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Neidhardt Bonaparte

Nach zwei Tagen gelang es Kyra, Folko und der Schar junger Paria die feindlichen Linien zu durchdringen und das sichere Terrain der alte Abtei zu erreichen.

„Kyra!“ Entfuhr es Alexandra als die ihre Liebste an der Klosterpforte entdeckte. Wie eine Besessene rannte sie ihr entgegen und fiel ihr um den Hals.

„Du lebst! Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Aber wie siehst du denn aus? Was haben dir diese Dreckskerle angetan?“ Aufgebracht betastete sie Kyras von blauen Flecken entstelltes Gesicht.

„Autsch!“ Schrie diese laut.

„Entschuldige! Habe ich dir weh getan?“

„Schon gut! Wie du dich überzeugen kannst ist es mir ganz schön dreckig ergangen. Aber ich lebe und ich denke mal das ist das Wichtigste.“

„Ich bin halb wahnsinnig geworden vor Angst. Wir konnten nur in Erfahrung bringen das dich Freikorpsleute entführt haben. Ich habe mir fast die Augen ausgeheult. Ich glaubte dich nie wieder zu sehen!“ Erwiderte Alexandra hastig während sie ihre neue Geliebte in ein Flut von Küssen badete.

„Ich bin wieder hier und sieh mal wen ich mitgebracht habe!“ Versuchte Kyra sie zu beruhigen.

„Folko? Du bist auch hier? Das ist ja eine Überraschung! Wo hast du die ganze Zeit gesteckt? Na, weist du, die Kyra sitzt hier, macht sich die allergrößten Sorgen. Oder wurdest du etwa auch entführt?“ Wollte Alexandra recht aufdringlich wissen.

Folko machte Anstalten etwas zu erwidern, als ihm Kyra ins Wort fiel.

„Das ist eine sehr lange Geschichte. Da sprechen wir ein andermal drüber. Wo ist Elena? Ich habe ein paar Dutzend Flüchtlinge mitgebracht. Ich denke wir können sie hier unterbringen?“

„Ja, sicher! Du musst wissen, Elena ist ebenfalls in großer Sorge.  Auch Leander ist  verschwunden, unmittelbar nach dir und er ist noch immer nicht wieder aufgetaucht!“ Teilte Alexandra mit.

„Was? Meinte Kyra entsetzt.

Dann blickte sie zu Folko, der nur bestürzt den Kopf senkte.

„Ich werde den Pater Liborius fragen der kennt sich  hier von allen am besten aus und kann er sich um die Flüchtlinge kümmern.“ Bot Alexandra an.

„Ich bin todmüde, ich muss mich erst mal ausruhen!“ Gab Kyra zu verstehen.

„Richtig! Ab in die Falle, aber vorher werde ich mich um deine Verletzungen kümmern. Die nächsten Tage möchte ich dich nach Strich und Faden verwöhnen.“ Alexandra schlang ihren Arm um Kyras Taille. „Kannst du laufen oder soll ich dich stützen?“

„Natürlich kann ich laufen, ich bin doch nicht halbtot. Aber was das Verwöhnen betrifft, auf das Angebot komme ich sehr gerne zurück.“

„Es wird mir ein Vergnügen sein!“

Die beiden wollte sich zum gehen wenden, als es Alexandra dämmerte.

„Ach Folko, entschuldige, das ich dir deine Liebste entführe. Du möchtest doch sicher auch mit kommen?“

„Nein, nein, geht in Ordnung. Ich brauche selber ein wenig Ruhe und Besinnung. Ich denke Kyra ist bei dir in besten Händen.“

Wie zwei Turteltauben entfernten sich die Frauen und ließen Folko zurück.

Selbstverständlich hatte dieser sofort erkannt wie die beiden zueinander standen, er würde Kyra in Zukunft teilen müssen. Er konnte es ihr nicht verdenken, das sie sich während seiner Abwesenheit anderweitig orientiert hatte.  Konnte sie denn wissen  ob er überhaupt wiederkam? Im Grunde war er über die Tatsache froh, das sich jemand intensiv um Kyra kümmerte, nach all dem was sie hatte durchmachen müssen und das es sich dabei  um eine Frau handelte. Das gab ihm die Möglichkeit sich zurückzuziehen um gründlich über das Geschehene nach zu denken.

Die alte Schäferei würde er wohl fürs erste allein bewohnen. Es kam ihm  seltsam leer und verlassen vor als er die Räume betrat. Einsam, so ohne Kyras lautes Organ.

Wieder zu Hause. War es noch sein zuhause? Die Ordensburg mit Sicherheit nicht. Zunächst war er froh allem entronnen zu sein. Doch wie weiter? Kyra würde schweigen. Dessen konnte er gewiss sein, doch wie verhielt es sich mit ihm selbst? Konnte er mit der Schande leben? Er musste sich Elena an vertrauen, das war er ihr schuldig, doch hatte die im Moment ganz andere Sorgen. Wie es im Land aussah, daran wollte er gar nicht denken. Sollte sich der Blaue Orden behaupten, wären seine Tage ohnehin gezählt. Als Verräter würde er als einer der ersten über die Klinge springen.

Er fasste den Entschluss so bald als möglich jenen Menschen auf zu suchen, dessen Tür und Herz allen offenstanden die von Kummer, Sorgen und seelischen Qualen aller Art heimgesucht wurden. Colette! Die einfühlsame Kundra hatte mit Sicherheit den passenden Rat zur Hand. 

 

Alexandra kümmerte sich derweil rührend um Kyra, versorgte ihre Wunden, badete ihre Geliebte, salbte ihre Haut mit duftenden Ölen, streichelte und liebkoste deren Körper. Sie hatten sich nach großem Kummer wieder gefunden.  Für einen Moment vergaßen sie dabei eine Welt die im Begriff war in Flammen aufzugehen.

      

Unterdessen wurde die Lage im Lande immer bedrohlicher. Dem Blaue Orden gelang immer deutlicher die Oberhand zu gewinnen. Es schien als habe die Räteregierung  nichts entgegenzusetzen.

Der Ruf nach dem starken Mann ertönte von Tag zu Tag lauter. Es fehlte eine verbindliche Kommandozentrale. Letztendlich sollte alles im Konsens entschieden werden, denn  

keine der beteiligten Gruppen und Parteien sollte sich benachteiligt fühlen.

Die Kommandeure der einzelnen Truppenabteilungen wurden von ihren Leuten gewählt, waren denen Rechenschaft schuldig und konnten jederzeit abgesetzt und durch andere ersetzt werden. Oft kam es zu Befehlsverweigerungen, weil die Milizangehörigen mit einer entsprechenden Maßnahme nicht einverstanden waren.

Andererseits gab es eigenmächtige Aktionen, ohne die Kommandeure davon in Kenntnis zu setzen.

Ein unhaltbarer Zustand. Eine deutliche Überforderung. Die Menschen waren einfach noch nicht reif für die Akratie. Auch Kovacs musste sich dieser bitteren Erkenntnis beugen. Theorie und Praxis weit voneinander entfernt.

Der Traum von der grenzenlosen Freiheit, er war im Begriff wie eine Seifenblase zu zerplatzen.

Lediglich jene Einheiten, die Neidhardt direkt unterstellt waren, konnten ausnahmslos Erfolge vorweisen. Hier gab es eine straffe Organisation. Doch die befanden sich noch in der Minderheit.

Fast täglich kam es zu Protestaktionen der Bevölkerung gegen die Räteregierung. Ganz offen wurde ein Systemwechsel eingefordert. Den republikanischen Milizen gelang es nur mit Mühe eine Eskalation zu vermeiden. Das ehemalige Parlamentsgebäude, dort wo die Räte zusammenkamen, musste hermetisch abgeriegelt werden. Bewaffnete Patroulie bewachten es rund um die Uhr um den Ansturm der Unzufriedenen abzuwehren.

 

In hitziger Debatte hatten sich wenige Tage später die Abgesandten der Räte versammelt.

„Von Tag zu Tag verschlimmert sich die Situation. Der Ring um Manrovia wird sich immer dichter. Ich fürchte unsere Vorräte an Lebensmitteln reichen noch für etwa 1 Woche. Dann ist die Bevölkerung ohne Brot. Die Produktion in den wenigen verblieben Fabriken musste komplette eingestellt werden, der öffentliche Personen-und-Nahverkehr ist zum erliegen gekommen. Die medizinische Versorgung liegt am Boden. Die Stimmung ist katastrophal und droht jederzeit zu kippen. Es ist ein Alptraum, was sich da vor unseren Augen abspielt. Nur ein Wunder könnte uns noch retten, aber danach sieht es wohl im Moment ganz und gar nicht aus.“

Zeichnete Linus ein düsteres Bild der Situation.

„Aber könnten wir denn nicht einen Ausbruch wagen? Ich meine was hätten wir schon zu verlieren?“ Wollte Colette wissen.

„Das ist undenkbar. Wir müssen unsere Kräfte schonen. Dir ist doch bewusst, dass sich schon seit geraumer Zeit Niederlage an Niederlage reiht.“ Hielt ihr Cornelius entgegen.

„Aber warum ist das so Cornelius?“ Warf Theodor ein, ein älterer stämmiger Delegierte, der erst vor einigen Tagen aus dem Norden hierher geflohen war.

