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Neue Heimat/ Neue Perspektiven

 

Die Stille sei eines der Hauptopfer unserer modernen Kultur, so hatte es Kovacs immer wieder formuliert. All jene, denen das Privileg zuteil wurde, Stille zu genießen, seien wahrlich zu beneiden, denn es sei die Stille, in der auch die Kreativität geboren wird.

Gerade in den vergangenen Monaten konnten die Kommunebewohner am eigenen Leibe spüren , wie Recht er damit hatte.

Der erste Winter in der Gartensiedlung war hart und forderte allen Bewohnern eine Menge an Geduld und Ausdauer ab. In der warmen Jahreszeit konnte es hier sehr romantisch sein. Aber den Winter auf diese Weise zu verbringen, kam einer Zumutung gleich.

Schweren Herzens hatten sich Elena und Kovacs schließlich dazu durchgerungen Cornelius Angebot anzunehmen um dessen Kulturfabrik als Wohnraum zu nutzen. Zumindest der größte Teil der Kommunarden zog auf das Gelände. Nur Elena selbst, Kovacs, Leander, Colette, Kyra und Kim harten auch weiter in der Gartensiedlung aus.

Kovacs und Colette kamen sich immer näher und begannen ein Verhältnis mit einander . Matthias war davon ganz und gar nicht begeistert und verlies kurzerhand die Kommune. Zwar hielt er losen Kontakt und besuchte die Gemeinschaft noch regelmäßig. Doch die Stimmung litt erheblich darunter. 

Das führte unweigerlich dazu, dass der Gemeinschaftssinn verloren zu gehen drohte.

Es bestand kein Zweifel, wollte man dauerhaft auf diese Weise leben, kam man nicht umhin nach geeigneten Lebensraum Ausschau zu halten. 

Die Siedlung platzte aus allen Nähten, reichte schon lange nicht mehr aus.

 

Mit großer Sehnsucht fieberten alle dem Frühling entgegen und als Anfang März die Sonne ihre ersten zaghaften Versuche unternahm den Frost zu vertreiben, schien das Schlimmste überstanden.

Zu Elenas und Kovacs großer Freude kehrten alle Gründungsmitglieder der Kommune an den Stausee zurück.

Am ersten wirklich schönen Vorfrühlingstag erfüllte sich Elena einen lang ersehnten Wunsch. Wochen, ja Monate waren seit ihrer letzten Motorradausfahrt vergangen. Nicht nur das schlechte Wetter, nein, ihre gesamte Situation, ihr eingebunden sein in so viele Aufgaben, verhinderten das. Sie hatte kaum noch Zeit für sich selbst, kaum noch die Muße, in die so lebenswichtige Stille abzutauchen, um dort ihre Batterie aufzuladen.   Zum ersten Mal im Leben drohte sie regelrecht auszubrennen.

Die andere signalisierten tiefes Verständnis dafür, dass sie sich heute einen ganzen Tag frei genommen hatte. Einmal wieder nur für sich sein, allein mit sonst niemandem. Ein paar Stunden Stille atmen, ausspannen. Das konnte sie am Besten bei ihren Ausfahrten zu abgelegenen Orten und Plätzen. Der Wunsch nach Stille meldete sich in der letzten Zeit immer deutlicher zu Wort. Sie fand keine Erklärung dafür, aber da schien eine innere Kraft in ihr zu wachsen und versuchte ihrem Bewusstsein etwas mitzuteilen. Aber in der lärmenden geschäftigen Umgebung fand diese keinen rechten Zugang.

Nur in der Stille teile sich auch das Transzendente mit, behauptete Kovacs. Der beschäftigte sich andauernd mit solchen Fragen und dem Anschein nach hatte er sie schon vor einiger Zeit damit angesteckt. Was in ihrem früheren Leben kaum von Belang war, bahnte sich seinen Weg. Fragen stauten sich und harrten der Beantwortung.

Als Ronald an diesem frühen Märzvormittag die ehemals pinkfarbene Mamasaki vor ihren Bungalow rollte erfüllte das Elena mit unaussprechlicher Freude. Nun leuchtet ihre heiß geliebte Maschine in einem  glänzenden schwarz-metallic. Doch daran gewöhnte sie sich schnell, das passte viel besser zu dem, was in ihrem Inneren vor sich ging.

„Alles noch mal gründlich durchgecheckt, die fährt wie eine Eins. Kannste glauben, ich konnte nicht widerstehen, hab gestern selbst mal ne kleine Runde damit gedreht. Der Tank ist aber wieder randvoll.“ teilte Ronald mit.

" Ich danke dir! Hervorragend! Mein gutes Stück! Jetzt habe ich dich endlich wieder!“

Elena ging in die Hocke und streichelte in fast zärtlich anmutender Geste den Lack, so als ob es sich um ein lebendes Wesen handelte.   

„Dann wünsche ich dir viel Spaß bei deiner Ausfahrt! Wir sehen uns dann sicher heute Abend!“ verabschiedete sich Ronald!

„Ja, sicher! Nochmals vielen Dank für deine Arbeit!“ erwiderte Elena.

Danach begab sie sich in den Bungalow, um sich für die Fahrt entsprechend auszurüsten.

Die Sonne wärmte zwar schon, trotzdem war die Luft zu dieser Jahreszeit noch empfindlich kalt, vor allem die Zugluft bei den anvisierten Geschwindigkeiten. Aber Elena war bestens ausgestattet. Sie streifte die gefütterte schwarze Schnürlederjeans über und die gleichfarbige Jacke aus ebensolchen Material, die Bikerboots, Lederhalstuch, Lederhandschuhe und der Integralhelm, fertig.

Die lange kupferrote Lockenmähne lugte weit unter dem Helm hervor. Auch in dieser Kluft sah sie bezaubernd aus.

Aufgesessen, noch mal durchatmen, einen Moment der Stille. Anlassen, Gas geben, das dumpfe Dröhnen weckte nun auch noch den letzten Langschläfer aus den Träumen.

Dann schoss sie wie ein Blitz davon. Ronald hatte nicht zu viel versprochen, die funktionierte wieder wie zu alten Zeiten.

Nun fühlte sie sich endlich wieder frei. Ein unglaubliches Gefühl. Langsam begann sie die Geschwindigkeit zu erhöhen. Im Gegensatz zu früher steuerte sie ihre metallene Gefährtin mit Umsicht und Verantwortungsbewusstsein. Ihr Reaktionsvermögen, ausgezeichnet. Schnell konnte sie bei Gefahr ihr Fahrzeug unter Kontrolle bringen.

Ihre Befürchtungen, aufgrund der langen Abstinenz ihr Fahrgefühl eingebüßt zu haben, erwiesen sich schnell als grundlos.

Für ein paar Stunden die Königin der Landstraßen sein. Es ging den Weg am Stausee entlang, aufgrund des langen trockenkalten Winters eine Staubwolke hinter sich herziehend. Vor ihr tat sich die immer leichter ansteigende Hügellandschaft auf und in der Ferne konnte sie die wuchtigen Berge des Grauhaargebirges sehen. Braune Getreidefelder, im Wechsel mit Weiden und Obstplantagen, zu jener Zeit noch kahl und in Wartestellung. Dann die leichte Steigung hinauf, nach einer Zeit hatte sie den Wald erreicht.

Sie war zwar noch nicht all zu lange unterwegs, beschloss aber zu stoppen um eine erste kleine Rast einzulegen. Eine schlichte Holzbank lud zum Verweilen ein und Elena nahm deren Angebot an und ließ sich darauf nieder.

Herrlich klare, reine Luft, geradezu süchtig inhalierte sie diese so tief dass ihr einen kurzen Moment lang davon schwindelig wurde.

Sie zog die Beine nach oben, streckte sich quer über die Bank und schloss die Augen, die wärmenden Sonnenstrahlen kitzelten ihr Gesicht.

Unbeschreiblich jener Moment da man gerade dem Winterschlaf entronnen. Auch in ihrer Seele wurde es nun Frühling.

Die klare Luft kam ihrem Gedankenfluss zugute.

Schon vor einiger Zeit begann sie zu meditieren, Kovacs hatte sie damit vertraut gemacht, schnell hatte sie gelernt, bei ihrem überragenden Intellekt nichts Außergewöhnliches.

Aber diese Stelle schien nicht so gut dafür geeignet, befand sie sich doch in zu großer Nähe zur Landstraße.

Noch ein Stück weiter, den Wald entlangfahren, mit Sicherheit würde sie dort fündig, hier gab es wunderschöne Waldparkplätze.

Sie saß auf und startete wieder durch, dann ging die Post ab, aber langsam, denn ihre Blicke musterten intensiv die Umgebung.

Sie näherte sich dem wuchtigen Panorama des Grauhaargebirges. Noch war es relativ eben, doch in 2-3km Entfernung setzte eine starke Steigung ein.

Sollte sie in die Berge fahren. Diese Vorstellung reizte sie.

Eher flüchtig richtet sie ihren Blick nach links,sie passierte gerade den großen Komplex der Zisterzienserabtei, in dieser Jahreszeit durch die noch blattlosen Bäume schon von weitem sichtbar.

Einer Eingebung folgend  stoppte sie, wendete und fuhr zurück, dann bog sie auf den schmalen Weg, der direkt zu einem großen Parkplatz vor der Abtei führte.

Dieses Kloster war ihr bekannt und , als Kind hatte sie es einmal im Rahmen eines Schulausfluges besucht,um den Mönchen die dort zuhause waren, bei deren Arbeit zu zu sehen. Exoten waren es schon damals, Boten aus einer längst vergangenen Zeit. Schritt man durch die Pforte so glaubte man sich im Mittelalter wieder zu finden, so ihr damaliger Eindruck.

Später, schon in ihrem Beruf als Moderatorin, hielt sie sich dann noch einmal für einen Tag hinter den Mauern auf um eine Reportage zu leiten.

