Stieftöchter der Freiheit

 

Stieftöchter der Freiheit

 

Holz traf Holz. Die Schläge die Aradia und Leyla austeilten wären, wenn sie auf einen menschlichen Körper träfen, überaus schmerzhaft, verletzend, womöglich tödlich.

Ihr Echo hallte von den bizarren, zerklüfteten Bergen zu seinen Akteurinnen zurück, begleitet von deren martialischen Kampfschreien.

Der Umgang mit dem etwa 1,50 -1,60 cm langen und etwa 3-4 cm dicken Kampfstock war für jede angehende Amazone eine besondere Herausforderung. Nur gutes besonders biegsames Holz konnte dessen Herstellung verwendet werden.

Auch in dieser Kampftechnik hatte sich Leyla, sehr zu Aradias Freude, als gelehrige Schülerin erwiesen.

Die Ausbildung war so gut wie abgeschlossen. Heute sollte die Schülerin ihr Können noch einmal unter Beweis stellen. Zu diesem Zweck hatten sich beide an diese abgelegene Stelle weit oberhalb der Siedlung zurückgezogen.

Offensichtlich war sich Leyla ihrer Sache so sicher, dass sie ganz auf die aus Schaffellen und Häuten bestehende Schutzpanzerung ihres Körpers verzichtete. Diese wurden vor allem an den Gelenken, den Schienbeinen, im Lenden-Nierenbereich, sowie im Nacken getragen. Auch auf den Bronzehelm verzichtet sie. Ihr hellblondes Haar straff nach hinten zu einem kunstvollen Zopf geflochten. Lehrerin und Schülerin hätten Zwillinge sein können, so sehr ähnelten sie einander, auch wenn Leyla fast einen Kopf kleiner war und bei weiten noch nicht über Aradias Muskelmasse verfügte.

Trotzdem hatte sich das ängstliche, zaghafte und zierliche junge Mädchen in den zurückliegenden Monaten der Ausbildung zu einer athletischen Kämpferin entwickelt.

Auch charakterlich war sie weit über sich hinausgewachsen.

„Schone mich nicht Aradia, auch wenn ich die schützende Hülle nicht trage. Im wirklichen Kampf steht uns die auch nicht zur Verfügung.“ Forderte Leyla. Längst hatte sie bemerkt dass Aradia nicht die volle Energie, über die sie verfügte, zum Einsatz brachte. Das leuchtete durchaus ein, denn keinesfalls wollte die Amazonenkönigin den Körper der Kontrahentin verletzen, den sie über alles liebte und heiß begehrte.

„Tue ich doch gar nicht!“ Erwiderte die Lehrerin wenig überzeugend.

„Doch das tust du. Deine Schläge haben noch lange nicht die volle Kampfeswucht.“ widersprach Leyla.

Beide unterbrachen den Kampf um kurz nach Luft zu schnappen.

„Auf deine Verantwortung! Wenn du es tatsächlich willst.“ Warnte Aradia, sich dabei auf den Stock abstützend.

„Ich will es! Los komm! Greif mich an! Lass deine ganze Kraft auf mich nieder!“ Provozierte Leyla und tänzelte dabei von einem Fuß auf den anderen.

Das entlockte Aradia ein bezauberndes Lächeln. Dann holte sie blitzschnell aus. Der Stock surrte durch die Luft. Gekonnte parierte die angehenden Amazone den Schlag, wenn auch mit verzerrtem Gesichtsausdruck.

„Ausgezeichnet! Hervorragend! Genauso will ich es haben!“ Lobte Aradia.

„Auch in dieser Kampftechnik hast du dich bestens bewährt. Eine wahre Schwertschwester. Fast perfekt!“

„Fast?“

„Ja, fast! Absolut perfekt? Ich glaube nicht dass es so jemanden gibt!“ Lies Aradia ihren Zweifel erkennen.

„Doch! Ich glaube schon dass es die gibt. Eine zum Beispiel steht mir gerade gegenüber.“ Schwärmte Leyla ehrlichen Herzens.

„Ich würde mich selbst niemals als perfekt bezeichnen.“

„Wen dann? Inanna vielleicht?“

„Schon eher!  Inanna war immer die Beste von uns. Ohne sie wären wir alle nicht hier. Auch wenn die Krankheit sie zur Ruhe zwingt. Aber sie würde sich ebenfalls nie als perfekt bezeichnen, dafür ist sie viel zu bescheiden.“ Gab Aradia zu verstehen.

„Das leuchte mir ein!“ Antwortete Leyla. Dann holte sie in Windeseile aus. Doch die Königin war vorbereitet und widerstand nun ihrerseits dem Angriff.

„Haha! Du bist noch bedeutend besser als ich glaubte!“

Aradias Lob schmeckte süßer als Honig. Wann endlich durfte Leyla ganz offiziell als ihre Lebensgefährtin auftreten? Immerhin hatte sie alle dafür erforderlichen Prüfungen bestanden.  

Aradia konnte ihr nun nicht mehr ausweichen. Trotzdem, so glaube Leyla, tat die es nach wie vor.

„Aradia! Wann werden wir zu den heiligen Steinen gehen?“ Leylas Frage traf die Königin härter als ein Schlag mit dem Kampfstock.

„Bald!“

„Bald! Bei dir heißt es immer bald!“ Entgegnete die Schülerin etwas verärgert.

„Ich möchte Gewissheit! Wann darf ich das Leben mit dir teilen?“

„Aber das tun wir doch längst! Wir wohnen zusammen. Schlafen dich an dicht. Wir kochen und essen zusammen Wir üben miteinander. Reiten gemeinsam bis zum Horizont. Schon lange sind wir unzertrennlich. Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen wie eine Leben ohne dich aussehen würde.“ Lautete Aradias selbstsichere Antwort.

„Ach Aradia, du weißt doch was ich meine.“

„Hmm, ich glaube es zumindest. Lass mich taten. Ist es etwa…“

„Aradia, bitte! Lass das Versteckspiel. Wann darf ich das Lager mit dir teilen.“

„Ach so! Dass meinst du! Ja, natürlich! Wie wäre es mit heute Nacht?“

Mit einem Juchzer auf den Lippen setzte Leyla zum Sprung an und fiel ihrer Lehrerin um den Hals. Wie ein Äffchen umklammerte sie mit Armen und Beinen den muskulösen Körper der Amazonenkönig, während ihre Lippen deren Gesicht mit Küssen überflutete.

„Hmmmm, schmatz, schmatz! Ich wusste ja nicht wie heiß du schon bist.“ Aradia drückte die Jüngere fest an sich und wog sie wie ein Säugling in den Armen.

„Aber wir dürfen uns nicht überhitzen. Wir sollte unsere Kräfte sparen für die Nacht. Vorher, am Abend gibt es ja noch das große Fest, wie du weißt. Ich denke eine Abkühlung würde uns  beiden gut bekommen. Schließlich müssen wir uns ja auch noch säubern.“

Aradia ließ Leyla ganz sanft zum Boden gleiten, bis sie wieder einen festen Stand hatte.

Leyla suchte erneut die Nähe zu ihrer zukünftigen Geliebten indem sie ihren Kopf an deren Schultern lehnte. Aradia zog sie mit ihrem starken Arm an sich.

„Ich habe diesen Augenblick ebenso herbei gesehnt wie du. Nun soll deine Geduld belohnt werden. Da darfst dir alles von mir wünschen.“

„Alles? Wirklich alles? Das klingt wunderbar!“ Seufzte Leyla zufrieden.

„Alles, was dein Herz begehrt! Aber zunächst müssen wir den Schweiß von unserer Haut waschen. Ab zum Wasserfall. Was hältst du von einem Wettlauf? Wer zu erst am Wasserfall ist.“ Schlug die Königin vor.

„Oh ja!“

Ein kurzer Klaps auf Leylas Po, dann setzten sich beide in Bewegung.

Es war nicht ungefährlich, denn ein starkes Gefälle musste überwunden werden. Ein falscher Tritt und der Absturz in die Tiefe wäre die Folge.

Doch beide waren sicherer Sprinterinnen und zudem mit dem Bergsteigen vertraut. Mit lautem Gejohle stürzten sie sich immer weiter in die Tiefe. Endlich wurde es ebener. Nun setzen beide zum Endspurt an. Eine Weile rannten sie nebeneinander her. Schließlich zog Leyla an Aradia vorbei. Außer Puste kamen beide nach einander am Wasserfall, der sich in den kleinen Teich am Steinheiligtum ergoss, an.

„Hey, du hast gemogelt. Du hast mich gewinnen lassen.“ Glaubte Leyla zu wissen.

„So, hab ich das? Ist mir gar nicht aufgefallen!“ Spielte Aradia die Ahnungslose.

Danach begann sich beide von ihrer durchschwitzen Kleidung zu befreien.

„Lass uns noch eine kurze Weile ruhen. Wir dürfen nicht mit den überhitzten Körpern unter das kalte Wasser. Das kann gefährlich sein.“ Mahnte die Königin.

Leyla gehorchte widerspruchslos.

Beide nahmen Platz auf dem von der Sonne stark verbrannten Gras am Ufer des Teiches und blickten sich wortlos in die Augen. Aradia verzog ihren Mund wieder zu diesem unnachahmlichen Lächeln und ihre blauen Augen funkelten wie Edelsteine. Heute Nacht durfte Leyla in den Armen dieser Überfrau liegen. Sie konnte es noch gar nicht fassen, fühlte sich als Gesegnete, als Auserwählte der namenlosen Göttin.

