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Söhne der Freiheit

 

Das Leben in den Kommunen nahm seinen Verlauf und die Strukturen, die sich seit dem Ende der Revolution bzw. schon während deren Verlauf gebildet hatten, schienen sich immer weiter zu verfestigen.

Es hatte den Anschein, als ob sich die Spekulationen der ausländischen Boulevardmedien bewahrheiteten und sich hier eine Art von Frauen dominierte Amazonengesellschaft herausbildete.

Die Frauen der Gemeinschaft hielten offensichtlich die Fäden in der Hand und bestimmten das Geschehen. Besondere Bedeutung kam hier natürlich dem Bündnis zu, das sich den Namen „Töchter der Freiheit“ gegeben hatte. Eine Gemeinschaft, die sich nicht so recht einordnen ließ. Unmittelbar nach der Revolution beinahe zum Erliegen gekommen, startete der Bund nun wieder durch. Die verstreuten Schwestern fanden sich nach und nach wieder ein und neue kamen hinzu ,ein Umstand der ein beständiges Wachstum zur Folge hatte.

Nachdem es gelungen war, einen eigenen Sender zu installieren, ein Verdienst, das vor allem Chantal zukam, konnte nun auch Neidhardts Informationssperre durchbrochen werden und Informationen aus erster Hand in die Welt dringen.

Bald schien die ganze Welt Anteil am Leben in der Gemeinschaft zu nehmen und die Namen der Frauen waren in aller Munde.

Elena und Madlen, das starke Führungsduo, erreichte geradezu Kultstatus und sie verzauberten durch ihre Anmut und Ausstrahlung Millionen, nicht viel anders Gabriela, die feinsinnige Intellektuelle, deren wundersame Genesung von einer schweren Erkrankung und ihre Beziehung zu ihrer jungen Geliebten Kristin. Alle nahmen Anteil an Chantals Liebeskummer und hofften, dass sie mit ihrer Geliebten Eve bald wieder vereint wäre. Colette avancierte geradezu zum Superstar und ein jeder wollte in Erfahrung bringen, ob sie tatsächlich diese mysteriöse körperliche Verwandlung erlebt hatte. Schließlich hofften alle auf die baldige Rückkehr von Alexandra und Kyra, damit sich der Kreis wieder schließen konnte.

 

Doch wo blieben die Männer? Deren Namen  waren der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt, sie blieben weitgehend im Verborgenen. Jene, die nicht mehr unter den Lebenden weilten, waren noch verhältnismäßig gut dran. Leander, Elenas viel zu  früh verstorbener Mann, ein Held und Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit, der seine Tochter nie kennen lernen durfte und der Dichter Kovacs, Ideengeber und allgegenwärtiger Inspirator, jener Mann, der Elena bekehrte und auf den rechten Weg brachte, blieben im Gedächtnis haften.

Bei den Lebenden sah es mager aus. Man erinnerte sich gerade noch an einen Rebellen namens Ronald, der vergeblich das Neidhardt-Regime herausforderte, scheiterte und schließlich auf dem Gelände der Abtei Asyl fand.

Das war es auch schon.

Bei den anderen, Fehlanzeige.

Elena bereitete dieser Umstand in zunehmendem Maße Kopfzerbrechen.

Die Männer sollten sich in der künftig zu schaffenden Gesellschaft zurücknehmen und überlegen, wo und in welchem Maße sie den Frauen den Vortritt lassen konnten, so hatte Kovacs immer wieder betont und tatsächlich schienen die Männer diese Aussage allzu wörtlich zu nehmen. So aber hatte es der große Dichter mit Sicherheit nicht gemeint. Weder Kovacs noch Elena hatten, zu welchem Zeitpunkt auch immer, die Gründung eines Amazonenstaates im Sinn.

Vielmehr war man an der Schaffung einer Gesellschaft interessiert, in der Frauen und Männer gleichberechtigt auf allen Ebenen zusammenarbeiten sollten, in gegenseitigem Respekt und der Achtung der geschlechterspezifischen Eigenheiten.

Man wollte das Patriarchat überwinden. Den Männern wurde ans Herz gelegt, stufenweise den „Ewigen Macho“ in sich zu eliminieren.

Einen über Generationen gewohnheitsmäßig aufgerichteten Herrschaftsanspruch der Männer sollte es nicht mehr geben.

Schöne Theorie, doch wie konnte man sie praxistauglich machen?

Guter Rat war teuer. Da musste dringend etwas unternommen werden.

Alles begann damit, dass Ronald auf einer Gemeinschaftsversammlung die Funktion eines Männerbeauftragen übertragen bekam, eine Art Wächteramt, das die Gleichstellung der Männer mit den Frauen einfordern sollte.

Ihm oblag darauf zu achten, dass die Interessen der Männer immer in ausreichendem Maße berücksichtig werden sollten. Es stand ihm sogar ein Vetorecht zu, um zu intervenieren, wenn er zu der Ansicht gelangte, dass Männerangelegenheiten in einem zunehmend von Frauen dominierten Gemeinwesen unterminiert wurden.

Eigenartigerweise machte er davon so gut wie nie Gebrauch. Und irgendwann schien er sich mit der Rolle eines Beobachters zufrieden zu geben. In den Zusammenkünften der Schwesternschaft wirkte er ohnehin ausgesprochen deplatziert.

„Alles in bester Ordnung! Wir Männer haben nichts zu beanstanden. Wir sind in vollem Maße zufrieden mit den Entscheidungen, die von euch Frauen getroffen werden. Tut, was ihr für richtig erachtet, unseren Segen habt ihr!“ So oder ähnlich klang es jedes Mal, wenn Ronalds Meinung gefragt war.

So aber konnte es nicht weitergehen.

Elena sah sich gezwungen, das zu tun, was sie eigentlich vermeiden wollte, nämlich selber aktiv zu werden. Zu diesem Zweck hatte sie eine ganze Abordnung der Männer zu einer Besprechung in den Kapitelsaal der Abtei eingeladen.

„Ich verstehe wirklich nicht, warum ihr so ausgesprochen passiv bleibt. Euch Männern stehen im Grunde die gleichen Möglichkeiten offen wie uns Frauen. Warum macht ihr keinen Gebrauch davon? Organisiert euch ebenso! Tut euch zusammen und schafft etwas Eigenes. Etwas, das im Endeffekt allen zugute kommt. Ruft ein Bündnis ins Leben, ähnlich jenem von uns Frauen. Der Wunsch muss jedoch von euch selber kommen, die Initiative und die Ideen von euch ausgehen. Ihr könnt nicht von mir als Frau erwarten, dass ich einen Männerbund initiiere. Das würde unweigerlich zu einer Karikatur seiner selbst. Also, was gedenkt ihr in dieser Richtung zu unternehmen?“

„Das ist alles sehr lieb von dir Elena, aber die meisten von uns verstehen nicht warum und weshalb sie überhaupt etwas tun sollen in dieser Hinsicht. Es läuft doch hervorragend in unserer Kommune. Ihr Frauen habt das Heft in der Hand. Ja und? Warum nicht? Ist doch mal was anderes. Ich kann immer wider nur betonen, wir sind mit dieser Entwicklung einverstanden und stehen voll dahinter! Sieh dir nur unsere unmittelbare Umwelt an. Denke da zum Beispiel an das Zentralkomitee der RRP. Zu 100% mit Männern besetzt. Auch in den anderen Führungsebenen absolute Männerdominanz. Unsere Kommune wirkt dagegen wie ein wohltuender Kontrast.“ stellte Ronald mit fest.

„Euer Verständnis ist eine tolle Sache und ich danke euch dafür. Aber habt ihr denn gar keine eigenen Wünsche hinsichtlich des Lebens hier. Es muss doch etwas geben, das ihr vermisst, etwas das ihr gerne tun möchtet.“ hakte Elena nach.

„Hm, im Grunde eigentlich nicht! Nein, ich würde sagen, wir sind wunschlos glücklich!“ glaubte Ronald zu wissen.

„Ronald, so etwas gibt es nicht! Jeder Mensch hat Wünsche, Sehnsüchte, Ziele.“ gab Elena zu verstehen.

„Nun was meine persönlichen Wünsche und Sehnsüchte betrifft, so sollten die hinlänglich bekannt sein. Das aber ist eine rein private Angelegenheit meinerseits.“ versuchte Ronald ihr verständlich zu machen.

„Ich weiß, Ronald was du meinst. Ich habe diesbezüglich eine positive Nachricht für dich, aber das gehört nicht hierher. Komm nach dieser Versammlung zu mir.“

„Ronald will damit sagen, dass wir uns hier alle sehr wohl fühlen, Elena. Wir finden es richtig, dass ihr Frauen das Kommando übernommen habt. Du brauchst dir keine Gedanken machen. Macht einfach, wir unterstützen euch.“ erwiderte Ansgar.

„Also, ich finde das alles topgeil hier. Wo auf der Welt findet man das sonst. Eine Gruppe wahnsinnig toll aussehender Mädels, die hier das Regiment führen und wir brauchen uns nur zurückzulehnen und zu genießen!“ meldete sich Lukas mit seinem losen Mundwerk zu Wort.

