegen, was ich nun meinerseits konkret in die Waagschaale werfen kann.

Ich hätte einiges anzubieten. Wie, wo und auf welche Weise ich es umsetzen kann, steht aber in den Sternen. 

 

 

3.11.18

Heute werde ich erneut in den Hambacher Forst aufbrechen. Es findet keine Demo statt. Ich möchte individuell meine Erkundungen fortsetzen.

Die Zeitumstellung vom letzten Wochenende fordert eine Änderung des Tagesablaufes. Eine Stunde früher dunkel .Ich werde schon am späten Vormittag aufbrechen. Der Wetterbericht ist hoffnungsvoll und hält was er verspricht. Die Temperaturen herbstlich, aber trocken und viel Sonne. Was kann der Mensch mehr vom November erwarten.

Gesundheitlich geht es mir relativ gut. Die Schmerzen halten sich in Grenzen. Aber ich muss halt immer auf böse Überraschungen gefasst sein.

Aufbruch gegen 10 Uhr in Nippes. Ab Hansaring geht es wieder durch bis Buir.  Keine Menschenmassen wie letztes Wochenende. Ich gehe zunächst zur Mahnwache. Dort sind immer Leute. Mal einen kurzen Blick auf die Schautafel werfen, dann geht es weiter nach Morschenich. Ich werde mir zunächst den Ort genauer ansehen. Neben Manheim, ebenfalls von der Zerstörung bedroht. Ich laufe die Strecke der Demo vom letzten Samstag. Diesmal umgibt mich Ruhe. Gleich am Ortseingang befindet sich der Sportplatz. Dort gibt es Sitzbänke, ich halte meine erste Rast. Die Häuser ringsum alle verwaist.

Schöne Häuser, die reichlich Platz bieten. Nach einer Weile breche ich wieder auf, langsam und gemütlich durch den Ort schlendern, an der Kirche mache ich halt, sehe sie mir genauer an, natürlich nur von außen. Sie ist abgeschlossen. Warum? Frage ich mich. Wenn sie ohnehin abgerissen werden soll, wen könnte es interessieren, wenn da etwas beschädigt würde? 

Ich gehe weiter. Das Dorf ist nicht groß, schon habe ich den Ortsausgang erreicht und nehme den Feldweg direkt zum Wald.  Dort angekommen ist es nicht mehr weit zum Wall. Diesmal steige ich nicht nach oben. Zu gefährlich. Niemand in der Nähe der mich hochziehen könnte. Hier raste ich erneut eine Weile. Den Blick auf die Mondlandschaft vor mir gerichtet. Auf dem Bagger tut sich was. Viele Security-Leute. Es ist möglich dass dort Aktionen stattfinden. Ich laufe in das Innere des Waldes. Viele Menschen unterwegs. Das gute Wetter lockt nach draußen. Ich staune wie viel sich hier seit letzter Woche getan hat. Die meisten Barrikaden sind neu errichtet. Ich gelange zum Wiesencamp, laufe dort eine Weile herum. Mir fällt auf dass sich dort viele Wohnwagen befinden. Die meisten Häuser wurden bei der Räumung zerstört. Plötzlich tauchen etliche Baumbestzer auf, alle in schwarzer Kluft , viele von ihnen haben sich die Gesichter unkenntlich gemacht. Es findet ein Plenum statt.  Die meisten grüßen mich freundlich, Madeleine die Silberadlerin ist noch gut bekannt.

Silberweiße Haare, schwarzumrandete Brille, schwarze Baskenmütze, Gehstock sind meine Erkennungszeichen.

Ich begebe mich wieder in den Wald, laufe nun die meisten Baumhaussiedlungen ab. Überall herrscht reges Treiben. Ich sehe eine Weile beim Bau einer neuen Baumhausung zu. An einer anderen Siedlung kann ich waghalsige Klettermanöver betrachten. Am Jesus-Point viel Betrieb. Auch dort findet ein Meeting statt. Die kämpfer und Kämpferinnen hocken dabei einfach auf dem Boden im Kreis herum.Ich sehe einige noch Barfuss laufen. Das sind allesamt hartgesottene Naturmenschen.  Die müssen einiges einstecken, sowohl körperlich als auch seelisch. Das kann mensch nur wenn er/sie jung ist. Für mich ist das vorbei. Wie aber könnte ich den Kontakt intensivieren?

Die Zeit vergeht. Die frische Luft tut unendlich gut. Langsam den Rückweg einschlagen. Nachdem ich die Autobahnbrücke überquert habe vernehme ich ein lautes Gurren am Himmel. Ich blicke nach oben. Eine riesige  Formation Kraniche zieht majestätisch am Himmel in die Ferne. Ein Bild des Friedens, der Harmonie und der Freiheit. Auch wenn die Vögel natürlich gefährlich leben. Es geht in den Süden, der Wärme entgegen. Ach, könnte ich mich ihnen doch nur anschließen, auf welche Weise auch immer.  Bald wird es Winter, zweifelsohne, auch wenn wir noch immer von milden Temperaturen verwöhnt werden.

An der S-Bahnstation muss ich kurz warten. Heute kommt die Bahn pünktlich. Ich kann also noch bei Tageslicht die Rückfahrt antreten.

 

30.10.18

im Nachhinein stellt sich heraus, dass es sehr brutal zuging am Samstag. Der Kölner Stadt-Anzeiger bringt es auf dem Titelblatt.

Gewalttätige Aktionen gegen die Blockierer von der Ende-Gelände-Bewegung. Die Polizei geht mit Wasserwerfern und Panzern gegen die Aktivisten vor. Es gibt über 400 Strafanzeigen. Viele werden noch an Ort und Stelle festgenommen. Trotzdem ist es ein Erfolg. Die Kohlebahn wird über 24 Stunden blockiert. Im gesamten Gebiet bricht der Verkehr zusammen. Zahlreiche Züge müssen den Verkehr vorübergehend einstellen und die Autobahnen sind gesperrt.

All das kostet Unmengen an Energie. Viele haben sich gesundheitliche Schäden zugezogen. Von der psychischen Belastung gar nicht erst zu reden.

Ich möchte helfen, etwas sinnvolles tun. Aber was? Meine Möglichkeiten sind sehr beschränkt.  Doch sind sie das wirklich?  "Seinen wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche." Das wusste schon Che Guevara. Warum versuche sich nicht einfach mal das Unmögliche?

Als eine Art Missionarin in den Hambacher Forst gehen? Nicht um die Menschen zu irgendetwas zu bekehren, sondern einfach um zu helfen, um da zu sein. zu vermitteln. Ich konnte mich in diesen Dingen bewähren und habe inzwischen Übung darin. Garatie gibt es freilich keine, aber auf den Versuch kommt es an. Vielleicht im Auftrag der Kölner MCC-Gemeinde, in der ich ja sehr aktiv bin? Ich werde dort schon in Bälde einen dies bezüglichen Vorschlag unterbreiten.

 

Samstag 27.10 18 Großdemo ab 11Uhr an der Mahnwache

Heute startet erneut eine Großdemo im Forst. Ich werde dabei sein. Nach ruhiger Nacht bin ich früh auf den Beinen um alles vorzubereiten. Mir geht es verhältnismäßig gut.

Start, kurz nach 9 Uhr am S-Bahnhof Köln-Nippes

Das Wetter verspricht gut zu werden. Zwar ist es kalt aber trocken und sonnig, so bleibt es auch den Tag über und wärmt sogar noch etwas.

Es geht gut durch mit der Bahn, nicht übervoll. Unterwegs steigen weiterer Teilnehmer ein.

Es fällt nicht schwer sie zu erkennen.

Auf dem Bahnhof Buir sind schon einige versammelt. Ich mache mich gleich auf, in Richtung Mahnwache am Waldrand.

Nun heißt es erst mal warten, in der Folge treffen immer mehr ein. Viel Polizeipräsenz vor Ort. Ich sehe keine Panzer und Wasserwerfer, das will aber nicht heißen, dass sie nicht aufgefahren sind.

Gegen 11 Uhr dann Start der Kundgebung mit einigen Redebeiträgen, alles weitgehend bekannt. Mich bewegt nur eine Frage. Werde ich Lucy  heute sehen?

Nach einer Weile setzt sich die Demo in Bewegung. In der Zwischenzeit sind auch viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen vom Ende-Gelände-Camp dazugestoßen, erkennbar an ihren weißen Overralls die sie übergezogen.

Es geht in Richtung Morschenich, dem zweiten von der Zerstörung bedrohten Dorf, endlich lerne ich das nun auch kennen. Ich stoppe kurz und lasse einen Teil von Leuten an mir vorüberziehen, dann reihe ich mich wieder ein. Plötzlich steht Lucy neben mir. Herzliche Begrüßung mit Umarmung. Ihr scheint es ganz gut zu gehen. Gemeinsam laufen wir nun ein Stück. Als sich der Demonstrationszug dem Ortseingang nähert werden auf einmal Rauchpatronen gezündet. Ein Zeichen. Auf einmal brechen einige hundert aus dem Tross und laufen querfeldein, es sind vor allem die Ende-Gelände -Aktivisten, auch Lucy ist dabei. In Windeseile überqueren sie das Feld. Berittete Polizei versucht sie aufzuhalten, doch vergebens. Über uns kreisen lautstark drei bis vier Polizeihubschrauber. Ziel der Ausbrecher ist die Kohlebahn, die mit Sicherheit heute noch blockiert wird. Soll ich mich ihnen anschließen? Eine Weile unentschlossen, das Herz sagt ja, der Verstand nein. Letzterer setzt sich durch und ich bleibe bei der angemeldeten Demo. Nach einer Weile sind wir in Morschenich. So wie Manheim ein schönes Dorf, wenn auch etwas kleiner. Ei Teil der Häuser noch bewohnt. Schnell ist der Ort durchquert und wir befinden uns auf einer Wiese am Rande wieder. Hier gibt es eine Abschlusskundgebung. Doch der Großteil trennt sich von der Versammlung. Auch ich tue dass. Nun geht es individuell weiter.