„Wir müssen das offen an sprechen. Viel zu lange haben wir geschwiegen. Warum reiht sich Niederlage an Niederlage? Weil wir keine fest gefügte Organisation haben. Milizen mit gewählten Kommandeuren, was für ein Schwachsinn. Da brauchen wir uns nicht wundern, dass wir nur noch aus der Defensive kämpfen. Der Blaue Orden, das genaue Gegenteil, straffe Führung, durchorganisiert von Oben bis zum untersten Glied. Da werden Befehle noch durchgeführt, da braucht nicht erst tagelang diskutiert werden, ob es rechtens ist oder nicht.“

„Richtig!“ Meinte ein anderer. „Unsere ganze Struktur finde ich einfach nur zum kotzen. Ich sage euch, wir brauchen eine starke Hand die zu führen versteht. Nur so haben wir eine reelle Chance das Ruder noch einmal herumzureißen.“

„Und an wen denkst du da? Ich vermute mal Neidhardt, sollte ich mich nicht täuschen. So ist es doch?“ Ereiferte sich Kovacs.

„Zum Beispiel! Ja, könnte ich mir gut vorstellen!“ Gab der Angesprochene zurück.

„Das konnte ich mir denken!  Gebt euch selber auf, übertragt Neidhardt die volle Verantwortung, dann holt ihr euch die Diktatur durch die Hintertür ins Haus. Das ist es worauf Neidhardt all die langen Jahre hin gearbeitet hat. Seine Stunde scheint gekommen und ihr haltet euch für berufen, ihm die Macht auf einem silbernen Tablett zu servieren.“

Wiegelte Kovacs erbost ab.

"Kovacs hat völlig Recht! Neidhardt bedeutet Diktatur und Tyrannei. Er wird sich einen Dreck um geschlossene Verträge scheren. Ihm geht es einzig und alleine um die Macht. Wir waren für ihn nur die Steigbügelhalter. Nun benötigt er uns nicht mehr, wir sind ihm im Wege und deshalb wird er die Räteregierung beseitigen wenn sich ihm die Gelegenheit bietet," Pflichtete ihm Colette bei.

Wo ist er überhaupt? So gut wie nie nimmt er an unseren Sitzungen teil. Heute hat er nicht einmal einen seiner Vertreter geschickt.“

„Wahrscheinlich deshalb, weil er am kämpfen ist, vermute ich. Ihm bleibt keine Zeit für sinnlose Debatten. Seine Abteilungen sind  wenigstens  siegreich, das hat uns vor dem totalen Zusammenbruch bewahrt.“ Gab Markus zu verstehen, der auch keinen Hehl daraus machte wem seine Sympathie gehörte.

„Ich beschwöre euch! Vergesst niemals unseren Traum von Freiheit! Er war es, der uns hier zusammenbrachte. Die Strukturen die wir errichteten, sind Ausdruck dafür, dass wir niemals eine autoritäre Führung akzeptieren wollten. Natürlich ist es schwer, wer wollte das leugnen. Aber wir dürfen jetzt nicht schwach werden und unter keinen Umständen zulassen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Dann wären wir keinen Deut besser als der Gegner den wir bekämfgen.“

Doch Kovacs Worte verloren immer deutlicher ihre einst so belebende Kraft.

„Lieber Kovacs deine Ideen mögen lauter sein. Aber sie sind und bleiben Theorie. In die Praxis lassen sie sich nicht umsetzen. Es ist leicht sich in sein Studierzimmer zurückzuziehen um in einer gemütlichen Runde über eine bessere Welt zu philosophieren.

Wie schön könnte doch die neue Welt sein, die wir zu schaffen gedenken. Ja, wie schön könnte sie sein. Sie ist es aber nicht. Verstehst du? Sie ist es nicht! Geh nach draußen und sieh selbst, was dort vor sich geht. Die Praxis mein Lieber, die präsentiert sich nicht in ihrem Sonntagsausgehkleid.“ Schnauzte Linus.

„Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken. Vollkommen recht! Aber auch ich habe ein wenig Bauchschmerzen bei dem Gedanken in unseren Reihen eine Art Generalissimus zu dulden ausgestattet mit uneingeschrenkten Vollmachten. Wir sollten in uns gehen und noch einmal gründlich überlegen wie es zu den Fehlern der Vergangenheit kommen konnte.“ Lehnte nun auch Cornelius ab.

„Aber wir haben verdammt noch mal nicht die Zeit! Versteht ihr denn alle nicht. Es muss einfach gehandelt werden und zwar jetzt, sofort, wenn es sein muss noch auf der Stelle.

Ich komme aus dem Norden, ich wurde Zeuge wie die Freikorps dort wüteten.“

Fluchte Theodor laut.

„Ihr sollte euch schämen! Überhaupt so etwas zu denken ist schon Verrat an unseren Idealen. Ich bin auf Kovacs Seite. Ich erkenne in seine Ideen den richtigen Weg. Gewalt schwört immer wieder nur Gegengewalt herauf, ein ewiger Teufelskreis, dem wir wohl nie entrinnen werden. Nun ist uns die Gewalt aufgezwungen, wir müssen kämpfen, das steht außer Zweifel. Aber niemals dürfen wir die Methoden der Gegner übernehmen.“ Ergriff  Colette erneut Partei für Kovacs.

„Ach was, pazifistischer Schwachsinn ist das. Unter den gegebenen Umständen wäre Pazifismus sogar ein Verbrechen, sage ich euch.“ Lehnte Theodor erbost ab.

„Sollte sich Neidhardt einmal wieder bei uns einfinden, können wir ihn gerne darauf an sprechen. Er sollte auf jeden Fall gehört werden. Aber um seine Ansicht in Erfahrung zu bringen, müsste er schon in unserer Runde  erscheinen .“ Gab Cornelius zu verstehen.

„Genau und bei dieser Gelegenheit sollten wir ihm den Oberbefehl antragen!“ Rief einer aus den hinteren Reihen.

Langsam und zunächst noch unbemerkt erhob sich Kovacs und begab sich durch die Reihen in Richtung Ausgang.

„Kovacs, was ist los? Wo willst du hin? Die Beratung ist noch nicht zu Ende!“ Sprach ihn Cornelius an.

„Ich mag das alles nicht mehr hören! Mir reicht es! Ein für alle Mal. Ich werde mich vollständig aus den Beratungen zurückziehen.  Ich lege hiermit mein Mandat im Obersten Rat nieder.Holt euch euren Diktator! Aber auf meine Hilfe könnt ihr nicht mehr bauen.“ Erwiderte Kovacs frustriert.

„Findest  du das es jetzt der rechte Zeitpunkt ist, alles hinzuschmeißen und sich feige der Verantwortung zu entziehen?  So sind sie, die großen Dichter, die Poeten und Philosophen.

Wenn ihnen etwas gegen den Strich geht und sie ihre Meinung nicht mehr durchsetzen können, hauen sie einfach ab und überlassen andern die Drecksarbeit. Ich finde dein Verhalten einfach empörend!“ Rief ihm Linus nach.

Doch Kovacs achtete nicht mehr auf die Worte. Sie schienen ihn gar nicht mehr zu erreichen.

Wie ein Geist bewegte er sich durch die Reihen und lies alles hinter sich. Schließlich war er entschwunden.

„Das war  gemein und überflüssig, Linus. Du hast kein Recht mit Kovacs so zu reden.  Mit ihm ging der Beste von uns allen. Jeder einzelne von uns kann sich ein Beispiel an ihm nehmen. Ich schäme mich für euch.“ Tat Colette ihren Unmut kund.

Betretenes Schweigen für einen kurzen Zeitabschnitt.

„Unsere Nerven liegen einfach blank. Kovacs wird schon wieder kommen, ich kenne ihn. Er ist im Moment ein wenig durcheinander. Kein Wunder bei der angespannten Situation. Last uns doch endlich wieder zur Sache kommen und überlegen was zu tun ist. Noch ist nicht alles verloren.“ Versuchte Cornelius die gespannte Lage zu entschärfen.

Doch das wollte keinem so recht gelingen.

In der Zwischenzeit hatte Kovacs das Parlamentsgebäude verlassen, er würde es nie wieder betreten. Draußen vor den Eingang blieb er eine Weile stehen und blickte sich noch einmal um, dabei tief ein und ausatmend. Erstaunliche Ruhe, aus jener Richtung von der man sonst die Geschütze der Freikorps hören konnte.

Er begab sich auf den großen Parkplatz, bestieg seinen alten klapprigen Leichtransporter und fuhr einfach auf und davon. Eine richtige Entscheidung, denn auf diese Weise blieb ihm das diffuse Schauspiel erspart, das sich schon wenige Augenblicke später im Großen Plenarsaal ereignen sollte.

Er hatte nur eine kurze Wegstrecke zurückgelegt, als ihm die Fahrzeuge der Milizen entgegenkamen, jener Abteilung, die Neidhardt direkt unterstellt waren.

Ein ungutes Gefühl beschlich sich seiner. Hier war etwas im Gange,negative Gefühlsregungen brandeten ihm entgegen.

Er trat das Gaspedal, nur weg hier. In dieser Welt hatte er nichts mehr verloren.

Er war fertig mit ihr.

 

Die Militärfahrzeuge umrundeten mehrfach das Parlament, kamen schließlich im Halbkreis davor zum stehen. Einige Bewaffnete bewegten sich auf den Eingang zu. Es gab einen kurzen aber heftigen Wortwechsel mit den Bewachern, danach auch ein kleines Handgemenge. Aber zum Glück kam dabei niemand zu Schaden.

Schließlich entstieg Neidhardt einem der Fahrzeuge und bewegte sich eilig auf den Eingang zu, durchschritt diesen und befand sich im Foyer.

Begleitet von seiner Wachmannschaft schritt er dem Plenarsaal entgegen.

Die Schritte halten auf dem Boden, so dass sie von weitem zu hören waren. Auch die anwesenden Deputierten vernahmen das Geräusch, ließen sich aber davon nicht von ihrem Tagesgeschäft abbringen.