„Ja, Lukas, das musste wieder kommen.“ erwiderte Elena.

"Aber es ist doch so. Oder seit ihr da anderer Meinung!“ Lukas blickte sich im Saal um und erntete weitgehende Zustimmung.

„Es ist einfach nur eine Bereicherung für uns Männer, zu betrachten wie ihr Frauen die Fäden in den Händen haltet. Hier stimmt alles, seit es sich in diese Richtung bewegt. Die ganze Art, wie ihr Frauen miteinander umgeht, diese totale Hingabe, Verbundenheit, Vertrautheit versetzt mich immer wieder aufs neue in Staunen. Es tut einfach gut, euch zu betrachten. Ich hätte so etwas früher nie für möglich erachtet.“ meinte Klaus voller Bewunderung in seinem Tonfall.

„Ich danke dir, Klaus, für das Kompliment. Aber gerade hier sehe ich das Problem. Wir Frauen scheinen gefunden, was uns glücklich macht. Unsere Schwesternschaft ist uns alles. Wir leben auf, können uns voll entfalten, blühen auf wie eine Rose im Sommer,  wir leben geradezu in einem Rausch der Sinne. Aber ihr Männer seid nur Zuschauer und das gefällt mir  ganz und gar nicht. Ihr sollt teilhaben an allem. Ich möchte, dass ihr ebenso glücklich werdet wie wir Frauen.“

„Aber das sind wir doch! Glaub uns Elena, wir leiden keinen Mangel. Die Zuschauerrolle von der du sprichst kann sehr viele angenehme Züge in sich tragen.“ versuchte Ansgar ihr verständlich zu machen.

„Ich weiß nicht. Das befriedigt mich auf keine Weise. Ich kann das nicht akzeptieren. Ich möchte einfach, dass ihr aktiver ins Geschehen eingreift.“

„Und was sollen wir machen? Was schlägst du vor?“ wollte Ronald wissen.

Elena grübelte, was konnte sie von den Männern erwarten. Wenn sie tatsächlich zufrieden mit sich und ihrer Umwelt waren, schien das doch in Ordnung? Ticken Männer wirklich anders als Frauen? Dem mochte sie keinem rechten Glauben schenken.

„Hmm, was könntet ihr tun? Also wenn ihr da nicht selber drauf kommt, was könnte ich euch dann für einen Rat geben?“

„Irgend etwas, einfach einen kleinen Anstoß, meine ich, etwas, das uns auf die Sprünge hilft, würde ich sagen!“ schaltet sich Klaus wieder ein.

„Also gut! Lasst es mich versuchen! Warum lebt ihr nicht ebenso wie wir Frauen?“ lautete Elenas verblüffender Vorschlag.

„Wie meinst du das? Das musst du uns schon eingehender erklären?“ gab ein sichtlich erstaunter Klaus zur Antwort.

„Diese Frage könnt ihr euch nur selbst beantworten. Das ist quasi eure Hausaufgabe für die Zukunft. Um sie zu lösen braucht ihr eine geeignete Umgebung. Warum schafft ihr nicht ebenso ein Bündnis wie unsere Schwesternschaft? Wie wäre es denn mit den „Söhnen der Freiheit.“ Überlegt doch mal. Wäre dass nicht voll in eurem Interesse?“

„Und wie stellst du dir das vor?“ erkundigte sich Ansgar.

„Wie ich es mir vorstelle, ist ohne Belang. Es sollte doch viel eher darum gehen, wie ihr es euch vorstellt. Mann, seid ihr auf den Kopf gefallen. Mein Vorschlag: baut euch ein Männerzentrum auf. Einen Treffpunkt nur für Männer, wo ihr einfach ihr selber seid, euer Leben gründlich unter die Lupe nehmen könnt. Einen Ort der Kreativität und Phantasie allein nur nach euren Vorstellungen. So könnte der Einstieg aussehen!“

„Einen Ort nur für Männer? Das ist aber langweilig. Ohne euch Frauen? Ich habe mich so an eure Präsenz gewöhnt. Und was die Phantasie betrifft, die ist ohne Frauen gar nicht lebendig.

Ihr seid es, die unsere Phantasie anregen.“ gab Klaus zu bedenken.

„Ja richtig, Klaus. Bin da voll deiner Meinung. Also ohne Frauen? Nee, stinklangweilig.

Es ist so geil, euch zu betrachten, wie ihr mit einander umgeht, allein die Vorstellung, wie ihr es mit einander tut….“

„Lukas, Bitte!“ unterbrach Elena barsch.

„Schuldigung!“

„Lasst uns ernsthaft diskutieren. Ich möchte so etwas nicht ins Lächerliche ziehen lassen, denn das ist es ganz und gar nicht. Passt auf! Als erstes benötigt ihr einen geeigneten Ort für eure Treffen und ich habe bereits einen für euch auserkoren. Die alte Destille steht zum Beispiel zur Verfügung. Wir haben sie im vergangenen Jahr gründlich renoviert, aber noch nicht entschieden, welchem Zweck sie dienen soll. Ich denke, dort könnte ihr euch euer Zentrum herrichten.“ bot Elena an.

„Die Schnapsbrennerei? Hm ja, wäre sicher ein geeigneter Ort. Ich denke, es ist ein guter Vorschlag!“ meinte Ronald.

„Alles, was ihr braucht, steht euch zur Verfügung. Richtet euch auf eine Weise ein, wie ihr es mögt. Wir Frauen halten uns da völlig raus. Ich vor allem. Wenn ihr Hilfe braucht, gut, dann stehen wir euch zur Seite, aber wir drängen uns nicht auf.“ versprach Elena.

„Schade!“

„Lukas!“ Elena erhob den Zeigefinger.

„Gut, einverstanden! Wenn wir dieses Zentrum geschaffen haben, wie soll es dort weitergehen? Ich meine, man richtet so etwas doch nicht einfach nur  zum Zeitvertreib her. Ich wollte wissen, was tun wir damit?“ Ansgar konnte sich wohl noch immer nichts darunter vorstellen.

„Ansgar, ich bitte dich! Ihr seid doch keine kleinen Kinder, die man an die Hand nehmen und zum Spielplatz führen muss. Ihr seid erwachsen, Männer, ausgestattet mit genügend Ideen und Erfahrungen, selber etwas zu gestalten. Es liegt an euch. Ihr entscheidet. Also, es ist beschlossenen Sache.

Ihr bekommt die alte Schnapsfabrik, richtet sie erst mal her. Dann überlegt ihr euch, wie ihr sie nutzen wollt. Das geschieht völlig autonom. Meine Aufgabe ist mit diesem Treffen erfüllt.

Ich halte mich ganz bewusst zurück. Ronald hält mich nur von Zeit zu Zeit über den Stand der Dinge auf dem Laufenden. Macht das Beste draus.“

„Also eine Kneipe brauchen wir nicht mehr, wir haben ja schon die Dorfkneipe seit vergangenem Jahr. Oder sollen wir dort eine zweite einrichten.“ stichelte Lukas wieder.

„Lukas, keine Spitzfindigkeiten mehr, sonst übe ich mit dir draußen gleich ne extra Lektion Karate.“ schmunzelte Elena.

„Gut, Elena! Wir nehmen es in Angriff! Das heißt, wir starten den Versuch eines Männerzentrums. Ergebnis offen.“

Nun konnten die Männer also mit den Frauen gleichziehen. Oder?

„Ronald, kommst du mal. Ich hab noch was für dich!“ zog Elena ihn zur Seite, während die andern den Kapitelsaal verließen.

„Es gibt Neuigkeiten von Alexandra! Ich habe sie recht stark bearbeitet. Sie ist unter ganz bestimmten Umständen bereit, wieder selbst mit dir zu sprechen. Ich meine, das ist doch schon mal ein großer Fortschritt, würde ich sagen.“

„Echt? Hat sie das gesagt?“

„Ja! Sie klang sehr angetan von meinem Vorschlag, nun wieder persönlich mit dir zu kommunizieren. Ist für mich auch mit der Zeit ein wenig stressig, ständig für euch die Botin zu spielen.“

„Das wäre eine große Erleichterung! Mal wieder ihre Stimme hören, nach so langer Zeit.

Geht es ihr gut? Ihr und den Kindern?“ Wehmut lag in Ronalds Stimme.

„Sie sind alle wohlauf! Ich bin mir ganz sicher, sie hat eben solche Sehnsucht nach dir, wie du nach ihr. Mensch, seid ihr zwei Dickschädel. Kommt endlich wieder zusammen. Vertragt euch, dann wird unsere Alexandra wiederkommen und ihren Platz  bei uns einnehmen.“

„Tja, wenn da so einfach wäre!“

„Es ist einfach, wenn ihr es beiden wollt. Sprecht wieder mit einander, dann wird sich die Lösung finden. Glaube immer fest daran!“

„Ich werde mich bemühen. Soll ich den Kontakt suchen oder tut sie es?“ erkundigte sich Ronald.