„Auf jetzt! Ins Wasser!“ Aradias Befehl holte Leyla schnell aus ihren Tagtraum. Sie folgte willig, wenn auch das prickelnde kühle Nass auf ihrer erhitzen Haut wie Nadelstiche wirkte. 

Dann ließen sie dass herab fallende Wasser über ihre Körper gleiten. Leyla hielt vor Schreck den Atem an.

Aradia zog die jüngere zu sich, dann nahm sie deren Gesicht in beide Handflächen und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss. In Anschluss ließ sie ihre Handflächen über Leylas Schultern und schließlich über deren Brüste gleiten.

„Das ist die Vorspeise. Das Hauptgericht wird heute Nacht in unserem Haus gereicht. So lange müssen wir uns noch gedulden.“ Sprach Aradia und fuhr dabei mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand über Leylas Nasenspitze.

„Die Stunden werden mir zur Ewigkeit. Aber ich weiß mich zu gedulden.“ antwortete Leyla und legte ihren Kopf an die Schulter der Königin.

Nach einer Weile entstiegen sie dem Wasser, nahmen Platz auf dem Gras und ließen ihre nackten Leiber in der heißen Sonne trocknen.

Das ruhen tat beiden gut, der Kampf hatte ihre Muskeln stark in Anspruch genommen.

Schließlich kleideten sich an, umschritten den Teich und fanden ihre Pferde friedlich grasend am anderen Ufer wieder. 

Aufsitzen, dann ging es in einer wilden Jagd der Siedlung entgegen.

Dort angekommen brachten sie zunächst ihre Pferde in den Ställen unter, kletterten über die Außenleiter auf die Dachterrasse. Dort hatten sich, wie immer zu dieser Tageszeit viele Schwestern eingefunden. Hand in Hand schlenderten die beiden gemütlich ihrem Haus entgegen. Alle sollten es sehen. Aradia stand zu ihrer neuen Liebe.

 

Am Abend, nach Einbruch der Dunkelheit wurde auf dem großen Vorplatz vor der Siedlung ein Feuer entfacht.

Auftakt zu einem großen Fest, zu dem Aradia geladen hatte. Auch aus den benachbarten Siedlungen strömten die Kriegerinnen herbei um dem freudigen Ereignis bei zu wohnen, so dass sich der Platz schnell füllte.

Erwartungsvoll harten sie dem Eintreffen der beiden Königinnen. Nach einer Weile erschienen diese in Mitten der Amazonenschar. Inanna wurde von Kasuba gestützt. Das Laufen fiel ihr noch immer nicht leicht. Doch es schien ihr in der letzten Zeit wieder etwas besser zu gehen.

Sie nahmen in einem für sie frei gehaltenen Kreis Platz. Noch geschah nichts. Schließlich wurde eine große Trommel geschlagen. Das Gemurmel unter den Schwestern erstarb unmittelbar danach.

Kasuba trat in die Mitte erhob die Hände und sprach mit deutlicher Stimme.

„Seid willkommen Schwestern. Wir wollen heute gemeinsam ein großes Fest begehen. Ich bitte um eure Aufmerksamkeit. Hört die Worte unserer Königin Inanna.“

Kasuba half der Königin beim Aufstehen und reichte ihr deren Stab auf den sie sich im Notfall stützen konnte. Stille senkte sich herab. Ehrfurchtsvoll blickten die Schwestern zu ihrer unumstrittenen Anführerin, die sie alle wie eine große Schwester liebten.

„Liebe Schwestern! Aradia und ich haben euch an diesem Abend eingeladen um euch eine freudige Mitteilung zu machen. Ja, so etwas gibt es noch. In all der Flut von Leid und Traurigkeit, Angst und Hoffnungslosigkeit, die uns umgeben.

Ich gebe bekannt dass sich meine jüngere Schwestern Aradia, eure Kampfgefährtin und Königin, endlich dazu entschlossen hat eine Gefährtin zu wählen. Es ist Leyla, die sich in der Zeit seit sie bei uns eintraf zu einer hervorragenden Kämpferin und Mitschwester entwickelt hat.

Kommt zu mir Aradia und Leyla, ich möchte euch meinen persönlichen Segen erteilen und den der Freiheitsgöttin, der wir alle dienen und die uns behütet und beschützt, so wie eine Mutter ihre Kinder.“

Die beiden Angesprochenen erhoben sich und schritten zu Inanna. Diese postierte sich zwischen ihnen, ergriff Aradias und Leylas Hände um diese gleich danach in einander zu legen. Darauf drückte sie nun ihre eigene rechte Hand.

„Seid gesegnet im Namen der Freiheitsgöttin, der Ewigen, die, welche keinen Namen hat.

Sie möge euch begleiten auf eurem Weg durch Zeit und Ewigkeit. Ihre Kraft entfalte sich in euch, um euch und an eurer Seite. Ihr seid verbunden auf Ewigkeit, nicht einmal der Tod kann eure Seelen trennen, wenn auch eure Leiber der Vergänglichkeit anheim fallen.“

Inanna hob ihre Hand nach oben und trat einen kleinen Schritt zur Seite.

„In ein paar Tagen werdet ihr zu den heiligen Steinen reiten, jene Stelle, in deren Mitte eine geheimnisvolle Kraft in der Verborgenheit wirkt. Eine Kraft die uns bisher behütet und beschützt hat. Dort werdet ihr euch als Blutschwestern verbinden. Bis dahin habt ihr die Möglichkeit euch in angemessener Form darauf vor zu bereiten.“

Nun ertönten Jubelrufe von allen Seiten und ließen das geschwisterliche Brautpaar hochleben.

Weitere Holzscheide wurden in die lodernde Flamme geworfen, ein Funkenflug strebte gen Himmel um sich im Anschluss gleich einem feurigen Regen über die Versammelten zu ergießen.

Kasuba reckte erneut die Arme in die Höhe.

„Erhebt eure Becher und trinkt auf das Wohl unseres königlichen Paares. Trinkt auf das Wohl der Freiheitsgöttin und jeder einzelnen von uns.“

Die versammelten Amazonen erhoben ihre Tonbecher, dann tranken sie. Ob Wein oder auch nur Wasser, das war ohne Belang. Allein die Gemeinschaft, die damit zum Ausdruck gebracht werden sollte, zählte

Damit war alles gesagt. Nun sollte mit einem ausgelassenen Fest der weitere Verlauf des Abends gestaltet werden.

Langsam bewegte sich eine Kriegerin auf den inneren Zirkel zu. Sie hatte volle Kampfausrüstung angelegt und hielt ihren Weinpokal auffällig in die Höhe. Auch während sie sich bewegte nippte sie zwischendurch immer wider daran. Dem Anschein nach war sie betrunken, jedenfalls benahm sie sich entsprechend.

„Ich trinke auf dein Wohl Aradia und auf deines große Inanna. Ach ja, selbstverständlich auf deines.....ähm, wie war doch gleich dein Name? Leyla! Ja Leyla. Zum Wohl! Auf dein möglichst langes, langes Leben. Auf dass der Tod euch nicht zu früh von dieser schönen Welt vertreibe.“

Sie nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Becher.

Im Anschluss kippte sie den Rest des Inhaltes in das Feuer dass die Flüssigkeit sogleich mit einem sanften Zischen verschlang. Schließlich erhob sie den Becher erneut um ihn mit voller Wucht auf einen der Steine zu schleudern, der die Feuerstelle umgaben und absicherte.

Das Klirren war nur in der unmittelbaren Umgebung zu hören, trotzdem verstummte augenblicklich das laute Geplapper unter den Anwesenden Amazonen, so als hätten sie den Ernst der Lage erfasst.

„Was willst du Alfura? Ich gehe sicher Recht in der Annahme dass du unser Fest zu stören gedenkst. Du willst mir alles versauen. Dir ist nicht recht was heute Abend hier gefeiert wird. Nicht wahr?“

Erkannte Aradia sofort den Sinn der Provokation.

„Erraten! Aber das dürfte nicht schwer für dich gewesen sein. Solltest du von mir gewöhnt sein.“ Gab die Angesprochenen mit hasserfülltem Blick zur Antwort.

Alfura war eine martialische, Respekt einflößende Erscheinung.

Ihr athletisch-durchtrainierter Körper glänzte im Schein des Feuers. Ein straffes Muskelgeflecht zog sich gleichmäßig vom Nackenansatz bis zu den Füßen.  Ein Denkmal an Kraft und Ausdauer. Ihr cooles, lässiges Auftreten verstärkte diese Wirkung zusätzlich. Ihr Kopfhaar hatte sie sich weitgehend abrasiert, nur ein schmaler, etwa vier cm breiter Streifen zog sich über den ganzen Kopf und reichte ihr bis zu den Schultern. Dieses Resthaar hatte sie in auffälliges schwarz und rot gefärbt*.

Ein hartes, androgyn wirkendes Gesicht. Keineswegs unansehnlich, im Gegenteil, aber unbedingt Furcht einflößend.

„Sag was du willst! Dann hau ab und lass uns in Ruhe. Ich habe keineswegs vor mir von dir diesen wichtigen Augenblick vermiesen zu lassen.“ Gab Aradia zurück.

„Das wirst du aber müssen, Königin!“ Alfuras Tonfall steigerte sich weiter.