Ich laufe in den Wald, Richtung Grube. Viele andere haben ebenfalls dieses Ziel. Soll ich auf den etwa drei Meter hohen Wall klettern? Ich zögere, doch schon strecken sich mir helfende Hände entgegen und ich bin oben. Die Sicht frei bis zum Horizont, erstreckt sich eine furchterregende Mondlandschaft vor mir, gekrönt von riesigen Kohle baggern. An einem sind viele Transparenten angebracht.

Nach einer Weile wage ich den Abstieg. Es geht wieder in den Wald. Ich raste eine ganze Weile auf einem abgesägten Baumstamm. Viele ziehen an mir vorüber  und lächeln mir zu. Ein älteres Ehepaar kommt auf mich zu.

„Dürfen wir ein Foto von ihnen machen. Sie strahlen so eine innere Ruhe und Ausgeglichenheit aus, das wollen wir unbedingt festhalten!“ Fragt die Frau. Ich bejahe und schon ist das Foto geschossen.

Ich breche auf und laufe weiter zurück in den Wald. Unterwegs begegne ich Jörg, den ich noch aus den Zeiten der alten FAU kenne. Gemeinsam gehen wir zum alten Camp, dass nach seiner Zerstörung schnell wieder errichtet wurde. Dort rasten wir und erfahren dass einige tausend Leute die Schienen der Kohlebahn besetzt  haben. Na, ich gehe jede Wette darauf ein, dass Lucy sich darunter befindet. Jörg möchte sich das ansehen. Ich entschließe mich noch eine Weile im Wald zu laufen. Wir verabschieden uns und ich mache mich auf den Weg.

Ich stoße auf die wieder errichtete Baumhaussiedlung mit dem Namen „Gallien“, langsam kehrt wieder Leben in die Häuser ein. Dann geht es weiter. Ich komme zum Jesus-Point. Ein Gruppe junger Aktivisten, einige haben ihre Gesichter unkenntlich gemacht, führen dort gerade waghalsige Klettermanöver durch. Ich bleibe eine Weile um mir das anzusehen. Das von einem russischen Künstler angefertigte Holzkreuz  ist leider schon wieder demoliert.

Wer ist wohl dafür verantwortlich? Da kommen mehrere in Frage.

Leider hat sich bei viele Aktivist*innen noch nicht herumgesprochen das sich Spiritualität und Anarchismus nicht unbedingt ausschließen. Alles ist möglich. Wir leben nicht mehr im 20 Jahrhundert.

Nach einigen Minuten setze ich meinen Rückweg fort. Noch mal kurz zur Mahnwache. Noch immer reger Betrieb dort. Allgemeine Aufbruchstimmung. Viele haben eine langen Heimweg vor sich. Ich zu Glück nicht. Ich laufe das letzte Stück zur Bahnstation in Buir. Doch welch ein Schreck , der quillt über vor Menschen. Jörg ist auch da, er teilt mir mit das hier seit etwa zwei Stunden keinen Bahnen mehr fahren. Polizeiliche Ermittlungen sind der Grund. Angeblich befinden sich hunderte von Menschen auf den Bahngleisen. Daran mag hier keiner glauben. Oft werden solche Falschmeldungen ganz bewusst gestreut um für Unsicherheit unter den Demonstrationsteilnehmer*innen zu sorgen.

Also erst mal warten. Ein Straßenmusikant sorgt für Unterhaltung, indem er eigens komponierte Lieder über den Hambacher Forst vorträgt. In der Zwischenzeit wurde ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Ein komfortabeler Reisebus trifft ein, der mich mit einigen anderen bis  an die Bahnstation nach Horrem bringt. Nach einigen warten dort geht es endlich bis nach Köln weiter. Ausgelassene Stimmung bis zum Ende. Immer wieder ertönt der Schlachtruf. !Hambi bleibt! Hambi bleibt! Hambi Hambi Hambi! Bleibt bleibt bleibt!“

Mir geht es erstaunlicherweise gut. Die Schmerzen sind bei Weitem nicht so schlimm wie befürchtet. Während der gesamten Zeit hatte ich nicht einen einzigen Asthma-Anfall. Frische saubere Luft, ein solidarisches  Gemeinschaftsbewusstsein und eine einzigartige positive spirituelle Energie haben einen kurzfristigen Gesundungsprozess bei mir entfaltet.

 

 

 25.10.18

Derzeit überschlagen sich die Ereignisse. Ich entnehme aus den Nachrichten das es einen großen Polizeieinsatz in Manheim gibt. Die Meldungen sind sehr widersprüchlich. Da ist gegen Mittag die Rede davon, dass die besetzten Häuser geräumt werden. Um 15 Uhr heißt es aber, dass es einen gerichtlichen Beschluss gibt die Räumung zu stoppen. Was entspricht nun der Wahrheit?

Meine Gedanken sind  bei Lucy? Wo steckt sie? Ist sie etwa in Gefahr? Verhaftet, oder gar Schlimmeres. Ich versuche sie telefonisch zu erreichen, aber es ist nur die mailbox dran. Ich möchte ihr helfen, aber wie?

Das Camp dass ich noch am Montag besuchte ist ebenfalls geräumt. Die Ende-Gelände-Aktion soll etwa 5 km entfernt von Manhein weitergeführt werden.

Ich kann mir das gar nicht recht vorstellen.

Am Samstag soll es eine Großdemo im Hambacher Wald geben. Ich werde dorthinfahren, koste es was es wolle.

   

22.10.18

Spontaner Besuch im neuen Camp

 

Ich setze heute einen lang gehegten Plan in die Tat um.

Ein Besuch im neuen Hambi-Camp.

Das Wetter sieht gar nicht gut aus an diesem Montagvormittag. Trübe, kalt und Nieselregen. Lange bin ich unentschlossen, dann breche ich doch noch auf. Ich bereue es zunächst, vor allem nachem ich mit der S-Bahn in Buir angekommen bin.

Der Regen wird stärker,  kräftiger Wind kommt auf,trotzdem laufe ich einfach los. Ich habe gar kein richtiges Ziel. Ich weiß nur dass sich das neue Camp in Manhein befindet. Wo genau gedenke ich hin zu gehen?

Noch bin ich nicht all zu weit gekommen. Sollte ich umkehren?

Da plötzlich gesellt sich eine junge Frau zu mir, sie hat sich verirrt und erkundigt sich nach dem Weg zum  Camp, hat also das gleiche Ziel wie ich. Eine Fügung? Wer weiß.  Auf diese Weise gelingt uns beiden ein Weiterkommen und gemeinsam kämpfen wir uns durch Regen und Sturm. Der Weg nach Manheim ist weit, Fußweg etwa eine Stunde. Bei meinen körperlichen Beschwerden eine echte Tortur

Gezeichnete  Wegweiser auf der Straße weisen uns den Weg.

Schließlich erreichen wir das Camp. Schade das wir uns gleich aus den Augen verlieren. Hier herrscht schon jetzt ein heilloses Durcheinander, obwohl das Ende-Gelände-Camp erst am Donnerstag beginnt. Ich spreche eine Weile mit einem Verantwortlichen am Info-Zelt. Der erklärt mir einige Dinge, viel weiter bringt mich dass aber auch nicht.

Es läutet zum Essen. Ich gönne mir einen Teller Suppe, dazu esse ich die mitgebrachten belegten Brötchen, endlich kann ich mich setzen.

Zum Glück habe ich meinen Regenponcho eingepackt, den ziehe ich mir über. Warum habe ich das nicht schon auf dem Weg hierher getan?

Der ist gut und hält einiges ab.

Eine Zeit lang ruhe ich aus, danach laufe ich etwas im Camp herum, viele Zelte sind aufgebaut. Am Wochenende wird es hier chaotisch, das ist schon jetzt offensichtlich. Schließlich gehe ich durch den Ort. Ich kenne ihn bereits , aber erstmlas habe ich Zeit alles intensiv und in Ruhe zu erkunden. Es ist sehr schön hier. Viele wunderbare kleine Reihenhäuser, zum Teil aus grauen Natursteinen gemauert. Eine typische Bergarbeitersiedlung. Die meisten Häuser sind schon verlassen und dem Verfall preisgegeben. Einige Bewohner harren noch aus.

Mich umgiebt eine wunderbare Ruhe, die ich im Getriebe der Großstadt so sehr vermisse. Einfach ein kleines Haus in Besitz nehmen und als Eremitage einrichten. Aber die sind leider alle leer. Keine Heizung, kein Strom, kein Wasseranschluss. 

Niemand vermag zu sagen wie es weitergeht in nächster Zeit. 

Schließlich finde ich auch die drei besetzten Häuser in der Friedenstrasse, mit reichlich roten Fahnen und Transparenten ausgestattet, künden sie schon von weitem wer hier eingezogen ist. Schöne Wohnlage. Hier ist Lucy untergekommen, meine 19 jährige FAU-Genossin,an die ich mein Herz verloren habe.

In Gedanken bin ich bei ihr. Was tut sie? Wovon lebt sie? Bringt sie sich in Gefahr?

Wie sehr wünsche ich mir doch eine Tochter ihres Schlages. ich habe sie wirklich sehr gern.

Möglicherweise werden hier demnächst weitere Häuser besetzt, von ganz unterschiedlichen Gruppen vor allem aus der links-radikalen, anarchistischen und autonomen Szene.

Hohe Polizeipräsens vor Ort, zwei Fahrzeuge auf Streife, einige Häuser werden durchsucht. Mich lassen sie in Ruhe. Eine alternde Transfrau mit Krücksock scheint wohl nicht sehr verdächtig.

Noch eine Weile an der schönen Kirche verbringen, die mir besonders gut gefällt. Was könnte man hier nicht alles veranstalten? In meinem Kopf schwirren die Gedanken. Ich sollte mit dem zuständigen Pfarrer des Ortes Verbindung aufnehmen. 

Plötzlich reißt der Himmel auf und die Sonne kommt durch. Gerne würde ich länger bleiben.

Doch ich muss den Rückweg zur S-Bahnstation in Buir antreten, die Zeit ist schon weit fortgeschritten. Der Weg, lang und beschwerlich. Es schmerzt stark in meinem Rücken, in Beinen und Füßen, Müdigkeit macht sich bemerkbar.

Zum Glück habe ich gleich Anschluss nach Köln. 

Ein guter Tag, trotz der Beschwerlichkeiten. Ich konnte vieles erkunden.