„Na also, weißt du! Willst du tatsächlich warten, bis sie sich meldet? Männer seid ihr. Es gibt auch in unserer Kommune Situationen, in der ausnahmsweise der Mann den ersten Schritt wagen muss. Ist nicht schlimm und tut auch gar nicht weh.“

 

Schon am Folgetag nahmen die Männer ihr neues Domizil in Augenschein und tatsächlich schien sich in zunehmendem Maße ein echtes Interesse einzustellen. Mit Schwung und Elan begannen sie ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die gröbsten Tätigkeiten wurden bereits im Vorjahr geleistet, so dass sie sich ganz auf die Feinausstattung konzentrieren konnten.

Es standen ihnen eine ganze Reihe von Räumen, größere als auch kleinere, zur Verfügung, über deren genaue Nutzung sie sich noch zu verständigen hatten. Die Elemente der alten Werkstätte wurden nach Möglichkeit beibehalten und lediglich so um gestaltet, dass sie der neuen Nutzung dienen konnten.

Schon nach kurzer Zeit konnte sich das Werk sehen lassen.

Zeitgleich mit den handwerklichen Tätigkeiten beschäftigten sich die Männer auch mit dem theoretischen Grundsätzen ihrer möglicherweise zu schaffenden Bruderschaft, oder wie auch immer man diesen Verbund zu nennen gewillt war.

Diese Art von Aufbautätigkeit sollte sich als erheblich schwieriger erweisen als jene, bei denen tatsächlich Hammer und Maurerkelle geschwunden wurden. Denn es galt die Rolle als Mann in einer völlig veränderten Gesellschaftsform zu finden und zu definieren.

Auch wenn Elena die Bezeichnung Amazonenstaat vehement ablehnte und ins Reich der Phantasie verwies, einen wahren Kern konnte sie nicht leugnen. Die Männer waren in der letzten Zeit deutlich ins Hintertreffen geraten und mussten sich erst wieder finden.

 

So kam es, dass sich an einem schönen Sommerabend  eine gesellige Runde in dem gerade neu eingerichteten großen Versammlungsraum einfand, um erstmals einen theoretischen Grundkurs in Punkto Rollendefinition zu absolvieren.

Die provokante Frage, deren Beantwortung sie sich zum Ziel gesetzt hatten, lautete:

„Warum können Männer nicht wie Frauen sein?“

Was zunächst etwas idiotisch anmutete und eher an einen Karnevalsgag erinnerte, sollte sich aber bei näherer Betrachtung als durchaus ernst zu nehmende philosophische Frage ersten Grades erweisen.

Wer definierte die Rollenklischees in der Vergangenheit? Was ist eigentlich ein Mann, wer legt fest, wie dieser zu funktionieren hat. Wer schreibt vor, wann Frau eine Frau zu sein hat? Und gibt es denn da noch etwas dazwischen, darüber, darunter oder drum herum?

Klaus oblag die Aufgabe, die erste Arbeitseinheit dieses Workshops zu moderieren. Keine leichte Aufgabe, wenn man die Männer betrachtete, die sich hier versammelt hatten. Da waren solche aus der ehemaligen Privooberschicht, gebildet und kultiviert, Leute die in früheren Zeiten Führungspositionen inne hatten und gewohnt waren, dass man ihren Anweisungen widerspruchslos Folge zu leisten hatte.

Auf der anderen Seite Männer der Prekaschicht, darauf abgerichtet, sich ausschließlich über ihre Arbeit zu definieren. Das Fließband oder ähnliche monotone Folterinstrumente hatten ihre Seelen vernebelt und sie zu Arbeitsameisen mutieren lassen, denen jeder Blick für die Schönheiten des Lebens abging. (siehe Kapitel 7 Teil 1 Homo oeconomicus)  Mühsam hatte sie erst lernen müssen, mit ihren neuen Freiheiten umzugehen.

Schließlich jene von der untersten Stufenleiter, die Paria, die einstigen Nichtexistenzen, die erst einmal damit umzugehen hatten, dass sie wieder existent waren und gleichberechtigt am Leben teilnehmen durften. Menschen, die in vorrevolutionärer Zeit an entsetzlichen Mängeln litten und sich hier wie in einem Paradies vorkamen.

Solch unterschiedlich geprägten Männer dazu zu bewegen, in Vertrautheit zusammen zu arbeiten kam schon der Quadratur eines Kreises gleich.

Auch wenn sie schon eine ganze Weile in der Kommune lebten und viele gegenseitige Vorurteile abgebaut werden konnten, war die Distanz noch lange nicht überwunden.

Die Frauen dienten hier als Orientierung. Denn selbstverständlich mussten die ebensolche Barrieren überwinden, um zueinander zu finden.

Aber wie vermochten die das? Eine Antwort lag geradezu auf der Hand. Durch Liebe und innige Zuneigung, durch einfühlsames Aufeinanderzugehen und tiefe gegenseitige Achtung.

Es war einfach eine alles umfassende Liebe der Frauen untereinander, die imstande war, soziale und intellektuelle Grenzen einzuebnen. 

Nur so waren die ungewöhnlichen Paarbeziehungen zu erklären, die sich hier gebildet hatten.

Elena und Madlen natürlich an herausragender Stelle, aber auch die anderen die es in sich hatten.

Wie konnte man etwa die Beziehung zwischen dem aus wohlbehüteten vornehmen Verhältnissen stammenden Puppenhaften, fast zerbrechlich wirkenden Prinzesschen Alexandra mit der rebellisch-rauen Punkerin Kyra erklären, Anführerin einer kleinkriminellen Jugendgang, einer, die auf einem Bauwagenplatz aufgewachsen war. Konnte es einen größeren Gegensatz geben? Die bürgerlich-dekadente Welt des alten untergegangenen Melancholanien verunmöglichte eine solche Beziehung, beide hätten einander nie begegnen können. Aber hier trafen sie zusammen, fanden sich und entdeckten die Liebe ihres Gegenüber, weil ihnen eine Plattform zur Verfügung stand, die ihnen die Möglichkeit bot, auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Oder die hoch gebildete kultivierte Intellektuelle Gabriela, stets mit einer Aura des Vornehmen und Unantastbaren um geben und ihrer ungewöhnlichen Beziehung zu ihrer wesentlich jüngeren Geliebten Kristin, die der eintönig-gleichförmigen Monotonie des Prekaalltages nur entfliehen konnte, indem sie sich als Hure verdingte und immer deutlicher abzurutschen drohte. Die junge Frau mit wenig Bildung mauserte sich an Gabrielas Seite zu einer geachteten Persönlichkeit.

Es handelte sich nicht nur einfach um die Befriedigung oberflächlicher sexueller Reize.

Hier war weitaus mehr im Spiel.

 

Warum taten sich die Männer so schwer damit, den Frauen in dieser Hinsicht  ebenbürtig zu werden?

Ein gewaltiges Pensum an Arbeit harrte seiner Erfüllung

„Ich hoffe, ihr habt euch mit unserem heutigen Thema in ausreichenden Maße vertraut gemacht. Ein harter Brocken, zugegeben. Ich gehe lieber gleich davon aus, dass es uns heute kaum gelingen wird, auf Anhieb eine zufriedenstellende  Antwort zu finden.

-Warum können Männer nicht wie Frauen sein-?“

„Aber warum sollen denn Männer sein wie Frauen, verstehe ich nicht!“ meldetet sich Ernst, ein untersetzter muskelbepackter Glatzkopf, der seit etwa einem halben Jahr auf dem Gelände der Abtei lebte und in seinem Vorleben als Fleischermeister tätig war. Also jemand, der die besten Voraussetzungen mitbrachte, mit diesem hochsensiblen Thema umzugehen.

„Ich ebenso wenig, Ernst! Verstehst du denn nicht, das ist doch jene Frage, deren Beantwortung wir uns heute zu Ziel gesetzt haben.“ gab Klaus schon jetzt sichtlich genervt zur Antwort.

„Also eine dümmere Frage kann man wohl kaum stellen! Ist das ein Ulk oder  tatsächlich ernst gemeint?“ wollte Ansgar wissen, der wie die meisten andern Männer hier, kaum etwas mit dem Thema anzufangen wusste.

„Ein Ulk? Wir wären wohl kaum hier zusammen gekommen, wenn es sich um einen Scherz handelte. Ich merke schon, ihr hab euch glänzend auf diese Thematik vorbereitet. Dass kann ja heiter werden.“ Klaus konnte seine Enttäuschung kaum verbergen.

„Also, ich habe zumindest den Versuch unternommen, mich ein wenig vorzubereiten. Unsere umfangreiche Bibliothek bietet zum Glück eine Menge an lehrreichen Materialien, aber nirgends bin ich auf etwas gestoßen, das auch nur annähernd Aufklärung bieten könnte. Wenn sie auch zum Teil weit auseinander liegen, stimmen sie doch dahin gehend überein, dass es Männer gibt und dass es Frauen gibt, von Kundras war da übrigens keine Rede. Ein Mann definiert sich als Mann, eine Frau als eine Frau, Punkt.“ versuchte Ronald ein wenig Ordnung in die Verwirrung zu bringen.