„Du und deine Anhängerinnen, was seit ihr? Menschen oder schon Götter? Ihr kämpft gegen die Fürsten und die verkommene Priesterschaft in Latos Tempel. Gute Sache! Aber für wen tut ihr es wirklich? Ich will es dir sagen! Um eure eigene Herrschaft zu festigen! Gleiche unter Gleichen wollt ihr sein. Am Anfang mag das durchaus so gewesen sein. Doch je größer unsere Gemeinschaft wird, desto mehr scheint ihr abzuheben. Vor allem du Aradia, deine große Schwester möchte ich außen vor lassen, Innana ist über jeden Zweifel erhaben, ihr habe ich ewige Treue geschworen, bis in den Tod. Daran hat sich nichts geändert. Aber du Aradia bist anders. Ich finde es ganz und gar nicht in Ordnung, dass du und dein Anhang sich immer deutlicher von der übrigen Schar absondert.“

Alfuras Anklage war hart und traf Aradia bis ins Mark. Sie musste sich eingestehen, dass die Worte der Anklägerin nicht einer gewissen Logik entbehrten.

Die Gefahr einer Hierarchisierung lag beständig in der Luft. Wer seinen Gegner mit einer solchen Leidenschaft und erbarmungsloser Härte bekämpfte, wie es die Amazonen taten, drohte jederzeit in ähnliches Fahrwasser abzugleiten. Um die sich ständig vergrößernde Gruppe zusammen zu halten, war eine einheitliche Führung und Autorität unverzichtbar.

In Inanna war ihnen eine ideale natürliche Autorität geschenkt. Bei ihr konnten alle gewiss sein, dass sie ihre führende Rolle niemals für eigennützige Zwecke missbrauchte. Ihr unnachahmliches Charisma hielt die Gemeinschaft zusammen, bei allen Unterschieden und Meinungsverschiedenheiten, die es selbstverständlich auch in deren Reihen gab.  

Inannas Präsens an der Spitze garantierte Zusammenhalt und Gemeinschaftsbewusstsein.

Doch die beliebte Königin war krank. Was würde nach ihr kommen? 

Welche Persönlichkeit zeichnete Aradia aus? Sie war ohne Zweifel eine begnadete militärische Führungskraft und Strategin. Und ihr Charisma konnte es allemal mit jenem Inannas aufnehmen. Möglicherweise würde sie die ältere Schwester sogar noch überflügeln.

Genau das konnte sich letztendlich als Schwachstelle erweisen. Ein tief verborgener Hang zur Machtentfaltung.

Solange Inanna lebte würden Aradia niemals ihren hohen Rang in den Vordergrund stellen. Das verbot ihre tiefe Ehrfurcht vor der großen Schwester.

Wie aber würde sie sich verhalten, sollte diese unersetzliche positive Autorität eines Tages nicht mehr unter den Lebenden weilen?  

„Warum tust du das Alfura? Mit welchem Recht machst du mir solche Vorhaltungen. Deine Worte sind haarsträubend. Wohne ich etwa in einem Palast? Das Haus in dem ich lebe unterscheidet sich kaum von deinem. Ich erhalte den gleichen Anteil zum Lebensunterhalt wie du selbst. Siehst du hier etwa Sklaven die für mich schuften? Was in aller Welt wirfst du mir also vor? Etwa dass ich kommandiere und in der Hitze des Gefechtes auch mal zu viel an Härte und Strenge kennen lasse?“

„Du sagst es! Mir passt dein Befehlston nicht, Aradia. Schwestern wollten wir sein, freie Frauen, wild und ungebunden und keiner Macht der Welt unterworfen. Du scheinst es gar nicht wahr zu nehmen, dass du uns in letzter Zeit immer deutlicher wie Untergebene behandelst.

Wo ist denn deine viel gerühmte Gleichheit? Du bist dabei sie mit Füßen zu treten.“

 „Wie kannst du es wagen so mit unserer Königin zu sprechen?“

Manto, dass Nesthäkchen mit dem braunen Bubikopf, trat aus den Reihen und postierte sich kess und frech zwischen den beiden erfahrenen Kriegerinnen.

Sie erhob ihren Kampfstab und fuchtelte damit vor Alfuras Gesicht herum.

„Was hast du denn vor? Ach, du willst mich herausfordern? Ich lach mich tot. Ist Aradia in der Zwischenzeit schon so tief gesunken dass sie zarte Mädchen vorschickt um ihre Ehre zu verteidigen?“ Entgegnete Alfura voller Herablassung.

„Dir werd`ich`s zeigen. Von wegen zartes Mädchen, ich bin dir allemal gewachsen. Los, stell dich zum Kampf.“ brüllte Manto und tänzelte wie wild um die Gegnerin.

„Ich denke nicht daran! Ich kämpfe nicht gegen Kinder.“ Alfura schubste Manto zur Seite.

Blitzschnell erhob sie sich um ihren Kampfeswillen erneut zur Schau zu stellen. Doch Aradia hinderte sie daran.

„Tritt zur Seite Manto. Ich danke dir, aber du darfst dich hier nicht einmischen. Das müssen Alfura und ich untereinander begleichen!“

„Sehr richtig! Also, ich warte auf Deine Antwort, Königin! Schlag zu! Tritt mich! Das willst du doch schon die ganze Zeit! Tue es auch!“

Nun hielt es Leyla nicht mehr aus. Sie hatte sich ganz bewusst zurückgehalten um Aradia nicht noch zusätzlich zu diskreditieren.

„Du bist gemein! Aradia würde niemals eine Schwester ohne triftigen Grund angreifen. Wenn sie sich dazu gezwungen sieht, dann hat das immer eine Ursache. Du bist es die sich in der Vergangenheit des Öfteren schäbig verhalten hat. Deshalb hat sie dich immer wieder in die Schranken gewiesen. Du willst du dich doch nur an ihr rächen.“

„Ach was weißt du schon? Noch so eine zarte Jungfrau. Ich bin mit Inanna und Aradia geritten als dir gerade mal die ersten Milchzähne wuchsen. Du bist ihr Liebling. Ist doch Sonnenklar! Wer hätte wohl etwas anderes erwartet? Auf eine solche Fürsprache können wir alle gerne verzichten.“

Schleuderte ihr Alfura entgegen.

Äußerst unsanft packte Aradia ihre Gegnerin am Oberarm, hielt ihr die geballte Faust unter das Gesicht und drohte.

„Wenn du meine Gefährtin noch einmal anschreist oder beleidigst bekommst du meine Faust zu spüren. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

„ Deutlich! Überdeutlich! Die große Aradia umgibt sich nur mit halben Portionen, mit jungen Mädchen die andächtig an ihren Lippen hängen und ihr in allen vorbehaltlos zustimmen. Wehe aber jener Schwester die sich eine eigene Meinung leistet. Dann brechen der Königin die Zacken aus der Krone“

Eine kleine Gruppe von Kämpferinnen die sich etwas abseits platziert hatte, begann einen zaghaften Applaus zu spenden. Es war offensichtlich, Alfura stand mit ihrer Meinung nicht alleine da. Es war ihr dem Anschein nach gelungen Gleichgesinnte um sich zu scharen.

Viele waren es nicht. Aber immerhin. Die Tatsache, dass sie vorhanden waren offenbarte das Problem.

„Genug geredet! Las uns kämpfen!“ Forderte Alfura und griff nach ihrem Kampfstab, blitzschnell reagierte Aradia und tat es ihr gleich. Gleich darauf begann ein heftiger Kampf. Erbarmungslos hieben die beiden aufeinander ein. Wie durch ein Wunder trafen die Stöcke immer nur das Holz der Gegnerin. Beide gerieten mehrere Mal bedrohlich nahe an das in den Himmel lodernde Feuer, so dass alle Umstehenden voller Entsetzen den Atem anhielten.

Nach einer ganzen Weile warf Alfura schließlich ihren Stab beiseite.

„Wie ich sehe bist du zur Vernunft gekommen?“ Gab Aradia zu verstehen. „Das ist gut. Ich bewundere deine Kraft und deinen Mut. Du bist eine wahre Kriegerin. Spare deine Kräfte für den Kampf gegen den Feind. Dort ist sie dringend von Nöten und dort gehört sie hin.“

„Warum kämpfen wir nicht mit dem Schwert oder der Doppelaxt gegeneinander? Auf dass die Stärkere den Sieg davon trägt und die Königinnenwürde.“

Provozierte Alfura.

Wortlos standen sie eine Weile gegenüber und umfassten dabei den Knauf ihres bronzenen Kurzschwertes.

Doch bevor eine den Anfang machen konnte trat Inanna in die Mitte.

„Niemals! Niemals wird eine Schwester eine scharfe Waffe gegen eine Kampfgefährtin richten. So etwas dulde ich nicht, solange ich lebe. Wir sind eine Familie. Vergesst das niemals! Das, was uns verbindet ist weit mehr als Blutsbande es vermögen. Ich fordere euch auf euren Streit zu begraben. Wir sind dabei ein Fest zu feiern. Wir wollen fröhlich sein und uns mit zweien die sich gefunden haben, freuen. Deshalb sind wir zusammen gekommen. Trag euren Zwist ein andermal aus, aber mit den hölzernen Übungsschwertern. So wie wir das bisher gehandhabt haben.

Alfura, komm morgen zu mir! Ich möchte mit dir reden. Von Schwester zu Schwester. Vergiss die Königin in mir.

Du hast Worte gesprochen die mich traurig stimmen. So etwas bedarf einer näheren Klärung. Ihr anderen, vergesst das Geschehen. Genießt unser Beisammen sein. Esst und trinkt, tanzt und vergnügt euch mit einander! 

So soll es geschehen!“

„Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester Aradia. Das ist eine wahre Königin, eine Gleiche unter Gleichen. Bei ihr gilt das Wort einer Schwester noch etwas. Auch dann wenn es sich nicht mir ihrer eigenen Ansicht deckt...“ Rief Alfura Aradia zu als sie an ihr vorüber ging.