Der christliche Glaube, war in Melancholanien so gut wie erloschen und nur noch sporadisch in Nischen anzutreffen, auf Inseln so zusagen, eine davon erstreckte sich nun direkt vor ihr.

Etwa 80% der Bevölkerung gehörten keiner Religionsgemeinschaft mehr an, die Entkonfessionalisierung hatte ganze Arbeit geleistet. Der allmächtige, alles dominierende Markt hatte sich zur Staatsreligion erhoben, dem alle in ihrer jeweiligen Weise zu dienen hatten. Keiner brauchte heute noch einen Gott. Die Privo nicht, die konnten das Paradies schon ausgiebig im Diesseits genießen, waren also nicht auf ein eventuelles  erlösendes Jenseits angewiesen.

Die Preka benötigten keinen Gott, da sie aufgrund ihrer Arbeitsauslastung so eingespannt waren, dass sie dafür gar keine Zeit mehr aufbringen konnten. Der Akkord, die Arbeitsnorm war ihr Gott, dem sie mit Leib und Seele dienten.

Die Paria existierten für die Gesellschaft nicht mehr, somit war es ohne Belang, an was sie glaubten oder nicht.      

Kein Wunder dass der christliche Glaube so gut wie ausgestorben war.

Elena brachte ihre Mamasaki  direkt vor der Klosterpforte zum stehen, stieg ab, zog den Helm vom Kopf und schüttelte ihre Lockenpracht wie gewohnt mit sinnlich anmutender Geste nach hinten aus. Dann sicherte sie ihre Maschine und begab sich auf das große Tor zu. Sie wollte gerade den Klingelknopf betätigen als sie zu ihrem Erstaunen feststellte, das die Tür einen Spalt offen stand. Langsam drückte sie diese nach innen und fand sich im Innenhof wieder.

Eigenartig, ein kontemplatives Kloster, mit strenger Klausur, nicht abgeschlossen, da konnte doch etwas nicht mit rechten Dingen zugehen.

Langsam, fast andächtig schritt sie über das Gelände, eine vollendete Amazone  wie sie anmutig in ihrem hautengem Leder, den wallenden Haaren und dem Helm unter dem Arm daher schritt.

Es ging an der Kirche vorbei, einer schlichten aber schönen romanischen Basilika aus grauem Naturstein gemauert, die sich wunderbar an die ihr um gebende Landschaft anpasste.

 

Niemand zu sehen, konnte das sein? Es musste sich doch irgendjemand auf dem Gelände befinden.

Elena klopfte an die erstbeste Tür.

„Hallo? Ist jemand hier?“

Keine Reaktion! Der ganze Komplex wie ausgestorben.

Elena ging zurück, wieder durch das Tor, dann eben nicht. Da streifte ihr Blick ehr zufällig einen kleinen Glaskasten, der direkt neben der Pfort als Schautafel angebracht war.

Sie traute ihren Augen nicht als sie las, was dort mit großen Lettern geschrieben stand.

„ZU VERKAUFEN!“

Darunter Adressen, Telefonnummern etc, wohin man sich wenden konnte und noch einige bürokratische Details.

„Zu verkaufen? Dieses große Gelände? Mit allem, was dazu gehört?“ sprach Elena zu sich selbst und betrachtete noch mal das Geschriebene, las jedes Wort mit akribischer Genauigkeit.

Es schien sich nicht um eine Sinnestäuschung zu handeln.

Zufall oder ein Wink des Schicksals?  Dieses riesengroße Areal bot alles was ihre expandieren Kommune derzeit brauchte. Wie geschaffen für ihre neue sich ständig vergrößernde Großfamilie.

Elenas Herz klopfte und und der Puls raste. Das Schreiben war erst wenige Tage alt. Gab es noch andere Interessenten? Schnelles Handeln war geboten um diese einmalige Gelegenheit zu nutzen.

Aber lebte denn niemanden mehr hier? Es müsste doch noch Menschen geben die hier nach dem rechten sahen. Verwalter, Betreuer, Leute die die notwendigen an fallenden Arbeiten verrichteten, Wachschutz etc.

Man konnte einen so großen Komplex doch nicht einfach sich selbst überlassen.

Sie zückte ihr Notizbuch und notierte sich die Adressen. Viel lieber aber hätte sie schon jetzt mit einem Verantwortlichen vor Ort gesprochen.

Erneut durchschritt sie die Pforte. Wie unachtsam, diese Tür einfach unbewacht offen stehen zu lassen. Hier gab es doch sicher eine Menge zu holen?

„Hallo? Hört mich einer? Hallo?“ rief Elena nun, dabei ihren Schritt ständig beschleunigend.

Eine wunderschöne Allee gesäumt von Kastanienbäumen erstreckte sich vor ihr, natürlich präsentierten sich diese in dieser Zeit noch nackt, hatten noch nicht einmal zu knospen angefangen. Aber welches Bild würde sich hier erst im Frühling bieten?

Direkt an die Kirche schloss sich das Konventsgebäude an. Möglicherweise wurde sie ja dort fündig?

Sie um schritt es mehrmals, klopfte an verschieden Türen. Aber keine Reaktion. Schließlich nahm Elena frustriert auf einer Bank Platz. Da wollte sie mal ein paar Stunden ausspannen und verfiel nach nur wenigen Augenblicken  wieder nur dem Stress und dem üblichen Aktionismus.

Diesem Schicksal vermochte sie wohl nie zu entrinnen.

„Hat da jemand gerufen?“

Elena zuckte zusammen als sie die Stimme in ihrem Rücken vernahm.

Blitzschnell wandte sie sich um und blickte auf einen Mann, der durch eine Türöffnung lugte.

„Ja! Das war ich! Verzeihung, wenn ich dich gestört habe. Aber ich hätte gerne ein paar Auskünfte zu dieser Anlage, wenn es gestattet ist!“ gab Elena zu verstehen.

„Natürlich! Dafür bin ich  da! Ich gebe gerne Auskünfte. Wobei es natürlich auf die Fragen ankommt, die sich mir stellen.“ bot der Angesprochene bereitwillig an.

„Mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?“ fügte er dann noch an.

„Ich bin Elena! Womöglich hast du  schon mal was von mir gehört?“ stellte sich Elena leichtherzig vor.

„Kann sein, kann sein! Ich kann im Moment aber nicht sagen, in welchem Zusammenhang.“

 Ein Novum! Alle kannten Elena in Melancholanien und hier wollte einer noch nie von ihr gehört haben?

„Und wer bist du?“ wollte Elena wissen.

„Ich bin Pater Liborius! Der Hüter dieser Stätte, das heißt, so lange bis sie verkauft wurde, an den Mann gebracht, wie man so schön sagt. Ich bin der letzte meines Standes, alle anderen sind bereits ausgeflogen. Meine Aufgabe besteht nur darin, zu warten.“ stellte er sich vor.

„Hm, aber genügt da nicht die Ausschreibung vorn am Eingang, da sind doch Adressen zu lesen.“

„Richtig! Aber einer muss  hier nach dem Rechten sehen. Ist ein großes Anwesen, wie du sicher schon bemerkt hast.“ klärte Pater Liborius auf.

„Das kann man wohl sagen und es ist wunderschön hier. Und es ist hier wirklich alles zu verkaufen? Die gesamte Anlage, nicht nur Teile davon?“ vergewisserte sich Elena.

„Alles, ohne Ausnahmen! Dort liegt das Problem. Wir bekommen es nicht los. Im Moment besteht kaum Interesse an solchen Objekten. Eine Klosteranlage, von diesem Umfang. Schwer, sehr schwer. Bisher keine Interessenten, obgleich wir den Verkaufspreis schon mehrmals deutlich nach unten korrigierten!“

Ein Schwall positiver Gefühle durchfuhr Elena und in diesem Moment stand ihr Entschluss fest. Sie musste das Gelände haben, ganz gleich zu welchen Konditionen. Es schien, als ob Kräfte am Werk waren, die sie direkt hierher geführt hatten.

" Kann ich mir vorstellen. Kostet sicher einiges? Wie lange ist die Abtei denn schon verlassen?“ bohrte Elena nach.

„Es gab mehrere Schübe, die letzten haben hier vor etwa einem viertel Jahr die Segel gestrichen. Nun bin ich der Letzte!“

Eigenartig, für einen Pater klangen seine Aussagen äußerst salopp und überhaupt, er war gar nicht auf die übliche Weise gekleidet. Trug eine schwarze eng an liegenden Breitcordhose, wie sie Zimmerleute zu tragen pflegen, dazu einen dicken grauem Wollpullover, darüber eine braune gefütterter Cordarbeitsweste, einen dicken weinroten Schal um den Hals und auf dem Kopf eine schwarze Baskenmütze. Eine hagerere Erscheinung, etwa Ende 50 und mit einem Drei-Tage-Bart.

„Du betrachtest mich mit einem Anflug von Unglauben? Kann ich nachvollziehen. Ist auch nicht ganz einfach zu verstehen, unsere Situation.“  dem Pater waren Elenas misstrauische Blicke nicht entgangen.

„Du siehst gar nicht aus wie ein Mönch, oder sagen wir mal, wie man sich einen üblicherweise vor zu stellen hat.“ gestand Elena.

„Nun, ich sehe keinen Grund dafür, jetzt noch den Habit meines Ordens zu tragen. Ist auch ein wenig unpraktisch. Ich habe hier ständig zu tun. Da komme ich so bedeutend besser zurecht.“

„Aber sag doch, warum wurde denn das Kloster verlassen? Ich meine ein solch phantastisches Anwesen gibt man doch nicht ohne triftigen Grund auf?“ Elenas Wissbegier schien ungebremst.