„Also ich verstehe nur Bahnhof!“ meldet sich Lukas zu Wort. „Klaus, sag uns doch einfach, worauf du hinaus willst, dann finden wir möglicherweise sogar noch den Einstieg in das Thema.“

„Mann, seid ihr harte Brocken. Gut, einverstanden, noch mal von vorn. Durchatmen, Ruhe bewahren. Also, der Zufall, oder was auch immer, hat uns vor einiger Zeit in eine Gemeinschaft geführt, die sich, losgelöst von der Welt um ihr, langsam in eine bestimmte Richtung entwickelte. Angefangen in der Siedlung am Stausee, später dann in der Abtei. Von hier aus beobachteten wir den Untergang eines alten Staatswesens, eine Revolution, einen verheerenden Bürgerkrieg, Neidhardts Machtergreifung und schließlich dessen Diktatur. Auch wenn wir in der Phase des Übergangs arg in Mitleidenschaft gezogen wurden, blieben wir doch die letzte Zeit von den Entwicklungen draußen weitgehend verschont. Wir leben quasi auf einer Insel.“

„Ja, aber das wissen wir doch alles. Musst du unbedingt mit dem Urschleim anfangen. Zieh es doch nicht so in die Länge und komm endlich auf den Punkt.“ beschwerte sich Ansgar.

„Würdest du mich bitte ausreden lassen. Mit ein wenig Geduld wirst auch du bald in Erfahrung bringen, was ich damit sagen will.

Also, abgeschirmt von den Unbilden der Umwelt konnten wir unser Leben weitestgehend selbst bestimmen und gestalten. Die Entwicklung brachte es mit sich, dass hier in zunehmenden Maße die Frauen in den Vordergrund rückten. Begünstigt nicht zuletzt durch jene Schwesternschaft, die uns allen wohlbekannt ist. Begonnen hat alles an jenem denkwürdigen Tag, auf der großen Abschlusskundgebung des Wahlkampfes der Neuen Liga, deren Spitzenkandidatin bekanntlich Elena war. Sie rief damals die „Töchter der Freiheit“ ins Leben. (siehe Kapitel Anarchaphilias Töchter).

„Auch das ist uns bekannt. Sind wir hier in der Schule? Oder warum musst du bei jeder passenden Gelegenheit den Lehrer herauskehren? Ich fühle mich auf meine alten Tage ganz und gar nicht in der Stimmung für Lehrvorträge.“ schaltete sich nun Hannes ein. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sich Leanders Vater überhaupt wieder in einer größeren Runde sehen ließ. Die anderen staunten nicht schlecht über diese Tatsache, schwiegen jedoch aus Pietätsgründen. 

„Es ist wichtig, sich des Ursprunges zu erinnern, nur so können wir die Brücke in die Gegenwart schlagen.“ entgegnete Klaus diskret.

„Aber was hat das alles mit uns zu tun? Sollen wir der Schwesternschaft bei treten oder was? Dann lasse ich mal zunächst auf meiner Glatze eine sinnliche Haarpracht wachsen, hahaha!“ bekundete Ernst.

„Musst du denn immer alles ins Lächerliche ziehen, bleib doch mal ernst Ernst, äh…äh..“

Dieser Ausspruch erntete nun erst recht Gelächter.

„Also mit euch zu arbeiten ist wirkliche eine wahre Freude. Da können wir nur von Glück sagen, dass die Frauen hier das Heft in der Hand halten. Es wäre ja….“

Ein zaghaftes Klopfen an der Tür unterbrach Klaus Standpauke. Dieser eilte zum Ausgang und öffnete. Zu seiner großen Überraschung stand dort Pater Liborius und bat darum, eintreten zu dürfen.

„Darf ich eintreten?“

„Ja, aber selbstverständlich, Pater Liborius, du bist uns herzlich willkommen, so wie alle Männer aus der Kommune. Komm rein und nimm Platz.“ lud Klaus überschwänglich freundlich ein.

„Ich habe lange überlegt, ob  ich eurer Unterredung beiwohnen soll. Schlussendlich entschieden zu kommen, weil ich euch vielleicht bei einigen Fragen nützlich sein könnte. Immerhin habe ich hier auf diesem Gelände sehr lange einer rein männlichen Lebensgemeinschaft angehört.

Möglicherweise interessiert es den einen oder andern, wie wir damals unser Leben fern des weiblichen Geschlechtes gestalten konnten.“

Andächtiges Schweigen breitete sich im ganzen Raume aus.

„Aber ja! Richtig! Gut, dass du uns darauf aufmerksam machst. Darauf wäre ich gar nicht gekommen. Freilich, wir befinden uns auf dem Gelände eines ehemaligen Mönchsklosters.

Wir werden deinen Rat mit Sicherheit benötigen. Endlich einer, der sich mit dem nötigen Ernst der Sache widmet. Wir sind noch bei der Einleitung. Stehen geblieben waren wir bei der Gründung der Schwesternschaft. Die Revolution und die damit verbundenen Unruhen überschatteten zunächst die Entwicklung, viel Leid kam über unsere Gemeinschaft. Aber bereits damals zeichnete sich eine Entwicklung ab in Richtung Frauendominanz.“

„Ach, du meinst dass die Frauen hier alle Dominas sind, oder?“ störte nun Lukas den Redefluss.

„Lukas, fang du nicht auch noch an. Es ist genug. Solltet ihr mich noch einmal mit euren blöden Bemerkungen unterbrechen, könnt ihr alleine weitermachen, ist das klar? Du kannst gerne auf meinem Stuhl hier Platz nehmen, wenn du der Meinung bist, dass du es besser kannst!“

„Schon gut, schon gut! War doch nur ein Spaß!“

„Auf solche Späße kann ich gern verzichten. Also kann ich jetzt weitermachen? Gut! Wo war ich? Ach ja, bei den Dominas…äh..“

Wieder brandete ihm ein leises Gekicher entgegen.

„Ich meine natürlich bei der Dominanz. Ihr bringt einem völlig aus dem Konzept.

Also, die Frauen haben hier so eine Führungsrolle übernommen. Auf einmal war die präsent. Niemand bemerkte es und niemand schien daran Anstoß zu nehmen. Es kam uns im Gegenteil wie eine Selbstverständlichkeit vor. Ihr alle werdet mit Sicherheit zustimmen, wenn ich behaupte, dass die Frauen hier für eine einzigartige Atmosphäre des Zusammenlebens gesorgt haben. Ein Klima der Geschwisterlichkeit und Zusammengehörigkeit, ein für uns vorher unvorstellbares Gemeinschaftsbewusstsein begann sich zu entwickeln.“

Alle anwesenden Männer signalisierten Kopfnickend ihre Zustimmung.

„Hinzu kommt ein Hauch sinnlicher Erotik und Lebensfreude der uns jeden Tag aufs Neue zu bezaubernd scheint. Gibt es einen unter euch der diesen Ort mit einen andern auf der Welt zu tauschen wünscht?“

„Niemals!“

„Auf keinen Fall!“

„Da müssten wir ja verrückt sein, täten wir das!“

„Das Schönste was ich je erlebt habe!“

„Einen besseren Ort gibt es nicht!“

So oder ähnlich klangen die Sympathiebekundungen die Klaus zu hören bekam.

„Das wollte ich von euch hören! Wir alle sind Männer die Zeugen eines einmaligen Ereignisses wurden. Frauen übernahmen die Führungsrolle und gestalten eine Gesellschaft komplett um. Wir Männer haben nichts dagegen einzuwenden, weil wir erkannten, dass wir davon nur profitieren können.“ fuhr Klaus in seinen Ausführungen fort.

„Das ist alles richtig Klaus und ich kann dir nur zustimmen. Was aber hat das alles mit der provokanten Frage zu tun, deren Antwort wir uns erarbeiten wollen. Also jener, warum Männer nicht wie Frauen sein können?“ wollte Ronald wissen.

„Sehr viel Ronald! Zugegeben, die Frage klingt in der Tat ein wenig dämlich. Man könnte diese auch anders stellen. Warum ist es uns Männern in der Vergangenheit nicht gelungen, so etwas auf die Beine zu stellen? Eine Gesellschaft der Freiheit, der Gleichheit und Geschwisterlichkeit umrahmt von betörender Sinnlichkeit und Schönheit?“ unternahm Klaus den Versuch die Frage umzudeuten.

„Aber es gab doch Versuche in der Vergangenheit. Zu allen Zeiten und an den verschiedensten Orten auf der Welt. Ganze Philosophien wurden entworfen mit dem Ziel, die Welt zu verbessern, von den Religionen ganz zu schweigen. Aber offensichtlich kamen sie nie an, in der Welt, die wir nun erleben dürfen!“  stellte Pater Liborius fest.