Aufgebracht hielt Aradia sie am Arm fest.

„Belehre du mich nicht über meine Schwester.“

Alfura riss sich los und entfernte sich wortlos von der kleinen Ansammlung.

 

Es versteht sich von selbst, dass das Ereignis die Stimmung erheblich getrübt hatte. Viele hatten Probleme damit einfach so von einem auf den anderen Moment in eine ausgelassene Laune abzugleiten.

Erst nach und nach kehrte die heitere Beschwingtheit zurück und die Schwestern konnten sich der Festlichkeit widmen.

Die Amazonen waren für ihre wilden, teils ausschweifenden Gelage berühmt. Sie wussten die Feste so zu feiern wie sie fielen. Das war ihre Devise. Sie lebten gefährlich. Schon der folgende Tag konnte der letzte ihres Lebens sein. Dieser Tatsache waren sie sie stets bewusst. Ein Später gab es für sie nicht. Aus dieser Denkweise resultierte ihre Freizügigkeit, ihre Offenheit und die direkte Art mit der sie ihr Leben in die Hand zu nehmen pflegten.

So war es auch an diesem Abend. Bald wurden die ersten Trommeln geschlagen und spontan bildeten sich Tanzgruppen. Aradia und Leyla beobachteten alles aus einer gewissen Distanz, schließlich reichte die Königin ihrer Gefährtin die Hand und sie begaben sich in die Runde der Tanzenden. Sie reihten sich ein in den Takt, dabei ihre Körper eng aneinander schmiegend. Bald schön ertönte der erste Applaus und andere Paare fanden sich die es ihnen gleich taten.

Der Wein floss dabei in Strömen. Die beiden Hauptakteurinnen hielten sich hierbei jedoch zurück, immerhin hatten sie noch einiges vor in der Nacht die sich vor ihnen  gleich einer Einladung, ausbreitete.

Als es an der Zeit war, entfernten sie sich aus der Runde und begaben sich in die Siedlung. Voller Erwartung strebten sie, über die Dachterrassen schreitend, ihrem Haus entgegen. In beiden Leibern brannte die Begierde.

Schnell die Leiter hinunter. Aradia entfachte mittels Feuersteinen ein kleines Feuer in der Mitte des Raumes, hielt einen Span daran und entzündete die Fackeln die sich im Raum verteilten und im Anschluss den Raum spärlich ausleuchteten. Die Augen sahen nur das unbedingt Erforderliche. Genau die richtige Stimmung für ihr Vorhaben.

 

Sie entledigten sich ihrer Kleidung und endlich nahte der Augenblick der innigen Umarmung.

Leyla musste sich, wie so oft, auf die Zehenspitzen erheben um ihre Geliebte zu küssen.

Aradia umschlang deren Taille und zog sie zu sich. Dann fuhr sie sanft mit den Handflächen über die Schultern und den Rücken der Geliebten, bis sie die Pobacken erreicht hatte.

Sie warfen sich auf ihr Lager und begannen ihr wildes Liebesspiel. Die Freiheitsgöttin wachte über ihnen und wog sie sicher in ihrem Schoß.

 

Mit einem Ruck wurde Elena aus dem Schlaf gerissen und schreckte nach oben, dabei hastig nach Luft schnappend. Kalter Schweiß rann wie in Bächen von ihrem Körper und ihr Herz raste. Erst einmal sammeln. Ein Traum, es war wieder einer dieser bewussten Träume. Sie war erneut abgetaucht in die Vergangenheit, in jenes Land irgendwo da draußen am Ende der Zeit, dort wo sie Aradia war, die Königin der Amazonen. Ein schöner, ein sinnlicher und positiver Traum, doch er kam zum falschen Zeitpunkt. Sofort wurde sie mit der kalten Realität konfrontiert und dem Verlust, den sie nie würde überwinden können.

Sie ließ ihre Beine aus dem Bett gleiten und nahm auf der Bettkante Platz. Sie suchte nach einem Handtuch, dass sie stetes griffbereit hatte um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Nachdem sie das getan hatte atmete sie nochmals tief durch und vergrub ihr Gesicht in den Handflächen.

Eben noch war sie Aradia, die ruhmreiche Kriegerin die sich in einer heißen Liebesnacht mit ihrer Geliebten verbunden hatte. Und nun? Jetzt war sie nur noch ein Häufchen Elend, ausgebrannt, leer und voller unerfüllter Sehnsucht im Herzen. Schon bahnten sich die ersten Tränen ihren Weg.

„Madleen, Bitte! Komm zu mir zurück. Ich flehe dich an. Ich bin Aradia und du bist Leyla. Wir sind verbunden auf ewig. Nichts und niemand sollte uns trennen, nicht einmal der Tod.

Erinnerst du dich an Inannas Worte?

Unsere unsterblichen Seelen trotzen Raum und Zeit. Wir haben uns in diesem Leben wieder gefunden, nach Jahrtausenden der verzweifelten Suche. Unsere Herzen schlagen miteinander im Takt der immer währenden Liebe.

Ich kann nicht ohne dich leben! Ich will nicht ohne dich sein! Ich möchte um dich kämpfen aber ich schaffe es nicht. Meine Kräfte schwinden von Tag zu Tag. Ich will...... ich kann...“

Nun versagte ihre Stimme. Sie ballte die Fäuste und hämmerte wie wild  auf ihre Knie ein.  Elend, unaussprechliches Elend. Eine blutrote Hölle der Depression. Dann öffneten sich die Schleusen. Ein Weinkrampf folgte dem vorherigen. Sie warf sich zurück auf ihr Bett und vergrub den Kopf im Kissen. Sie weinte und weinte immerfort, solange bis ihre Augen keine Tränen mehr hatten.     

 

 

Wie ein Geist schlich sich Elena am frühen Morgen in die Basilika um an der außerordentlichen Zusammenkunft der Schwesternschaft teilzunehmen, die sich eingefunden hatte, um über Dagmars Eigenmächtigkeiten zu debattieren.

Zahlreiche Ausschüsse hatten in der zurückliegenden Zeit schon getagt um die sich immer deutlicher zuspitzende Lage im Lande zu erörtern. Nun war also auch der große Rat der Töchter der Freiheit an der Reihe.

 

Das Gesicht kreidebleich wie eine frisch gekalkte Wand, dunkle Ränder unter den Augen.

Auch das kleinste Geräusch schien Elena zu malträtieren. Sie musste gegen eine erbarmungslose Müdigkeit ankämpfen, dazu Schwindel und völlige Antriebslosigkeit. Permanent war ihr zum weinen.

Es schien, als bewege sie sich kaum von der Stelle.

Das Antlitz einer schweren Depression. Dann, wenn alles nur noch sinnlos erscheint und der Wunsch nach dem ewig währenden Schlaf immer deutlicher zu tage tritt.

Jetzt nur nicht schlapp machen. Irgendwie musste sie den Tag überstehen. Schon von weitem drang lautes Stimmengewirr aus der Basilika zu ihr.

Elena fühlte sich wie ein Lamm das zur Schlachtbank geführt wurde. Am liebsten würde sie auf der Stelle kehrt machen und einfach weglaufen. All diese Diskussionen hingen ihr nur noch zum Halse heraus. Zum Glück gab es heute ausnahmsweise einmal keine Kabinettssitzung.

Zaghaft näherte sie sich dem Portal, betätigte die Türklinke um sie sogleich wieder zu schließen. Schnell erkannte sie wie unsinnig das war und trat schließlich doch noch in den Chorraum.

Der vordere Teil war gefüllt und von den beiden Seiteneingängen erblickte sie weitere Schwestern die in den Innenraum drängten. Dagmar und ihr Gefolge hatte sich zur Linken des Altares gruppiert, der innere Zirkel zur Rechten.

Ein Podium gab es nicht. Ein Bekenntnis zur noch immer vorhandenen Egalität.

Doch. Gab es die tatsächlich noch?

„Durch dein eigenmächtiges Verhalten ist unsere gesamte Gemeinschaft in Misskredit geraten. Ich hoffe dir ist das bewusst. Keine deiner Aktionen hast du vorher mit uns abgestimmt!“ Hörte Elena Gabriela wettern.

„Sollte ich etwa?“

„Na hör sich das einer an! Wir sind noch immer eine Gemeinschaft von Schwestern, die im Konsens entscheidet. Sollte der nicht zustande kommen dann eben mit Mehrheit.“

Erwiderte Gabriela.

„Ach sind wir das? Ist mir gar nicht aufgefallen. Diese viel gepriesene Gemeinschaft hat sich doch schon vor langer Zeit in Luft aufgelöst. Gemeinschaftlich bestimmen, dass ich nicht lache.

Wer bestimmt denn hier wirklich? Euer innerer Zirkel. Ihr maßt euch Autorität an die euch nicht zusteht.“Antwortete Dagmar mit sich ständig steigernden Tonfall.

„Wie kannst du es wagen uns auf diese Weise zu beschuldigen? Das ist hanebüchener Unsinn! Innerer Kreis? Wir bilden lediglich eine Wohngemeinschaft in der alten Abtei, die wir Anarchonoplis nennen. Solcher Art WG`s gibt es inzwischen zu hunderten im ganzen Lande.“ Konterte Kyra.

„Ich bitte dich Kyra! Das glaubst du doch selber nicht. Die anderen WG`s haben in Wirklichkeit nicht einmal einen Bruchteil jenes Einflusses, den ihr geltend macht!“ Widersprach Dagmar energisch.