 

 

Anarchonopolis im Hambacher Wald 

Meldung vom 17.10.18

Nach dem vom Oberverwaltungsgericht Münster verhängten Stop der Rodungsmaßnahmen gehen die Besetzungen im Hambacher Wald weiter.

Die ersten Baumhäuser sind schon wieder errichtet. Des Weiteren könnte bald ein ganzer Ort bestezt werden. Das Dorf Manheim. Es gehört zur Verwaltungsgemeinschaft Kerpen. Früher lebten hier etwa 1200 Menschen, davon sind  20 übriggeblieben, die sich bisher hartnäckig weigerten ihre Heimat zu verlassen.

Die leerstehenden Häuser stehen zur Verfügung. Die Wiesenbesetzer haben beschlossen ihr Camp in Manheim zu errichten. Einige Häuser sind bereits besetzt. Natürlich stehen die Häuser leer und vor allem sind die Energieleitungen gekappt. Es gibt dort weder Heizung, Strom noch  Wasser.

Trotzem werden mit Sicherheit viele Aktivisten dorthin ziehen und dem bevorstehenden Herbst und Winter trotzen.

Manheim ist ein schönes gemütlich wirkendes Dorf mit einer romantischen Kirche im Ortskern. Wie gerne würde ich selbst dorthingehen, es gribbelt mir in den Fingern. Doch die Vorstellung im Winter in einem unbeheizten Haus zu leben schreckt mich natürlich ab. Bei meiner Erkrankung wäre das auch nicht ratsam. 

Aber träumen draf man ja noch. 

Auf jeden Fall  werde ich mich häufig dort aufhalten, da es von Köln aus gut mit der S-Bahn erreichbar ist 

 

Aktuell: Meine Berichte von der spontan aufgerufenen Demo vom Donnerstag dem 13. 9. , Beginn 16 Uhr am S-Bahnhof Biur

und vom monatlichen "Waldspaziergang" vom Sonntag dem 16.9. ab 12 Uhr ebenfalls ab S-Bahnhof Buir

 

Donnerstag 13.9.

Spontaner geht es nicht! Am frühen Morgen wusste ich noch gar nicht das ich am Nachmittag zu einer Demo in den Hambacher Forst gehen würde. Während ich frühstückte warf ich einen Blick in den Kölner Stadtanzeiger und erfuhr dass bereits heute mit der Räumung des Wiesencamps begonnen wird. Das Bürgerbündniss "Buirer für Buir" hatte zu einer spontanen Demo aufgerufen. Treffpunkt der S-Bahnhof in Buir.

Was tun? Das Wetter mies! Nieselregen am Vormittag! Meine Gesundheit, nicht zum Besten. Gut, dass ist sie eigentlich nie in letzter Zeit, also kann ich sie auch nicht als Ausrede vorschieben. Nein, da muss ich hin! Ich kann nicht abseits stehen, während die mutigen Wiesenbesetzer den Übergriffen der Polizei ausgesetzt sind.  Vom Herzen her müsste ich viel mehr tun, leider aber lässt es meine angeschlagene Gesndheit nicht mehr zu. Was ich aber imstande bin zu tun, möchte ich auch tatsächlich leisten.

Zum Glück reißen die Wolken ab dem frühen Nachmittag auf und es bleibt für den Rest des Tages trocken. Es wärmt sogar wieder auf und es wird noch ein schöner Tag. Das wäre also auch geregelt. Ich starte gegen 15 Uhr ab S-Bahnhof Köln-Nippes und treffe eine halbe Stunde später am Zielort ein. Einige sind schon versammelt, ich sehe  erste Fahnen und Transparenten. Warten ist angesagt. Die folgende S-Bahn bringt eine Fülle von Menschen. Auch mit dem Auto kommen viele. Mit kurzer Verspätung startet die Demo, derweil strömen unaufhörlich weitere Protestierer hinzu. Der Waldpädagoge Michael Zobel ist in der Zwischenzeit eingetroffen, der, der schon seit Jahren die monatlichen Waldspaziergänge organisiert. Er hält die Eröffnungsrede, danach folgen weitere Redebeiträge. Währenddessen wird tief im Wald weiter geräumt und es fallen auf brutale Weise uralte Bäume unter der Kettensäge, nur um den Aktionären des RWE-Konzerts die Taschen zu füllen.

Etwa eine halben Stunde nach Beginn der Kundgebung setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. Es geht zur Mahnwache, einer eigens zu diesem Zweck angelegten Station auf freiem Feld, an der ehemaligen Bundesstraße, die seit Monaten nur noch selten befahren wird, da hier in der Gegend kaum noch einer wohnt. Über uns kreisen unaufhörlich Polizeihubschrauber.  An allen möglichen Stellen sind Polizeifahrzeuge  geparkt, dann sehen wir die ersten Polizisten. Nach ersten Angaben sind etwa 5000-6000 im Wald versammelt. Gespenstisch! Wovor nur fürchtet sich die Landesregierung?

Diese Demo hat eher den Charakter eines großen Familienausflugs. Viele Kinder sind dabei, auch ganz kleine in Kinderwagen, oder Tragetücher eingewickelt. Auch älter oder Leute wie ich, die auf einen Krückstock angewiesen sind. Dann rollen erste Panzerwagen! Sind die komplett verrückt geworden? In der Nähe wird ein Wasserwerfer in Stellung gebracht. sind die Imstande den tatsächlich einzusetzen?

An der Mahnwache gibt es eine Zwischenkundgebung. 

Nach einer Weile entschließen sich die Teilnehmer spontan in Richtung abgesperrte Zone zu laufen um den in arge Bedrängnis geratenene Baumbesetzern zur Hilfe zu kommen. Die Polizei versperrt den Weg und versucht die Menschen zu stoppen. Eine geschlossenen Formation. Die Kundgebung wird schließlich am Waldesrand weitergeführt, mit einem regelrechten Kulturprogramm. Musikanten sind dort und spielen mit ihren Instrumenten auf, dazwischen weitere Redebeiträge. Die Reihen der Polizisten werden derweil immer enger um uns geschlossen bis wir eingekesselt sind.

Erneut ist Warten angesagt. Was könnte als nächstes geschehen? Keiner kann das vorhersagen. In der Zwischenzeit spüre ich immer stärker werdende Schmerzen im Rücken und in den Beinen. Ich müsste mich setzen, aber in der Eile habe ich vergessen mir eine Unterlage einzustecken. Auf dem harten Boden kann ich nicht. Also heißt es Zähne zusammenbeißen und durchhalten.

Plötzlich stimmt einer die Hymne "We shall overcome" an.  Nach und nach stimmen alle Beteiligten in  den Gesang ein, sich dabei an den Händen fassend. Da geschieht das Wunderbare. Einige der sich in unmittelbarer Nähe befindenden Polizisten singen mit.  Haben unser Worte und unsere Lieder bei ihnen etwas bewirkt? Sicherlich sind nicht wenige der Beamten heimlich auf unserer Seite. Natürlich dürfen sie das in der Öffentlichkeit nicht zum Ausdruck bringen. Sie tun hier ihre Pflicht. Doch für wen? Für den Rechtsstaat? Den gibt es hier nicht. Der hat sich schon vorzeiten aus der Geschichte verabschiedet.

Hier geht es um Geld, um Kapitalinteressen. Hier geht es um einen Energiekonzern der glaubt sich alles erlauben zu können und eine Landesregierung, die sich zu dessen willfähigem Büttel degradiert hat.

Leider steigern sich bei mir die Schmerzen weiter. Ich muß bedenken dass ich für den Rückweg zum Bahnhof noch Kraftreserven brauche.  Ich verabschiede mich schließlich und gehe zurück, dabei immer wieder den Blick nach hinten gerichtet. Langesam setzt die Dämmerung ein. Auch viele andere beginnen den Ort des Geschehens zu verlassen.

Die Hartgesottenen werden ausharren, auch in der Dunkelheit. Morgen schon geht der Kampf in die nächste Runde. Ich werde am Sonntag wieder dabei sein.

 

Sonntag, 16.9. 18

Diesmal bin ich besser vorbereitet. Am Waldspaziergang habe ich in den letzten drei jahren mehrfach teilgenommen und auch dieses Datum hatte ich fest in meinem Kalender vorgemerkt.

Das Wetter steigert sich weiter. Ein schöner sonniger Tag ist uns  geschenkt. Temperaturen über 20°C und vor allem kein Regen. Ideal für eine solche Veranstaltung. 

Meine Gesundheit lässt auch heute zu wünschen übrig. Zum Glück lassen mich die heftigen Bauchkrämpfe und der Durchfall, die mich gestern heimsuchten heute in Ruhe. Dafür meldet sich die Entzündung der Munschleimhaut zurück, die mich in regelmäßigen Abständen befällt. zum Glück ist es heute noch nicht gar so schlimm. Die Schmerzen im linken Fuß und im Rücken sind spürbar, aber noch erträglich. 

Den Rucksack habe ich schon gestern Abend gepackt,frühmorgens bin ich zu solchen Aktivitäten kaum noch imstande. Ich lasse alles in Ruhe auf mich zukommen und verlasse das Haus frühzeitig, so dass ich nicht hetzen brauche.  Ich fahre zum Hansaring, zu spät, die Bahn ist weg, nun heißt es eine Stunde warten. Ich entschließe mich die S-Bahn nach Sindorf zu nehmen, gleiche Richtung, aber fährt nicht weiter bis Düren. In Horrrem steige ich aus, halbe Stunde Wartezeit. Der Bahnsteig beginnt sich zu füllen, viele haben das gleiche Ziel .

Polizeibeamte drängen auf den Bahnsteig und drangsalieren ein paar junge Frauen, die sich auf dem Boden niedergelassen haben. Die müssen sich doch tatsächlich ausziehen. Ich glaub ich spinne.

Die S-Bahn nach Düren hat Verspätung, 15 Minuten. Als sie eintrifft erkenne ich schnell den Grund. Vollgestopft bis zum letzten Platz. Doch wie durch ein Wunder ergattere ich eine freie Stelle. Zwei Stationen bis Buir, sie kommen mir wie eine Ewigkeit vor.  Ich bekomme kaum noch Luft. Endlich die Erlösung, als sich der Zug am Zielort leert.