„Und du meinst, dass es daran liegen könnte, dass in der Geschichte stets die Männer vorangingen?“ meinte Ansgar mit ein wenig Entsetzen in der Stimme.

„Das könnte sein, ja! Ich weiß es nicht. Niemand kann das mit Sicherheit sagen. Aber es ist durchaus vorstellbar. Es ist nun mal eine unumstößliche Tatsache, dass zu fast allen Zeiten und überall auf der Welt die Männer das Sagen hatten. Das lässt sich nicht verleugnen.“ wies Klaus auf diese Tatsache hin.

„Wir erinnern uns sicher noch alle der Worte unseres unvergessenen Freund Kovacs.

Er sprach von einer Zeit, in der jene Form der Männervormacht noch nicht existent war. Weit müssten wir in die Vergangenheit reisen um die zu finden, bis in die Steinzeit etwa. Damals soll es Gesellschaften gegeben haben, in der eine Art von Gleichheit unter den Geschlechtern bestand. Und den Frauen kam sogar eine Art Überhöhung zu aufgrund der Tatsache, dass sie Leben gebären konnten.“ erinnerte sich Ronald.

„Und sind wir Männer etwa schlechter, weil uns das nicht möglich ist!“ polterte Hannes etwas griesgrämig.

„Aber so war das doch nicht gemeint, Hannes!  Die Menschen damals waren sich der Geheimnisse der Fortpflanzung noch nicht gewiss, im Gegensatz zur Moderne.“ entgegnete Ronald.

„Wir beginnen, vom Thema abzuschweifen. Aber Ronalds Hinweis ist sehr wichtig. Denn es könnte uns durchaus zukommen, diesen Urzustand wieder herzustellen. Erst jetzt beginnt sich mir zu erschließen, was uns Kovacs damals sagen wollte, erinnert ihr euch noch, alle, die ihr zu jenem Zeitpunkt schon dabei wart? Wenn er uns lehrte, wie wichtig es sei zu den Ursprüngen zurückzukehren? Wir waren in jenen Zeiten noch weitgehend taub für seine Worte, deren Bedeutung drang nicht in unser Bewusstsein. Aber hier konnten wir viel davon in die Praxis übertragen. Und uns von der Tatsache überzeugen, dass es funktioniert.“ erläuterte Klaus weiter.

„Aber ich verstehe immer noch nicht, was dass mit unserer Frage zu tun haben soll. Gut, die Frauen haben hier viel geleistet. Wir alle sind uns dessen bewusst und erkennen es an. Wir alle leben gerne hier und genießen unser Dasein. Warum in aller Welt sollen wir wie die Frauen werden?“ lautete Ansgars ungeduldige Frage.

„Du hast mich nicht verstanden Ansgar. Die Geschichte wurde weitgehend von Männern geschrieben, aber es gelang ihnen zu keiner Zeit, die Verhältnisse so zu gestalten dass sie dauerhaft zu einer friedlichen, gerechten und geschwisterlichen Welt führten. Hier erleben wir hautnahe wie die Frauen gestalten und es scheint allen Anschein nach zu funktionieren. Also, warum gelang oder gelingt uns Männern dergleichen nicht? Was haben wir falsch gemacht, was könnten wir ändern? Müssen wir erst wie Frauen werden um so verfahren zu können?“

„Aber warum müssen wir erst zu Frauen werden um die Welt zu verbessern? Warum können wir nicht einfach Männer bleiben um als Männer für eine bessere Welt zu sorgen?“ wollte sich Ansgar immer noch nicht mit der Antwort zufrieden geben.

„Aber das ist doch die Frage um dies es geht!“ entgegnete Klaus ungehalten.

„Verstehe ich nicht!“ So Ansgar.

„Ich auch nicht!“ pflichtet ihm Hannes bei.

„Mein Gott, ihr tötet mir noch den letzten Nerv mit eurem Gehabe. Ich sehe es ein, ich muss die Sachlage von einer völlig anderen Seite aufschlüsseln. Vergesst alles was ich sagte, ich versuche es euch plastisch vor Augen zu führen. Wir alle sind Zeugen von der Art und Weise, wie unsere Frauen hier miteinander umgehen. Die Vertrautheit, die Innige Zuneigung, die Zärtlichkeit des Umganges untereinander und nicht zuletzt die zahlreichen Paarbeziehungen, die daraus hervorgingen.  Wie schaffen die das? Warum gelingt uns das nicht im Umgang untereinander?“

„Klaus, so kannst du die Problematik nicht an gehen. Frauen sind nun einmal so. Die ticken ganz anders als wir. Da haben wir keinen Einfluss drauf“ gab Lukas zu verstehen.

„Nein, gerade mit dieser Aussage will ich mich eben nicht zufrieden geben. Warum ticken Frauen anders? Darauf sollten wir eine Antwort finden.“ lehnte Klaus die Aussage erneut ab.

„Na, ich denke, weil die Psyche der Frauen anders gepolt ist. Die sind in ihrem Inneren eben eher auf Gefühl programmiert, würde ich sagen. Deshalb schaffen sie es besser. Uns Männern gelingt es nicht, weil wir eben eher die rationalen Typen sind.“ glaubte Hannes zu wissen.

„Na, das ist doch wohl ein Griff in die unterste Mottenkiste. So was hat man Jahrhunderte hindurch gelehrt mit den Folgen, die wir nun auszubaden haben. Nein, das kann es nicht sein. Das ist mir einfach viel zu biologistisch. Ich bin der Ansicht, das hat einfach nur mit der Art der Sozialisierung zu tun und das ist alles.“ meinte Thorsten der erst wenige Minuten vorher zur Runde gestoßen war. Ein etwa 30-jähriger intellektueller Typ hochgewachsen mit langen schwarzen Haaren, die er zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden hatte.

Klaus war sichtlich erleichtert über den Umstand, dass er nun einen Mitstreiter gefunden zu haben schien.

„Kannst du dich mal'n bisschen deutlicher ausdrücken? Was soll dieses kluge Geschwafel?“ beschwerte sich Ernst der sich allem Anschein nach intellektuell stark überfordert fühlte.

„Bitte keine Beleidigungen ! Thorsten, du kommst zur rechten Zeit. Wir befinden uns in einem Dilemma, bewegen uns beständig im Kreis und kommen nicht auf den Punkt. Wir sind gespannt, deinen Ausführungen zu lauschen.“ begrüßte Klaus seinen Verbündeten.

„Nun, wenn ihr mich fragt, dann ist Geschlecht einfach nur konstruiert. Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist eine Frau eine Frau? Rein theoretische Fragen. Erziehung, einfach alles Erziehungssache. Wir werden von Beginn unseres Lebens auf eine Rolle festgelegt, dass ist das ganze Problem. Könnten die Menschen frei entscheiden, wer oder was sie sein möchten, wie sie leben wollen etc. dann gäbe es eine Vielzahl von Geschlechtern. Warum muss ein Junge Fußball spielen und ein Mädchen mit Püppchen. Wer hat das festgelegt? Ich bin der Ansicht, es geht auch anders.“

„Unsinn, alles Unsinn! Das ist eben so. Also wenn ich meinen Jungen dabei erwische, dass er mit Puppen spielt, kann er sich auf was gefasst machen.“ polterte Ernst erneut.

„Das kann ich mir vorstellen. Dein Junge ist wahrhaft nicht zu beneiden. Weiß du, ich beginne mich zu fragen, warum du eigentlich vor einem halben Jahr in die Kommune gekommen bist, Ernst.“ lautet Klaus provozierende Frage.

Damit hatte er den wunden Punkt getroffen und Ernst schwieg schmollend vor sich hin.

Jeder wusste, warum es ihn in die Kommune verschlagen hatte. Ernst konnte draußen einfach nicht die Schnauze halten und eckte ständig an, solange, bis er sich den Mund verbrannte. Er entzog sich der Verhaftung durch Neidhardts Sicherheitsdienst nur durch die Flucht in die Kommune. Einen wirklichen Bezug zum dem sich hier entwickelnden Leben hatte er bis zu diesem zeitpunkt nicht gefunden. 

„Aber wenn Geschlecht konstruiert ist, da müsste es doch Möglichkeiten geben, es zu korrigieren. In einer freien Gesellschaft wäre es also durchaus möglich, ganz neue Wege zu gehen.“ meinte Ronald.

„Ja sicher! Man müsste es eben einfach mal versuchen. Was ist denn schon dabei? Die Tatsache, dass die Frauen hier dominieren ist doch schon der Anfang. Es liegt an uns, ob wir in der Lage sind, eine neue Rolle zu suchen und zu finden. Ich bin mit Klaus einer Meinung, wir könnten durchaus von den Frauen lernen. Wir brauchen nur genau zu beobachten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Warum versuchen wir es nicht mal, wenn es nicht funktioniert, dann eben nicht, es schadet ja niemandem!“

„Also, wenn jemand versteht, damit umzugehen, dann bist du das, Klaus. Denn immerhin lebst du gleich mit zwei Frauen unter einem Dach. Zwei Frauen, die ein Liebespaar bilden. Ein erotisches Dreieck sozusagen. Du bist uns allen ein großes Stück voraus. Du lebst doch geradezu in einem Paradies, wenn die Bemerkung erlaubt ist.“ warf Ansgar die Frage auf.