Das änderte sich erst als Neidhardt schwungvoll die Tür öffnete.

„Neidhardt?“ Gut das du dich doch noch entschließen konntest an unserer Tagung teilzunehmen. Wir sprachen hier bereits über dich. Da können wir ja gleich damit fortfahren.“

Begrüßte ihn Cornelius überschwänglich.

„So ihr habt mich erwartet? Gut, dann kann ich mir eine lange Vorrede ersparen und gleich zur Sache kommen!“ Erwiderte der Angesprochene barsch.

Da plötzlich erschienen auch die Bewaffneten in der Tür.

„Wie soll ich das verstehen Neidhardt?“ Meinte Cornelius, nun mit deutlich besorgter Stimmlage.

„Ganz einfach! Ich bin hier um die Revolution zu vollenden. Die Stunde ist gekommen ein zugreifen. Ab diesem Zeitpunkt befindet sich der freie Teil Melancholaniens unter dem Oberkommando der Radikal-Revolutionären Partei!“

Verhaltener Beifall drang von einigen Sitzen in den hinteren Reihen nach vorn. Ansonsten herrschte gespannte Ruhe.

„Was um alles in der Welt soll das heißen?“ Wollte nun auch ein sichtlich aufgebrachter Linus wissen.

„Das soll heißen, dass ich hiermit meine Forderungen stelle!“

„Und die wären?“ Wollte Cornelius wissen.

„Meinen uneingeschränkten Oberbefehl über alle republikanischen Milizen, meine Ernennung zum ersten Konsul der Republik und die Abschaffung der unabhängigen Gerichtsbarkeit.“

„Das ist Diktatur!“ Schrie Colette.

„Nein, nur Ruhe und Ordnung! Ich habe lange genug tatenlos zu sehen müssen, wie diese unfähige Regierung unser Land Stück für Stück an den Blauen Orden ausliefert. Dilettanten haben die Schlüsselstellung der Macht besetzt, unfähig dem Treiben der Putschisten Einhalt zu gebieten. Ich gedenke diesem Zustand ein Ende zu bereiten.“

Im gleichen Moment schritten einige Dutzend bewaffnete Milizionäre in den Saal. Nahmen schließlich direkt vor dem Podium Stellung, die Gewehre dabei im Anschlag.

Entsetzen machte sich breit, auch  jene die noch wenige Augenblicke zuvor lautstark einen Systemwechsel gefordert hatten ergriff das kalte Grauen. In der Theorie lässt sich leicht nach einer starken Hand rufen. Steht man aber dem  Diktator gegenüber, fällt es wie Schuppen von den Augen und das ganze Ausmaß beginnt sich zu offenbaren.

„Neidhardt, das kann unmöglich dein Ernst sein, du beliebst zu scherzen, oder? Darf ich dich daran erinnern, dass wir einen Vertrag unterzeichnet haben, vor noch nicht all zu langer Zeit.

Auch du hast deine Unterschrift geleistet. Du erinnerst dich? Du erkanntest darin die Räteregierung an. Du kannst sie nicht einfach vom Tisch wischen.“

Widersprach Markus energisch, der sich selbst noch vor einer Stunde ganz anderer Worte bediente hatte.

„Ich ziehe mein Wort zurück, es ist null und nichtig. Was stört mich mein Gequatsche von gestern. Das Vaterland befindet sich in höchster Gefahr. Es muss gehandelt werden, darum geht es in dieser Stunde. Basta!“ Wies Neidhardt den Protest von sich.

„Ich verfluche den Tag, als ich dich mit ins Boot holte. Kovacs und Elena hatten Recht als sie vor dir warnten. Du bringst Schande über unser ganzes Land.“ Entrüstete sich Cornelius.

„Ach verfluche was du willst Cornelius,  am Ende wird es wird dir doch nichts nützen!“

„Schande über dich Neidhardt, du beugst die Freiheit. Du willst eine Diktatur.  Wofür kämpfen wir denn noch? Fakt ist, am Ende wird uns eine Diktatur beherrschen. Ob Neidhardt oder Thoralf, kann mir mal einer den Unterschied erklären?“ Ereiferte sich Colette.

„Ich verbiete mir solche Vergleiche. Das ist Aufruhr und den werde ich nie und nimmer dulden.“

„Und was willst du machen? Uns alle auf der Stelle erschießen?“ Colette ließ nicht locker.

„Wenn es sein muss,  auch dass!“

Neidhardt schritt durch die Reihen und bewegte sich auf das Rednerpult zu, schob dabei all jene zur Seite die versuchten sich ihm in den Weg zu stellen.

Dort angekommen begann er mit einer pathetischen Ansprache.

„Bitte, wenn ihr wollt dann holt doch einfach Thoralf und sein Gesindel hierher, errichtet ihm einen Thron und werft euch vor ihm auf die Knie. Im Grunde tut ihr doch schon seit Wochen gar nichts anderes. Was ich hier sehe ist einfach nur lächerlich. Einen solchen Gegner bekämpft man nicht mit Worten sondern mit schlagkräftigen Taten. Der Blaue Orden zeichnet sich aus durch eine straffe Organisation und eine hierarchische Kommandoebene. Und wir, wir debattieren Stunden, nicht selten Tagelang um zu einer Entscheidung zu gelangen. Sinnloses Geblubber ist das. Überflüssig und Gefährlich zudem. Damit machen wir uns vor aller Welt lächerlich. Einen solchen Gegner braucht Thoralf nicht zu fürchten. Nur eine einheitliche straffe Führung kann den Gegner zurückschlagen und genau das werden ich und meine Gefolgsleute in die Tat umsetzen. Nicht ich, ihr seit eine Schande für Melancholanien, ihr mit euren Gezeter und eurem Wischiwaschi. Geht nach draußen und hört Volkes Stimme und ihr werdet die Feststellung machen dass die Mehrheit auf meiner Seite steht, auf der Seite der Revolution.

Die Menschen haben es satt von euch hintergangen zu werden, sie wollen Erfolge sehen und die Radikal-Revolutionäre Partei fühlt sich dazu berufen solche Erfolge zu erringen.

Von nun an herrscht Disziplin und Gehorsam, solange der Kampf währt. Keine Sinnlosdiskussionen mehr. Ein Befehl ist ein Befehl! So etwas nennt man Kriegskommunismus. Ist erst  die letzte Schlacht geschlagen und der Sieg unser , dann können wir meinetwegen wieder diskutieren. Dann bin auch ich bereit ins Glied zurück zutreten.“

„Das glaubst du doch selber nicht, Neidhardt. Du willst uns weis machen, dass du nach Beendigung der Kämpfe die Macht freiwillig an die Räte zurück gibst?“

Colette schien die einzige die noch den Mut aufbrachte dem künftigen Diktator zu widerstehen während die meisten anderen nur noch teilnahmslos dabei saßen und sich ihrem Schicksal fügten.

„Selbstverständlich werde ich das tun! Das gelobe ich bei meiner Ehre! So war ich hier stehe!“ Gab Neidhardt nun mit deutlich sanften Tonfall zur Antwort.

„Und was ist mit dir Cornelius, du widersprichst ihm nicht? Hat es dir die Sprache verschlagen?“ Löcherte Colette den alten Professor.

Doch der senkte nur noch müde sein Haupt.

„Von mir aus belaßt alles so wie es ist. Ich ziehe mich wieder zurück. Ich lasse euch weiter diskutieren. Aber ich prophezeie  euch, dann wird schon in einer Woche Thoralf von dieser Stelle zu euch sprechen und dessen Botschaft wird euch das Grauen lehren.“

Damit hatte Neidhardt ein Zauberwort gesprochen.

„Nein! Du sollst uns führen Neidhardt! Wir werden dir die Gefolgschaft leisten. Es darf nicht soweit kommen, dass die Blauen über uns triumphieren. Auch der letzte wird es akzeptieren können.“ Ergriff nun Theodor offen Partei für Neidhardts Ansinnen.

„Ich habe nach wie vor große Bauchschmerzen bei dem Gedanken daran. Wir sind tatsächlich dabei unsere eigene Ideale zu verraten.“ Glaubte Linus fest zustellen.

„Ideale!“ Erwiderte Neidhardt herablassend. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr je welche besessen habt. Wir ,meine Gefolgsleute und ich sind die einzigen Idealisten hier im Saal. Es wird Zeit Nägel mit Köpfen zu machen. Ich biete euch meine ausgestreckte Hand. Ergreift sie oder schlagt sie aus, es liegt an euch. Doch überlegt gut, ich reiche sie euch nicht ein zweites Mal.“

„Deine Hand? Verdorren soll sie. Wer soll das glauben. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe? Was du von uns erwartest ist Unterwerfung und sonst nichts.“ Schimpfte Colette erneut lautstark in die Runde.

„Bezeichne es wie du willst Colette. Fakt ist dass ich euch die Zusammenarbeit biete, ihr habt die Wahl, ja oder nein, entscheidet euch, jetzt und hier. Ich werde mich in Zukunft eines jeden von euch genau erinnern.“ In Neidhardt Worte stecke eine unverhohlene Drohung.

Cornelius erhob sich und blickte müde in die Runde, so als habe er, ähnlich wie Kovacs ebenfalls mit allem abgeschlossen.

Eine Zeitlang erfüllte Schweigen den Plenarsaal. Neidhardt lies ihn zunächst gewähren, doch dann drängte er den Alten zu einer Äußerung.