„Selbstverständlich gibt es den! Wir können die Abtei einfach nicht mehr bewirtschaften. Es sind vor allem ökonomische Gründe und auch ideelle. Wir konnten in den letzten Jahren keinen Nachwuchs mehr verzeichnen. Der Konvent stark überaltert. Die für uns so wichtigen Spenden blieben aus, da es  immer weniger Gläubige gibt. Die christlichen Kirchen sind in Melancholanien im Abwärtstrend. Da braucht man nichts zu beschönigen. In diesem Land zählen nur noch Profite und Kommerz.“ klagte der Pater.

Elena wurde hellhörig. Genau die Kritikpunkte, die in ihrer Runde diskutiert wurden.

„Ich höre Wehmut in deiner Stimme? Du hängst an diesem Ort? Du fühlst dich hier zuhause?“

„Ja, so ist es!“

„Aber so einfach ist das nicht: Du musst dich fügen! Man verlangt von dir, dass du diesen Ort ebenfalls verlässt?“ Elena hatte den Sachverhalt recht schnell durchschaut.

„Ich darf solange bleiben, bis ein Käufer gefunden ist. Danach habe ich gehorsam zu leisten und muss ebenfalls gehen, so der Kompromissvorschlag von Seiten meines Ordens. Hast du denn Interesse an der Abtei? Wenn ja, dann bist du so etwas wie meine Schicksalsgöttin?“

„Mein Interesse steigert sich von Augenblick zu Augenblick. Wenn ich ehrlich bin, ja, ich würde es sofort kaufen. Es ist nicht für mich allein. Auch ich gehöre einer Gemeinschaft an. Einer Gemeinschaft, die dringend eines Ausweichquartiers bedarf. Ich kann es nicht allein entscheiden, sondern das tun wir zusammen im Plenum. Dann müssten natürlich noch die finanziellen Angelegenheiten erörtert werden.“ signalisierte Elena ihre Bereitschaft.

„Es hat natürlich seinen Preis, aber wie ich schon sagte, wir sind  entgegenkommend, Verhandlungssache. Ich kann ebenfalls nicht allein entscheiden, sondern der Orden muss das regeln. Komisch, wir scheinen aus ähnlichen Verhältnissen zu kommen?“

„Ich würde sagen, ja! Nur, dass wir eine Gemeinschaft in der Aufbauphase sind, im Gegensatz zu euch. Auch wir streben ein Leben in Gütergemeinschaft an, alles soll allen gehören, so wie das bei euch der Fall ist!“ erwiderte Elena.

„Da könntet ihr durchaus unsere Tradition weiterpflegen, wenn auch sicher in einer ganz anderen Ausrichtung, aber immerhin, das erscheint mir bedeutend besser, als dieses Anwesen so einem reichen Geldsack zu überlassen, der nur seinen angenehmen Lebensstil im Sinne hat.

Also ich habe nichts einzuwenden. Ich notier mir alles und gebe dein Gesuch weiter. Du kannst gewiss sein, dass deinem Ansinnen statt gegeben wird, die sind froh, wenn die Anlage so bald als möglich unter den Hammer kommt. An wen? Spielt keine Rolle, die können es sich nicht leisten, auch noch wählerisch zu sein. Ich habe ein gutes Gefühl, weiß mein altes Zuhause bei dir in guten Händen.“

„Ich schlage ein! Ich sage  Ja! Ich werde die nötigen finanziellen Mittel auf treiben. Auch meine Gemeinschaft kann es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Es ist wundervoll hier, schon als ich den Hof betrat, fühlte ich mich zu Hause, eigenartig, nie in meinem Leben habe ich etwas vergleichbares erlebt..“ stimmte Elena zu.

„Kann ich absolut verstehen! Dann wäre also der Anfang gesetzt. Ich gehe davon aus, dass du dich hier ein wenig umsehen willst. Kein Problem, ich führe dich gerne, wenn du magst, kann aber eine Weile dauern, bis wir alles in Augenschein genommen haben!“

„Ich bin frei, habe den ganzen Tag Zeit, ich nehme sie mir einfach.  Ich brenne darauf, mir ein Bild zu machen!“

„In Ordnung, dann beginnen wir doch gleich hier nebenan. Das Konventsgebäude neben der Kirche, das Herzstück der Abtei.. Folge mir doch einfach.“

Die beiden erhoben sich und schritten auf die Pforte zu. Ein kleiner Flur, daneben das Pförtnerzimmer, nun schon seit Wochen verwaist. Pater Liborius öffnete eine große Eichenholztür und sie fanden sich in einem langen weiten Flur wieder.

„Hier in der untersten Etage befinden sich die Gemeinschaftsräume. Wir beginnen doch einfach  mit der Küche und dem Refektorium gleich nebenan."

Sie betraten einen großen, mit rustikalen Holzmöbeln aus gestatten Saal. Das Refektorium, der Speisesaal, hier nahmen die Mönche ihre Mahlzeiten ein. An der Wand führte eine kleine Wendeltreppe zu einem erhöhten Sitz, von dem aus die Tischlesung gehalten wurde, denn die Mönche hatten beim Essen zu schweigen und der Lesung zu lauschen.

Elenas Brustkorb weitete sich, unbeschreiblich was sie in jenem Moment empfand.

„Das..das ist phantastisch. Es könnte der Gemeinschaftsraum werden, sowohl für die Mahlzeiten als auch für Versammlungen aller Art!“

„Es gibt noch weitere Gemeinschaftsräume auf dieser Etage, die sehen wir uns gleich an!“ meinte Liborius. Dann führte er sie zunächst durch die geräumige, modern ausgestattete Küche.

Danach ging es in den Kapitelsaal.

„Das ist unser eigentlicher Versammlungsraum, hier wurden die Mönche unterwiesen, hier fanden Versammlungen statt, etc.“

Ein langgezogener Raum, an den Wänden zur Rechten und zur Linken befanden sich schwere Holzbänke. An der Stirnseite ein erhöhter Platz, der dem Abt vorbehalten war. Eine strenge Hierarchie . Künstliche Hierarchien sollte es in Elenas Gemeinschaft nicht geben, aber auch dieser Raum ließ sich hervorragend nutzen.

„Wir gehen jetzt noch in die Rekreationsräume, zwei kleinere Zimmer, Aufenthaltsräume, die Mönche konnte hier gemeinsam ihre Freizeit verbringen,wenn sie wollten, mit allem was man dafür so benötigt.“ wies der Pater an und Elena folgte bereitwillig.

Geschmackvoll eingerichtete Wohnstuben, so wie man sie sich auch in Privathaushalten vorstellt, nur viel viel größer. Und rustikaler, komplett mit Holzpanele abgeschlagen

„Sehr gemütlich!“ Stellte Elena fest.

„So? Findest du? Das ist schön!“

Sie betraten wieder den Flur. Eine große wuchtige Standuhr tickte hier gleich neben dem Aufgang im gleichmäßigen Rhythmus vor sich hin.

An der weiß getünchten Wand befanden sich zahlreiche Ölgemälde mit meist religiösen Motiven.

Gigantisch! Wie viel Meter dieser Flur wohl maß?

Eine breite Treppe führte in die darüberliegende Etage.

Oben angekommen erwartet sie ein ebenso  geräumiger Flur wie jener darunter.. Viele Türen wiesen auf eine ganze Reihe von Zimmern.

„Das ist das Dormitium, der Schlafsaal! Natürlich ist das im Gegensatz zu vergangenen Zeiten kein richtiger Saal mehr. Heute gibt es hier viele gemütliche Einzelzimmer!“ Liborius öffnete eine Tür und Elena betrat ein geräumiges Zimmer mit allem Komfort, sogar eine kleine Nasszelle war in  einer Nische eingebaut.

„Karge Mönchszellen gehören einer anderen Zeitepoche an, wir sind hier auf dem Stand der heutigen Zeit. Kein Prunk, aber ein moderner Standard gehört eben dazu.“ klärte der Pater weiter auf.

Auch der zweiten Stock darüber, der dem unteren bis aufs Haar glich, diente als Wohnraum mit vielen Zimmern. Ebenso der dritte Stock, den sie im Anschluss erreichet.

„Nun geht es noch einen Stock nach oben, dort erwarten uns noch ein paar Kostbarkeiten!“

Elena konnte vor Glücksgefühl kaum noch an sich halten, am liebsten hätte sie den Pater auf der Stelle umarmt.

„Hier unser Oratorium. Kleinere Gebetszeiten konnte wir auch hier abhalten, oder Meditationen, wenn diese denn gewünscht.“

Schlicht aber urgemütlich und vor allem eine wohltuende Ruhe, hüllte sie von allen Seiten ein.

Danach betraten sie die Bibliothek! Zwei Etagen, die mit einer wundervoll geschnitzten Wendeltreppe verbunden waren.

„Einen Großteil der Bücher haben wir natürlich ausgeräumt, aber einige bleiben auch hier, das heißt, wenn ihr sie haben wollt?“

„Ob…ob wir die haben wollen? Natürlich! Ich glaube es nicht! Das ist…das ist, ich kann es nicht beschreiben. Ich könnte weinen vor Glück!“ Nur unter äußerster Kraftanstrengung konnte Elena die Tränen der Rührung zurückhalten, die ihr beim Anblick der alten Bände in die Augen stiegen.

In den leeren Regalen konnte Kovacs seine umfangreiche Sammlung unterbringen, kaum ein Platz schien dafür besser geeignet. Anarchistische Literatur in einem alten Kloster? Warum nicht? Das musste doch nicht automatisch einander ausschließen.

Schweren Herzen nahm Elena Abschied von dem Raum, denn immerhin gab es noch eine Menge zu sehen.