„Dagmar spricht die Wahrheit! Wir sind der Ansicht, dass ihr euch immer deutlicher vom Rest der Gemeinschaft entfernt. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen unsere Aktionen im Alleingang durch zu führen. Autonomes Initiativprinzip nennen wir das. Ihr solltet wissen wie wichtig das für unsere Gemeinschaft ist“ Pflichtete ihr Julia bei. Eine kesse Göre die sich schon lange zu Dagmars Parteigängerinnen zählte. Ihre pechschwarzen Haare hatte sie einen rassigen Kurzhaarschnitt verpasst und am liebsten lief sie in Latzhosen, Springerstiefel und Halstuch herum.

„Ach und du glaubst dass das so einfach geht?“ Wollte Alexandra wissen.

„Ja, sicher! Du siehst doch dass es geht. Wir tun es! Also ist es möglich!“ Gab die Angesprochene selbstsicher zur Antwort.

„Ich sage gar nichts mehr!“ Meinte Alexandra und bewegte sich ein paar Schritte nach hinten.

„Das erste vernünftige Argument das ich von dir höre!“ Lästerte Dagmar.

„Habt ihr auch einmal in Betracht gezogen das es noch eine Regierung in diesem Lande gibt? Eigentlich kommt es ihr zu solcherlei Entscheidungen abzusegnen. So jedenfalls sieht es unsere Satzung vor. Sicher, die Initiative muss von euch kommen, von unten, von der Basis, von den Syndikaten, den Kommunen, Verbänden und Initiativen. Aber sie sollte stets im Konsens mit dem derzeit noch amtierenden Kabinett durchgeführt werden...“ Schaltete sich nun Elena ein. Für einen Moment schien sie ihre Selbstsicherheit wieder gewonnen. Doch das war ein Trugschluss.

„Regierung? Ich pfeife auf eure Regierung! Wir sind angetreten die Akratie in diesem Lande zu verkünden. Wozu benötigen wir dann noch eine Regierung? Ihr habt es alle aus Elenas Mund vernommen. Sie hat sich selbst entlarvt. Sie und ihr Klüngel haben unsere Prinzipien verraten und verkauft“ Hielt ihr Dagmar entgegen.

„Warum tust du dass Dagmar? Warum hältst du mir ständig unsere Prinzipien vor? Wir haben nichts verraten. Nach reichlicher Überlegung sind wir lediglich zu dem Ergebnis gekommen uns für den Pragmatismus und gegen das Dogma zu entscheiden. Darf ich dich daran erinnern, das Akratie und Dogmatismus in ihrer Grundausrichtung ganz und gar nicht mit einander vereinbar sind.“ Behauptet sich Elena weiter.

„Wir sind keine Dogmatikerinnen. Das waren wir nie! Uns geht es einzig und allein um die Freiheit die von eurem Klüngel immer deutlicher ausgehebelt wird. „ Dagmars Worte schmerzten zutiefst.

Schlagartig wurde sich Elena ihres erst vor wenigen Stunden erlebten Traumes bewusst.  Geradezu gespenstisch war es zu beobachten, wie sehr sich die Szenen ähnelten. Konnte das noch Zufall sein? Nein! Hier handelte es sich eindeutig um gezielte Botschaften aus einer fernen Wirklichkeit. Irgendetwas wollten die Amazonen aus der Bronzezeit ihr und Colette mitteilen, sowie allen anderen die in der Zwischenzeit vergleichbare Botschaften erhielten.

„Wir haben gemeinsam Neidhardts Diktatur bekämpft. Damals hielten wir noch zusammen. In den alten Tagen konnte uns niemand trennen. Wir haben einander bedingungslos vertraut Eine Schicksalsgemeinschaft. Und nun? Kaum dass der Sieg errungen, begannen sich nun unsererseits Hierarchien herauszubilden.

Euer innerer Kreis ist dabei einfach in die Rolle der alten Eliten geschlüpft. Das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern. Ist es ein Verbrechen, wenn wir versuchen auf diese Fehlentwicklung hinzuweisen?“ Beschwerte sich Julia.

„Und für diese Fehlentwicklungen macht ihr natürlich vor allem mich verantwortlich?“ Glaubte Elena daraus zu deuten.

„Natürlich dich! Wen denn sonst? Du bist die Kanzlerin. Dir kommt die Hauptverantwortung zu. Auch wenn zugegebenermaßen auch du nicht alles wissen kannst und demzufolge nicht überall eingreifen kannst.“ antwortete Dagmar mit einer Kaltschnäuzigkeit, dass es einem den Atem verschlagen konnte.

Elena spürte einen schmerzhaften Stich in der Herzgegend. Sie war sich der Tatsache bewusst, dass sie eine solch kontroverse Debatte nicht lange würde überstehen können. Nicht heute. Nicht an diesem überaus traurigen Vormittag.

„Wie es scheint habt ihr euch auf einen Sündenbock festgelegt. Klar, ist ja auch ganz einfach. Elena ist in Regierungsverantwortung, also ist sie schuldig. Auch für Dinge die ihr nicht einmal bewusst sind. Wer weiß, womöglich ist Elena am Ende sogar noch dafür verantwortlich dass die Rechtspopulisten immer deutlicher an Anziehungskraft gewinnen.“

Versuchte Kyra Elena den Rücken zu stärken, doch hatte sie der Gegenseite damit unbewusst einen Ball zu gespielt.

„Du sprichst es aus! Toll! Endlich mal eine tiefe Einsicht in die realen Gegebenheiten. Die Politik dieser Regierung und damit meine ich alle deren Mitglieder, hat eine tiefe Verunsicherung mit sich gebracht. Ihr habt durch eure Fehlentscheidungen an Glaubwürdigkeit verloren. Die Hinhaltetaktik ist gescheitert. Große Teile der Bevölkerung wollen endlich Fortschritte sehen. Deshalb kehren sie euch den Rücken. Es ist an der Zeit die Akratie aus zu rufen und zwar für das ganze Land und wenn ihr es nicht tut, dann werden wir es in die Hand nehmen.“ Drohte Dagmar unverholen.

„Aber das könnt ihr nicht! Die Zeit ist noch immer nicht reif für eine vollständige Akratie. Die derzeitige Lage bietet wenig Raum für solcherlei Experimente. Viele Menschen aus den bildungsfernen Schichten könnten es im derzeitigen Stadium nicht nachvollziehen. Es ist anzunehmen dass es Pannen in der Infrastruktur gibt, zum Beispiel bei der Versorgung. Möglicherweise sogar unbewusst eintretende Ungerechtigkeiten. Ein Debakel wäre die Folge und in dessen Windschatten könnten die Rechten noch deutlicheren Zulauf erhalten.“ Versuchte die Kanzlerin ihre Position zu verteidigen. Doch die Unsicherheit in ihren Worten war kaum zu überhören.

„ Jetzt müssen wieder einmal die Bildungsfernen herhalten. Immer dann, wenn dir die Argumente ausgehen, schiebst du denen die Verantwortung zu. Dabei ist es doch euer innerer Zirkel der sich in sein Schneckenhaus zurückzieht und sich herzlich wenig um die Belange der einfach gestrickten Bevölkerung kümmert.“ Widersprach Julia.

„Die Proleten waren der feinen Gesellschaft immer schon zuwider. Was kann mensch auch anders erwarten, von unseren feinen Püppchen aus der ehemaligen Privooberschicht.

Ihr habt euren Dünkel niemals abgelegt.“

Lies Dagmar ganz offen ihre Abscheu erkennen.

„ Du hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. Was willst du damit sagen?“ Alexandra erhob sich wutentbrannt von ihrem Platz. Kyra hielt sie zurück.

„Zählst du mich etwa auch dazu? Kyra, das Punkmädchen vom Bauwagenplatz?  Das ist ja wohl absurd. Unser innerer Kreis, wie ihr so gerne betont, besteht aus Frauen und Mädchen die aus den unterschiedlichsten sozialen und intellektuellen Milieus stammen. Hier haben sie sich gefunden, leben, arbeiten und feiern zusammen. Viele Paare sind auf diese Weise entstanden. Das ist der Sinn unserer Gemeinschaft. Inzwischen hat unser Beispiel in ganz Akratasien Schule gemacht.“

„Natürlich zähle ich dich nicht hinzu. Dich und einige andere auch. Du hast dich über den Tisch ziehen lassen. Sie haben dich mit ihrem süßlichen akademischen Gehabe beeindruckt und einlullt. Aber sieh dich doch nur um, sie führen noch immer das große Wort. In nicht all zu ferner Zeit werden sie wieder in Schlössern wohnen.“

Der Seiteneingang öffnete sich und Chantal trat in Begleitung von Inga und Sonia ein. Alle drei hatten sich etwas verspätet.

„Sieh an! Sieh an! Noch so ein Starlet! Sag mal wo hast du denn dein Dirndlkleid gelassen Chantal?“ Dagmar wies mit dem Zeigefinger in Richtung der Angesprochenen.

„Häh? Was ist los? Hast du zu heiß gebadet Dagmar? Kann mir mal jemand sagen was hier abgeht?“

„ Zoff! Richtig ordentlicher Zoff.“ Meinte Kyra.

„Ja, dass sehe ich! Und wozu soll das gut sein?“ Wollte Chantal weiter wissen.

„Um Dinge anzusprechen, die schon lange hätten bereinigt werden müssen. Es bringt absolut gar nichts, alles immer nur auf den Sankt-Nimmerleinstag zu verschieben. Wir haben uns viel zu lange geduckt, um des lieben Friedens willens. Nun, nachdem wir die Initiative ergriffen haben, machen sie uns einen Vorwurf.“ Versuchte Julia auf sachliche Art zu erklären.