Der Bahnsteig ist übervoll, im Schneckentempo geht es zum gegenüberliegenden Platz. Dort haben sich Hunderte, nein ich glaube schon über tausend Leute versammelt. Ständig werden es mehr. Ich habe schon nach kurzer Zeit die Übersicht verloren. Jede Menge Fahnen und Transparente zu sehen. Vor allem rote und grüne. Auch die FAU ist da, meine anarchosyndikalistische Gewerkschaft. ich verweile kurz dort, dann bewege ich mich, das dauerhafte Stehen bekommt dem Rücken und den Beinen überhaupt nicht. zum Glück habe ich mir heute ein Iso-Kissen mutgenommen. 

Die Sonne scheint sehr intensiv, das Kopftuch dass ich mir umgebunden habe ist nicht ausreichend, ich hätte einen breitkrämpigen Hut benötigt.

Eine Gruppe natur-religiöser Schamanen beginnen ihre Trommeln zu schlagen und am anderen Ende singen Leute von der maoistischen MLPD alte Arbeiterkampflieder. Nein, bunter könnte die Mischung kaum sein. Über uns kreisen die ersten Polizeihubschrauber um auch heute durch ihren Lärm die Versammlung zu stören. Die Redefreiheit ist in unserem Land längst zur Staffage verkommen.

Mit einigen Minuten Verspätung beginnt die erste Kundgebung. Michael Zobel eröffnet sie, er informiert uns darüber dass auch am heutigen Sonntag die Räumung der Baumhäuser unvermindert weitergeht.  Das Oberlandesgreicht Münster hat am Freitag den letzten Eilantrag zum sofortigen Stop der Räumung abgelehnt. Wen wundert`s?  Zur käuflichen Politik gesellt sich die käufliche Justitz.

Nach einer Weile rüstet sich die Menschenansammlung zum Aufbruch. Inzwischen sollen sich bereits7000 Menschen eingefunden haben, so viele wie noch nie  bei einem Waldspaziergang.  Sie kommen nicht nur aus NRW, nein, aus ganz Deutschland und sogar dem Ausland.Ich laufe etwas abseits, weil ich die steilen Treppen nicht gut erklimmen kann. Menschenmassen wohin auch immer ich den Blick wende. In einiger Entfernung kann ich die Polizeiautos sehen, von den meisten hier als "Wannen" bezeichnet. Auch Panzer sind wieder dabei und Wasserwerfer. Gegen wen wollt ihr die einsetzen, frage ich mich ständig.  Gegen Frauen mit kleinen Kindern, gegen Alte oder gegen Krüppel wie mich, die auf einen Gehstock angewiesen sind? Ja, wenn es gegen Schwache geht seit ihr stark und lasst die Muskeln spielen. Wo wart ihr in Chemnitz? Dort, wo euch die Nazis durch die Straßen geprügelt haben.

Wir kommen schließlich an der Mahnwache an. Dort gibt es wieder eine Zwischenkundgebung. Verschiedene Redner treten auf. Ich kann mich eine Weile auf dem Boden setzen und ausruhen. Die Schmerzen halten sich dadurch in Grenzen.    

Jemand kommt mit der Eilmeldung dass es an den Baumhäusern derzeit besonders brutal zugeht. Die Versammlung beginnt sich daraufhin zu spalten, viele der Teilnehmer wollen den Aktivisten zur Hilfe kommen und verlassen den Ort. Querfeldein drängen hunderte der Absperrung entgegen. Ich schließe mich ihnen an und laufe bis zur Linie mit den schwer bewaffneten Polizeibeamten. Hier muss ich stoppen, aber vielen gelingt es die Linie zur sprengen. Etwa tausend Leute schaffen es ins Innere des Waldes vor zu dringen. Dort kommt es zu Auseinandersetzungen.

Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich laufe bis zur ehemaligen Landstraße, dort parken etwa 20 Wannen, zwei Panzer und ein Wasserwerfer. Ich schreite diese martialische Formation ab, dann lasse ich mich auf dem Boden nieder, erst mal sitzen.

Nachdem ich mich etwas erholt habe laufe ich zur Mahnwache zurück, dort bleibe ich dann, treffe verschieden Bekannte. Nach einer Weile rücken etwa 12 Polizeiwagen an. Spontan bildet sich eine Sitzblockade auf der Straße. Wie gerufen trifft ein Kamera-Team des WDR ein. Mehrmalige Aufforderung die Straße frei zu machen. Doch die Besetzung löst sich nicht auf. Was wird als Nächstes  geschehen? 

Der Versuch einer gewaltsamen Räumung scheitert. Ein Polizeiwagen steuert in die Menschenmenge, am Steuer eine junge Polizistin, sie wird von den Umstehenden laut beschimpft. Ich stehe direkt daneben und blicke in ihr Gesicht, sie sieht sehr angespannt und ängstlich aus und dann entdecke ich Tränen in ihren Augen. Das Fahrzeug wird schließlich aufs freie Feld abgedrängt, droht kurzzeitig umzukippen. Zum Glück passiert das nicht.

 Die berechtigte Wut trifft die Falschen.Die Leute von der Polizei werden hier auf unverantwortliche Weise verheizt. Die Schuldigen sitzen in den Aufsichtsräten des Rheinenergiekonzerns und in der Landesregierung.

Der Einsatz der Dämmerung signalisiert mir für heute Schluss zu machen.

Ich raffe mich auf und begebe mich in Richtung Bahnhof, ich bin total geschafft, die Schmerzen sind aber bei Weitem nicht so schlimm wie zunächst befürchtet.

Hunderte drängen sich auf den Bahnsteigen, einige musizieren weiter. Die Bahn ist fast leer als sie eintrifft, dann füllt sie sich bis auf den letzten Platz. Ich kann sitzen.

Ein ereignisreicher Tag neigt sich zum Ende.  Gut dass ich hier war. Ich werde wieder kommen, immer wieder, solange der Wald lebt.

 

 

                    

Ein Erlebnisbericht von 2015

Lange zögerte ich bevor ich mein Vorhaben in die Tat umsetzte und dem Hambacher Forst endlich einen Besuch abstattete.

Die Bezeichnung „Lügenpresse“ in der letzten Zeit häufig verwendeter Begriff vor allem der politischen Rechten, trifft hier voll ins Schwarze.  

Ein wahres Netz von Schauermärchen wurde in der Zwischenzeit von den Presseorganen gewoben um die Ökoaktivisten die in diesem seit 4 Jahren heftig umkämpften Stück Wald, auf halber Strecke zwischen Köln und Aachen gelegen, hausen, zu diffamieren.

Die Berichterstattung ist zum Teil so hanebüchen, dass man herzhaft darüber lachen könnte, wäre die Angelegenheit nicht so erst.

Da ist die Rede davon dass Spaziergänger von den Aktivisten angegriffen wurden. Ferner von gefährlichen Fallen (z.B. Fangeisen) die es hier gebe, etc, etc.

Nun weckt eine offen betriebene Diffamierungskampagne nicht selten gerade das Interesse und erweist sich im Nachhinein sogar als Reklame.

So war es auch in meinem Fall. Ich beschloss der Sache auf den Grund gehen und begab mich an einem Julimorgen 2015 in die Richtung des umkämpften Terrains.

Eine gute Verbindung. Den S-Bahnhof Köln –Nippes habe ich in etwa 500 m Entfernung.

Mit der S 6 ging es eine Station bis zum Hansaring, dort wartete ich einige Minuten am gleichen Bahnsteig auf die S 12 in Richtung Düren (manchmal fährt die auch bis Aachen durch).

Nach etwa einer halben Stunde Fahrzeit entstieg ich der Bahn an der Haltestelle Buir. Bis hier ging es schon mal glatt. Doch wie weiter. Das Dörfchen Buir zur Linken, die weite Pampa zur Rechten. Jetzt hieß es laufen. Etwa 45 min sind es bis zum Camp, so konnte ich mich auf den Webseiten der Aktivisten informieren. Vor mir erstreckte sich die Weite. Am Horizont die bronzefarbene Mondlandschaft des Braunkohletagebaus, „gekrönt“ von monströsen Schaufelbaggern.8 gibt es insgesamt. davon. Die laufen ständig 7 Tage die Woche , 24 Stunden lang und erzeugen das nie mehr endende Fauchen aus der Ferne. Wirken die schon aus der Ferne so gewaltig, welchen Eindruck hinterlassen die erst, wenn man direkt vor ihnen steht?

Davor ein noch halbwegs intaktes Ökosystem. Getreidefelder, im Juni in ihre typisch hellgrüne Farbe gekleidet und mit rotem Klatschmohn verschönert. Heiß ist es, ein sanfter Wind streift über die noch nicht ausgereiften Ähren.

Zu meiner Rechten, in etwa 3 km Entfernung ragt der spitze Kirchturm des Dörfchens Manheim in den Himmel. Zwei Drittel des Dorfes sind schon abgesiedelt. Einige Hartgesottene sind verblieben und harren voller Ungeduld der Dinge die sich vor ihnen auftun. Am Ende werden sie zwangsausgesiedelt. Ja, auch der Rechtsstaat kennt solch drakonischen Maßnahmen, wenn es darum geht die Kapitalinteressen des RWE-Konzerns durchzusetzen..

Ich bewege mich auf den Wald zu, bzw. auf den kärglichen Überrest der noch verblieben ist.

90% wurden in den letzten Jahren platt gemacht, nun soll also auch der Rest weichen.

„Betreten auf eigene Gefahr!“ entnehme ich den Warntafeln, die hier überall aufgestellt wurden. Der RWE-Konzern, Eigentümer des gesamten Gebietes, glaubt Besucher vor den angeblich vorhandenen Gefahren warnen zu müssen, die hier lauern. Und immer wieder ist von Gewalttätern die Rede, die in der Umgebung ihr Unwesen treiben.