„Cornelius, wir hören! Wir alle warten gespannt auf ein Wort von dir. Das könnte vielen der hier Versammelten die Entscheidung erleichtern!“

„Nun denn, da du es wünscht, dann soll es geschehen,“ Setzte Cornelius an. „Ich bin noch nicht soweit wie Kovacs, dass ich in Resignation versinke. Aber ich muss gestehen, dass meine Kräfte so gut wie aufgebraucht sind. Ich bin außerstande noch weitere Entscheidungen zu treffen. Ich verurteile entschieden die Art deines Auftretens  Neidhardt. Das was du hier getan hast ist durch nichts zu rechtfertigen, auch nicht durch die katastrophale Lage im Land. Wir hatten eine Vereinbarung. Du hast sie heute gebrochen. Ich werde das niemals vergessen. Aber Angesichts der aussichtslosen Situation muss ich mich geschlagen geben. Ich übergebe dir hiermit die Amtsgeschäfte mit allen dazugehörigen Vollmacheten.

Ich appelliere an alle Deputierten es mir gleich zu tun und Neidhardt den Treueeid zu leisten.“

„Nein, niemals! Ich werde dir nie folgen, lieber gehe ich zu Fuß in die Hölle, Diktator, Tyrann, Schänder der Freiheit!“ Brüllte Colette Neidhardt entgegen.

Neidhardt achtet nicht auf sie, denn Colette vertrat nur noch eine kleine Minderheit im Saal, die übrigen würden bereitwillig ihre Unterstützung bekunden. Aufgebracht stürzte Colette aus dem Raum und schlug dabei heftig die Türe hinter sich zu.

Wie benommen taumelte sie dem Ausgang entgegen, lehnte sich an einer der Säulen, die vor dem Portal wie steinerne Krieger wachten. Dann schluchzte sie laut auf und glitt an dem weißen Marmor nach unten. So viele zerstörte Träume. Wie sollte sie das alles nur verkraften.

Wo war Kovacs? Sie musste ihn erreichen. Was führte der im Schilde? Colette ahnte Schlimmes. Und was war mit Elena? Wäre sie heute zugegen gewesen, hätte sie das Blatt noch wenden können? Fragen über Fragen. Elena befand sich in großer Sorge um Leander, das drohte ihren Verstand zu rauben, sie wäre unter diesen Umständen gar nicht imstande Neidhardt die Stirn zu bieten. Schamlos hatte er deren Notlage ausgenutzt.

  

„Nun ich denke, alle Unklarheiten sind beseitigt, oder hat noch jemand Bedenken. Er möge  jetzt sprechen oder für immer schweigen. Habt ihr mir erst einmal Gefolgschaft gelobt, dulde ich keinen Widerspruch mehr.“ Hier sprach bereits der künftige Tyrann.

Gemurmel erfüllte den Saal, Getuschel und Gewisper, doch niemand wagte jetzt noch offen seinen Widerspruch zu bekunden.

Neidhardts Leute bereiteten alles vor, verteilten Blätter mit einer Erklärung der Machtübertragung ,jeder Deputierte erhielt die Möglichkeit zu unterschreiben. Mit der Unterschrift bekundete er oder sie, die Einwilligung. Damit erkannten sie die neue Ordnung an. Die Radikal-Revolutionäre hielten somit sämtliche Machtfülle in den Händen. Alle anderen waren zu Statisten degradiert , Hilfstruppen ohne Befehlshoheit.  Schließlich wurde Jede einzelne mit Namen aufgerufen schritt an das Rednerpult und unterzeichnete. Als erster nahm Cornelius diese Bürde auf sich, dann folgen seine engsten Mitarbeiter, schließlich die übrigen der Räteversammlung.

Zu guter Letzt oblag es Cornelius, als dem ältesten Deputierten, Neidhardt  zu vereidigen.

Eine Farce, der würde natürlich auch ohne diesen formalen Akt regieren. Aber es sollte nach außen alles unter dem Mantel der Legalität erscheinen.

Neidhardt erhielt den Titel den er schon lange  innehatte, Generalsekretär der Radikal-Revolutionären Partei und zusätzlich Erster Konsul der melancholanischen Republik.

Der ergraute Revolutionär war damit am Ziel seines Lebens. Viele Jahre musste er auf diesen Augenblick warten, glaube zum Schluss selbst nicht mehr an dessen Erfüllung.

Mit großer Genugtuung blickte er sich um. Was ging wohl in ihm vor? Eine Frage die nur Neidhardt persönlich zu beantworten imstande war.

Aber sein Blick verriet, dass sein Stolz in diesem Augenblick keine Grenzen kannte.

Einer seiner Leute verlies hastig den Plenarsaal, er hatte die Aufgabe, sofort eine Pressemeldung zu verlesen. Schon binnen kurzer Zeit verbreitete sich die Nachricht von Neidhardt Staatsstreich im ganzen Land, sowohl im freien als auch im vom Blauen Orden kontrollierten Teil.

Wohl kaum einer war sich der vollen Tragweite bewusst , die von dieser Aktion ausging.

Die meisten feierten diese Tat als Akt der Befreiung. Endlich stand einer auf, endlich vermochte es einer dem Treiben der Freikorps ein Ende zu bereiten, dies schien im Moment entscheidend. Alles andere würde man später aushandeln müssen, hatte Neidhardt selbst bekundet. Die Menschen waren, zumindest im Augenblick, geneigt ihm zu zuzustimmen.

Erst viel später dämmerte es, dass mit dieser Aktion nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera bestand, zwischen Neidhardts oder Thoralfs Tyrannei.

Wenige Stunden später wurde eine bombastische Militärparade abgehalten, die erste von unzähligen die in den folgenden Jahren das Bild der Hauptstadt prägen sollten.

Vielen fiel es schwer den Unterschied zu sehen. Ob Blauer Orden oder Revolutionäre Milizen, im Stechschritt gleichen sie einander wie ein Ei dem anderen.

Neidhardt lies sich, stehend, in einem Cabriolet durch seine Truppeneinheiten fahren, die vor dem Parlamentsgebäude angetreten waren.

Danach nahm der erste Konsul auf der Tribüne  dem Gebäude gegenüber  Platz, seine ranghöchsten Kommandeure neben sich versammelt, auch Ansgar, Ronald und Lars gehörten zu denen, außerdem, als Alibi, einige Vertreter der vormaligen Räteregierung, an der Spitze Cornelius, der sich, zähneknirschend zu diesem Akt bereit erklärt hatte.

Nun schritten die Formationen der einzelnen Einheiten an der Tribüne entlang, dabei immer wieder laut „Hurra, Hurra , Hurra!“ rufend. In der Ferne konnte man die Geschütze der Freikorps hören, die somit dem makaberen Szenario auf ihre ganz besondere Weise aufspielten.

Schließlich war es Zeit für eine Rede. Neidhardt setze sich in Szene. Seine Worte hatten nichts vom Pathos verloren. Im Gegenteil, nun setzte er noch einen drauf.

„Genossinnen und Genossen, Bürger von Melancholanien!  Ein neues Zeitalter ist soeben angebrochen. Wir haben vor wenigen Augenblicken Geschichte geschrieben. Blickt zum Horizont und seht wie die Morgenröte emporsteigt und mit ihr ein neuer Geist. Zum ersten Mal in der langen Geschichte unseres Landes konnte eine Revolution siegreich beendet werden.

Von diesem Tag an wird es erstehen, das neue Melancholanien. Ein Melancholanien, das mit dem alten nichts mehr gemein hat.“

Er nahm die Fahne die noch immer in den Farben blau-beige-braun an der Tribüne flatterte. Die Räteregierung hatte die ohne Veränderungen übernommen. Er hielt sie nach oben.

„Seht, das alte Symbol der Unterdrückung und Spaltung unserer Gesellschaft.“

Schwungvoll warf er den Bunten Lappen in den Dreck vor der Tribüne.

„Von diesem Augenblick an werden wir uns unter einem neuen Symbol vereinen. Alle Melancholanier und Melancholanierinnen, ganz gleich welchen Standes auch immer werden zu ihr empor blicken und gleichermaßen unter dem neuen Banner vereint.“

Man überreichte ihm eine neue Fahne, sie sollte in Zukunft zum Symbol des Landes werden.

Blutrot und in der Mitte ein leuchtend gelbes Zahnrad darüber zwei gekreuzte Sicheln.

Neidhardt hielt diese nach oben und begann sie unter dem lauten Jubel seiner Milizionäre zu schwenken.

„Dies ist ein Symbol des Friedens, der Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit, diese Attribute sollen in Zukunft das Handeln jeder Regierung des Landes bestimmen, nur diesen Aspekten allein sind sie verpflichtet. Aus den Trümmern des alten morschen wird sich im Triumph das Neue erheben, das unbekannte Land, das gelobte Land das wir nun betreten dürfen.

Aber noch ist es nicht soweit. Noch steht uns ein brutaler Feind, bis zu den Zähnen bewaffnet gegenüber und hält uns seine scharfe Klinge an den Hals, bereit jeden Moment zu zustoßen.

Wir bekommen die neue Ordnung nicht geschenkt. Mit friedlichen Mittel lässt sich die neue Welt nicht erringen,so wie einige Nostalgiker noch immer glauben. Nein, nur aus Blut und Tränen kann das neue entstehen und aus der ungebrochenen Opferbereitschaft seiner Menschen. Deshalb rufe ich noch einmal: Zu den Waffen! Geht hinaus und verteidigt die Freiheit und die Gerechtigkeit, damit werdet ihr euch einen der ersten Plätze in der Geschichte sichern.

Lang lebe die Revolution, lang lebe das neue Melancholanien!“

Lauter Jubel schwappte ihm entgegen. Viele Schaulustige hatten sich inzwischen an den Absperrungen versammelt um dem historischen Ereignis beizuwohnen. Obgleich sich viele darunter befanden, die mit dem Schauspiel nicht so recht etwas anzufangen wussten.