 

Elena betrachtete das Geschehen nur noch aus der Distanz. Immer wieder setze sie an, um das Wort zu ergreifen, doch ihre Zunge schien gelähmt. Sie, die stets so Angriffslustige, die keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging und jeden Streit meisterhaft zu ihren Gunsten zu entscheiden wusste. Elena, die ewig dominierende und triumphierende, hatte keine Worte mehr.

Sie erkannte den deutlichen Unterschied zu dem Traumgeschehen in der Nacht. Im Gegensatz zu Aradia war sie hier nicht der Mittelpunkt der Szene. Eine Randfigur, die kaum noch zur Kenntnis genommen wurde.

Andere waren längst an ihre Stelle getreten.

 

„Ach ja und Dagmar ist wider mal dabei die Anklägerin zu spielen? Meinte Inga.

„Die brauche ich nicht zu spielen. Diese Rolle kommt mir zu. Ich habe die Wahrheit auf meiner Seite.“

„Aha, dann haben wir es also mit einer Prophetin zu tun?“ Entgegnete Inga mit ironischem Unterton.

„Wenn du so willst. Dann bin ich es eben! Eine muss ja die Drecksarbeit tun. Auch wenn ich auf diese Weise den Hass der ganzen Schwesternschaft auf mich lade.“

„Na jetzt hört doch alles auf! Willst du dich am Ende gar als Märtyrerin gebärden und uns den schwarzen Peter zuschieben. Du bist eine Provokateurin ohne Gleichen!“

Rief ihr Alexandra entgegen.

„Ach, halt den Mund! Mit einer wie dir rede ich gar nicht mehr!“Schleuderte Dagmar ihr entgegen.

 

 Alexandra steuerte voller Wut im Bauch auf die Anklägerin zu.

„Jetzt habe ich aber genug von dir! Was bildest du dir eigentlich ein? Wer bist du, dass ich mich von dir beleidigen lasse. Am liebsten möchte ich dir eine runter hauen!“

„Dann tus`s doch! Tu`s doch! Wenn du das Echo verträgst?“

„Du blöde Kuh, ich.....“

 

Ein lautes Krachen ließ alle erhitzten Gemüter auf der Stelle zusammen zucken.

Der Blick richtete sich wie auf Befehl auf die Person die plötzlich wie aus dem Nichts in der Mitte der Versammlung erschienen war.

Mit voller Wucht hatte Colette ihren stählernen Gehstock auf die Tischplatte des großen Eichenholztisches niedersausen lassen, der hier seit einiger Zeit für kleine Konferenzen genutzt wurde.

Androgyna und Kim fungierten als eine Art Begleitschutz für die Königin.

„Ruhe jetzt!!!!“

Colettes Schrei hallte mit einem lauten Echo von allen Seiten des Kirchenschiffes wieder!

„Hey Alte, nun mach mal halblang! Immer cool bleiben, immer…“ Wagte Dagmar umgehend den Widerspruch.

„Nenne mich nicht Alte! Das verbiete ich mir, du Rotzgöre!“ Brüllte Colette zurück.

„Sag mal hast du einen Stich oder was? Ich lasse mir nicht den Mund verbieten. Die anderen mögen dich Königin nennen. Für mich bist du ein Nichts! Du maßt dir die diese „Würde“ an.

Du bist…

„Halt auf der Stelle den Mund!“ 

„Nein das tue ich nicht!!“

„Das tust du doch!“

„Nein, ich werde niemals von dir kuschen. Ich beuge mich keiner Autorität, nie und nimmer…“

Colettes Augen trafen die Aufrührerin wie ein scharfes Schwert. Die taumelte nur noch ein paar Schritte nach hinten und ließ sich auf eine der Kirchenbänke fallen.

„Wenn ihr Akratasien zerstören wollt, dann tut es gleich und macht es gründlich. Am besten jagt ihr die gesamte Abtei mit einer Ladung Sprengstoff in die Luft, damit möglichst jegliche Erinnerung daran für immer ausgelöscht sei.“

Schweigen! Die Schwestern sahen einander mit hilflos wirkenden Blicken an. Bei einigen schienen schon die ersten Gewissensbisse durchzuschimmern. Elena blickte erleichtert nach vorn. Die große Schwester war wieder einmal zur rechten Zeit gekommen.

Eigentlich wollte sich Colette nicht in laufende politische Debatten einmischen, als Königin stand sie quasi über den Dingen, sie fühlte sich allen Menschen verpflichtet, dass verbot ihr einseitig Partei zu ergreifen. Doch in dieser Angelegenheit konnte sie nicht neutral bleiben, die Existenz der gesamten Gemeinschaft stand auf dem Spiel.

„Ich weiß dass ihr jüngeren Schwestern mit vielem nicht einverstanden seit. Das ist euer gutes Recht. Auseinandersetzungen sind etwas ganz normales und gehören zu jeder Gemeinschaft. Dadurch erst sind wir in der Lage uns weiter zu entwickeln. Aber die Art und Weise wie ihr in der letzten Zeit miteinander umgeht ist schauderhaft. Dadurch öffnet ihr dem Hass Türen und Tore. Kommt zur Besinnung! Ihr seit Schwestern.“

„Das möchten wir ja auch! Aber ihr macht es uns sehr schwer, “ setzte Julia zu einer Verteidigungsrede an.

„Wir wollten die Akratie verwirklichen und was haben wir stattdessen? Eine Monarchie! Eine Königin an der Spitze. Viele wollen und können sich nicht damit anfreunden. Es scheint uns einfach als Zumutung. Diese Übergangsregierung amtiert schon viel zu lange. Lasst uns endlich neue Wege gehen und die beginnen nun mal mit Widerstand.“

„Das ist richtig und falsch zugleich. Der Widerstand hatte seine Zeit. Ihr müsst doch endlich begreifen dass wir nicht mehr in der Opposition sind und immer nur alles infrage stellen brauchen. Die Zeit des Draufhauens ist vorüber. Wir halten jetzt die Regierungsverantwortung in der Hand. Das ist eine völlig veränderte Situation. Was gestern richtig und notwendig erschien, kann sich heute als zerstörerisch erweisen.“

„Das ist dein Standpunkt Colette. Wir haben einen anderen. Für uns geht der Kampf weiter und wird niemals zu Ende gehen.“ Hielt ihr Dagmar entgegen. Sie blieb hart in der Sache, wenn sich ihr Tonfall auch deutlich gemildert hatte.

„Du willst die Bewahrerin von Kovacs Erbe sein, Colette? Der würde sich Grabe herum drehen, wüsste er wie sehr ihr seine Lehre verdreht und verfälscht.“

Nun hatte Dagmar wieder einmal den wunden Punkt angesprochen.

Die Königin blieb ruhig und sachlich, lies sich nicht aus der Reserve locken.

„Es ist unfair wenn du uns immer wieder Kovacs Ideen um die Ohren haust. Elena und ich waren seine besten Freundinnen. Ich selbst stand ihm am Ende seines Lebens näher als kaum ein anderer.

Ich habe mit ihm gearbeitet, gekämpft und gestritten. Mit ihm gekocht gegessen und ge…“

Geschlafen wollte sie sagen. Doch brachte sie das Wort nicht über ihre Lippen. Das war ihr Geheimnis und ging niemanden etwas an.

„Kovacs hat mir in allem vertraut. Aus diesem Grund beauftragte er mich sein Erbe weiter zu tragen.“

„Als Königin?“

„Ja, als Königin! Die Anarchistische Monarchie ist das vorläufige Endprodukt einer langen Entwicklung. Sie war nicht geplant und nicht vorhersehbar als wir begonnen. Sie hat sich einfach in Eigendynamik entwickelt. Ich betone das Wort vorläufig. Denn die Entwicklung geht weiter und niemand vermag zu sagen wohin der Weg führt. Nach allen Seiten offen, ohne jedes Dogma. Das ist echte Akratie.“

„Das kann keine echte Akratie sein. Wäre sie es, würde sie funktionieren und bei der Bevölkerung ankommen. Sie tut es aber nicht, weil sie verwässert und entstellt wurde. Wir sind der Ansicht dass es eure Schuld ist.“ Widersprach Julia.

„Eure Politik hat dazu geführt dass die Rechtspopulisten immer deutlicher an Einfluss gewinnen. Ihr beschäftigt euch nur noch mit euch selbst und habt euch längst wieder mit Privilegien versorgt. Die Bildungsfernen und deren Probleme sind euch vollkommen gleich.“ Fügte Dagmar hinzu.

„Das ist Unsinn! Ihr habt es gerade nötig uns Vorhaltungen zu machen was den Umgang mit den Bildungsfernen betrifft. Eure Aktionen trugen wesentlich dazu bei, diese starke Bevölkerungsgruppe unseren Ideen zu entfremden.

Einverstanden, der Vorwurf ist nicht von der Hand zu weisen. Dann aber haben wir alle versagt. Alle, die wir hier versammelt sind. Keiner von uns ist es gelungen den Großteil der Bildungsfernen in unser Gesellschaftsmodell einzubinden. Ich selbst inbegriffen. Ferner die gesamte Schwesternschaft, das Kabinett, die zahlreichen örtlichen Initiativen und eure Opposition.“

Schweigen! Für einen kurzen Moment schienen alle in sich zu gehen und über Colettes Vorwurf nach zu sinnen.

Dann meldete sich `Gabriela zu Wort.