„Die Frage ist erlaubt, aber was das Paradies betrifft, kann ich nur sagen. Ein ausgesprochen zweischneidiges Schwert. Sicher, ich lebe mit zwei Frauen in einer Beziehung, das kann ausgesprochen angenehm sein. Andererseits muss ich in der letzten Zeit immer häufiger darum kämpfen, auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Gabriela und Kristin sind derart aufeinander fixiert, das für den guten alten Klaus kaum noch Zeit erübrigt werden kann.“ erwiderte der angesprochene mit Wehmut in der Stimme.

„Fühlst du dich außen vor?“ wollte Lukas wissen.

„Hm, schwer zu sagen, ob es schon soweit ist. Ich bin Gabrielas Lebenspartner sein über 20 Jahren, wir kennen uns von Jugendjahren an, haben zusammen studiert und und und. Als Kristin zu uns kam, habe ich Gabriela vernachlässigt und schwer gekränkt. Ihr alle wißt um ihre lebensbedrohliche Erkrankung, die sie Gott sei Dank überstanden hat. Aber ich habe dafür gebüßt und tue es noch immer. Stattdessen haben sich die Frauen gefunden.

Gabriela ist für Kristin, lass mich überlegen...“ Klaus zählte mit den Fingern seiner Hand.

„Sie ist für Kristin Geliebte, beste Freundin, Tochter, zumindest Tochterersatz, wie man es auch bezeichnen will. Ja, zudem noch Schülerin. Ach ja, und in der Schwesternschaft sind sie ja auch gemeinsam, noch ein starkes Band. Eine Wucht an Beziehungsgeflechten. Was kann ich da schon ausrichten. Ich bin eben ihr alter Lebensbegleiter seit Jahren, mehr aber auch nicht.“

Sprach da etwa Resignation? Man konnte es an nehmen. Doch Klaus schien nicht unbedingt unglücklich.

„Du bist trotz allem ein echter Glückspilz, Klaus. Andere haben da nicht annähernd so viel Glück. Wenn ich da so an mich denke, schweigen wir lieber.“ meldete sich Ronald zu Wort.

„Du bist selbst Schuld an deinem Dilemma. Also, wenn ich so eine Traumfrau wie Alexandra besäße, wüsste ich genau, was ich zu tun hätte. Mich zu ihr begeben, sie ins Auto  laden und hierher bringen, da, wo eine anständige Frau hingehört, an die Seite ihres Mannes. Aber du hast ja keinen Arsch in der Hose.“ plätte ihn Ernst ab.

„Vielen Dank, das war ausgesprochen galant.“ wiegelte Ronald ab.

„Was soll das, Ernst, lass Ronald in Ruhe. Du bist unfair. Du weißt genau, dass Ronald das Gelände der Abtei nicht verlassen darf, weil er ein Geächteter ist. Und was Alexandra betrifft, sie muss das entscheiden. Diese Angelegenheit geht nur die beiden etwas an.“ wies Klaus Ernst zurecht.

„Ich sage euch, wenn einer unsere zentrale Frage beantworten kann, dann ist es Lukas. Du, Lukas, bist doch mit Kim zusammen. Kim möchte doch, soviel ich weiß, selber gerne ein Mann sein. Wo steckt sie eigentlich, warum ist sie nicht zu dieser Zusammenkunft gekommen?“ lenkte Ansgar die Diskussion in eine andere Richtung.

„Was soll der Quatsch? Kim kann sich nicht entscheiden, wie sie leben möchte. Solange das nicht der Fall ist, bleibt sie im Kreis der Frauen. Sie gehört schließlich auch zur Schwesternschaft. Sollte Kim einmal zu 100% als Mann leben wollen, sollten wir ihr selbstverständlich einen Platz bei uns einräumen. Das ist aber im Moment nicht der Fall .“ entgegnete Lukas.

„Warum haben wir eigentlich Colette nicht eingeladen. Ich meine, wenn uns jemand in dieser Frage weiterhelfen kann, dann sie. Schließlich hat sie den Schritt zur Frau erfolgreich gemeistert.“ stellte Hannes fest.

„Colette? Was soll denn Colette unter uns? Du beleidigst sie, wenn du sie als Mann bezeichnest!“ erwiderte Klaus barsch.

„Natürlich sehe ich Colette nicht als Mann. Ich meine doch nur, sie könnte uns wichtige Hinweise geben, wie ein solcher Wandel von statten geht?“

„Ja, möchtest du denn eine Kundra werden?“ fragte Klaus recht aufgebracht.

„Nein, natürlich nicht!“

„Also! Das ist doch ein völlig anderer Sachverhalt und hat mit unserem Problem rein gar nichts zu tun. Die Kundras müssen ihren Weg gehen. Wir aber sind Männer, die Männer bleiben wollen. Das ist unser Leben.“ hielt ihm Klaus entgegen.

„Und die abgeschirmte Lage hier in der Abtei bietet uns die Möglichkeit, jenseits festgefahrener Rollenklischees unseren Weg zu beschreiten. Einfach mal was Neues entwickeln.

Ein modernes Männerbild eben, befreit von patriarchaler Vereinnahmung. Stellt euch vor, wir brauchen nicht mehr die Herrscherrolle zu spielen, das tun derzeit die Frauen, bzw. auch nicht, denn Elena betont bei jeder Gelegenheit den libertären Charakter unserer Kommune und die Beseitigung jeglicher Hierarchien. Aber egal, was auch immer. Uns steht die nötige Zeit und Muße zur Verfügung und wir haben auch den Raum, einfach einen neuen, revolutionären Weg zu beschreiten.“ begeisterte sich Thorsten.

„Und was schlägst du konkret vor?“ erkundigte sich Ronald.

„Ein Rollenspiel wäre angebracht?“

„Ein was?“

„Wir könnten in spielerischer Form versuchen, einander zu begegnen, wie es die Frauen  in der Kommune tun. Ich bin gespannt, was da dabei rauskommt. Einfach mal so zum Spaß tun, als seien wir Frauen.“ fuhr Thorsten fort.

„Ach, das ist doch albern! Was soll das? Wir machen uns bloß lächerlich damit!“ lehnte Hannes energisch ab.

„Nein, der Meinung bin ich nicht. Es kommt auf den Versuch an. Ein Spiel und weiter nichts. Kein Wort wird nach draußen dringen. Da kann ich dich beruhigen, Hannes. Wir haben hier einen Schutzraum zur Verfügung. Nur jene, die ein wirkliches Interesse an der Sache haben, bekommen Zutritt. Andere Personen haben hier nichts zu verlieren. Wir brauchen uns daher nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.“ stimmte Klaus dem Vorschlag zu.

„Nehmt es mir nicht übel, aber ich kann mir nicht im Geringsten, vorstellen wie das funktionieren soll. Also ich weiß nicht!“ zweifelte Ansgar.

„Ein Spiel, Ansgar. Wenn es uns zu bunt wird, können wir jederzeit abbrechen.“ versuchte Klaus zu beruhigen.

„Also, ich werde bei dem Spiel aus verständlichen Gründen nicht aktiv mitwirken. Aber ich kann euch gerne beratend zur Seite stehen, denn wie gesagt, ich habe in einer reinen Männerkommunität gelebt. Hier funktionierte alles autark in unserem Kloster. Wir lebten lange Zeit in strenger Klausur. Frauen hatten überhaupt keinen Zutritt in den inneren Bereich der Abtei. Auch wir mussten unser spezielles Männerbild finden, dabei half uns eine lange Traditionskette, die viele Hundert Jahre in die Vergangenheit reicht.“ schaltet sich  Pater Liborius ein. Es schien, als habe der den Sinn des Ganzen erfasst und konnte sich sogar, im Gegensatz zu vielen anderen im Raum, echt dafür begeistern.

Sein Angebot wurde mit großer Zustimmung angenommen.

„Ich denke, wir sind uns im Großen und Ganzen einig. Alles ist freiwillig, alles kann, nichts muss. Wem es zu albern erscheint, kann jederzeit die Versammlung verlassen. Aber ich schärfe es euch nochmals ein. Alles was hier geschieht, wird diese Wände nicht verlassen. Kein Wort darf nach draußen dringen.“ lauteten Klaus Anweisungen.

Danach gönnten sich alle erst einmal eine ergiebige Pause. Die Diskussion hatte einige Gemüter stark erhitzt und die bedurften erst einmal der Abkühlung.

Man verständigte sich darauf, das Treffen am späteren Nachmittag fortzusetzen.

Viele nutzen das schöne Wetter, um sich in der Natur die nötige Inspiration zu verschaffen.

 

Als am Nachmittag die Schatten länger wurden, fanden sich tatsächlich die meisten Teilnehmer des Vormittags wieder ein. Das löste bei nicht wenigen einiges Erstaunen aus.