Das es bald gewaltige Zäsuren geben sollte schien kaum einer zu ahnen.

Alle Deputierten des Obersten Rates beugten sich dem Tyrannen und legitimierten mit ihrer Unterschrift dessen Diktatur. Alle; außer einer. Colette weigerte sich nach wie vor. Die verachtete Kundra würde als einzige Standhafte im Gedächtnis der Menschen haften bleiben. Der Zufall wollte es das sie als einzige Deputierte der Abtei anwesend war nachdem Kovacs den Raum verlassen hatte. Oder war es Vorsehung? Ihren Platz in der Geschichte hatte sie sich durch diese Tat für alle Zeit gesichert. Die Geburt eines Mythos. Der Mythos Colette. Die Bevölkerung Melancholaniens würde ihr das nie vergessen. Mit dieser mutigen Tat war sie fortan Elena in allem gleichgestellt.

Im Moment bestand Neidhardts neues Melancholanien nur aus der Hauptstadt Manrovia sowie einigen km verwüstetes Land ringsum.

Würde es ihm gelingen, die Menschen wirklich zu motivieren? Neidhardt war Demagoge genug um dieses Husarenstück fertig zu bringen.

Und tatsächlich, schon in den frühen Morgenstunden des Folgetages gelang es ihm den Ring der Belagerung zu sprengen. Die Freikorps wurden überrannt. Keiner hatte jetzt noch mit einem Gegenangriff gerechnet. Neidhardts Milizen jagten die völlig überraschten Freikorps wie eine Herde Antilopen vor sich her.

Sie drangen weit in das vom Blauen Orden kontrollierte Territorium vor. Unter anderem konnten sie jenen Abschnitt  befreien in dem sich Frederics Villa befand. Das Domizil des verhassten Vizegroßmeisters wurde in Schutt und Asche gelegt. Nur mit Mühe konnten sich Frederic und seine Wachmannschaft in Sicherheit bringen. Leander gelang dadurch die Flucht. Aufgrund der Torturen die er über sich hatte ergehen lassen müssen, war er völlig verwirrt, dem Anschein nach schien er das Gedächtnis verloren. Jedenfalls konnte er den Milizionären keine Angaben über seine Person machen. Die ließen ihn einfach gehen.

Einen ganzen Tag irrte er durch die Gegend, erreichte schließlich das Grauhaargebirge bis er schließlich erschöpft zusammen brach.

 

Elena ahnte von all dem nichts. Leander blieb verschwunden. Seine Auffindung galt ihr ganzes Interesse, das brachte es mit sich das Melancholaniens rechtmäßig gewählte Kanzlerin dem Putschisten Neidhardt kampflos das Feld überlies.  In späteren Zeiten würde sie sich bitter Vorwürfe machen.

Hoffnung keimte in ihr als einer der Milizionäre, der beim Angriff auf Frederics Villa zu gegen war, ihr die Mitteilung zukommen lies, dort eine Person angetroffen zu haben, auf die Leanders Beschreibung passte.

Die Umgebung von Frederics einstiger Domizil war Elena nur all zu vertraut. Trotzdem kam es der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich, was sie jetzt vorhatte. Ihre Bitte nach der Bereitstellung eines Suchtrupps wurde von Neidhardt brüst zurückgewiesen. Schließlich befinde man sich im Krieg und es würde jeder Milizionär an der Front benötigt, so seine entmutigende Antwort. Also war Elena auf sich allein gestellt. Selbstverständlich erhielt sie Unterstützung von den Leuten aus der Abtei, aber die Hauptlast lag auf ihren Schultern.

Sollte Leander tatsächlich so krank sein wie beschrieben, befand er sich unter Umständen in akuter Lebensgefahr.

Wie eine Besessene steuerte Elena ihr Motorrad durch das unwegsame gebirgige Gelände. Die heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Tage, hatten auch diese schöne Landschaft in Mitleidenschaft gezogen. Zum Glück hielten sich die Schäden noch in Grenzen.

Langsam setzte die Dämmerung ein. Jetzt, Mitte Oktober kam diese früh, zu früh. Elena näherte sich der Verzweiflung. Sollte sie die Suchaktion aufgeben? Leander womöglich seinem Schicksal überlassen? Nie und nimmer! Dann musste es eben nach Einbruch der Dunkelheit weiter gehen, solange bis sie seiner fündig würde.

Langsam rollte die Mamasaki einen kleinen Abhang hinunter, am Horizont begab sich die blutrote Sonne langsam in ihr Wolkenbett . Zum Glück hielt das Wetter. Am Vortag hatte es stark geregnet, Wasserlaken säumten Elenas Weg. Zwar war die Sonne noch imstande tagsüber etwas einzuheizen, doch war es nach Einbruch der Dämmerung schon zum Teil empfindlich kalt. Akribisch musterte Elena die Gegend, ständig den Kopf von der linken zur rechten, von der rechten zur linken neigend.

Sie erreichte eine Zone in der es dem Anschein nach vor nicht all zu langer Zeit zu Kampfhandlungen gekommen war.

Die ausgebrannte Umgebung spiegelte Elenas psychischen Zustand wieder. Den Tränen nahe hielt sie die Maschine an und preßte ihre Gesicht in die Handflächen. Es schien wohl keinen Zweck mehr zu haben. Sie würde der Tatsache ins Auge blicken müssen.

Da fiel ihr Blick auf den spärlich bekleideten Körper der dort bin einer Wasserlake lag.

Erschrocken schrie Elena auf: „Leander!“

Hastig enthob sie sich von ihrer Mamasaki und rannte zum ihm.

Er war es tatsächlich. Sie fühlte seien Puls und konnte feststellen  das er noch lebte.

Doch wie lange hatte er hier gelegen? Sie vermochte es nicht zu sagen. Leander war trotz ihres beständigen Zuredens, nicht ansprechbar.

Elena war eine starke, kräftige Frau. Es gelang ihr ohne Mühe Leanders Körper aus der Lake zu ziehen. Doch wie sollte sie ihn nach Hause transportieren? Auf dem Motorrad war das ausgeschlossen. Und bis zur Abtei war es ein weiter Weg. Sie betätigte ihr Handy. Kein Empfang! Funkloch!  Wie sollte sie die anderen vom ihrem Erfolg unterrichten? Womöglich befanden die sich ganz in der Nähe, aber die Kontaktaufnahme klappte nicht. Es funktionierte ohnehin kaum noch etwas im Lande. Die Infrastruktur so gut wie ausgelöscht. Was konnte sie tun? Sie war auf sich gestellt. Zunächst mussten sie erst hier weg. Gefahr drohte von allen Seiten. Es musste damit gerechnet werden, das sich Freikorpsverbänden in der Nähe aufhielten und das Gebiet ebenfalls durchkämmten. Denen durften sie auf keinen Fall die Hände fallen. Auch die republikanischen Milizen waren hier unterwegs. Es konnte daher zu Kampfhandlungen kommen und sie säßen in der Schusslinie. Die Nacht senkte sich über das Land und verschlang bedrohlich die letzten spärlichen hellen Flecken des Tages.

Natürlich hatte die nun einsetzende Dunkelheit auch etwas Gutes

Elena ballte die Fäuste, schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren.

„Hilf mir du unbekannte Kraft! Ich brauche deinen Rat! Wer du auch bist, du hast mir doch auch in der Vergangenheit den Weg gewiesen, wenn ich am Ende war. Offenbare dich mir, zeige mir einen Weg.“

Elena hatte damit begonnen auf diese unbekannte Kraft zu vertrauen, auch wenn noch immer starke Zweifel in ihr nagten, was deren Wirklichkeit betraf.

„Was für ein Unsinn!“ sprach sie zu sich selbst. Trotzdem folgte sie einer Eingebung, lief zu ihrer Maschine, startet diese und bewegte den Scheinwerfer. Leuchtete in den dichten Wald, in der Hoffnung irgend eine Entdeckung zu machen. Nichts zu sehen. Was glaubte sie auch zu finden? Doch was war das? Der Lichtkegel hatte etwas gestreift, was einer Hütte ähnelte. Noch einmal zurück. Tatsächlich. Eine dunkelgrüne aus Holzstämmen gefertigte Wand bot sich ihrem Auge dar. Hoffnung und Angst meldeten sich etwa zeitgleich zu Wort.

Schnell wieder zu Leander, der atmete ganz langsam, kaum noch vernehmbar.

Sie griff in ihren Rucksack, den sie beständig bei sich trug wenn sie alleine ausfuhr. Dort hatte sie alles was sie in der Natur brauchen konnte. Auch eine Taschenlampe befand sich darunter. Die hatte sie dem Anschein nach total vergessen. Sie stellte die Mamasaki ab und begab sich in Richtung der Blockhütte. Vorsichtig um schritt sie diese, dabei darauf achtend nicht zu viel Lärm zu machen. Die Tür war verschlossen, was nicht weiter verwunderte. Zumindest war hier niemand anwesend.

Da dämmerte es ihr plötzlich. Eine Jagdhütte. In den alten Zeiten, als für die Privo die Welt noch in Ordnung war, hatten sich viele der Jagdleidenschaft hingegeben. Auch Frederic gehört dazu. Der prahlte ihr gegenüber des Öfteren von seinen Jagdausflügen und dem Wildbret, das er angeblich dabei erlegt hatte. Elena interessierte das damals herzlich wenig. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, Frederic auf einem seiner wilden Jagden zu begleiten, das schien ihr einfach ein zu primitiver Sport, damals wie heute.