„Aber warum Colette? Wir haben uns doch unendlich bemüht! Unser Schwesternbund ist das überzeugendste Beispiel für eine gelungene Integration von Menschen aus den ehemaligen sozialen Unterschichten. Ich will jetzt keine Namen nennen. Ihr wisst, welche von uns ich im Auge habe und wie prächtig sie sich entwickelt haben in dieser positiven Umgebung.“

„Haben wir das wirklich Gabriela? Blicke dich um! Ich sehe keine Bildungsfernen in unseren Reihen. Menschen die von unten kommen sind nicht automatisch bildungsfern, ebenso wie Leute aus privilegierten Kreisen nicht unbedingt mit Weisheit gesegnet sein müssen.  

Du nennst keine Namen aus Pietätsgründen. Aber ich tue es!!“

Colette schritt auf Kim zu, legte ihren Arm um deren Schulter und zog sie an sich.

„Haltet ihr Kim etwa für bildungsfern? Oder Kyra? Oder wie ist es mit dir Kristin? Gabriela hat mir vor wenigen Tagen begeistert davon Bericht erstattet mit welcher hervorragenden Note du dein Abitur bestanden hast.“

„Naja, war halt Glücksache würde ich sagen. Vor allem hatte ich eine gute Lehrerin.“ Versuchte Kristin die Sache herunter zu spielen.

„Richtig! Gabrielas positiver Einfluss hat es dir leicht gemacht, dein geistiges Potential zu aktivieren. Das ging aber doch nur weil jenes Potential tatsächlich vorhanden war. Deine ganzen Lebensumstände hinderten dich in den Zeiten bevor du zu uns kamst, daran, dich frei zu entfalten“ Erwiderte Colette.

„Es war eine elende Schinderei, dieses Lernen! Das brachte mich oft an den Rand der Verzweiflung und nicht wenige Male dachte ich ans aufhören.“ Versuchte Kristin weiter tief zu stapeln.

 „Aber du hast es geschafft! Ohne Fleiß , keinen Preis!

Nein, ich meine etwas ganz anderes. Ich denke an all jene bei denen eine geistig Entwicklung tatsächlich nicht statt gefunden hat und die deshalb keine weiterführende Schule besuchen konnten, weil ihnen das nötige Wissen fehlt. Früher sagte man verächtlich Proleten zu ihnen, heute haben wir das verharmlosende Wort Bildungsferne erfunden. Es kommt auf`s Gleiche raus. Diskriminierend ist das eine wie das andere.

Von den wirklich Ungebildeten haben wir keine in unserem Kreis. Was glaubt ihr, woran das liegen mag?“

„Ich kann mir denken auf was du hinaus willst, Colette! Die würden uns nicht verstehen! Sie könnten sich niemals an einer Diskussion beteiligen, etc, etc. Folglich würden sie sich in unseren Reihen nicht sonderlich wohl fühlen und schon nach kurzer Zeit frustriert das Weite suchen.“ Glaubte Chantal zu wissen.

„Du sagst es! Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.“ Stimmte Colette zu.

„Könnten wir mal wieder zur Sache kommen? Ich glaube, wir schweifen einfach zu weit vom Thema ab, wenn es auch richtig ist, sich solchen Fragen zu stellen. Aber eigentlich geht es in unserer Aussprache doch um Dagmars Verhalten und das ihrer Anhängerinnen. Und die daraus resultierenden Unruhen die das ganze Land erfasst haben.“ Glaubte sich Alexandra zu erinnern.

„Danke für deinen Hinweis. Genau hier liegen die Ursachen für unsere derzeitigen Schwierigkeiten. Ich wollte es euch anhand dieser Beispiele vor Augen führen. Eine Gesellschaft funktioniert nur soweit sie in der Lage ist, die Schwachen, die am Rande stehenden und vor allem die Bildungsfernen zu integrieren.

Gelingt ihr das nicht, kommen ihnen die  betreffenden Menschen abhanden und suchen sich entsprechend  andere Orientierungspunkte.

Wir vermochten es nicht. Mit der Folge dass sich all jene, die sich abgehängt und ausgegrenzt fühlten, anderweitig umsahen und eine neue Heimat gefunden glaubten. Die Rechtspopulisten sind Rattenfänger, die ihre Köder schon vorzeiten ausgelegt haben. Mit markigen Sprüchen machen sie auf sich aufmerksam. Sie sprechen in einer einfachen Sprache und bei ihnen gibt es das Führerprinzip. Da wird nicht diskutiert! Da wird einfach befohlen und ausgeführt.“ 

 

Elena versuchte sich wieder in die Diskussion einzubringen. Sie wollte nicht mehr teilnahmslos am Rande stehen. Die anderen erwarteten von ihr eine Stellungnahme, so glaubte sie zumindest.

„Ich… ich kann all dem nur beipflichten. Ihr alle habt Recht. Ich danke dir Colette für dein Eingreifen. Ich übernehme die volle Verantwortung, für alles. Es liegt an mir zu handeln.“

„Und? Welche Konsequenzen gedenkst du zu ziehen?“ Wollte Dagmar in ihrer provozierenden  Art wissen.

Elena schnürte es erneut die Kehle zu. Sie war einfach nicht mehr in der Lage diesen Angriffen stand zu halten. Sofort schossen ihr die Tränen in die Augen und sie begann zu wanken.

„Ich werde überlegen was zu tun ist. Noch habe ich mich nicht entschieden, aber ihr werdet es bald von mir erfahren. Ihr entschuldigt mich jetzt. Ich muss mich zurückziehen. Mir geht es heute Morgen nicht gut.“

Gleich nachdem sie ausgesprochen hatte begab sich die Kanzlerin mit taumelnden Schritten auf den Ausgang zu und verschwand hinter der großen schweren Tür des Haupteinganges.

„Siehst du nun was du angerichtet hast? Elena ist total fertig. Das kann doch ein Blinder sehen.

Aber du musst natürlich auf sie eindreschen. Was bist du nur für ein Mensch?“ Fauchte Kyra

„Ach leckt mich doch! Ich habe langsam genug von diesem sinnlosen Gequatsche. Ihr wollt meine Kritiken nicht hören, dass ist alles. Mit euch zu diskutieren ist sinnlos und reine Zeitverschwendung. Ihr seid ein Hofstaat und nichts weiter. Töchter der Freiheit? Das ich nicht lache. All jene die nicht eurer Meinung sind werden auf perfide Art und Weise abserviert. Was bin ich denn für euch? Eine Stieftochter der Freiheit! Ja, das bin ich! Ich wünsche einen guten Tag!“

Danach hastete Dagmar wutentbrannt nach draußen.

Colette trat zu Julia.

„Wir dürfen das Gesagte nicht so einfach im Raum stehen lassen. Komm morgen zu mir! Wir müssen reden. Auf Augenhöhe. Du bist vernünftig und dafür geeignet. Ich möchte Dagmar nicht verlieren. Sie ist hochbegabt und eine ausgezeichnete Kämpferin. Wir können uns in dieser Situation keine Spaltung erlauben.“

„Du hast Recht! Ich werde kommen! Versuchen wir zu glätten was zu glätten ist!“ Nickte Julia.

„Ich erwarte dich! Ich muss mich jetzt um Elena kümmern.“

Colette schritt scharfen Schrittes durch die Basilika. Androgyna und Kim folgten ihr.

„Absolut Spitze. Denen hast du`s aber gegeben. So eine Standpauke war schon lange fällig.“ Begeisterte sich Androgyna dabei die Daumen weit nach oben gestreckt.

„Ihr wisst was zu tun ist. Augen und Ohren offen halten und mir Bericht erstatten.“ Lautete Colettes Anweisung.

„Geht klar! Wir sind auf unserem Posten und stehen dir immer zur Verfügung!“ Bestätigte Kim.

„Wo? Wo ist Elena? Ähhmm, Androgyna bleib in Reichweite. Es kann sein das ich dich brauche.“

„Meine Königin kann sich jeder Zeit auf mich verlassen.“

 

Elena hatte die Basilika wieder betreten und sich derweil im Kreuzgang nieder gelassen. Die harten Worte hallten noch immer wie spitze Pfeile in ihrem Bewusstsein wieder. Stumm blickte sie den mit kunstvollen Säulen bestückten Gang hinunter. Warum trat Madleen nicht zu ihr und legte ihr, so wie früher, die Hand auf die Schulter. Dann wäre alles wieder in Ordnung. Gemeinsam könnten sie sich den anstehenden Problemen stellen.

Doch stattdessen Resignation, nur endlose, destruktive Resignation.

„Elena, was ist mir dir?“

Plötzlich tauchte Colette neben ihr auf, setzte sich und legte den Arm um die kleine Schwester.

Elena lies sich wortlos an deren Schulter ziehen.

Nach einer Weile des Schweigens fand die unglückliche Kanzlerin die Worte die sie sich schon lange zurechtgelegt hatte.

„Ich kann nicht mehr Colette! Ich bin total am Ende! Die Depression hat mich voll im Griff! So geht es nicht weiter! Du siehst ja wie ich immer deutlicher absacke. Es wird Zeit zu handeln. Ich habe mich entschieden! Noch im Laufe dieser Woche werde ich meinen Rücktritt verkünden.“

Die Königin erschrak gewaltig. Damit hatte selbst sie nicht gerechnet.

„Ist es so schlimm Elena? Kleine Schwester. Du darfst nicht einmal daran denken. Rücktritt kommt auf keinen Fall in Frage. Du kannst uns in dieser Situation nicht alleine lassen. Ohne dich wäre nicht nur unser Schwesternbund sondern ganz Akratasien gefährdet. Das… das wäre ein Debakel ohne Gleichen.“

Elena begann erneut zu weinen.