 

Da man sich auf keinen anderen Moderator einigen konnte, fiel diese Aufgabe erneut Klaus zu.

„Schön, dass ihr euch wieder  zahlreich eingefunden habt. Das beweist  einmal mehr, wie ernst euch diese ganze Angelegenheit ist. Dann laßt uns doch dort ansetzen wo wir vorhin unterbrachen.“

„Wie stellst du dir dieses Rollenspiel vor? Hast du dir da schon was ausgedacht?“ erkundigte sich Ronald     

„Wir wollen uns nicht lange bei der Vorrede auf halten, sonst besteht die Gefahr, wieder alles zu verzetteln. Versuchen wir jetzt einfach, auf spielerische Weise die Identität von Frauen an zunehmen. Frauen, die uns  allen bekannt sein dürften, da wir mit ihnen hier Tür an Tür leben. Ronald, komm einfach mal in die Mitte hier und bring deinen Stuhl mit.“ forderte Klaus.

Ronald erhob sich ein wenig unbeholfen, tat aber widerspruchslos, wie ihm geheißen und platzierte sich in der Mitte des Versammlungsraumes.

„Gut! Ronald, stell dir vor, du bist Elena!“

„Ich soll was?“

„Du hast dich nicht verhört, du sollst in dem nun folgenden Spiel Elenas Rolle übernehmen. Ist das ein Problem für dich?“ klärte Klaus auf.

„Nein, nein, natürlich nicht, aber ich bin einfach nur überrascht.“

„Hey Elena, wo haste denn deine kupferrote Lockenpracht gelassen?“ lästerte Ernst.

„Hahaha! Ich lach mich tot!“

„Ruhe jetzt! Ernst, ich sage es noch einmal, ich dulde hier keine Stänkereien. Alles, was wir tun, geschieht aus tief schürfenden Beweggründen. Hm, nun benötigen wir eine Person, die in Madlens Rolle schlüpfen könnte. Lukas, wie wäre es mit dir?“

„Ich? Warum gerade ich?“

„Weil mir für diese Rolle kein besserer einfällt, zumindest nicht im Augenblick. Also komm, tu es einfach. Nimm deinen Platz hier ein.“

Lukas folgte widerstrebend dem Ansinnen des Moderators und hockte sich neben Klaus.

„Gut, laßt mich überlegen! Lukas, du bist jetzt Madleen. Elena war lange abwesend, sie ist nach einer langen Reise  in die Abtei zurückgekehrt. Voller Sehnsucht wird sie von ihrer Geliebten und Gefährtin Madleen erwartet. Die beiden verzehren sich geradezu in ihrem Begehren. Madleen sucht die Nähe ihrer Liebsten. Ihr alle könnt euch denken, wovon ich spreche. Wir werden  des öfteren Zeugen der ausdrucksstarken Zuneigung der beiden.

Elena, nimm du nun Madlen in deine Arme und beginne, diese zu verwöhnen. Madleen, lass dich in Elenas Arme sinken.“

Lukas ließ sich in Ronalds Arme sinken. Dieser begegnet der Annäherung mit Protest.

„Puuaah! Lukas! Wann hast du dir das letzte Mal die Haare gewaschen? Deine verfilzten Rastalocken sind die reinste Zumutung. Ähhh, das klebt ja widerlich! Und du willst Madleen sein?

Ha, nie im Leben. Diese wundervolle samtseidenen rabenschwarze Haarpracht, damit kannst du niemals konkurrieren!“

„Ich hab auch nichts dergleichen im Sinn. Hab ich mich etwa in die Rolle gedrängt? Ich sage euch, wer besser dafür geeignet wäre. Ernst, hast du nicht Lust? Deine glatt polierte Glatze lässt sich sicher bedeutend einfach streicheln.“ lenkte Lukas ab. Großes Gejohle brandete ihm als Antwort entgegen.

„Ruhe! Ruhe verdammt noch mal! Das ist ja zum Mäusemelken. Könnt ihr denn nicht einmal eine Angelegenheit auf ernsthafte Weise betrachten? Also weiter. Elena tut nun einer ihrer zärtlichsten Gesten, etwas, warum wir Madlen alle stets beneiden. Sie nimmt deren Gesicht in beide Hände. Mit den Handflächen streicht sie sanft über die geschmeidigen Wangen. Elena, worauf wartest du?“

„Es geht nicht!“ lehnte Ronald ab.

„Warum denn das schon wieder?“ empörte sich Klaus.

„Das einzige, was ich fühle, ist Lukas stachliger Dreitagebart. Da ist nix mit samtweichen Wangen:“

„Es ist zum wahnsinnig werden. Natürlich hat Lukas nicht die sanfte, geschmeidige Gesichtshaut, wie wir sie bei Elena oder Madlen finden. Du sollst ja auch nur so tun als ob. Versuch es doch wenigstens einmal.“

„Aber es stachelt einfach nur fürchterlich, sonst gar nichts!“

„Leute, findet ihr nicht auch diese ganze Szenerie grotesk, oder geht es nur mir so? Was soll das, Klaus? Wir sind nun mal keine Frauen. Wir sind Männer und die haben nun auch manchmal Bärte. Mit diesem albernen Rollenspiel machst du aus allen Karikaturen. Also, wenn du nichts weiter im Gepäck hast?“ beschwerte sich Ansgar sichtlich gelangweilt.

„Ich habe langsam die Schnauze voll mit euch und eurem Unverständnis. Wenn ihr bessere Vorschläge, habt dann raus damit. Wir wollen lernen. Ist das denn so schwer zu kapieren?

Wir wollen als Männer untereinander auf die gleiche Weise begegnen, wie es Frauen zu tun pflegen. Eine ungewohnte Rolle, zugegeben, aber warum sollten wir es nicht erreichen?“ verschaffte sich Klaus lauthals Gehör.

„Eben weil wir Männer sind, verdammt noch mal!“ polterte nun auch noch Hannes.

„Du willst damit sagen, dass Männer unfähig zu sinnlicher Zärtlichkeit und liebevollem Umgang sind, oder wie soll ich das verstehen?“ wies ihn Thorsten empört zurecht.

„Schluss jetzt! Genug! Also, wollen wir das Rollenspiel nun fortsetzen oder nicht. Ich will nicht, dass wieder alles in eine solch fruchtlose Diskussion mündet wie heute Vormittag.“

Uneinigkeit wurde in der versammelten Mannschaft deutlich.

„Gut, wie ich sehe, habt ihr nichts dagegen. Dann laßt uns fortfahren.  

Nun werden wir Zeugen, wie Elena ihre Geliebte in die Arme schließt. Ihr Herz lodert voller Sehnsucht und knistert wie ein Kaminfeuer. Ihrer beider Blicke kreuzen sich. Ihre Lippen suchen einen Weg zueinander und finden sich schließlich.“

Beide Rollenspieler verharrten in Tatenlosigkeit.

„Na, was ist? Ihr sollt euch küssen! Eine Elena oder eine Madlen braucht man nicht darauf hinzuweisen.“

Und tatsächlich berührten sich die beiden auf jene innige Weise. Alle weiteren Anwesenden hielten den Atem an und verharrten in Erwartung dessen, was sich wohl als nächstens ereignen würde.

Schließlich trennten sich Ronald und Lukas und die Verlegenheit schien ihnen geradezu ins Gesicht geschrieben.

„Nun ihr beiden, was habt ihr empfunden?“ lautete Klaus Frage.

„Hm, schwer zu sagen. Ich…ich muss das erst mal richtig verdauen. Also eine Madleen ist Lukas mit Sicherheit nicht. Aber als Lukas ist er durchaus passabel. Wenn er sich entschließen könnte, sich von seinem Dreitagebart zu trennen und sein Haar mal wieder ordentlich zu pflegen, wäre ich durchaus nicht abgeneigt. Im Moment zumindest.“ bekannte Ronald freimütig.

Eine Aussage, die für einiges Nachdenken sorgte. Doch schon nach kurzem Grübeln befanden die meisten, dass es sich dabei um eine ganz normale Sache handelte.

„Also, Ronald ist mit Sicherheit keine Elena, aber auch ganz in Ordnung, würde ich sagen.“ gab Lukas in seiner saloppen Art zu verstehen.

„Wenn ich eure Aussagen in der rechten Weise deute, könntet ihr euch eine Beziehung zueinander vorstellen?“ entfuhr es Klaus.

„Na langsam, langsam! Soweit sind wir noch nicht. Musst du immer gleich alles auf so direkte Art ins Visier nehmen? Da müssten wir aber noch ein gehöriges Stück an uns arbeiten, bevor ich so was auch nur in Erwägung ziehen kann. Dass Männer mit Männern Liebesbeziehungen haben, ist für mich absolut in Ordnung. Ich würde nie auf die Idee kommen, das zu hinterfragen. Aber was mich nun persönlich betrifft, so habe ich nie tiefer darüber nachgedacht. Es hat sich einfach keine Gelegenheit  ergeben, das ist alles.“ unternahm Ronald den Versuch einer Erklärung.