Elena leuchtete den Boden und die Wände ab, in der Hoffnung etwas zu finden, mit dessen Hilfe sie sich Einlass verschaffen konnte.

Lange suchte sie vergebens, bis sie endlich einen kleinen Spaten fand, der hier einfach an der gegenüberliegenden Wand lehnte, so als habe ihn einer eigens für ihre Zweck hier zurück gelassen. Sie musterte ihn genau. Dann fiel ihr Blick sie auf das kleine Vorhängeschloss an der Tür.

Einige geübte Schläge wären sicher von Nöten um es zu durchtrennen.

Zum Glück hatte der Spaten, wie bestellt, eine sehr scharfe Kante, so als habe ihn einer eigens angeschliffen.

Es bedurfte einer ganzen Reihe heftiger Schläge bis das kleine Schloss nachgab.

Vorsichtig öffnete Elena die Tür und lugte durch den Schlitz. Alles verlassen. Im Schein der Taschenlampe wirkte das Innere ausgesprochen gespenstisch. Nun fehlte nur noch ein Werwolf oder ein Vampir, wie aus einem drittklassigen Hollywoodfilm und die Szenerie wäre perfekt.

Alles sehr spartanisch eingerichtet, aber das Notwendigste vorhanden. In der Mitte thronte ein alter Kanonenofen, dessen Rohr durch die Decke reichte und bis in den kleinen Schornstein führte den sie von draußen hatte entdecken können. Ein alter Bauernschrank an der Seite, der enthielt Geschirr, alles ordentlich verstaubt. Elena schloss daraus, dass sich hier sehr lange niemand mehr aufgehalten hatte. Ein Tisch, drei Stühle. An der Wand gegenüber ein, mit Propangas betriebener Herd. Der Schein der Lampe fiel auf eine Tür, die in ein anders Zimmer führte. Elena öffnete diese und stellte zu ihrer Genugtuung fest dass sich hier drei Betten befanden. An der Wand ein wuchtiger Eichholzschrank. Als Elena diesen öffnete fielen ihr Decken Kissen und Schlafsäcke entgegen.   

Gab es noch Zufälle. Elena glaubte in diesem Moment eher an die Vorsehung, denn es schien als habe jemand alles eigens für ihren Bedarf bereitgestellt.

Sogar ein Stapel alter Zeitungen lagerte in der Ecke, den würde sie gut gebrauchen können, um Feuer zu machen. Nun fehlte nur noch Brennholz. Sie verließ die Hütte und wurde schnell fündig. Aufgestapelte Holzscheide lagerten unter einem schräg abfallenden Dach an der Stirnseite der Hütte, dies garantierte dessen Brennbarkeit.

Leander! Schoss es ihr durch den Kopf. Sie musste ihn holen. Der war total ausgekühlt und bedurfte dringen der Wärme. Danach würde sie den Ofen anheizen. Schließlich musste sie auch noch die Mamasaki aus dem Weg rollen und in Sicherheit bringen, so dass von ihrer Anwesenheit keiner etwas mitbekam.

Unter großer Anstrengung gelang es ihr Leander bis zur Hütte zu ziehen. Auch wenn sie kräftig genug dafür war, einen passiven Körper zu bewegen zehrt immer an den Kräften.

Die spärliche Kleidung, sie erinnerte an einen Pyjama, war feucht und klamm. Sie würde ihn als erstes davon befreien müssen, danach in Decken einhüllen.

Nachdem sie Leander entkleidet und in einen Schlafsack gewickelt hatte, entfachte Elena das Feuer in dem vorsintflutlich anmutenden Ofen. Schon wenig später knisterten die Holzscheide und wohltuende Wärme machte sich in den Räumen breit. Zum Glück hatte es noch keinen Frost gegeben und am Tage konnte die Sonne noch hin und wieder ihre Kräfte entfalten, so dass die Hütte noch nicht gar so extrem ausgekühlt war.

Etwas essbares war natürlich nicht zu finden, dass wäre nun vermessen an zunehmen. Hier hatte sich schon seit geraumer Zeit keiner mehr einquartiert. Elektrizität gab es dem Anschein nach keine. Elena suchte vergeblich nach Schaltern oder Verteilerdosen die darauf hindeuteten. Die Person der jenes Anwesen gehörte zählte wohl nicht zu den Superprivilegierten. Es kam vor , dass Stromleitungen bis weit in die Wildnis verlegt wurden, natürlich für horrende Geldsummen.

Es gab aber zwei alte Petroleumleuchten und auch die entsprechende Flüssigkeit. Elena entzündete beide und platzierte diese in beide Räume. Die warfen ihren spärlichen Lichtkegel nach unten. Aber immer noch besser als in der Dunkelheit verharren.

Da erblickte Elena ein altes Kofferradio. Batteriebetrieb, wie sie gleich erkannte. Funktionierte es noch? Oder waren die Batterien ausgelaufen. Elena überprüfte es und entlockte dem Gerät einige sanfte Töne. Die konnten ebenso aus einer fremden Galaxie stammen, so leises wispern war zu vernehmen. Nach einigen Schütteln ,klopfen und an den Knöpfen drehen verstärkte sich die Tonqualität.

Reden, immer wieder reden. Gab es denn nicht auch ein paar Klänge Musik? Lange konnte Elena den Sinn der Worte nicht erfassen, bis sie verstand was sich wohl zugetragen hatte.

Die Rede war von der neuen Zeit die nun anbrechen sollte und so weiter. Hart wurde dabei mit der entmachteten Räteregierung ins Gericht gegangen.

Elena war am Vormittag aufgebrochen. Die Kunde von Neidhardts Staatstreich hatte sie in der Wildnis nicht erreicht. Nun fiel der Schleier und sie begriff. Zwar hatte sie lange schon mit einer solchen Aktion gerechnet. Das es Neidhardt aber tatsächlich gewagt hatte erschreckte sie.

Sie platzierte das Radio auf einen kleinen Tisch. Dann bette sie sich an Leanders Seite. Zuvor hatte sie zwei Betten eng aneinander geschoben und so kunstvoll mit Decken ausgelegt, dass es einem echte Doppelbett sehr nahe kam.

Sie umschlang Leander und streichelte sanft dessen Wangen. Flüsterte in sein Ohr so als ob er sie verstehen konnte.

„Hörst du was sie getan haben? Armes kleines Melancholanien. Zwei Tyrannen streiten sich um die Beute. All unsere Träume sind dahin. Was können wir noch tun, Liebster? Nichts! Nichts, außer uns hinter die schützenden Mauern der Abtei zurückzuziehen. Oder uns davon machen. Am besten Flügel wachsen lassen und sich wie ein Vogel in die Lüfte schwingen. Das wäre es. Armer Kovacs, was soll nun aus ihm werden? Ihn wird alles am härtesten treffen. Einer wie er kann weder in der einen noch in der andern Diktatur leben. Ich muss mich auch noch um ihn sorgen, dabei halte ich doch mehr als genug Sorgen in meinen Händen.“

Nach einer Zeit erhob sich Elena um neue Holzscheide nach zu legen. Gleich darauf knisterte es wieder. Wie süße Musik drang  das an ihren Ohren.

Im Radio wurde nun die neue Nationalhymne gespielt. Elena erkannte das bekannte Revolutionslied der Radikal-Revolutionäre.

„Aha, wie ich sehe hast du an alles gedacht, Neidhardt.“

Erschrocken fuhr Elena zusammen, denn von draußen konnte sie Geraschel hören. Machte sich da jemand an der Hütte zu schaffen.

Nach einigen Schrecksekunden, wagte Elena den Blick vor die Türe. Nichts zu sehen. Offensichtlich hatten sich nur nachtaktive Waldbewohner bemerkbar gemacht.

Vorsichtshalber steckte sie den Spatenknauf direkt unter die Türklinke.

Erneut kroch Elena unter Leanders Decke und versuchte ihn nun mit ihrem eigenen Körper zu wärmen. Wie ein Eisblock fühlte sich der Gefährte an. Eine zeitlang schien es als gebe er seine Kälte an Elena weiter, anstatt deren Wärme auf zu nehmen.

Elena untersuchte seinen Körper auf äußere Verletzungen, aber außer einigen blauen Flecken konnte sie nichts finden.

Endlich folgten im Radio einige Takte besinnlicher Musik.  Elenas Ohren und ihrer Seele tat es gut und auch Leander konnte es wohl nicht schaden, auch wenn er diese Klänge nur im Unterbewusstem wahrzunehmen schien.

Auch Elena war todmüde, das führte dazu dass sie bald in einen leichten Schlummer fiel.

Doch statt der erhofften schönen Träume, suchte sie ein schrecklicher Alptraum heim.

Elena befand sich in einer zerstörten Stadt, die zu 90% aus Ruinen bestand. Überall loderten Feuer, beißender Rauch brannte in ihren Augen. Elena begann zu rennen, so als befinde sie sich auf der Flucht. Ihre Schritte wurden immer langsamer, so als hindere sie einer am Weiterkommen. Wohin wollte sie? Zu Leander der sich in großer Gefahr befand.

Sie irrte lange wie besessen herum, bis sie endlich fündig wurde. Sie fand Leander in einer Blutlache liegend, stürzte auf ihn. Sie bette seinen Kopf in ihrem Schoss, doch das Leben schien ihn bereits verlassen zu haben. Hilflos blickte Elena zum  Himmel, so als hoffe sie von dort eine Hilfe zu bekommen. Dann rannen ihr die Tränen über die Wangen. Zu spät! Ihre Hände waren voller Blut. Voller Entsetzen starrte sie darauf, dann begann sie wie eine Furie zu schreien. Ein Schrei der durch Mark und Bein zu gehen schien. Ein Schrei der sie schließlich aus dem Schlaf holte.