Sie verließen das Konventsgebäude und wandten sich der Kirche zu. Einer dreischiffigen Basilika im romanischen Stile mit hohem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen. Ein turmloser Bau mit abschließendem Chor ohne Apsis. Nur ein kleiner Dachreiter thronte auf dem Kirchenschiff und bot den Glocken sicheren Schutz. Große wuchtige Türme standen im Gegensatz zur Ordensregel. Die Innenausstattung strahlte monumentale Größe und ästhetische Raumentwicklung wieder, sehr schlicht gehalten, so verlangte es die Ordensregel der Zisterzienser, die überbordenden Prunk ablehnend gegenüberstand, daher fand man hier  kaum Skulpturen oder sonstiger Schmuck. Ein Blickfang, die Rosette, das Rundfenster an der Südseite. Die Fenster, klar und schmucklos, aber dadurch wurde es hell im Saal. Von allen Seiten flutete das Licht.

Ein großer Saal der vielen Menschen Platz bot. Hier könnte so allerlei stattfinden, fuhr es Elena spontan durch den Kopf. Alles würde so bleiben, es gab keine Grund, etwas zu ändern. Große Versammlungen konnten hier stattfinden, interessante Vortrage, öffentliche Diskussionsrunden und vor allem Kultur. Könnte Kyra hier ein Punkkonzert geben? Punk in einer Kirche? Ein Wagnis, aber nicht unmöglich.

Nun waren noch die Nebengelasse zu besichtigen und davon gab es eine ganze Reihe.

Sie begannen mit der Pfisterei, der alten Klosterbäckerei, ein wundervoller Fachwerkbau, der sich mehrstöckig dem Konventsgebäude vis à vis erhob. Die Backstube im Erdgeschoss war vollständig erhalten, alles nötige, um auch in Zukunft wieder Brot zu backen. Ihr eigenes, anarchistisches Brot. Im Oberen Stockwerk war eine Wohnung eingerichtet. Hier wie in vielen andern Nebengebäuden hatten die Oblaten, die zivilen Angestellten der Abtei mit ihren Familien gewohnt.

Pater Liborius führte Elena im Anschluss in die reichlich vorhandenen Werkstätten, die sich ebenfalls noch im tadellosen Zustand befanden. Dazu gehörten eine Tischlerei, eine Schlosserei, ein kompletter Bauhof, eine Werkstatt zur Herstellung von Keramikerzeugnissen, eine Destille, hier wurde noch vor kurzem ein weit über die Grenzen Melancholaniens bekannter Likör hergestellt. Schließlich noch eine Molkerei mit angeschlossener Käserei.

Elena Herz hüpfte geradezu vor Freude, als sie die Druckerei betraten. Die Abtei hatte einen eigenen Verlag besessen.

„Ich glaube es nicht! Ich bin sprachlos!“ rief Elena beim Anblick der intakten Druckergeräte.

„Wir sind dabei, eine eigene Zeitung zu entwerfen. Die soll regelmäßig erscheinen, auch andere Publikationen und hier finden wir alles was wir brauchen. Das kann kein Zufall sein!“

„Das glaube ich auch nicht!“ erwiderte der Pater. „Irgend etwas hat dich wohl hierher geführt.“

Zeit, eine Pause einzulegen, die beiden nahmen auf einer Bank in Mitten des Geländes Platz.

„Ich kann schon jetzt sagen, dass ich fest entschlossen bin alles zu erwerben. Wie ich sehe brauchen wir so gut wie nichts zu ändern. Es ist mit einem Wort bezugsfertig. Wir brauchen nicht viel mit zu nehmen und könnten alles im Originalzustand übernehmen, wenn man mal von ein paar geringfügigen Veränderungen absieht, die hier und da vorzunehmen sind.“

„Ich freue mich für dich, für dich und  deine gesamte Gemeinde. Dann werden wir, denke ich schon in Kürze alles regeln. Für mich bleibt dann nur noch übrig, die Koffer zu packen.“ sprach Liborius mit Wehmut in der Stimme.

„Du hängst sehr an diesem Ort, nicht war?“ erwiderte Elena mit ihrer so typischen beruhigenden Art.

„Das kann man wohl sagen. Aber ich muss mich fügen, schweren Herzens, aber es geht kein Weg daran vorbei. Sie konnte wohl nicht ewig währen, meine Auszeit!“

„Deine Auszeit? Wie soll ich das verstehen?“

„Na gut! Ich kann mir zwar nicht erklären, warum, aber ich fühle, das ich dir offenbaren kann, was mich bedrückt. Ich bin ein Häretiker. Meine Glaubensvorstellungen weichen in einigen Sachverhalten erheblich von denen meiner Kirche ab. So kam es immer wieder zu Konflikten, in den zurückliegenden Jahren. Mehrmals war ich versucht, das Kloster, den Orden zu verlassen, konnte mich aber nicht dazu durchringen, was sollte ich auch tun, es war mein Leben, ich mochte meine Arbeit und vor allem den Ort hier. Schon seit geraumer Zeit ist es mir verboten zu publizieren, zu predigen, mich in irgend einer Art öffentlich zu äußern. Meine gesammelten Werke liegen einer Kommission zur Begutachtung vor und ich kann davon ausgehen, dass sie alle auf dem Index landen.

Diese Auszeit hier war der letzte Versuch, mit mir ins Reine zu kommen, die Ordensleitung stimmte zu um mir Bedenkzeit zu gewähren. Nun stehe ich vor der Wahl. Austritt aus dem Orden und Eintritt in ein Leben in einer Welt, die nicht die meine ist. Oder, Unterwerfung unter die Ordensdisziplin, lebenslängliches Bußschweigen, ein Leben mit einer Glaubensdoktrin, die ebenso wenig mein Inneres berührt.“

Elena empfand tiefes Mitgefühl. Was war das für eine Religion, die so hartherzig mit ihren treuesten Dienern umging?

„Du hast publiziert und darfst nicht damit in die Öffentlichkeit gehen. Aber unser liebes Melancholanien rühmt sich doch stets und ständig seiner Praxis der freien Meinungsäußerung.“ wunderte sich Elena.

„In meiner Kirche gehen die Uhren etwas anders, sie schlagen zuweilen noch im mittelalterlichen Takt!“

„Und dein Gott? Was würde der wohl dazu sagen? Glaubst du, dass es ihm gefällt, wie mit dir umgegangen wird?“

„Ich glaube nicht, dass Gott etwas damit zu schaffen hat! Es gibt viele Pfade, die zu seinem Hause führen, sehr viele. Mit ihm habe ich kein Problem, es ist sein Bodenpersonal, das die Probleme schafft!“ gestand der Pater.

„Was wäre dir wichtiger? Dein Gott, oder die Disziplin deinem Orden und deiner Kirche gegenüber?“ lautet nun Elenas provozierende Frage.

„Früher, da hätte ich geantwortet, dass es eine solche Unterscheidung nicht gibt. Heute kann ich unumwunden gestehen, ersteres!“

„Sehr gut! Höre mein Angebot! Du musst die Abtei nicht verlassen, du kannst gerne bei uns bleiben. Wir machen einen richtigen Vertrag, per Handschlag, oder wenn du magst, kannst du es auch schriftlich bekommen. Du erhältst lebenslängliches Wohnrecht hier auf dem Gelände.

Selbstverständlich sorgen wir auch für deinen Lebensunterhalt,  mit allem was dazu gehört.

Das wird bei uns die Regel. Du kannst dir eine Wohnstatt deiner Wahl aussuchen. Wir garantieren, deinen Glauben, deine Art zu leben, zu respektieren. Niemand wird dich zu irgend etwas nötigen. Natürlich musst du imstande sein, auch mit unserer Art zu leben umzugehen. Wir sind, nun sagen wir mal eine sehr freizügige Gemeinschaft, vor allem was die so genannten moralischen Dinge betrifft. Aber du musst entscheiden. Probiere es erst mal aus, dann können wir weiter sehen.“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll! Ich bin einfach gerührt. Da bete ich tagtäglich um eine Lösung, ach was rede ich wochenlang, monatelang. Gerade war ich im Begriff zu resignieren, da kommst du durch das Portal und bietest mir die beste aller Varianten an. Ich hätte von so einer Möglichkeit nicht einmal zu träumen gewagt. Du bist nicht zufällig die heilige Jungfrau Maria, in einem zugegeben hypermodernen Outfit?“

„Nein, Jungfrau bin ich mit Sicherheit nicht mehr. Aber es kann durchaus sein, dass sie mir gebot, zu dir zu gehen, unbewusst. Glauben? Noch vor Monaten wusste ich nicht mal, was das ist. Seit Wochen rumort es kräftig in mir. Da bahnt sich etwas an. Mein Glaube, der sich mir langsam erschließt, unterscheidet sich in vielen von dem deinen, doch gibt es andererseits auch Überschneidungen, Übereinstimmungen. Es war kein Zufall, es war Bestimmung, die mich hier geführt.“

„Ja, das könnte sein. Das muss so sein. Doch kann ich mich so einfach aus der Verantwortung stehlen? Das erscheint mir zu glatt. Ist es am Ende gar eine Versuchung? Bist du eine Verführerin?“

„Ohhh, da schneidest du aber ein Thema an. Also, ich habe schon eine ganze Menge von Leuten verführt, das ist wohl war, es hat sich aber bisher noch keiner gefunden, dem das in negativer Erinnerung haften blieb. Du kannst sie gerne fragen, es leben einige davon in meiner Gemeinschaft. Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber vor allem seit meiner Wandlung scheint allein meine Präsenz in ganz enormer Weise positiv auf die Umgebung auszustrahlen. Die Menschen glauben, dass eine einzige Berührung meinerseits ausreicht, um bei ihnen ein Wohlgefühl auszulösen. Eines kann ich aber mit Gewissheit sagen, niemals werde ich einen Menschen zu etwas verführen, das seinem Leib oder seiner Seele Schaden zufügen könnte.“

„Das würde ich gerne glauben. Doch ein Restzweifel bleibt immer. Zu viele Jahre habe ich damit zugebracht, mich dahin gehend abzuschotten. Aber dein Angebot ehrt mich. Ich werde darüber nachdenken.“

„Lass dir Zeit! Niemand drängt dich zu einer Entscheidung, aber sei gewiss, es kommt von Herzen. Ich will dich nicht verführen. Ich nicht und auch kein anderer unserer Kommune. Du lebst dein Leben weiter, ganz wie es dir entspricht.“

„Wollen wir die Führung durchs Gelände fortsetzen?“ bot Liborius an, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Er haderte mich sich. Hier stand eine Entscheidung von großer Tragweite ins Haus. Und er musste sich schnell entscheiden,  hatte er es doch mit der wohl energischsten Person des ganzen Landes zu tun.