Die gibt es tatsächlich und auch bei mir ist die Angst groß angegriffen zu werden. Aber weniger von den Ökoaktivisten, sondern vielmehr von deren Gegnern. Die privaten Security-Leute, für ihre Brutalität berüchtigt, können jederzeit aus dem Dickicht auftauchen. Die fragen nicht, sondern schlagen lieber gleich zu. Die Knochenbrecher werden sie genannt. Schon so mancher ahnungslose Besucher  beendete seine Erkundungstour mit zerbrochenen Gliedmaßen. Ferner muss ich damit rechen verhaftet zu werden, sollte mir eine Polizeistreife über den Weg laufen, denn das Betreten des Geländes ist verboten. Bedrohlich kreist ein Polizeihubschrauber über mir, in sicherer Höhe. Ob der schon auf mich aufmerksam wurde?

Ich weiß es nicht. Die Angst sitzt mir tief im Nacken.

Ich dringe in das Dickicht vor. Insekten summen, aus der Ferne hört man das knacken von Ästen, sonst ist es ruhig. Dichtes Blattwerk lässt nur noch wenige Sonnenstrahlen durch die Zweige. Den Blick immer zu Boden gerichtet schreite ich voran. Nur selten blicke ich auf.

Nach einiger Zeit erreiche ich den verbarrikadierten Hauptweg. Nun beginnt die Abenteuertour. Hohe Hindernisse tun sich auf. Dicke Baumäste gemischt mit alten Möbel und Metallteilen, aber immer mit weißroten Bändern gesichert. Dahinter etwa ein bis zwei Meter tiefe Gräben, ebenfalls gesichert. Besonders originell finde ich die mit hartem Beton gefüllten LKW-Reifen, die bewegt hier so schnall keiner weg. All das soll die Baufahrzeugen oder Polizeiautos an der Durchfahrt hindern. Ich lasse mir viel Zeit bei dem Überwinden der Barrikaden.

Hoch oben in den Baumwipfel entdecke ich schließlich die ersten Protesttransparente. Mit deutschen oder englischen Kampfsprüchen.

Nun ist es nicht mehr weit bis zum Camp. In der Ferne dringen  die ersten Stimmfetzen an meine Ohren. Dann sehe ich Leute. Schließlich ereiche ich die Wiese und das Camp erstreckt sich vor mit. Meist notdürftig zusammen gezimmerte Bretterbuden, aber auch alte Bauwagen und Zelte. Zahlreiche Fähnchen und Wimpel. Eine große schwarz-rote Fahne flattert im heißen Sommerwind.

Nein, heute werde ich das Camp nicht betreten. Ich habe keine Erklärung dafür, aber irgend etwas hindert mich daran. Eine innere Stimme oder Eingebung. Unverrichteter Dinge trete ich den Rückweg an. Beschließe lieber noch die Umgebung näher zu in Augenschein zu nehmen.

Schon als ich den Wald betrat, spürte ich dieses eigenartige Stechen in der Herzgegend. Als hochsensible Person ist es mir möglich einen tiefen Einblick ins Geschehen zu erhaschen.

Vor meinem inneren Auge erkenne ich die ständig präsente Gewalt. Über dieser friedlichen Idylle liegt der Hauch des Kampfes und der unbarmherzigen Auseinandersetzung. Tiefe Spannung, geballte Ladungen von Energieströmen.

Und ich höre die Anklagen und Hilferufe. Ja, ich bin in der Lage die Sprache der Bäume zu verstehen. Sie teilen mir mit was sich hier zugetragen. Ihre Kräfte vereinen sich zu einem großen Ganzen und nun reden sie in einer Sprache, der Sprache der Urenergie.

„Hilf mir!“ Höre ich sie reden. „Lass mich nicht allein!“ Wer ist sie, die da so flehend zu mir spricht? Tief dringe ich ein in die Materie. Als Naturmystikerin verstehe ich es gut zwischen den Welten zu wandern. Ich betrachte diese wunderschöne Landschaft so wie sie sich mir in diesem Moment präsentiert. Und ich blicke in die Zukunft, dann, wenn sich hier ein riesiges etwa 500 m tiefes Loch erstrecken wird. Ein Abgrund, so als tue sich das Tor zu Hölle auf.

Ein ökologischer Supergau von ungeahntem Ausmaß.

 

 

Schade dass der Kontakt zu den Aktivisten nicht zustande kam. Ich entschließe mich es auf ganz förmliche Weise zu versuchen Noch am gleichen Abend setze ich mich an meine PC und öffne die Webseiten, ich sende eine mail mit der Bitte um Kontaktaufnahme.

Schon Tags darauf trifft die Antwort bei mir ein.

„Wir haben dich bemerkt, als du dich in der Nähe des Camps aufhieltest. Du hättest uns auch besuchen können. Komm doch das nächste mal einfach mal vorbei.“ So die Einladung

Einige Tage später ist es soweit,  erneut breche ich zu einem Trip in den Forst auf.

Diesmal wage ich den entscheidenden Schritt und befinde mich auf einmal in Mitten des Wiesencamp wieder.

Eine Gruppe Jungaktivisten hat sich um eine Feuerstelle versammelt. Ich werde zu veganem Kuchen und ebenso veganem Kaffee eingeladen. (Mir war gar nicht bewusst, dass es veganen Kaffee gibt)  

Aber ich stelle fest, dass es sogar schmeckt. Wir kommen auch sehr bald ins Gespräch. Das ist bei mir alles andere als selbstverständlich. Die hochsensitive wortkarge Madeleine tut sich ansonsten außerordentlich schwer bei Neukontakten. Hier ist es auf Anhieb anders, ich bin sofort mittendrin. Wie eine alte Bekannte. Ich fühle mich verstanden und angenommen, das hat Seltenheitswert. Und dass sollen nun die „Gefürchteten Kriminellen aus dem Unterholz“ sein, wie erst wenige Tage zuvor der Kölner Stadtanzeiger titelte? Von Gewalt ist hier erst mal ganz und gar nichts zu spüren. Ich mache einen ersten kurzen Rundgang über das Camp.

„Auf der Wiese wird keine Gewalt geduldet. Alles, was als Waffen dienen könnte, ist hier nicht erwünscht.“ kann ich da auf Plakaten lesen, auf deutsch und englisch. Es ist ein internationales Camp. Neben deutsch und englisch kann ich außerdem noch holländisch und spanisch vernehmen.

Andere Hinweistafeln klären darüber auf, dass das fotografieren nicht erwünscht ist. Alkohol darf nur an eigens dafür angelegten Bereichen getrunken werden, das gleiche gilt für das rauchen oder das kiffen. Alle Achtung, soviel Disziplin in einem Anarchistencamp.

Warum nur muss ich ständig an Robin Hood denken? Ich fühle mich in dessen Zeit zurückversetzt. Aber ich bin hier im Hambacher Forst und nicht in Sherwood Forest. Es könnte keinen besseren Vergleich geben. Der Wald als Schutz- und Fluchtburg. Statt des Sheriffs von Nottingham wartet die Gefahr außerhalb des schützenden grünen Mantels in Form der Security. Die trauen sich nicht in den Wald. Ebenso wie die Leute des Sheriffs warten die statt dessen auf eine Gelegenheit den Anarchos einzeln und außerhalb aufzulauern um ihnen eine Tracht Prügel zu verabreichen. Auch ich muss damit rechnen, aufgegriffen und zusammengeschlagen zu werden, wenn ich mich aus der sicheren Umfriedung entferne.

Die Behausungen, die ich hier vorfinde, könnten sich auch vor 800 Jahren in Sherwood Forest befunden haben. Die Zeit scheint still zu stehen. Auch in Hinsicht auf das Aussehen der Wiesenbesetzer. Einige, vor allem Männer könnten in der Tat aus der Zeit vor 800 Jahren stammen, oder noch vorher, aus der Merowingerzeit, was Bärte, Haartracht und Bekleidung betrifft.

Eine junge Frau stellt sich mir vor. Hübsches Gesicht und kahl geschorener Kopf, die Beste Waffe gegen Läuse und andere Parasiten die es hier in Hülle und Fülle gibt. Sie läuft barfuß. Der viele Schmutz an ihren Füßen ist so verhärtet dass er die Schuhe ohne weiteres ersetzen kann.

„Ich bin Eichhörnchen!“ Stellt sie sich vor. „Ich war es, die auf deine mail geantwortet hat.“

Sie tragen alle Wiesennamen wie ich in Erfahrung bringen kann. Eichhörnchen, Rehkitz, Fledermaus, Steinadler oder Thymian, Stechpalme, Holunder. Auch Phantasienamen sind reichlich vorhanden. Mr. Blue etwa oder  Lord Jim. Andere tragen gewöhnliche Vornamen, die aber alle mit Sicherheit nicht in ihrem Personalausweis stehen, soweit sie überhaupt über einen solchen verfügen.

Auch ich könnte mir einen Wiesennamen zulegen. „Silberlocke“, das liegt doch auf der Hand.

Meine inzwischen fast weißen Haare sind weithin sichtbar und eine Rarität im Camp, denn 80 % der Bewohner sind hier unter dreißig.

„Hast du Lust, die Baumhäuser zu sehen?“ erkundigt sich Eichhörnchen. Ich bejahe und schon geht es in den tiefen Wald. Ich komme kaum nach. Die sportlich-athletische Junglesbe macht ihrem Wiesennamen alle Ehre, so schnell und geschickt bewegt sie sich durch das Dickicht.

Dann haben wir unser Ziel erreicht.

Drei Baumhäuser entdecke ich, im Sommer gut im dichten Blattwerk verborgen. Wahre Kunstwerke in 20 bis 30 m Höhe, direkt in den Baumwipfeln. Wie in aller Welt haben die es geschafft die bauen? Schießt es mir durch den Kopf. Eingerichtet mit allem was man zum Leben braucht. Selbst Öfen wurden nach oben gewuchtet, es ist nicht immer Sommer. Vor allem im Winter sind die dauerbesetzt. Die Bewohner verlassen sie oft tagelang nicht. Denn vom 1. Oktober bis 1. Februar ist Rodungssaison. Jetzt im Sommer ist es verhältnismäßig ruhig.

„Wollen wir noch zum Loch gehen?“ Bietet Eichhörnchen an.

„Ja natürlich möchte ich auch das sehen!“ Bestätige ich und schon setzen wir uns wieder in Bewegung.