„Aber das ist doch unsere Frage. Warum ist dir das früher nie in den Sinn gekommen, Ronald? Warum hast du, wie du  selber zugibst, früher nie eine Männerbeziehung gesucht?

Das ist eine Frage, die uns übrigens alle betrifft, zumindest die meisten von uns!“ glaubte Thorsten zu wissen.

„Ja, woher soll ich da wissen? Mann, könnt ihr Fragen stellen!“ wiegelte der Angesprochene ab.

„Bemerkt ihr denn nicht, dass genau das unser Problem ist. Männer bekommen, bzw bekamen in früheren Zeiten von ihrer Umwelt eine ganze Liste von Verhaltensregeln auferlegt. Niemand hinterfragte, nach dem gängigem Muster: Es war schon immer so! Oder: So hat uns die Natur eben eingerichtet!  Hat das die Natur tatsächlich, oder steckt dort noch etwas anderes dahinter?“ warf Thorsten weiter in die Runde.

„Darf ich mal was einwenden?“ Zaghaft meldete sich Pater Liborius zu Wort, indem er den Zeigefinger in die Luft erhob.

„Natürlich! Warum so zögernd. Die anderen fragen doch auch nicht, ob ihnen das Wort erteilt wurde. Wenigstens einer, der ein wenig Anstand und Schneid mit den Kreis bringt!“ kritisierte Klaus.

„Nun, wenn ich hier von meinen Klostererfahrungen sprechen darf. Wir waren eine Gesellschaft völlig ohne Frauen. Unser Orden hatte hinsichtlich dieser Angelegenheit einen strengen Verhaltenskodex. Wir waren hinter den dicken Klostermauern ausschließlich nur auf uns gestellt. Eine Frau kam, wie ich schon erwähnte, gar nicht in den Klausurbereich. Für uns als autarke Gemeinschaft war es geradezu erforderlich, dass einige von uns weibliche Rollenbilder annahmen. Dies geschah einfach so aus sich selbst heraus. Niemand gab dazu eine Weisung.

Wir verrichteten die traditionellen Frauenarbeiten und wir lernten auch eine völlig neue und andersartige Art des Umganges miteinander. Dies brachte es mit sich, dass die anerzogene Männlichkeit immer deutlicher einer, nun wie soll ich mich ausdrücken, einer geschlechtlich neutralen Identität wich. Wir waren einfach eine Gemeinschaft, in deren Reihen geschlechtliche Fragen immer mehr in den Hintergrund traten. Die ganze Art unseres Auftretens hatte sowohl männliche wie weibliche Ausstrahlung, wenn wir so daher schritten in unseren Habiten. So habe ich das zumindest empfunden.“

„Darf ich dir mal eine etwas delikate Frage stellen?“ wandte sich Lukas an den Pater.

„Ja, natürlich!“

„Gab es denn Liebesbeziehungen zwischen den Klosterbrüdern?“

„Mit Sicherheit! Es gab Paare, ein dezent gehütetes Geheimnis!“ gestand Liborius freimütig.

„Es wäre niemand auf die Idee gekommen darüber zu sprechen.  Es durfte nicht sein, was nicht sein konnte.

Offiziell lebten alle in ewiger Keuschheit. Aber im Verborgenen. Solange es nicht allzu offen zu Tage trat wurde es stillschweigend toleriert.“

Die Aussagen des Paters führten zu einem andächtigen Schweigen.

„Also, dann nehmt euch ein Beispiel, Männer. Danke, Pater Liborius, das war sehr aufschlussreich, würde ich sagen.“ bedankte sich Klaus.

„Wir sollten also den Mönchen nacheifern? Willst du das damit sagen?“ wollte Ansgar wissen.

„Warum nicht? Wir folgen ihrem Beispiel doch auch in einer ganzen Reihe anderer Angelegenheiten, wenn ich zum Beispiel an die weitgehende Gütergemeinschaft denke, an die gemeinsame Ökonomie und die Zusammenarbeit.“ gab Klaus zu verstehen.

„Wir setzen ihre Tradition auf unsere Weise fort, Elena hat uns mehrfach darauf hingewiesen.“

„Ich kann dir nur zustimmen, Klaus. So wie die Mönche damals ein neues Rollenbild jenseits der gängigen Praxis entwickelten, müssen wir es heute zustande bringen.“ stimmte ihm Thorsten zu.

„Jetzt versteh ich gar nichts mehr! Sollen wir nun wie Frauen werden oder wie Mönche oder was denn noch nicht alles?“ äußerte Ernst sein Unverständnis.

„Keines von beiden Ernst!“ betonte Klaus.

„Ach? Und weshalb haben wir uns dann heute den ganzen Tag mit solchen Fragen herumgeschlagen?"

„Genau um diese Feststellung zu machen.“ entgegnete Klaus, eine Antwort, die Ernst natürlich kaum zufrieden stellte, doch er hakte nicht ein weiteres Mal nach.

„Was ist denn jetzt mit dem Anspiel? Wollen wir es nicht weiter fortsetzen?“ erkundigte sich Lukas, eine Frage, die jedoch eher ironisch zu verstehen war.

„Nein, nicht schon wieder!“ entfuhr es Ansgar voller Entsetzen.

„Keine Sorge, Ansgar. Ich will eure Nerven nicht zu sehr strapazieren ebenso wenig wie die meinen.

Ich gehe davon aus, dass ihr es auch mit dieser kleinen Szene begriffen habt.“ entkräftete Klaus die Befürchtung.

„Was sollen wir denn begriffen haben?“ wollte  Hannes wissen.

„Ich kann mir vorstellen, was Klaus damit ausdrücken wollte,“ schaltet sich Thorsten wieder ein.

„Nämlich, dass wir gute Aussichten haben, die Frage zu lösen. Wir müssen nur ein wenig an uns arbeiten und wir können ein neues Rollenbild entwickeln und das, ohne unser Mannsein aufzugeben. Wir können von den Frauen lernen, ohne uns abzuschaffen.“

„Warum sind wir da nicht gleich drauf gekommen?“ grübelt Ronald.

„Das möchte ich auch gerne wissen. Dabei ist alles so einfach. Ich denke, für heute haben wir unsere Gehirne genug herausgefordert. Wir brauchen nicht schon am ersten Tag  zu einer eindeutigen Lösung zu gelangen. Wir vertagen uns einfach. Ich fände es gut, wenn diesem Treffen weitere jener Art folgen könnten.“ schlug Klaus vor.

Zu seinem Erstaunen rief das bei den meisten ein zustimmendes Kopfnicken hervor.

 

Die Diskussion wurde noch eine Weile fortgesetzt und schließlich konnte man sich auf ein Zwischenergebnis einigen.

Das Fazit des Tages konnte sich durchaus sehen lassen:

  1. Männer müssen nicht zu Frauen werden.
  2. Männer müssen nicht zu Frauen werden, um die Welt zu verbessern.
  3. Männer müssen nicht zu Frauen werden, um Hierarchien abzubauen.
  4. Männer müssen nicht zu Frauen werden, um sinnlicher zu lieben.
  5. Männer müssen nicht ständig auf ihren Standpunkt beharren.
  6. Männer dürfen auch eine passive Rolle einnehmen.
  7. Männer dürfen ganz offen ihre Schwächen zeigen.
  8. Männer dürfen ihr eigenes Ego überwinden.
  9. Männer dürfen sich auch mal zurücknehmen.
  10. Männer dürfen sich über ein von Frauen dominiertes Gemeinwesen freuen.

 

Zehn hart erkämpfte Positionen. Das theoretische Gerüst war errichtet, nun musste nur noch die eigentliche Baustelle in Angriff genommen werden.

Bei dieser Baustelle handelte es sich um die praktische Umsetzung jener Theorien. 

Bis zur Schaffung eines Bündnisses war es noch ein weiter Weg. Aber immerhin hatten sie den Einstieg geschafft. Alle Beteiligten würden weiter an sich arbeiten müssen.

Wie es nun konkret weiter gehen sollte, darauf konnte man sich noch nicht einigen und verlagerte die Suche nach einer Antwort kurzerhand auf die folgende Zusammenkunft.

Die neue Hausaufgabe für das Folgetreffen wurde formuliert.

Es  wurde konkreter und vor allem ernsthafter.

"Den Macho überwinden, um zum Mann zu werden?" Kann das gelingen? Gehört der Macho automatisch zum Mannsein oder gibt es da vielleicht noch eine andere Möglichkeit?

Wie lebt ein Mann, der zwar Mann im vollen Sinne bleibt, aber den Macho überwunden hat? Bedarf es dafür einer besonderen Umgebung, wie jener hier auf dem Gelände der Abtei oder den ihr angeschlossenen Kommunen oder ist das auch anderweitig anwendbar?

Unterdessen wurde auch das Männerzentrum Schritt für Schritt erweitert und sollte sich schon bald zu einem kreativen und Phantasieerfüllten Labor entwickeln.