Ihr Weg führte sie weiter durch den gepflegten Park. Nun besichtigten sie vor allem die landwirtschaftlichen Flächen, von der Hühnerfarm über die Stallungen für Schafe bis hin zu den Gärten mit Gewächshäusern und allem, was für eine Nutzung erforderlich war.

Besonders angetan war Elena von den musterhaft angelegten Teichen, die sich am Rande des Geländes befanden, hier wurden noch vor kurzem Forellen gezüchtet. Fischteiche gehörten zur Grundausstattung eines jeden größeren Klosters, da Fisch als eines der Hauptnahrungsmittel auf dem Speiseplan der Mönche stand. Diese Teiche eigneten sich aber vorzüglich zum Baden im Sommer.

„Es handelt sich hier im übrigen nur den inneren Bereich. Hinzu kommt noch Weideland für die Schafe und Rinder, außerdem gehört der Abtei ein beträchtliches Stück Wald!“ Liborius wies in  Richtung der bewaldete Seite des Klosters. "Alles in allem ein beachtliches Anwesen!  Selbst ein eigener Friedhof gehört dazu. Bist du immer noch entschlossen, es zu erwerben?“

„Keine Frage, ich muss es einfach haben! Aber was ist mit dir? Wirst du mein Angebot an nehmen? Es geht auch darum, dass wir jemanden, der sich hier bestens auskennt, gut gebrauchen können. Du wirst unsere Gemeinschaft mit allem vertraut machen, was erforderlich ist.“ bot Elena erneut an.

„Ich…ich brauche Bedenkzeit, wie ich dir vorhin schon sagte!“ wich er ihr aus.

„Ich weiß zwar nicht, was es da noch zu bedenken gibt, aber sicher hast du Recht. Man kann so etwas nicht im Schnelldurchgang entscheiden. Unsere Tür steht weit offen!“

„Ich weiß das zu schätzen. Wollen wir nicht noch einmal Platz nehmen?“

„Ja, so eine Begehung strengt ganz schön an.“ kam Elena dem Angebot nach.

„Nun erzähl doch, ich brenne darauf zu erfahren was denn so ketzerisch an deinen Ansichten ist, die dich in Konflikt mit deiner Kirche brachten.“

„Neugierig bist du gar nicht? Na gut, meinetwegen. Meine Haltung zu den zahlreichen Dogmen sei relativistisch, ich sage einfach nur sie ist liberal. Ich bin einfach der Ansicht, das alle Religionen gleich richtig und gleichwertig sind.“ gestand Liborius.

„Ja und? Was soll daran ketzerisch sein? Wenn es einen Gott gibt, oder eine Göttin, oder wie immer wir das zu nennen pflegen, kann er oder sie kaum ein Interesse daran haben falsche Religionen zu stiften. Wo läge darin eine Logik? Ich habe mich bisher nur theoretisch mit diesen Dingen aus einander gesetzt, rein akademisch. 

Ich denke, jeder Mensch hat seinen eigenen, ihm angemessenen, Zugang zum Spirituellen.“ wunderte sich Elena.

„Warum sollte ein Mensch  anderen vorschreiben, an wen oder was sie zu glauben haben? Ich bin der Ansicht dass man eine religiöse Einstellung auf keinen Fall per Dekret verordnen kann. Nur in Freiheit kann wahre Spiritualität gedeihen. Da, wo die Freiheit verbannt wurde, da ist auch das Göttliche im Exil.“

„Genau diese These habe ich vertreten. Mystik nennen wir das, das Göttliche in uns wahrnehmen, dazu bedarf es gar keiner komplizierten Rituale und schon gar keiner Dogmen, die unsere Wahrnehmung verschleiern und einengen. Gott ist in sich vollkommen, er ist nicht auf uns Menschen angewiesen.“

„Weißt du, wen ich dich so reden höre, stelle ich eine verblüffende Ähnlichkeit zu jenen Ansichten fest, die mein Freund der Dichter Kovacs lehrt. Du solltest ihn unbedingt kennen lernen, ich denke, ihr habt euch eine ganze Menge zu erzählen. Der spricht auch immerfort vom Göttlichen in uns, nur mit dem Unterschied, dass für ihn dieses Göttliche weiblich ist.“

„Kovacs, du kennst den Dichter Kovacs? Das ist ja interessant. Ich habe eine ganze Menge von ihm gelesen. Das wurde natürlich von den Brüdern nicht gerne gesehen. Seine Bücher stehen auf dem Index. Ich aber kann vielen seiner Ausführungen zustimmen. Wie sagt er doch an einer Stelle so schön. Ich muss überlegen, ob ich es noch zusammen bekomme. Ach ja  > Das Ziel jeder Ethik sei immer die Vervollkommnung des Lebens. Jede Handlung, sei sie noch so individuell oder gemeinschaftlich, muss allein danach als recht oder unrecht beurteilt werden, ob sie das Leben eines anderen bereichert oder einschränkt.< Das ist war gesprochen.“ bekannte der Pater.

„Kovacs lebt bei uns, in unserer Gemeinschaft. Siehst du! Noch ein Grund mehr für dich bei uns zu bleiben. Dann hast du bald  Gelegenheit, persönlich mit ihm zu sprechen. Ist das eine Aussicht?“

„Ich muss sagen, dein Angebot gewinnt von Augenblick zu Augenblick mehr Interesse bei mir zu wecken. Ich bin tatsächlich geneigt, es an zunehmen, wenn ich recht überlege.“

„Sag! Wie kann es sein, dass zwei unterschiedlich gepolte philosophische Strömungen wie die unsrigen ganz ähnliche Standpunkte vertreten, ohne sich dessen bewusst zu sein?“

Liborius war unsicher, konnte er ihr zustimmen? Das alles klang zu ungeheuerlich um wahr zu sein.

"Es heißt Kovacs sei Anarchist und er lehne jegliche Autorität und Hierarchien ab, staatliche, ökonomische und religiöse. Meine Kirche, mein Orden, vertraten stets die Auffassung, dass dies in einem diametralen Gegensatz zu unserer Lehre steht. Immerhin würde das Chaos und Unordnung auf allen Ebene mit sich bringen. Somit könne er natürlich auch die göttliche Autorität nicht akzeptieren.“

„Da ist deine Kirche einem gewaltigen Irrtum verfallen. Im Gegenteil!. Gerade weil er gegen Hierarchien und Dogmen kämpft, macht er den Weg für eine echte Spiritualität frei. Eine, der sich niemand unterordnen braucht.“ widersprach Elena.

„Wenn ich recht überlege, sagt  auch Jesus, dass man Gott mehr gehorchen soll als den Menschen. Und er hat es damals vorgemacht. Aber ich würde nie soweit gehen, Jesus als Anarchisten zu bezeichnen.“

„Es kommt nicht auf die Bezeichnung an, Worte können täuschen. Es kommt darauf an, was er getan und was er unterlassen hat.“

„Er hat sich der Ärmsten angenommen, sich den Schwachen zugewandt, den Randexistenzen, er hat es vorgelebt.  Auch wir haben es versucht, kümmerten uns um die Paria. Unterstützung von Seiten der Regierung bekamen wir keine, wurde dafür misstrauisch beäugt. Die konnten sich nicht vorstellen, warum wir uns um diesen wie sie zu sagen pflegten >menschlichen Unrat< sorgten.“

„Eigenartig! Hast du es bemerkt? Schon wieder eine Übereinstimmung. Auch wir nehmen uns um der Paria an, haben ein Hilfsprojekt ins Leben gerufen. Auch in unserem Fall ohne jegliche Anerkennung von Seiten der Regierenden. Auf dieser Ebene kommen wir uns immer näher. Meinst du nicht auch, dass es sich geradezu an bietet, auf dieser Ebene eine Zusammenarbeit anzustreben? Auch wenn z.B. in moralischen Fragen sicher deutliche Unterschiede zu tage treten, so streben wir doch in dieser wichtigen Angelegenheit der gleichen Richtung zu.“

Elena taktierte geschickt, dem konnte sich der eigenwillige Pater nicht entziehen. Sein Entschluss, Elenas einmaliges Angebot zu akzeptieren, nahm immer deutlicher Konturen an.

Schweigen, eine ganze Weile Schweigen, es schien, als seien beide der Welt für kurze Zeit entrückt um sich mit ihrem jeweiligen spirituellen Meistern zu beraten.

„Ich tue es!  Du hast mich überzeugt. Ich werde euere Einladung an nehmen, auch wenn mir zugegebenermaßen noch immer nicht ganz wohl dabei ist. Was die Detailfragen betrifft, die müssen wir zur gegebenen Zeit klären.“ Kam es plötzlich über ihn.

„Wunderbar! Du hast recht entschieden. Du wirst es nicht bereuen. Du bist uns willkommen.

Ich sage das einfach so dahin, heiße dich willkommen. Dabei hast du viel ältere Rechte an diesem Ort.“

„Ich bin fest davon überzeugt, dass ihr, auf eure Weise, die von uns begonnene Tradition fortsetzt. Wenn es auch im Moment noch recht neblig erscheint, ihr tretet in unsere Fußstapfen. Ihr werdet zu Ende bringen, was wir dereinst begonnen. Die Abtei ist bei euch in den besten Händen!“

„Und sie wird auch weiterhin mit in deinen Händen sein. Ich finde es toll, dass wir uns einigen konnten. Informiere du deinen Orden, ich werde noch heute Abend meine Kommune ins Licht setzen. Dann könnten wir schon bald mit dem Einzug beginnen.“

„Langsam! Zunächst muss der Orden  noch zustimmen!“

„Hast du Bedenken? Glaubst du er würde uns ablehnen, das heißt, wenn er erfährt, wer oder was wir sind?“ sorgte sich Elena.