Das Loch, so wird der bereich des Waldes bezeichnet der schon gerodet und teilweise ausgeschachtet ist. Eichhörnchen und ich pirschen uns bis zur Baumgrenze. Meine Begleiterin holte eine Strickmütze aus der Tasche und zieht sich dies über den Kopf. Im Bereich der Augen und des Mundes sind Löcher hinein geschnitten. Vermummung ist obligatorisch. Auch ich mache mein Gesicht durch ein Tuch unkenntlich damit ich nicht unfreiwillig fotografiert werde.

Die Luft ist rein. Wir begeben uns auf den Hauptweg und dringen bis zu einer ehemaligen Autobahnbrücke vor.

Was ich dort zu sehen bekomme übersteigt alle meine Befürchtungen. Ich spüre einen stechenden Schmerz in der Herzgegend und die plötzliche Atemnot löst einen starken Hustenschauer aus.

Eine Mondlandschaft ist ein gepflegter Garten im Vergleich zu der Landschaft die sich da unter mir erstreckt. Verbrannte Erde. So stelle ich mir die Welt nach einem Atomschlag vor.

Eine Altlast von gigantischem Ausmaß unter der noch die Kinder unserer Kindeskinder leiden werden. In diesem Augenblick steht mein Entschluss fest. Ich werde mich hier engagieren, koste es was es wolle. Um jeden Baum möchte ich kämpfen. Auch wenn ich aufgrund meiner angeschlagenen Gesundheit waghalsige Aktionen den Jungaktivisten überlassen muss. Irgendetwas gibt es für mich zu tun und wenn ich nur die Butterbrote schmiere mit denen die Baumbesetzer versorgt werden.

 

Von diesem Zeitpunkt an besuche ich das Camp in regelmäßigen Abständen. Halte mich einen Weile dort auf und erkunde weiter die Gegend. Immer vertrauter wird mir der Forst.

Übernachten tue ich hier nicht. Das wäre zu krass vor allem bei meinen zahlreichen Beschwerden.

Entsprechend viel Zeit muss ich für die Anreise in Kauf nehmen. 45 min hin und das gleiche wieder zurück. Mein Rucksack ist mit allem notwendigen bestückt.

 

Skill sharing camp 2016

Lange schon wollte ich an einem solchen Erfahrungscamp teilnehmen. Doch das ganze Jahr 2015 hindurch kam ich nicht dazu.

Im Juli 201 6 ist es endlich soweit. Auf diese Weise kann ich noch mehr in Erfahrung bringen. 10 Tage gibt es hier viele Events vor allem interessante Workshops, dazu sind zahlreiche Referenten von außen eingeladen. Endlich ist es mir möglich das camp einmal gut gefüllt an zutreffen. International geht es zu. Wieder höre ich verschiedenste Sprachen.

Über allem flattert die schwarz-rote Fahne. Anarchistische Gesinnung bestimmt weitgehend die politische Denkweise.

Auch an den Workshops lasst sich das deutlich erkennen.

Eine ganz unterschiedliche Themenauswahl. Viele beschäftigen sich mit psychologischen Fragen, das leuchtet ein, die Wiesenbesetzer sind einem immensen psychischen Druck ausgesetzt. Das Leben in diesem Camp verlangt vollen Einsatz, viele zerbrechen daran. Auch untereinander gibt es zum Teil heftige Spannungen, doch schaffen sie es immer wieder diese zu bewältigen.

Andere Workshops drehen sich um das Thema Recht und Gesetz. Z. B. was bei Polizeiübergriffen zu beachten ist, welche Rechte die einzelnen haben. Was die Security darf und was nicht. Die dürfen eigentlich gar nichts, tun aber sehr viel.

Die anarchistische Theoriebildung nimmt wie nicht anders zu erwarten breiten Raum ein. Und die damit verbundene Kapitalismuskritik.

 Aber es gibt auch Workshops die sich dem Thema Sexualität widmen, auch in Richtung queer und gender.

Überhaupt mache ich die Feststellung, dass es hier von queeren Leuten nur so wimmelt. Die Befürchtung, dass ich als Transfrau mit meinem markanten Outfit nicht hierher, in diesen Kreis von Naturburschen- und -Mädchen passe, erweist sich schnell als unbegründet.

Viele der jungen Männer sind geschminkt oder laufen mit lackierten Nägeln herum, während sich viele Mädchen wiederum mit männlichen Attributen schmücken. Schon aus diesem Grund bin ich hier richtig.

Überhaupt haben bürgerliche Konventionen auf diesem Platz jegliche Bedeutung verloren. Alternativer gehts nicht mehr. Die Autonomsten unter den Autonomen.

Dieses Leben  läßt sich in keine Kategorie einordnen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es noch irgendwo auf der Welt radikalere Aussteiger gibt.  

Auch ich bin Aussteigerin, doch hängt mir das bürgerliche Leben mit seinen Annehmlichkeiten nach wie vor an. Meine gesundheitliche Verfassung und mein Alter hindern mich daran, so kompromisslos zu leben. Gut 80% der Wiesenbewohner könnten  bequem meine Kinder sein.

Doch sie lassen mich mein Alter nicht spüren. Im Gegenteil. In einem Workshop geht es um die Altersstruktur. Während allerorts die Überalterung vieler Initiativen und Parteien beklagt wird, ist hier das Gegenteil der Fall. Auf einem Workshop wird offen über eine „Überjüngung“ gesprochen

Die Gemeinschaft beklagt diesen Zustand. Sie sehen es als Manko, dass die meisten hier unter 30 sind. Es fehlen die Älteren.

„Madeleine, du kannst mit deiner Lebenserfahrung eine große Bereicherung für uns alle sein!“ Bekomme ich da zu hören. Das geht runter wie Honig. Es tut der Seele gut. Vor allem aufgrund der Tatsache, das mich die bürgerliche Gesellschaft schon lange angehängt und  aus ihren Reihen ausgeschlossen hat. Zu nichts mehr zu gebrauchen, aussortiert. Humanoider Müll, gerademal gut für den Abdecker. Und hier sitze ich mit jungen Leuten die mir ihre Wertschätzung entgegen bringen, einfach so.

Ein weiterer Grund mich hier einzubringen, trotz aller Gefahren die hier auf mich lauern.

 

Auch während dieser Tage übernachte ich nicht hier, sondern fahre am Abend immer wieder nach Köln zurück. Sicher, dadurch entgeht mir einiges. Aber andererseits kann ich mich so voll auf das Wesentliche konzentrieren und in Gedanken nicht ständig bei der bange Frage verweilen, was wohl die Nacht hier für mich bringt.

Auf mich wartet mein weiches warmes und sicheres Doppelbett in meinem WG-Zimmer und nicht die Isomatte auf dem Waldboden. Ein Gedanke der beruhigt. Ich muss nur darauf achten die letzte S-Bahn zu erreichen. Die fährt um 0.10 Uhr ab Buir. Demzufolge bin ich dazu angehalten das Camp gegen 23 Uhr zu verlassen um durch den dunklen Wald und die Wiesen und Felder zu marschieren. Mittels gut funktionierender Taschenlampe lässt sich auch dieses Problem lösen, auch wenn mir  mulmig dabei ist, so ganz allein durch den gefahrvollen Wald zu laufen. Denn gerade in der Nacht ist mit Angriffen auf das Camp zu rechnen.

Die Leute von der Security trauen sich im Dunkel der Nacht in den Wald und verüben Anschläge. Da werden zum Beispiel die Sicherungsdrähte der Baumhäuser gekappt, so das die Baumbesetzer beim abseilen vier- bis fünf Meter in die Tiefe stürzen. Auch werden schon manchmal Brandsätze auf die Behausungen geworfen. Personen die einzeln im Wald unterwegs sind müssen damit rechnen gekidnappt zu werden. Es herrscht Krieg im Wald.

Dessen muss ich mir stets bewusst sei, wenn ich hier unterwegs bin.

 

Mit der Zeit lerne ich auch die Wiesenbesetzer näher kennen.

Von den zahlreichen androgynen Männern fällt mir besonders Muigel ins Auge, der kleine zierliche Spanier mit den braunen Augen und dem schelmischen Lächeln erobert schnell mein Herz.

Einzig sein Drei-Tage-Bart wirkt störend. Schade das ich keine spanisch spreche, unser englisch reicht für eine Verständigung. Längere Konversationen aber werden schwierig.

Loona läuft komplett in Frauenkleidung herum, sie sei Transfrau sagt sie, doch warum lässt sie sich dann eine langen Bart wachsen? Als ich Tage später wieder komme ist der Bart ab und ein süßes feminines Gesicht kommt zum Vorschein. Hat sie etwa meine Gedanken gelesen. Man muss den Menschen hier zu Gute halten dass eine Körperpflege nach unserer Norm kaum zu gewähren ist. Es gibt keine Möglichkeit zu duschen. Kaltes Wasser zum waschen muss man sich umständlich aus großen Behältern beschaffen.

 

Alice

Dann lerne ich Alice kennen (englische Aussprache Äliss) Sie ist eine der Jüngsten hier und eine besondere Zierde des Camps. Alice im Wunderland, mit einem sehr herben Ambiente.

Ich habe Schwierigkeiten ihr Alter einzuschätzen  Sie wirkt noch sehr Mädchenhaft, der Übergang vom Mädchen zur jungen Frau noch im Gange. Ich glaube nicht dass sie schon 20 ist. Doch wenn sie erzählt könnte man der Ansicht sein sie habe die hundert überschritten, nach all dem was sie schon erleben musste, vor allem an negativen Ereignissen.

Wunderschöne blaue Augen, klar wie ein Bergsee, die hellblonden Haare an den Seiten kahl rasiert und in der Mitte nach oben gesteckt.

Was ihr Äußeres betrifft könnte sie glatt eine Jüngerin des heiligen Franziskus abgeben. In den ausschließlich schwarzen Lumpen die ihr in Fetzen vom Körper hängen sieht sie Mit- leiderregend aus. Sie läuft barfuss, Füße und Beinen sind mit Schmutz und unzähligen eitrigen Insektenstichen übersäht, ein Wunder das sie sich noch keine Infektion geholt hat.