Erschrocken fuhr Elena nach oben, ihr Herz klopfte und sie war schweißgebadet. Nach kurzer Zeit konnte sie sich sammeln. Alles ruhig. Nur das zarte rauschen des alten Ofens war zu vernehmen. Auch draußen war es still. Leander atmete ruhig und gleichmäßig neben ihr.

Elena stellte fest das ihr tatsächlich Tränen aus den Augen flossen. Sie erhob sich und schritt ans Fenster, sich dabei auf den Sims stützend. Draußen warf die abnehmende Mondsichel ein fahles Licht durch die nun fast blattlosen Bäume auf die graue Landschaft.

Einsam rief von draußen eine Eule.

Was war das eben? Was hatte es mit diesem Traum auf sich? Dunkle Vorahnungen? Schnell schob Elena diesen Gedanken beiseite. Nicht um alles in der Welt. Sie hatte Leander gefunden, er war krank, aber er lebte. Sie musste sich seiner an nehmen, ihn wieder auf die Beine bringen, so dass er imstande war den Sozius zu besteigen  um mit ihr zurück zu fahren. Die Tränen rollten über Elenas Wangen. Raus damit, wenn es denn unbedingt sein musste. Das verschafft ihr ein wenig Erleichterung. Sie musste sich zusammen nehmen, denn sie benötigte all ihre Kräfte für Leander.

Noch mal nachlegen, wieder knisterte es auf. Inzwischen erfüllte mollige Wärme den Raum, das würde wohl bis zum Morgen ausreichen.

Elena kroch wieder unter die Decke, schmiegte sich eng an Leander und wog ihn in ihren Armen wie einen Säugling, im Moment war er hilflos wie ein kleines Kind.

Nach vorne schauen, rief sich Elena ins Bewusstsein. Alles wird besser! Alles kann nur besser werden. Positives Denken ohne positives Fundament. Denn besser würde es auf keinen Fall. Denn was sich heute in der Hauptstadt zugetragen hatte, verhieß ganz und gar nichts Gutes, da half auch noch so vieles Zureden nichts.

Nach kurzer Zeit fiel sie wieder in einen Schlaf mit besseren Träumen.

 

Draußen begann sich der neue Tag an über den Himmel auszubreiten, als Elena erwachte. Zunächst konnte sie nicht in Erfahrung bringen, wo sie sich befand, doch dann dämmerte es ihr.

Sie bemerkte dass sich Leander unruhig neben ihr bewegte. Schließlich öffnete er seine Augen. Er hatte natürlich die allergrößte Mühe sich zurecht zu finden.

Die Umgebung wirkte auf ihn bedrohlich. Doch als er Elena an seine Seite entdeckte hob sich seine Stimmung deutlich.

„Elena? Du hier? Wo…wo bin ich?“

„Leander, Liebster! Du bist wach? Da fällt mir ein Stein vom Herzen. Sag wie geht es dir? Wie fühlst du dich jetzt? Hast du Schmerzen? Ist dir übel?“ Löcherte ihn Elena mit ihren sorgenvollen Fragen.

„Total schwindelig ist mir, zudem tut alles weh, ich weis gar nicht was ich zuerst beklagen soll!“ stöhnte Leander leise in die Decke, die ihn umgab.

„Das ist nicht weiter verwunderlich, nach all dem was du durchgemacht haben musst!“ erwiderte Elena immer noch mit sorgenvollem Ton in der Stimme.

„Was ist geschehen? Wo sind wir hier? Und vor allem wie komme ich, wie kommen wir hierher?“

Leander versuchte sich zu erheben, machte aber schnell die Feststellung wie unsinnig dieses Vorhaben im Moment war. Aus diesem Grund lies er sich gleich wieder auf das Bett fallen.

„Bleib liegen, du musst dich noch ausruhen. Aber in ein bis zwei Stunden, müssen wir uns zur Fahrt rüsten. Wir befinden uns hier in einer alten Jagdhütte in unmittelbarer Nähe zur neuen Demarkationslinie.“ Versuchte Elena zaghaft eine Erklärung.

„Der neuen Demarkationslinie? Hat es denn in der letzte Zeit Veränderungen gegeben?“ wollte Leander wissen und seinen Worten konnte Elena entnehme, dass das Geschehen der letzten Tage ihn offensichtlich nicht erreicht hatte. Auch die Kunde von Neidhardts Husarenstück schien ihn noch nicht erreicht zu haben.

„Ja, es gab Veränderungen während deiner Abwesenheit, gravierende sogar. Doch darüber sprechen wir später. Ich werde dich über alles aufklären, was sich in den letzten Tagen hier zugetragen hat. Doch wir müssen hier weg. Glaubst du, dass du in etwa zwei Stunden in der Lage sein wirst dich auf meine Mamasaki zu schwingen.“

„Mamasaki?“

Offensichtlich konnte Leander mit dem Begriff nicht so recht etwas anfangen. Ja, da waren sie die Gedächtnislücken.

„Du… du bist mit dem Motorrad hier?“ es schien ihm zu dämmern.

„Ja, mit dem Motorrad. Anders hätte ich mich nicht durch das zerfurchte Gelände bewegen können. Hier kommt kein Auto durch!“ Klärte Elena weiter auf.

„Wie komme ich hierher?“ Wiederholte Leander seine Frage, so als könne er sich nicht erinnern sie schon mal gestellt zu haben.

„Kannst du dich denn nicht erinnern, was mit dir geschehen ist? Du warst dem Anschein nach in Gefangenschaft. Was habe sie bloß mit dir gemacht?“

Kaum hatte Elena die Worte über ihre Lippen, da reuten sie ihr. Wie konnte sie nur? Leander hatte offensichtlich eine Art von Trauma. Das er sich an nichts erinnern konnte, war eine Schutzfunktion seiner Seele, um ihn vor noch größerem Schaden zu bewahren.

Hier würde sie in Folge sehr viel an Finger Spitzengefühl benötigen, um ihn davon zu befreien.

Am besten, ihn im Moment gar nicht darauf an sprechen. Das schien wohl das Beste.

„Gefangen? Wo? Ich….ich kann mich nicht! Nein doch, da war etwas! Ich kann es aber nicht mehr deuten. Ich muss mich anstrengen!“ Versuchte Leander seinen Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen.

„Lass es erst einmal dabei. Du musst nicht krampfhaft versuchen, die Erinnerungen wach zu rufen. Das ist nicht gut. Mit der Zeit wird sich dein Gedächtnis wieder einstellen und dann können wir über alles sprechen, was dir wichtig erscheint. Das unangenehme schiebe einfach fürs Erste beiseite!“

Versuchte Elena zu beschwichtigen und erkannte sogleich den Irrtum ihrer Aussage. Dass Unangenehme beiseite schieben? Was für ein Quatsch. Das Unangenehme lässt sich nicht einfach wie ein Müllsack entsorgen. Es ist da, ist ständig präsent in unseren Inneren. Keiner entkommt ihm. Die Menschen müssen sich ihm stellen und können sich seinem Einfluss nicht durch flucht entziehen.

„Streng dich nicht an. Ruhe einfach noch ein bisschen. Du brauchst deine Kräfte für die Fahrt die wir vor uns haben.“ Fuhr Elena fort.

„Hast du keine Verbindung nach draußen?“

„Nein, schon x-mal probiert. Funkloch oder so was. Ich denke das liegt auch daran das kaum noch etwas funktioniert. Im Grunde könnten wir hier bleiben bis es dir besser geht und sich die Lage etwas beruhig hat. Ich hätte nichts dagegen. Nicht schlecht die Hütte hier. Aber leider konnte ich keinen gefüllten Kühlschrank vor finden. Wir haben nichts zu essen da. Spätestens heute Abend wird uns ganz schön der Magen knurren.“ Gab Elena zu verstehen.

„Wir gehören als Deputierte zum Obersten Rat. Die werde sich Sorgen machen. Du bist dort eine Hauptperson. Die werden uns suchen oder?“

„Leander, ich muss dich aufklären. Die Räteregierung existiert nicht mehr. Gestern Nachmittag hat Neidhardt die Macht an sich gerissen. Die Radikal-Revolutionäre herrschen jetzt, als alleinige Kraft, die anderen haben sich ihnen zu unterwerfen oder sie müssen die Schnauzen halten. Ich  selbst habe es auch nur aus dem Radio erfahren. Aber ich konnte es mir denken. Denn meine Bitte um einen Suchtrupp wurde brüsk zurückgewiesen. Zu jenem Zeitpunkt gab es die Räte noch, aber schon da hielt sich Neidhardt für den Sieger. Du siehst, wir werden in eine total veränderte Situation zurückkehren. Aus diesem Grund besteht kein Grund zur Eile. Aber wir können uns hier nicht versorgen.“

„Ich verstehe! Das sind ja schöne Aussichten!“ Resignation sprach aus Leanders Worten.

„Das kann man wohl sagen. Ich hab  einfach nur die Nase voll. Aber das ist mir egal, denn die Hauptsache ist das ich dich wiederhabe. Zwar gründlich lädiert. Aber das wird schon wieder. Du hast Geliebte und Ärztin in einer Person an deiner Seite. Ich bin für dich da, verfüge über mich wie es dir beliebt.“ Bot Elena an und schmiegte sich im Anschluss an seine Seite.

„Neidhardt, dieser Mistkerl! Darauf hat er nur gewartet. Ist das nicht ein Wahnsinn? Der Blaue Orden glaubte Neidhardt zu verhindern und putschte sich deshalb an die Macht. Statt dessen hat er diesen nun indirekt zur Macht verholfen.“ Stellte Leander fest.