„Nun, ich glaube, sie werden zustimmen! Schon deshalb weil sie froh sind das Anwesen los zu werden. Wer hätte das gedacht, eine Klosteranlage wird von Anarchisten übernommen und weitergeführt.“

Elena Blick fiel auf das Gebirge das zu ihrer Linken in den Himmel ragte, dort konnte sie ein Felsmassiv entdecken, das, gut sichtbar, durch die blattlosen Bäume lugte.

„Das sieht toll aus, da oben, die Sandsteinfelsen!“ Sie wies mit dem Zeigefinger in die Richtung.

„Uraltes Gestein. Man sagt, es sei Tausende von Jahren alt. Schon immer an diesem Platz, lange bevor die Abtei gebaut wurde.

„Ich würde es gern erkunden? Darf ich?“

„Aber ja, tue es, wenn es dir Freude bereitet. Ich warte hier unten. Kommst du noch mal hierher, oder fährst du im Anschluss gleich weiter?“ meinte der Pater.

„Ich komme noch mal zurück. Ob ich dorthin wohl mit dem Motorrad fahren kann?“

„ Ein gut geschotterter Weg. Ein wenig steil, aber ich denke, du bist geübt!“

Elena verließ den Klosterhof und begab sich auf den Parkplatz. Helm überziehen, aufsitzen, starten. Langsam, fast andächtig steuerte sie die Maschine die kleinen Serpentinen hinauf.

Von hier oben bot sich ein traumhafter Ausblick über die gesamte Klosteranlage. Ein Tal, der Orden der Zisterzienser baute seine Klöster meist in von hohen Bergen oder  Hügeln umgebenen Tälern.  Diese fügten sich perfekt in die Landschaft, so als seien sie von Anfang an dort beheimatet. Kultur und Natur in einer engen Symbiose. Jetzt erst erschlossen sich deren Dimensionen vollständig. Ein wunderbares Stückchen Erde. Eine große Fläche, kein Vergleich zu der Gartensiedlung am Stausee. Hier würden sich ganz neue Perspektiven eröffnen. Und vor allem die Ruhe, eine segensreiche Stille.

Elena schloss die Augen und atmete tief durch, sie glaubte das neue Leben, das sie erwartete schon  zu schmecken, zu riechen, zu fühlen, mit all ihren Sinnen wahrzunehmen. Sie lauschte der Stille, wagte kaum zu atmen, um die einzigartige Schönheit des Augenblickes nicht zu zerstören.

 

Im Anschluss wandte sie sich dem Felsen zu. Gigantisch, was hier vor ihr in den Himmel ragte. Sie strahlten einen Hauch von Ewigkeit aus, von Dauerhaftigkeit und Beständigkeit. Von Naturgewalten eindrucksvoll geformte majestätische Skulpturen. Schon in grauer Vorzeit geschaffen. Die Natur war und blieb einfach die größte Künstlerin aller Zeiten.

Instinktiv nahm Elena Haltung an und breitete die Arme aus. Schritt langsam zwischen die Felsen. Schließlich berührte sie einen. Es kam ihr wie ein elektrischer Schlag vor, was sie da in den Fingern spürte.

„Ich begrüße dich in deinem Heim! Willkommen zu Hause, Tochter! Lange schon warte ich hier auf deine Ankunft. Endlich bist du zu mir heimgekehrt.“ raunte ihr eine geheimnisvolle Stimme zu.

Sonderbar, einfach nur sonderbar. Sie glaubte diese Stimme zu erkennen, so als habe gerade eine alte Bekannte zu ihr gesprochen. Sie fühlte sich auf unerklärliche Weise mit diesem Ort verbunden. Felsen, schon immer besaß sie eine starke Neigung zu Felsgestein. Hier hatte sie nun einen mit dem sie sogar reden konnte. Auch Kovacs würde sich hier zu Hause fühlen.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so schnell in einen Ort verliebt. Das alles konnte kein Zufall sein.

Eine ganze Weile verharrte Elena in andächtigem Schweigen, allein mit sich und den geheimnisvollen Kräften der Natur. Ein Ort, an dem sie in Zukunft des Öfteren einkehren würde, um hier ihre Kräfte zu erneuern. Es stellte sich schon fast eine Art von Meditation ein, auf den Flügeln der Phantasie reiste sie dabei in neue, ihr völlig unbekannte Dimensionen.

 

Danach rollte sie den  Abhang hinunter, stellte ihre Mamasaki ab und begab sich noch einmal zu dem außergewöhnlichen Pater.

„Hat es dir gefallen da oben?“

„Herrlich! Traumhaft! Ich kann mich kaum erinnern, je etwas Schöneres gesehen zu haben. Noch ein Grund mehr, hier für immer meine Zelte aufzuschlagen.“

„Gut, dann die Hand darauf! Wir sind uns also einig!“ forderte der Pater.

„Das sind wir! Ich schlage ein!“ Elena reichte ihm die Hand, als diese drückte blitzen vor ihren Augen eigenartige Bilder auf. Einem Mann wurden Nägel durch Hände und Füße gebohrt. Schreie waren zu hören, Blut zu sehen. Entsetzlich! Elena wurde es kurzzeitig schwarz vor den Augen und sie taumelte.

„Was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?“ machte sich Liborius Sorgen.

„Es…es geht schon wieder! Danke! Ich weiß auch nicht, was mit mir war. Kann die Aufregung sein. Immer, wenn ich stark positiv oder ebenso stark negativ gestimmt bin, neige ich zu solchen Reaktionen.“ versuchte Elena die Sache herunterzuspielen.

„Und was war es jetzt? Positiv?“

„Ja, ausgesprochen positiv!“

Es steckte jedoch bedeutend mehr dahinter, es waren Vorgänge, die Elenas Präexistenz betrafen und die sich in Erinnerungsfetzen immer wieder meldeten. Diese sollten sich in Zukunft noch verstärkt zu Wort melden.

„Dann müssen wir nur noch aushandeln, wie wir vor gehen. Wie verständigen wir uns?“ wollte Elena  wissen.

„Ich informiere meinen Orden noch heute, die werden dann beraten und abstimmen.

Wenn ich von denen grünes Licht bekomme, teile ich es dir umgehend mit. Ich gehe wie schob erwähnt, davon aus, dass sie zustimmen!“

„In Ordnung, ich muss  mit meiner Kommune auch darüber sprechen, am Besten noch heute. Ich setze dich dann über das Ergebnis in Kenntnis.“ erwiderte Elena.

„Gut dann verbleiben wir so!“ bestätigte der Pater.

In Elenas Bauch hoben gerade ein paar Schmetterlinge ab. Sie war überglücklich. Wenn sich alles regeln ließ konnten sie schon in Kürze übersiedeln, es bedurfte nicht viel. Alles hier befand sich in einem tadellosen Zustand, denn kurze Zeit vor dem Beschluss der Mönche, alles aufzugeben hattes es hier umfangreiche Renovierungsmaßnahmen gegeben.

Ein paar persönliche Sachen, eine, möglicherweise zwei LKW-Fuhren waren von Nöten, mehr nicht.

Die beiden verabschiedeten sich. Elena wollte so bald als möglich zurück, um den anderen Bericht zu erstatten.

Sie schwang sich auf ihr Stahlross und brauste davon, machte jedoch auf einer Anhöhe der Abtei gegenüber halt, um noch für einen kurzen Moment zu verweilen.

Sie nahm den Helm ab und überblickte, auf dem Motorrad sitzend, das Areal noch einmal.

Hoch über ihr ließ sich ein Adler im Wind treiben. Nicht mehr lange und die Bäume hier würden in vollem Stolz ihr erstes Grün entwickeln.

 Welch Ungeahnte Möglichkeiten! Es war ein geradezu bombastischer Unterschied zu den beengten Verhältnissen in der Gartensiedlung. Doch auch Angst mischte sich unter ihre Euphorie. Viel würde sie investieren müssen, möglichst bald sollte die Ökonomie wieder angekurbelt werden, um die Investition auszugleichen. Denn zuerst musste die Lebensgrundlage aller Bewohner gesichert sein. Schon aus diesem Grund bedurfte sie der Anderen Rat, konnte so etwas nicht im Alleingang entscheiden.

Aber sie musste einfach hier her, sie konnte nicht anders, fühlte sich auf magische Art und Weise zu diesen Orte hingezogen. Einen idealeren Ort würde sie nie mehr finden.

Andächtige Stille. Diese wunderbare Stille bedurfte sie in letzter Zeit des Öfteren. Sie verspürte in sich den Wunsch nach Rückzug. Sie wollte in sich hören, um zu erkunden, was in ihrem Inneren vor sich ging. Und hier glaubte sie, konnte sie am ehesten jene Ruhe finden um ihre Sehnsucht zu befrieden.

Diese Sehnsucht! Nach was sehnte sie sich? Zu was fühlte sie sich hingezogen? Woher kam die Stimme, die ständig nach ihr rief? Welche Kräfte begannen in ihr zu wirken? Wohin führte ihr Weg? Was hatte das Schicksal mit ihr vor? Fragen über Fragen. Sie musste einfach eine Antworten finden.

 

Nach einer ganzen Weile der Versunkenheit fühlte sie sich wieder stark. Sie setzte den Helm auf und eilte in die Gartensiedlung zurück.