In einem Workshop geht es um Erwartungen an das Leben das noch kommen wird. Wie geht es mit den Leuten weiter sollte das Camp einmal geräumt werden? Viele leben hier seit Monaten, einige vom Beginn der Wiesenbesetzung im Jahre 2012. Kein Geld, keine Krankenversicherung etc , aus allem heraus gefallen. Der überwiegende Teil hier besteht aus Studienabbrechern. Können sie in ein wie auch immer geartetes bürgerliches Leben zurückfinden, in ein Leben in Familie, Beruf, Gesellschaft?  Viele hier haben Strafanzeigen am Hals, stehen auf Fahndungslisten, nicht wenige waren schon ein oder mehrmals im Gefängnis. Verbauen die sich hier nicht komplett ihre Zukunft?

„Das Camp hier ist mein Zuhause!“ meldet sich Alice zu Wort. „Ich habe kein anderes!“ Ich vermute stark dass sie noch nie in ihrem Leben ein solches besessen hat.

„Wenn die Wiese geräumt wird geht es wieder auf die Straße, da wo ich vorher gelebt habe.“ Fährt sie fort. „Ich habe keine Ausbildung, nicht einmal Hauptschulabschluss. Nichts zu verlieren. Auf mich wartet kein Leben. Ich habe keine Zukunft, für mich gibt es kein Morgen.“ Diese Worte treffen mein Herz wie spitze Pfeile. So spricht einen junge Frau die womöglich nicht mal 20 ist? Hunderte von fragen schwirren wie ein Bienenschwarm durch meinen Kopf. Noch tageslang bewegen mich diese Worte.

Was hat Alice in diese Richtung getrieben? Ein miserables Elternhaus? Unfähige Pädagogen in der Schule?

Nicht einmal Hauptschulabschluss! Doch die Art wie sie spricht, wie sie argumentiert lässt einen hohen Bildungsgrad erkennen, so spricht keine Prol. Zudem kann sie sich gut in englisch verständigen und ist sogar in der Lage als Moderatorin zu wirken. Da scheint doch etwas nicht zu stimmen. Nichts bewegt mich mehr als hinter ihr Geheimnis zu kommen. Ich würde sie sofort adoptieren, doch was soll ich mit ihr. Sie ist ausgesprochen selbständig. Und vor allem ist sie frei. Frei wie der Wind der über die Baumwipfel fegt. Ihr Freiheitsdrang ist kaum zu bändigen. Die perfekte Anarchistin. Das bürgerliche Leben hat sie gar nicht erst begonnen, sie würde es in einer solchen Umgebung keinen Tag aushalten. Zwänge, Konventionen, Kompromisse, die sind ihre Sache nicht. Sie ist Lesbe. Das passt zu ihr. Für die Begierden der Männerwelt nicht zu haben. Doch das macht sie noch angreifbarer in einer Welt wie dieser.

Die Frage die über allem steht: Soll ich Alice ein anderes, vermeintlich besseres Leben wünschen? Um das zu beantworten müsste zunächst geklärt werden, was man unter einem besseren Leben versteht. Kann ich mir Alice vorstellen, wie sie allmorgendlich wie so viele Studenten am Bahnhof Ehrenfeld in die Buslinie 142 steigt, schick gekleidet und top gestylt, mit dem Smartfon in der Hand? An der Uni steigt sie aus und bewegt sich hektisch in den Hörsaal?

Oder sollte ich Alice gar ein Leben als ewige Prol wünschen, wie sie so tagtäglich in einer Fabrik an einem Fließband schuftet, oder als Verkäuferin in einem Supermarkt? Mit 19 das erste Kind und einem Macker an der Seite, der sie drangsaliert?

Ehrlich? Soll ich Alice ein solches Leben wünschen? Ich glaube, es passt überhaupt nicht zu ihr. Irgendwann wird sie wieder auf der Straße leben. Vielleicht auf der Domplatte, an der Stelle, wo die jungen Punker sitzen? 

Ich wünsche Alice, dass sie ihren persönlichen Weg findet.

 

Dogmatismus vs Pragmatismus

Ich nehme auch mehrere Mal am Wiesenplenum teil. Hier werden alle wichtigen Fragen geklärt, die das Zusammenleben betreffen. Auch über die geplanten Aktionen werden hier Entscheidungen getroffen.

An einem Tag soll entschieden werden, ob man sich dazu durchringen kann, die Wiese, auf der sich das Camp, befindet käuflich zu erwerben. Der Besitzer hat ein Angebot in dieser Richtung unterbreitet. Dazu ist folgendes zu erläutern. Die Wiese auf der im Jahre 2012 das Camp errichtet wurde befindet sich im Privatbesitz eines ortsansässigen Landwirtes. Dieser befindet sich wie die meisten Landwirte der Gegend  ebenfalls im Widerstand gegen den RWE-Konzern. Auch die Landwirte wollen sich nicht gern enteignen lassen.

Besagter Bauer hat seine brach liegende Wiesen den Anarchos zur Verfügung gestellt und duldet deren Anwesenheit. Somit hatten die Behörden bisher keine Handhabe das Camp zu räumen. Um RWE nun vollends eins auszuwischen kam der Besitzer auf die Idee mit dem Verkauf,

Natürlich können die Wiesenbesetzer den Boden nicht aus eigener Tasche bezahlen, die sind alle samt arm wie die Kirchenmäuse. Doch es gibt einen großen bundesweitern Unterstützerkreis, der die veranschlagte Summe durchaus aufzubringen imstande ist.

Sollen wir oder sollen wir nicht, das ist hier die Frage. Die Meinungen darüber gehen weit auseinander.

Denn der Landwirt stellte eine Bedingung. Es gibt auch eine Jägergesellschaft, deren Mitglied er ist. Er möchte in der Jagdsaison (ca. 3 Wochen im Jahr) mit Weidgenossen im Hambacher Wald auf die Pirsch gehen.

Nun handelte es sich bei den Ökoaktivisten fast ausnahmslos um radikale Veganer. Es versteht sich von selbst dass sich an dieser Frage die Geister scheiden.

In der Vergangenheit kam es deshalb häufig zu Auseinandersetzungen zwischen Jägern und Wiesenbesetzern. Da wurden auch schon mal Hochstände angesägt, oder Jagdwaffen unbrauchbar gemacht, etc.

Zwei völlig unterschiedliche Lebensentwürfe und trotzdem sitzen sie in einem Boot und bekämpfen einen gemeinsamen übermächtigen Gegner. Beide haben ein Interesse, dass der Hambacher Forst in seinen Restbeständen erhalten bleibt.

Gelingt das ungleiche Bündnis? Am Ende setzt sich knapp der Dogmatismus durch. Schade!

Die Veganer wollen nicht dulden, dass vor ihren Augen Tiere erlegt werden. Das ist Dogma.

Verständlich zwar, aber strategisch falsch, wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten sich geboten hätten, wenn die Wiese in ihr Eigentum übergegangen wäre. Dann hätte es RWE noch bedeutend schwerer Maßnahmen zu ergreifen.

Kluge Anarchisten sind immer Pragmatiker, die es verstehen über ihren Schatten zu springen um strategische Bündnisse einzugehen.

Ich wünsche den Jungaktivisten und -Aktivistinnen, dass sie in Zukunft mehr auf den Rat der Älteren hören.

 

Der Jesus-Point

Zu den eindrucksvollen Plätzen im Wald gehört mit Sicherheit der so genannte Jesus Point.

An einer Stelle, wo sich viele Waldwege kreuzen und eine kleine natürliche Lichtung bilden gibt e eine künstlich angelegte Ligusterhecke. In deren Zentrum befand sich lange Zeit ein steinernes Sühnekreuz aus dem 18. Jahrhundert. Im Auftrag des RWE-Konzerns wurde das Kreuz eines Tages entfernt. Ein Akt der von vielen Bewohnern der umliegenden Dörfer als Sakrileg betrachtet wurde. Kolja ein russischstämmiger Bewohner eines Dorfes fertigte daraufhin ein neues Kreuz aus Holz und installierte es an der Stelle, an der sich vorher das steinerne Kreuz befand und er tat etwas ganz außergewöhnliches. Er schnitzte auf das etwa 2 Meter hohe Kreuz die Symbole aller Weltreligionen. Kreuz, Halbmond, Siebenarmiger Leuchter, Buddhistisches Rad, Hindusymbol einträchtig nebeneinander. Und was mich besonders fasziniert ist das Herz mit dem A in der Mitte an oberster Stelle. Das steht für Mama Anarchija, die alte matriarchale Urreligion. Aus einer Zeit als es noch keine Herrschaft gab und die Religion noch nicht  missbraucht wurde um Herrschaftsansprüche zu legitimieren.

Doch dieses Kreuz scheint einigen nicht zu gefallen. Schon bald ist es Zielscheibe von Anschlägen. Es wird beschmiert mit saudämlichen Sprüchen wie God ist dead! Oder Jesus fuck you! Irgendwann ist es weg, Abgesägt! Wer ist für diesen Frevel verantwortlich frage ich mich und stellt sich damit auf eine Stufe mit den Kulturvandalen aus dem Hause RWE?

Es lassen sich nur Vermutungen anstellen. Doch ich glaube zu wissen, wer dahinter stecken kann. Es gibt im Camp etliche militante Atheisten, für die ist Religion einfach nur Dreck.

Meine lieben Jungen Freunde, diese Denken ist von Vorgestern. Es gehört ins 19. Jahrhundert, dort hatte es durchaus seine Berechtigung, im 21 Jahrhundert aber sollten wir diesen falsch verstandenen Antagonismus überwunden haben. Denn das dazwischen liegenden 20 Jahrhundert hat uns gelehrt, was säkulare Ideologien anzurichten vermögen. Welche eiskalten Verbrecher daraus hervorgingen. Hitler, Mussolini, Stalin, Mao, Pol Pot und viele andere mehr waren allesamt keine spirituellen Menschen. Und? Haben sie die Welt besser gemacht? Mitnichten!

Berge von Leichen haben sie hinterlassen und verbrannte Erde. Zu glauben dass die Welt besser wird, wenn es keine Religion mehr gibt ist naiv und weltfremd.

Anarchismus und Atheismus gehören eben nicht zwangsläufig zusammen. Der Mensch kann politisch und ökonomisch radikal anarchistisch denken sein aber trotzdem tief spirituell sein.

Für mich ist militanter Atheismus fundamentalistisch und nicht weniger gefährlich als religiöser Fanatismus, ganz gleich im welchem Gewande er auch auftritt.