„Ich weiß! Das ist es ja. Ich finde keinen Ausweg. Es kommt auf einmal alles in mir hoch. Alle Menschen die ich liebte habe ich verloren. Erst Leander und Kovacs, dann Neidhardt und nun auch noch Madleen. Dazu dieser innere Zwist, dieser Hass und diese Feindschaft überall im Land. Es droht alles den Bach hinunter zu gehen. Unser ganzes Projekt, das wir mit soviel Liebe und Energie geschaffen haben. Ich hänge so sehr an unser aller Zuhause. Ich will es nicht verlieren. Aber ich kann wirklich nicht mehr. Und von mir erwarten sie eine Entscheidung.“

Schluchzte Elena laut an Colettes Brust.

„Ich wusste seit langen dass es dir schlecht geht, aber dass es solche Ausmaße angenommen hat. Warum bist du nicht zu mir gekommen?  Ich möchte dein Leid mit dir teilen. Wir sind Schwestern seit uralten Zeiten?“

„Ich wollte dich nicht unnütz belasten. Dir geht es doch auch nicht gut.“ Gab Elena zu verstehen.

„Ach, du belastest mich überhaupt nicht. Das ist doch Unsinn. Von nun an werden wir es ändern. Ich stehe an deiner Seite.  Es ist nicht gut dass du ständig allein in der Wohnung sitzt. Vor allem sollst du nicht allein im Regierungspalast übernachten. Damit machst du alles nur noch schlimmer.“ Entgegnete Colette.

„Das ist lieb von dir große Schwester. Aber du und Betül und die kleine Aischa, ihr seit eine Familie. Ich möchte keine Umstände machen!

Versuchte Elena wieder abzuwiegeln.

„Du machst uns keine Umstände! Ich habe bereits mit Betül darüber gesprochen, in der Vorahnung dessen, was noch kommen könnte. Wir richten alles so her dass du bei uns schlafen kannst. Mit uns zusammen. Das klappt schon. Tessa ist ja eh schon die ganze Zeit bei uns. Wir rücken einfach zusammen. Dann gäbe es noch die Möglichkeit dass ich dir Androgyna schicke, damit sie dir zur Verfügung steht. Du, ich sage dir, die ist ein echter Hit. Eine Frohnatur, die , wo sie auch auftaucht ,Freunde und Harmonie spendet. Ehe du dich versiehst hat sie dich mit ihrer herzlichen Art angesteckt.“

„Ich danke dir Colette! Du meinst es gut. Aber mir ist im Moment so ganz und gar nicht nach einer neuen Beziehung. Ich will nur meine Madleen wieder haben. Das ist alles. Je weiter sie sich von mir entfernt desto tiefer bohrt es in meinen Herzen. Ich beginne langsam den Verstand zu verlieren.“

Diese Erkenntnis wog schwer für Colette. Elena siechte langsam und qualvoll an Eifersucht und Beziehungsverlust dahin. Das coole, abgebrühte und mit allen Wassern gewaschene Partygirl von einst, das seine Beziehungen so schnell wie ihre Garderobe wechselte, litt an  unheilbar gebrochenen Herzen. Lediglich die Person um deretwegen sie so furchtbar litt, wäre imstande sie zu heilen. Doch die dachte im Moment gar nicht daran.

Was in aller Welt war nur in Madleen gefahren?

„Ich kann mir vorstellen wie sehr du leidest. Wer könnte das besser verstehen als ich. Den größten Teil meines Lebens war ich gezwungen mit anzusehen wie ich von Menschen die ich von ganzen Herzen liebte, mit Nichtbeachtung gequält wurde, hintergangen, belogen und betrogen. Hier und da mal ne kurze Liaison, das war alles. Liebe? Echte tiefe Zuneigung? Fehlanzeige! 30, ach was rede ich, über 35 Jahre dauerte diese endlose Marter. Erst hier, in eurer Mitte wurde ich in vollem Sinne Mensch.Zu einer Zeit als ich mich schon lange aufgegeben. Ich lernte dich kennen, durfte dir nahe sein und deine Zärtlichkeit genießen. Mit Kim hatte ich eine schöne Zeit. Ja und dann kam Betül, jene Traumfrau an meiner Seite. Ich habe noch immer Angst dass sie mich einmal um einer jüngeren Person wegen verlässt. Aber bisher steht sie mir in unverbrüchlicher Treue zur Seite. Sie hat mir Aischa geschenkt, die Krönung unserer Liebe. Und weil das offensichtlich noch nicht ausreichte trat in letzter Zeit noch Androgyna in mein Leben.“

„Androgyna? Ja, jetzt da du es sagst! Klar, ihr seit von der gleichen Art. Ich freue mich für dich Colette. Bei mir war es genau umgedreht Ich hatte so viele Beziehungen, dass ich sie nicht zählen konnte. Ich habe mit den Gefühlen anderer auf schäbigste Art und Weise gespielt. Wie ein Vampir entzog ich ihnen die Kraft nur um sie dann, wenn ich ihrer überdrüssig wurde, wie Müll zu entsorgen. Vielen Personen tat ich unendlich weh dabei. Nun bekomme ich die Strafe. Alle Menschen die ich wirklich liebte, wurden mir nach und nach genommen.“

„Nein, es hat einen anderen Grund. Nicht Strafe, sondern Prüfung. Eine Prüfung für uns beide!“ Erwiderte Colette. Elena konnte mit dieser Antwort nicht viel anfangen und ihre verquollenen Augen blickten nur leidvoll in das Gesicht der großen Schwester.

„Prüfung? Wie viele Prüfungen denn noch? Hatte ich nicht schon reichlich davon?“

„All diese Verluste wiegen schwer. Aber du kannst sie nicht vergleichen. Leander ist tot, das ist eine unwiederbringliche Tatsache. Es gibt keine Wiederkunft, nicht in diesem Leben. Das Kapitel ist abgeschlossen. Du kannst sein Grab auf dem Friedhof besuchen. Genauso verhält es sich mit Kovacs.

Was Neidhardt betrifft, der ist einfach von heute auf morgen verschwunden. Er hat dich im Stich gelassen, weil er mit seinen Gefühlen nicht zu recht kam. Wir wissen nicht was aus ihm geworden ist. Er hätte die Möglichkeit wieder zu kommen, aber wie ich ihn kenne wird er sich niemals dazu durchringen. Also auch er bewegt sich außerhalb deiner Einflussmöglichkeiten.

Bei Madleen ist es anders. Sie lebt hier. Du kannst sie sehen, du kannst sie besuchen wenn du die Kraft dazu aufbringst.

Das verursacht natürlich ungeheure Schmerzen. Du hast aber die Möglichkeit um sie zu kämpfen. Und ich bin überzeugt dass sie eines Tages zu dir zurückkommen wird.

Das größte Problem ist im Moment dieser Kerl, der ihr den Hof macht und wie eine Schmeißfliege an ihr hängt. Dieser Typ scheint einen ungeheueren negativen Einfluss auf deine Frau auszuüben.

Ein ganz unheimlicher Mensch. Ich werde mich in den nächsten Tag diesbezüglich mit Ronald und Folko treffen, die einen ähnlichen Verdacht hegen.

Mal sehen was sich machen lässt.

Viel wichtiger ist aber im Moment dass du wieder auf die Beine kommst. Deshalb werden wir von nun an eng zusammenleben.“

Elena ließ das Gesagte auf sich wirken. Sie spürte gar nicht mehr den Wunsch zum Widerspruch. Das Angebot würde sie annehmen. Was blieb ihr auch anders übrig? Immerhin war sie noch immer Kanzlerin und die Verantwortung für ein ganzes Land lag in ihren Händen.

Plötzlich klopfte es an der Tür.

„Komm rein Androgyna!“ Rief Colette

Wenig später betrat die androgyne Erscheinung den Raum.

„Stets zu Diensten wenn der Herzschmerz einen Menschen zwickt und quält. Androgyna die Heilerin stellt all ihr Können zur Verfügung.“

„Kannst du dich um Elena kümmern? Vor allem dann wenn ich selber nicht zur Verfügung stehe? Auf mich warten viele Aufgaben in naher Zukunft.“ Gab Colette zu verstehen.

„Das mache ich sehr gern! Elena, wenn du mich brauchst, komme ich zu dir um dir Gesellschaft zu leisten. Was auch immer du begehrst, werde ich versuchen dir zu verschaffen. Es ist mir eine außerordentliche Ehre in der Nähe einer so wunderbaren Frau zu sein. Diesen Wunsch hege ich seit langem.“

„Nun dann wäre alles geregelt. Du kannst deinen Dienst gleich antreten, wenn du magst und vor allem wenn Elena damit einverstanden ist.“ Schlug Colette vor.

„Ja gerne! Ihr seid alle so lieb zu mir! Was würde ich nur tun wenn ich euch nicht hätte!“

 

Am Abend konnte sich Elenas gequälte Seele in die Obhut der Schwestern begeben. Die taten was sie immer zu tun pflegten wenn sich eine von ihnen in seelischen Nöten befand. Die Betreffende in ihre Mitte nehmen um durch zärtliche Berührung die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Androgyna, Kim und Betül bildeten einen Kreis um Akratasiens Kanzlerin. Colette befand sich auf einer Besprechung und kam erst spät nach Hause. Als sie die Tür zum Schlafzimmer öffnete, bot sich ihr ein Bild des Friedens, der Harmonie und der innigen Zuneigung. Sie wusste die kleine Schwester in guten Händen.

Ob das aber auf Dauer ausreichte? Die Zeit würde schon bald eine entsprechende Antwort liefern.