Elena überlegte und erkannte sofort wie richtig er damit lag. Welch eine Ironie des Schicksals.

"Ich werde in die Geschichte eingehen als Elena, die gewählte Kanzlerin die in Folge gleich von zwei Tyrannen gestürzt wurde. Ne wahrlich reife Leistung. Darauf kann ich stolz sein. Soviele Niederlagen! Kann das ein Mensch verkraften, ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen?"

"Aber du musst bedenken, dass es Niederlagen gibt die sich im Nachhinein als Siege entpuppen. Hingegen gibt es Siege, schlimmer als Niederlagen!" gab Leander zu bedenken.

Elena kramte in ihrem Rucksack und fand noch ein paar Kleinigkeiten um Hunger und Durst zu stillen.

„Sie mal, daran hab ich gar nicht mehr gedacht. So als sei ich einer Eingebung gefolgt habe ich ein wenig mehr Proviant eingepackt als ich es üblicherweise tue, wen ich ausfahre.

Hier haben wir ein wenig Brot und Wurst und kalten Tee zu trinken. Was brauchen wir mehr.

Lass uns unser fürstliche Mal genießen.“

Elena teilte alles auf und sie aßen und tranken was ihnen zur Verfügung stand.

„Da steht mir wohl ein wenig mehr Zeit zur Verfügung um mich ausruhen.“

„Auf jeden Fall. Nach der kleinen Stärkung lassen wir uns bis zum Nachmittag Zeit.“ Elenas Blick richtete sich auf ihre Armbanduhr, die 11 Uhr vormittags anzeigte.

„Wie gesagt, ich hab es nicht eilig in eine Welt zurückzukehren, die nicht mehr die meine, die nicht mehr die unsere ist.“ Fuhr Elena fort.

„Und du meinst, wir können gar nichts dagegen tun?“ Wollte Leander wissen.

„Was sollten wir tun? Neidhardt sitzt fest im Sattel, den holt dort keiner mehr runter. So oder so, am Ende leben wir in einer Diktatur. Ganz gleich unter welcher Flagge.

„ Das Volk mobilisieren. Du meist das wäre sinnlos?“

„Du wirst sehen, in wenigen Tagen ist die Skepsis verflogen und die Menschen fressen Neidhardt aus der Hand, der versteht es die Massen auf seine Seite zu ziehen. Und all jene die noch unter der Knute des Blauen Orden leben, werden ihn als den großen Befreier bejubeln. Nach einem möglichen Sieg wird er der Alleinherrscher.“ Gab Elena missmutig zu verstehen.

„Das klingt sehr resignierend, was du da sagst. Du wärst die einzige die ihm Paroli bieten könnte. Du genießt Ansehen und du bist immer noch rechtmäßige Kanzlerin.“ Glaubte Leander zu wissen.

„Das Volk vergisst schnell. Mag sein, dass mich die Leute noch mögen. Doch folgen werden sie Neidhardt. Zu mindest in der ersten Zeit. Möglicherweise wendet sich das Blatt, wenn die Leute erst einmal erkannt haben dass er zum Diktator mutierte. Doch das kann dauern, ich geh von Jahren aus.“

„Und was werden wir in der Zeit tun?“

„Versuchen zu retten was zu retten ist. Wenn er sein Wort hält, wird er uns in der Abtei in Ruhe lassen. Dort könnten wir in uns gehen, in ganz kleinem Maßstäben Neues entwickeln, konservieren, verstehst du, für die Zukunft auf bewahren. Mehr wird kaum zu machen sein. Das gilt aber nur wenn Neidhardt tatsächlich Oberwasser behält. Nicht auszudenken was geschieht sollte sich am Ende doch der Blaue Orden durchsetzen. Ich fürchte dann bleibt uns nur noch das Exil. “

„Oder der Tod!“ sprach Leander.

„Ja, oder der Tod!“

Leander griff nach Elenas Hand und drückte sie fest.

„Auch ich habe es nicht eilig. Lass uns die Ruhe und die Stille genießen. Wie sieht es denn draußen wettermäßig aus?“

„Oh, ganz passabel. Es ist noch mal ganz schön geworden. Ich schätze so 14/15 Grad könnte es sein. Und die Sonne lacht vom Himmel.“ Erwiderte Elena wieder etwas heiter gestimmter.

Leander versuchte aufzustehen, doch es bereitete ihm Schwierigkeiten, noch zu schwach fühlte er sich. Elena half ihm schließlich beim hinausgehen.

Draußen ließen sie sich auf einer alten schon etwas verwitterten Holzbank nieder. Den Blick in die Weite gerichtet. Die zum Teil schon vollständig blattlosen Bäume gaben die Sicht frei.

Sie befanden sich auf einer kleinen Anhöhe am Rande eines Waldes, vor ihnen tat sich eine Wiese auf, getaucht in die matten Farben des Herbstes.

Leander lehnte seinen Kopf an Elenas Schulter. Einfach nur hier sitzen, den Gedanken freien Lauf lassen, nichts sagen, sich nicht drängen lassen. Nicht an das Morgen denken, das konnte man getrost sich selbst überlassen. Einfach den Augenblick genießen und sich von der wohltuenden Stille durchfluten lassen.

Tief in sich selbst versunken, verloren sie für eine Weile gar das Zeitgefühl.

Schließlich mussten sie sich wohl oder übel auf den Weg machen, zurück in ein zerrissenes Land, in eine Welt am Rande das Abgrundes.

 

Vorsichtig steuerte Elena ihre Mamasaki über den kleinen Trampelpfad, den sie gestern benutzt hatte. Leander hatte auf dem Sozius Platz genommen, so wie er es immer tat, wenn sie mal gemeinsam ausfuhren, was allerdings nur selten vorkam.

Es bereitete ihm Schwierigkeiten in dem gebirgigen Gelände die Balance zu wahren. Er hatte noch immer Schmerzen in den Gliedern. Vor allem das Gehopper setzte ihm zu. Erst als sie die asphaltierte Straße erreichten, wurde es etwas besser.

Nun brauste der Feuerstuhl wie ein Blitz davon.

Immer wieder wurden sie unterwegs von Militärposten gestoppt. Es waren zum Glück allesamt Leute  der republikanischen Milizen. Dem Anschein nach gab es wohl in dieser Gegend keine Freikorps mehr. Ein fataler Irrtum wie sich später herausstellen sollte.

Entsprechend groß war die Freude über das Wiedersehen in der Abtei, als sie Leander erblickten. Es schien ein gutes Omen, jetzt waren wieder alle beisammen. 

Elena geleitete Leander in ihre Wohnräume, nun würde sie sich ausreichend Zeit nehmen sich seiner zu widmen.

„Du musst dich nicht ständig mit mir befassen. Du hast so viel um die Ohren. Ich komme schon klar, mach dir keine Gedanken. “Wiegelte Leander ab.

„Nix da, du gehst vor. Zu tun? Was sollte ich denn zu tun haben? Ich bin eine arbeitslose Politikerin. Daran werde ich mich erst noch gewöhnen müssen.“ Scherzte Elena und lies sich neben Leander auf das Sofa fallen.

„Glaubst du dass wir hier wirklich sicher sind?“ Wollte Leander wissen und holte mit diesen Worten Elena in die Realität zurück.

„Ich weis nicht an was ich glauben soll. Sicher? In diesen Zeiten bist du nirgends sicher in Melancholanien. Die hohen Mauern bieten nur geringfügigen Schutz und die Tore ebenfalls.

Alles hängt davon ab, ob die Freikorps aus diesem Gebiet vollständig vertrieben sind.“ Antwortet Elena mit einem Seufzer.

„Und was ist mit den Milizen? Ich traue Neidhardt nicht über den Weg. Der und Wort halten. Über diese Brücke würde ich nicht gehen.“

„Ich auch nicht, freiwillig. Aber wie haben nun mal keine andere Wahl als auf sein Wort zu vertrauen.“

Es klopfte und schließlich erschien Colette in der Tür.

„Ich freue mich dich wieder zu sehen Leander. Na wenigstes eine gute Nachricht!“

„Was ist denn geschehen Colette?“ erkundigte sich Elena und wieder sprach die Sorge aus der Stimme.

„Kovacs ist weg! Schon seit gestern! Ich mache mir große Sorgen. Einfach weg ohne was zu sagen. Das ist so ganz und gar nicht seine Art!“

„Das stimmt! Merkwürdig! Diese Zeiten machen unser aller Nerven kaputt. Dass ist es. Ach ich denke der will sich nur ein wenig Abgeschiedenheit gönnen, irgendwo da draußen.“ Versuchte Elena zu beschwichtigen.

„Abgeschiedenheit? Aber die hat er doch hier auf dem Gelände zur Genüge. Und da draußen?

Da geht im Moment die Hölle ab. Jeder kann sich glücklich schätzen einen sicheren Hafen zu besitzen.“ widersprach Colette.

Elena musste sich eingestehen dass Colette die Wahrheit sprach. Plötzlich lief es ihr eiskalt über den Rücken. Kovacs hatte sich immer deutlicher zurückgezogen. Lediglich die Politik gab ihm noch ein wenig Aufwind. Seit Neidhardts Staatsstreich hatte ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen.

„Aber was können wir tun für ihn?“ schaltet sich Leander ein.

„Ich fürchte nichts! Einfach nur abwarten, bis er wieder kommt.“ entgegnete Elena.

„Ach und was ist wenn er nicht wiederkommt?“ wollte Colette wissen.

„Daran will ich nicht einmal denken!“ resignierte Elena und vergrub dabei ihr Gesicht tief in ihren Handflächen.