Die regulierte Anarchie (oder Akratie) die ich anstrebe, ist nicht mausgrau sondern kunterbunt. Ein Regenbogen der unendlichen Vielfalt. Alles ist dort möglich, alles was dem Wohle der Menschen dient und auf Harmonie, Verständigung und Versöhnung ausgerichtet ist.

 

Das Herz des Waldes

Neben dem Jesus-Point gibt es einen weiteren spirituellen Platz im Hambacher Wald, von allen einfach nur das „Herz des Waldes „ genannt. Es handelt sich dabei um einen kleinen Teich, der jahreszeitbedingt, einmal mehr einmal weniger Wasser führt. Im Moment gleicht  er eher eine Schlammkuhle. Von vielen als besonderer Kraftplatz empfunden. Hier trifft man zuweilen Wünschelrutengänger, Schamanen und andere Anhänger naturreligiöser Prägung. Seit uralter Zeit soll diesem Ort eine ganz besondere Energie entspringen.

Ich kann diese Aussage ohne wenn und aber bestätigen. Als sensitive Person spüre ich sofort das Besondere, das Mysterium, das diesem Orte innewohnt. Es beginnt in den Füßen, dann setzt sich das eigenartige Kribbeln in meinem ganzen Körper fort. Der Brustkorb weitet sich und ich kann frei atmen. Der Verstand klärt sich und ich kann tiefer blicken. Es ist faszinierend den Schwall der Energie im Körper zu spüren. Ich fühle mich als Teil der Natur die mich umgibt, als Bestandteil des einen großen Ganzen. Tiefer Frieden in mir. Die Glückshormone tanzen Samba.

Und dieses einmalige Stückchen Erde soll demnächst gerodet werden, soll dem Bagger weichen der hier ein etwa 500 m tiefes Loch buddeln will? Ein Sakrileg.

Hier ist es zu allen Jahreszeiten schön.

Im Januar gestatten die blattlosen Bäume einen tiefen Blick in das Innere des Waldes. In direkter Nachbarschaft zum „Herz“ wurden erst vor Kurzen neue Baumhäuser erreichtet.

Vier sind es derzeit (Januar 2017).

Der alte Kraftplatz und die moderne Form des Widerstandes bilden eine wunderbare Symbiose.

Sind sich die Baumbesetzer ihre Mission bewusst, dass sie ein uraltes Heiligtum beschützen?

Wie bereits erwähnt halten viele nichts von Religion oder Spiritualität. Aber trotzdem schützen sie diesen Ort und sein Mysterium.

Sie sind nahe dran an der Wahrheit, die Tür steht bereits einen Spalt offen und lädt ein, das unentdeckte Land zu betreten. Sie bräuchten sie nur noch ein Stück weit aufzudrücken, wenn sie wollten. Ich wünsche den Aktivisten und Aktivistinnen, dass ihnen jene Erkenntnis eines Tages zuteil werde.

Als ich einmal unter den Baumhäusern dahin wandere entspringt in mir der Wunsch

diese näher in Augenschein zu nehmen. Ich muss einfach mal einen Blick von dort oben nach unten werfen.

 

In den Wipfeln

An einem Tag im März ist es soweit. Ich werde mir ein Baumhaus von innen ansehen. Das Wetter ist schön, könnte für so ein Vorhaben nicht besser sein. Strahlender Sonnenschein und angenehme Temperaturen, Vorfrühling vom Feinsten. Die Zeit des Übergangs vom Winter in den Frühling ist ohnehin die beste für solche Vorhaben. Die Bäume, noch winternackt, geben die Sicht frei und lassen die Dimensionen erahnen.

Schon während der Fahrt mit der S-Bahn gehen mir die Gedanken nicht aus dem Kopf und die Aufregung schlägt sich zuweilen auf meinen Magen. Als ich in Buir aussteige habe ich die erste Hürde genommen. Mein Monatsticket ist gültig nur bis Köln Weiden-West, die sich anschließenden vier Stationen liegen außerhalb des Tarifgebietes der Stadt Köln. Ich hätte zuzahlen müssen. Wenn sie mich erwischt hätten, wäre es als Schwarzfahrt gewertet worden.

Haben sie aber nicht.

Die Wiesenbesetzer sind allesamt Schwarzfahrer.

Die zweite Hürde stellt wie immer der ca. 45 min Fußmarsch bis ins Camp dar. Das Fernglas griffbereit, ständig auf der Hut und sich vorsichtig auf das Gelände vortasten. Mir droht Verhaftung, wenn ich mich dem Camp nähere oder Prügel, wenn ich der Security in die Hände laufe. Ich komme ohne Blessuren an.

Dann stehe ich am Boden und blicke in die Baumwipfel.

Selbstverständlich bin ich nicht imstande mich so professionell auf und abzuseilen wie die Baumbesetzer. Die sind darin routiniert. Flink wie die Äffchen erklimmen sie die Baumstämme.

Bei mir hingegen muss eine besondere Vorrichtung geschaffen werden. Der Sitz eines Stuhles( die Beine wurden entfernt) eignet sich gut. Ich werde darauf festgebunden und mit Sicherheitsleinen gleich mehrfach gesichert. Trotzdem wird mir im Magen flau und ich verspüre das Bedürfnis ein Klo aufzusuchen. Zu spät. Schon werde ich nach oben gezogen. Vier Leute ziehen meine 87kg etwa 20 m in die Höhe. Nur ja nicht nach unten sehen. Oben angekommen nimmt mich einer in Empfang. Der schwierigste Abschnitt, der Schritt in das Innere des Baumhauses. Einen kleinen Moment bin ich ungesichert. Unter mir geht es 20 m in die Tiefe. Geschafft! Ich nehme die Innenausstattung in Augenschein. Sehr gemütlich hier. Eng aber ausreichend. Leichtes Schwanken. Und dann der Wind. Ein Rauschen, wie ich es noch nie vernommen. Der Blick aus dem Fenster. Gigantisch. Den Wald von oben zu betrachten ist ein einmaliges Erlebnis, das man so schnell nicht wieder vergisst. Mein Blick fällt auf die Mondlandschaft ringsum, dort wo der Wald schon nicht mehr existiert. Erst jetzt wird das ganz Ausmaß offenbar.

Eine zeit lang ruhe ich aus und genieße die einmalige Stille, die es wohl nur in den Baumwipfel gibt. Getrübt wird dieses Gefühl von der Vorstellung, mich bald wieder nach unten bewegen zu müssen.

Es dauert auch entsprechend lange bis ich wieder mit allem gesichert bin und ich bin erleichtert wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.

Gerne würde ich hier oben eine Nacht verbringen. Das heißt eine Nachtwache, denn an Schlaf ist hier ohnehin nicht zu denken.

 

Politischer Waldspaziergang

Einmal im Monat findet jeweils sonntags ein Event besonderer Art statt. Eine Demo, die als Waldspaziergang deklariert wird. Diesen Einfall hatte vor drei Jahren der Waldpädagoge Michael Zobel. Der ehemalige Förster kennt den Hambacher Wald wie seine Westentasche.

Was 2014 als kleine Fußnote am Rande begann ist in der Zwischenzeit zu einem öffentlichen Event von Bedeutung geworden. Etwa 20 Interessenten gab es am Anfang, in der Zwischenzeit geht die Zahl in die Hunderte.

Unter fachmännischer Anleitung durchcampen die Teilnehmer das Waldgebiet. Ich habe mehrmals daran teilgenommen und konnte dabei wichtige Erfahrungen machen.

Mit allen möglichen Tricks versucht die Leitung von RWE diese Veranstaltung zu verhindern und ist stets bestrebt, neue Argumente ins Feld zu führen um den Spaziergang polizeilich verbieten zu lassen.

Bisher ist es ihnen nicht gelungen.

Auf diese Weise bekommt nun eine immer breiter werdende Öffentlichkeit davon mit, was hier vor sich geht.

Viele reisen von weit her an, um hier zu laufen und auf ihre Weise die Proteste zu unterstützen. Selbst aus dem Ausland kommen Besucher, den weitesten Weg hatte bisher ein Neuseeländer.

Den bisher größten Zustrom gab es am 23 Oktober 2016. Etwa 1000 Menschen versammelten sich um symbolisch eine „Rote Linie“ zu bilden.

Unter starkem Polizeiaufgebot, das ein Vordringen auf das bereits abgeholzte Gelände verhindern sollte, zogen wir ein mehrere hundert Meter langes rotes Stofftuch um den noch verbliebenen Wald. Damit signalisierten wir der Konzernleitung. >„Bis hierher und nicht weiter!“<

Die Bereitschaft um jeden noch verbliebenen Baum zu kämpfen, sollte sich unmissverständlich im Bewusstsein einprägen.

Bereits im Vorfeld rief dieses Ereignis großes Interesse hervor. Zahlreiche Reporter waren erschienen. Der WDR berichtet ausführlich und sachlich und selbst das ZDF hatte sich eingefunden. Einige Drohnen schwirrten durch die Luft um das ganze aus der Vogelperspektive aufzunehmen.

Einmal mehr zeigte sich, welch breit gefächertes Bündnis sich gebildet hat. Vom Bauernverband, dem BUND, den Kirchengemeinden der umliegenden Ortschaften, Verdi, bis hin zur maoistischen MLPD reichte die Bannbreite. Ein bunter Regenbogen der Weltanschauungen, vereint im gemeinsamen Kampf gegen eine Clique profitgieriger Manager und Aktionäre.

 

Weitere Demonstrationen dieser Art sind in Planung und sollen im zeitigen Frühjahr starten.

Dann mit hoffentlich noch mehr Teilnehmern.

 

Ausblick

Die diesjährige Rodungssaison wird am 1. Februar beendet. Damit verbindet sich die Hoffnung auf ein vorübergehendes Aufatmen. Dann heißt es Bestandsaufnahme. Wie viele Schäden sind zu verzeichnen, wie viel Hektar Wald ist den Kettensägen zum Opfer gefallen?

Die Demarkationslinie rückt bedrohlich näher. Wann werden die Baumhäuser stürzen? Wann steht die Räumung des Camps vor der Tür?

Die nächste Saison kommt bestimmt. Der Kampf geht weiter. Und er wird härter und unbarmherziger mit jedem Meter.