 

Zum Glück waren die meisten anwesend. Schnell wurde eine Versammlung ein berufen und Elena legte den Bewohnern ihr Vorhaben dar. Auch einen Finanzierungsplan hatte sie parat, wie gut, dass sie schon vorzeiten einen solchen ausgearbeitet hatte, denn der Erwerb eines neuen Domizils stand schon länger Zeit zur Diskussion.

Aus diesem Grund wurde der Vorschlag ausgesprochen wohlwollend aufgenommen. Natürlich auch mit Skepsis, denn ein so großes Objekt würde sicher mit einigen Problemen aufwarten.

Es gab Diskussionsbedarf, der aber auf sachliche Art geführt wurde.

Leander war nicht anwesend, da er bei Cornelius einer Besprechung beiwohnte.

„Und du glaubst, dass dieser Ort nicht doch ein wenig zu groß für uns geraten ist. Ich meine, eine Abtei, dass sind doch ganz andere Dimensionen, als wir gewohnt sind. Hier überblicken wir alles, klein und beschaulich. Zugegebenermaßen etwas zu klein, es platzt aus allen Nähten, wir sind uns schon seit geraumer Zeit darüber einig, dass wir etwas Neues, Größeres brauchen, aber gleich in solchen Dimensionen?“ sorgte sich Klaus.

„Diese Frage bewegt mich fortlaufend. Aber glaubt mir, etwas Günstigeres können wir nicht finden. Wir haben dort alles was wir für einen Gemeinschaftsbetrieb benötigen, weil eben von einer ähnlich gearteten Gemeinschaft errichtet. Es bietet sich dort die einmalige Chance, ein fast vollständig autonomes Leben zu führen, nach unseren Vorstellungen, nach unseren Regeln. Die Lage, etwas abgelegen, wirkt sich ebenfalls günstig für uns aus. Abgelegen, aber trotzdem mit einer guten Anbindung an die Hauptstadt. Ich frage euch, was wollen wir noch mehr?“

„Ich stimme Elena zu. Noch einen Winter hier würde ich kaum unbeschadet überstehen. Ich weiß nicht, ob ich dann noch stark genug wäre durchzuhalten. Aber in einem solchen Objekt, ich denke, das wird uns allen bedeutend besser bekommen!“ stimmte Alexandra euphorisch zu.

„Und wir haben dort auch wirklich viel Platz? Ich meine zum Beispiel um Musik zu machen?

Der Platz in Cornelius Fabrik ist sicher gut geeignet für meine Proben, ich bin soweit zufrieden. Aber du sagtest, es gäbe dort größere Gebäude, freie Flächen und alles was dazugehört.“ Wollte Kyra wissen.

„Du wirst dort ein ganzes Orchester unterbringen, Kyra. Und du kannst dort eigene Konzerte geben, sage ich dir. Du findest ausreichend Platz und du wirst die andern damit nicht einmal stören.“ bestätigte Elena.

„Wir sollten auch an all jene denken, die schon vor Wochen, ja vor Monaten um Aufnahme in unseren Kreis nachgesucht haben. Wir mussten sie zurückweisen, denn wo hätten wir sie unterbringen können. Wollen wir uns vergrößern benötigen wir dringend ausreichend Platz. Ich kann mir gut vorstellen, dass es dort funktioniert. Auch die Möglichkeiten, kreativ zu werden, sollten wir nicht außer Acht lassen. Du hast einen wichtigen Hinweis gegeben, Kyra. Denn nicht nur die Musik, nein auch all die anderen Vorhaben können wir dort in die Tat umsetzten.“ glaubte Kovacs zu wissen.

„Es reicht nicht aus, sich ständig zusammen zu finden, über eine bessere Welt zu philosophieren und ein theoretisches Gerüst zu erarbeiten. Du sagst selber immer wieder, dass der Anarchismus nicht eine Sache der Forderungen ist, sondern eine Sache des Lebens, Kovacs. Und genau dort können wir es erproben. Dort sind uns Möglichkeiten geboten, von denn wir hier nicht einmal zu träumen wagen.“ warb Elena weiter für eine positive Zustimmung.

„Alles richtig! Auch ich kann mich dem an schließen. Aber ich mache mir über die Finanzierung Gedanken. Das ist der Knackpunkt. Ich kann nicht akzeptieren, dass du alles von deinem Ersparten bestreitest, Elena, denn die Kosten übersteigen doch deine Möglichkeiten bei weitem. Oder sollte ich mich da irren?“ gab Gabriela zu bedenken.

„Auch ich bin dagegen dass Elena alles alleine schultert. Das widerspräche unseren Grundsätzen. Wir sind eine Gemeinschaft und als solche müssen wir auf treten. Wir fungieren als Genossenschaft. Alle sind Miteigentümer mit gleichen Rechten und Pflichten. Und wenn wir Miteigentümer sind, müssen wir uns auch am Kauf beteiligen, das versteht sich von selbst. Ein jeder nach seinen Möglichkeiten.“ mahnte Kovacs.

„Also das heißt mit anderen Worten, dass all jene, die nichts bei tragen können, weil sie nichts haben, keine Miteigentümer sein können, sondern nur Gäste. Oder wie soll ich das verstehen?“ warf Kyra ein.

„Da hast du mich missverstanden Kyra. Es gilt das Prinzip der Freiwilligkeit. Der Grundsatz jeder nach seinen Möglichkeiten bedeutet. Wer viel hat, gibt viel, wer wenig hat, gibt wenig, wer nichts hat, braucht nichts zu geben. So soll es in Zukunft bei uns sein. Aber auch jene, die viel haben, sollen wissen, sie geben freiwillig oder gar nicht.“ klärte Kovacs auf.

„Ich bin bereit, den Löwenanteil zu übernehmen. Daran hat sich nichts geändert. Ich kann an euch appellieren, ich kann euch bitten, euch zu beteiligen. Aber ich werde euch nicht nötigen.

Notfalls werde ich es alleine auf mich nehmen. Ich bin zu diesem Opfer bereit. Nein, was rede ich, es bedeutet kein Opfer, ich tue es gerne für euch. Aber ich wäre auch bereit Opfer zu bringen, sollten die nicht zu vermeiden sein.“ bot sich Elena  an.

„Ich werde mich beteiligen!“ gab Alexandra zu verstehen.

„Ich tue es auch! stimmte Gabriela zu.

Ich auch!“ erbot sich nun auch noch Klaus.  

„Ich danke euch! Das werde ich euch nie vergessen! Wir sind eine echte Gemeinschaft!“ glaubte Elena festzustellen.

„Sollten wir uns denn das ganze Anwesen nicht erst einmal ansehen. Ich meine, es wäre doch sicher von Vorteil, uns ein Bild von allem zu machen, bevor wir uns entscheiden. So was tut man doch im Allgemeinen. Wir kennen nur deine Beschreibung, Elena, die sind sehr positiv, aber was man mit den eigenen Augen gesehen ist doch objektiver.“ schlug Ronald vor.

„Der Vorschlag ist vernünftig! Ich bin auch der Meinung, wir sollten selber schauen, aber ich denke, es wird auf uns alle einen positiven Eindruck machen.“ pflichtete ihm Kovacs bei.

„Das können wir schon morgen tun. Dann lernt ihr auch den Pater kennen , ich verspreche euch, es wird euch gefallen.“ meinte Elena siegessicher.

 

Schließlich vertrauten alle auf Elenas Urteilskraft.  Im Prinzip stimmten alle zu, denn die beengten Wohnverhältnisse mussten beseitigt werden. Doch die Katze im Sack wollte keiner.

Spontan entschloss man sich schon am Folgetag zu einer Stippvisite vor Ort. 

 

Doch nicht alle konnten Elenas Euphorie teilen. Als Leander am Abend von der Besprechung kam, musste er wieder einmal den Spielverderber mimen.

„Da haben wir es wieder. Ist die Not am größten öffnet die große Elena einfach ihr Portemonnaie und legt mal eben eine Million Mark auf den Tisch und alle sind gerettet. So einfach ist das, wenn man es sich leisten kann!“ Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen Hilflosigkeit und Wut.

„Was soll das Leander, ich tue es nicht für mich allein sondern für uns alle, das ist es doch, was wir wollen! Frag doch die anderen, die bei unserer Runde anwesend waren, wenn du mir nicht glaubst.“ wunderte sich Elena über Leanders Vorwurf.

„Klar, einer für alle! Ist das  der Anarchismus, den Kovacs im Sinne hat? Alle sind gleich, aber einige werden immer etwas gleicher.“ gab Leander zynisch zurück.

„Wir sind gleich, alle miteinander. Wenn du auf mein Vermögen anspielst, so kann ich dich beruhigen, denn auch meine Reserven sind einmal erschöpft. Durch den Kauf der Abtei bin ich nahe zu pleite. Bist du nun zufrieden?“ konterte Elena geschickt.

„Na gut! Will ich dir gerne glauben. Wer sonst könnte sich ein Grundstück solchen Ausmaßes leisten. Überlege doch mal!“

„Ich musste es einfach haben, verstehst du? Ich konnte nicht anders. Es kam einer Eingebung gleich. Jedes Mittel ist mir recht. Es ist aber auch deshalb zu verwirklichen, weil sich Gabriela, Klaus und Alexandra ebenfalls beteiligten. Ansonsten hätte ich womöglich meine Mamasaki verkaufen müssen, um dahin zu kommen!“ gestand Elena.

Leander schwieg beschämt. Er wusste, was das bedeutete. Wenn Elena sogar bereit war, ihre stählerne Gefährtin zu versetzen, musste wirklich etwas dran sein. Denn ihr Motorrad  war ihr Ein und Alles. Ihr war die Angelegenheit sehr ernst.

„Ich…ich hätte auf keinen Fall zugelassen, dass du dein Motorrad verkaufst. Eher hätte ich eine Bank überfallen. Du und die Mamasaki, ihr seid Eins. Euch trennt keiner so leicht.“

Elena drückte ihre Hand auf die seine. Er spürte ihre Wärme und Zuneigung. Warum nur kamen sie immer gleich in Streit?  Sollte das denn niemals enden?

„Ich bin doch auch dafür, dass wir dorthin gehen! Ich finde es eine tolle Idee. Aber du musst  verstehen. Du bist immer die Macherin, bist jene, die alles entscheidet und vor allem finanziert, bis zu diesem Augenblick. Und ich? Was habe ich zu tun dabei? Außer dir in allem zu zustimmen?“

„Du bist es, der meine Liebe genießen darf, du allein, kein anderer. Du bist es, zu dem ich abends heimkehre, wenn ich geschafft und ausgelaugt bin, du bist es, der mir neue Kraft verleiht. Bei dir kann ich mich ausstrecken, ausruhen und mich fallen lassen.“

„Was auch sonst! Verstehe! Ich bin einfach der, der immer daneben steht!“

„Der an meiner Seite steht. Gemeinsam werden wir die Welt erobern, sie liegt uns zu Füßen und wir brauchen nur nach ihr zu greifen. In unserem neuen Zuhause werden wir Möglichkeiten haben, die uns hier kaum zur Verfügung standen. Du wirst sehen, wir bauen uns die Welt, von der Kovacs jetzt noch theoretisiert.

Elena hatte kein Problem damit, das Rollenspiel nach ihrem Gutdünken zu verändern. Sie war die Persönlichkeit und sie würde sich weiter entwickeln. Leander war der Mann an ihrer Seite. Nicht mehr! Oder war er imstande mehr aus sich machen?

In der Nacht versöhnten sie sich wieder auf ihre Art. Es schien, als lege er es extra darauf an, in Streit mit ihr zu geraten, nur um im Anschluss ihren Körper schmecken zu dürfen..

 

Zwei Tag später erhielt Elena von Pater Liborius die Nachricht, dass sein Orden ihrem Ersuchen zugestimmt hatte. Nun stand einem Kauf nichts mehr im Wege.

Grenzenloses Glücksgefühl.

Es bestand kein Grund, die Angelegenheit unnötigerweise auf die lange Bank zu schieben, deshalb einigte man sich darauf, den Kaufvertrag so bald als möglich unter Dach und Fach zu bringen.

Vorher gab es aber noch die Besichtigung von Seiten der Kommunebewohner.

 

Tags darauf strömten die Schaulustigen über das Abteigelände und Elena konnte in zufriedene Gesichter blicken. Es ging den andern ebenso wie ihr beim ersten Anblick des neuen Domizils. Ehrfürchtiges Staunen mischte sich mit hohen Erwartungen, was ihre Zukunft betraf. Keine Frage, hier würden sie bald heimisch.

Auch Pater Liborius lernten sie kennen und schätzen. Es bestand kein Zweifel daran, dass er sich hier bald integrieren konnte.

Elena stand mit Kovacs vor dem Portal der alten ehrwürdigen Basilika und blickte auf deren Fassade.

„Ich hätte mir nie träumen lassen, mal in einem Kloster zu leben. Aber ich finde es durchaus angemessen, dass wir die Gemächer der Mönche bewohnen. Wir befinden uns in guter Gesellschaft. Auch ich sehe die Verwandtschaft, auch wenn das auf den ersten Blick abstrus erscheinen mag. Unser Weg ist die Fortsetzung dessen, was sie begonnen, nur eben in einer ganz anderen Sphäre. Im Mittelalter bedeutete ihr Weg die große Alternative, heute ist es der unsere. So  wandelt sich der Lauf der Dinge.“

Kovacs schritt auf die aus grauem Naturstein gefertigte Klostermauer zu und berührte diese mit den Handflächen.. Es schien, als berichtete sie ihm aus längst vergangenen Tagen.

„Mit diesem Anwesen haben wir eine feste Grundlage, auf der wir bauen können. Auch wenn es noch eine Menge an Arbeit bedeutet. Ich kann mich beruhigt zurücklehnen, ich weiß euch hier alle in einer gewissen Sicherheit, wenn der große Sturm losbricht.“

„Welcher Sturm? Wovon sprichst du? Du machst mir Angst!“ gab Elena beunruhigt zu verstehen.

„Von dem was sich schon bald in unserem Lande tun wird. Es werden gravierende Änderungen auf uns zukommen. Nichts wird mehr so sein wie es einmal war. Da ist es gut, einen sicheren Ankerplatz zu haben, eine Art Schutzwall, vor dem, was sich von außen auf uns zu bewegt. Bevor wir in die neue Welt des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit eintreten, werden wir ein tiefes Tränental durchschreiten.“

Elena hakte sich bei ihn unter.

„Warum willst du mir mit diesen pessimistischen Zukunftsvisionen den Tag verderben? Sieh doch, ist es nicht wunderschön hier, lass es uns doch einfach genießen.“

„Sicher hast du recht! Einfach den Augenblick voll auskosten, das ist auch meine Devise. Überlassen wir das Morgen sich selbst. Ja, ein schönes Stückchen Erde hast du da für uns ausgewählt. Schade nur, dass ich nicht mehr all zuviel davon habe. Viel früher hätten wir auf eine solche Idee kommen müssen.“

Elena beunruhigten diese Worte, doch sie forschte nicht weiter nach. Kovacs Zukunftsvisionen, das war so eine Sache, die ließen sich nie so leicht durchschauen.

Zum Glück kamen Kim und Kyra auf die beiden zu gerannt.

„Das ist einfach supergeil! Ein Paradies! Du hattest du den absolut richtigen Riecher, Elena. Da lässt sich in der Tat vieles daraus machen. Wo hast du denn gedacht, dass wir wohnen werden?“ begeisterte sich Kyra.

„Sucht euch einfach das Passende aus. Ihr habt freie Auswahl“

„Alles, du meinst, wir können frei wählen?“

„Genau! Die Pioniere sind immer am besten dran, die können das beste für sich reglementieren. Spätere müssen sich dann mit dem begnügen, was übrig bleibt. Also trefft einfach eure Wahl.“

Und noch jemand war von der neuen Heimat ergriffen. Colette sah ihren immer währenden Traum erfüllt, der sie in ihren Visionen regelmäßig heimsuchte. Sie war zuhause! Endlich angekommen. Ein Platz wie geschaffen für ihr Leben. Sie zog sich weitestgehend zurück um in den Folgetagen die Anlage alleine zu erkunden. Alles hier schien ihr ein Willkommen zu zurufen. Das Herz ging ihr auf und der Verstand weitete sich.

"Colette von Akratasien! Willkommen daheim! Nimm es in Besitz, dein Reich! Von nun an gehört es dir! Verwalte es gut! Damit es reiche Frucht erbringe!"

Hörte sie schon wieder jene geheimnisvolle Stimme.

 

Schon drei Tage später war es soweit. Der Umzug, wohl eher eine In-Besitznahme. Kovacs LKW musste ganze dreimal fahren, um das wenige, das sie mitnahmen, zu beschaffen.

Sie fanden alles bezugsfähig vor, selbst die Möbel konnten dort genutzt werden.

Das Konventsgebäude sollte auch für diese Gemeinschaft als Herz fungieren. Es brauchten nur geringfügige Veränderungen vorgenommen zu werden. Während die meisten Paare sich eines der zahlreichen Nebengebäude aussuchten, um dort ihr Lager aufzuschlagen, beschloss Elena zunächst im Konventsgebäude Quartier zu nehmen. Später konnte sie noch immer in ein gemütliches Haus um ziehen. Das Konventsgebäude sollte im Besonderen als Heimstätte für Singles seine Funktion bekommen, oder auch für vorübergehende Gäste.

Im Vergleich zu der spartanischen Gartenlaube wirkte ihr neues Domizil geradezu herrschaftlich. Das schien so gar nicht zum egalitären Anspruch zu passen. Aber es gehörte ihr ja nicht allein. Colette, Mirjam und Kim beschlossen ebenfalls, dort ihre Wohnung einzurichten. Auch Ansgar, der noch immer Single war, schloss sich ihnen an. So konnten sie von Anfang an ihre Gemächer teilen.

Pater Liborius richtete sich in einer kleinen Eremitage ganz am Rande ein, um sich von un an ungestört der Kontemplation zu widmen, oder auch den Kontakt zur Gemeinschaft zu suchen, wenn ihm danach war.

Noch verlor sich die kleine Schar auf dem großen Gelände. Doch rasch würde sie sich vergrößern. Viele Anträge lagen vor, von Leuten, die sich der Kommune gerne angeschlossen hätten, aber aufgrund des akuten Platzmangels in der Gartensiedlung bisher abgewiesen werden mussten. Nun konnte man ihre Bitten erfüllen.

Möglichst schnell sollte ein Konzept für die gemeinsame Ökonomie erarbeitet werden, der Grundlage für einen erfolgreichen Betrieb der Gemeinschaft.

Sich nach Möglichkeiten selber tragen, so wenig als möglich von außen abhängig sein. Vor allem sollte jeder die Möglichkeit bekommen, mit seiner Arbeit am Lebensunterhalt teilzuhaben.

Selbstverständlich würden sie auch weiter in die Gesellschaft draußen eingebunden sein, wären zur Kooperation mit dieser gezwungen. Vollständige Autonomie? Die konnte es vorerst nur auf dem Papier geben, das würde noch eine Menge an Zeit benötigen.

Aber ein weiterer ganz wichtiger Baustein konnte so in das Gesamtkonzept eingefügt werden.

Während dessen ging das Leben draußen weiter seinen Gang. Doch es braute sich etwas zusammen, dunkle Wolken zogen auf am Horizont und warfen ihre Schatten auf das kleine sich bildende Gemeinwesen. Eine trügerische Ruhe, es sollten stürmische Zeiten auf sie warten.

Nicht morgen oder übermorgen, aber bald.