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Der dritte Weg

Transsexualität

Perspektiven des „Dritten Geschlechtes“

 

Zum Begriff: Was ist Transsexualismus?

 Allgemeine Begriffserklärung

Dieser Artikel soll seinen Beitrag leisten zur Aufklärung über ein bis heute weitgehend im dunkel liegenden Begriff. Hauptsächlich widmet sich die Boulevardpresse diesem Thema und vermarktet es, mit teils verheerenden Folgen für die Betroffenen. Es ist an der Zeit eine Art Gegenöffentlichkeit herzustellen.

 

Auf Anhieb lässt sich diese Frage gar nicht so leicht beantworten. Uns begegnet eine Fülle von Begriffen. Transsexualismus, Transsexualität, Transidentität, Transgender, Drittes Geschlecht, Transvestiten, Crossdresser usw.

Viele Begriffe die oft Teilwahrheiten, aber auch Teilunwahrheiten enthalten.

Die bürgerlich-patriarchale Gesellschaft die uns leider noch immer umgibt, trägt nicht unwesentlich zur Verwirrung bei, bewusst, wie unbewusst.

Der in früheren Zeiten gebräuchliche Begriff Transsexuell ist ebenso diskriminierend, wie falsch.

Denn es handelt sich hier ja nicht um eine sexuelle Orientierung.

Der in den letzten Jahren immer häufiger auftauchende Begriff Transgender ist ebenfalls ein wenig verwirrend, dieser stellt eher einen Überbegriff unterschiedlicher Teilaspekte dar.

Ich persönlich bevorzuge den Begriff Transidentität, bezeichne mich auch als Transidenten.

Ein neuer Begriff, der sich mehr und mehr durchsetzt. Ich werde diesen im nun folgenden Text verwenden.

Als Transidenten bezeichnet man Menschen die biologisch eindeutig einem Geschlecht zugehören, sich aber psychisch  als dem jeweils anderen Geschlecht zugehörig empfinden.

Männer die sich als Frauen empfinden bezeichnen wir als Transfrauen. Frauen, die lieber dem männlichen Geschlecht angehören wollen, nennt man Transmänner.

Da ich selbst eine Transfrau bin möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich im Folgenden natürlich vor allem auf diese Variante beziehe. Die eindeutig schwierigere von beiden. Transmänner haben es in der Regel bedeutend einfacher von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Trotzdem bilden Transfrauen und Transmänner eine Schicksalsgemeinschaft.

 

Transidenten sind davon überzeugt permanent im falschen Körper zu stecken. Das bedeutet, beim Blick in den Spiegel eine fremde Person zu erkennen.

Alles wirkt falsch. Wenn du sprichst, ist es eine falsche Stimme, die nicht zu dir passen will.

Im Grund können Transidenten keine Fehler begehen, da sich ihr Leben doch von Anbeginn als ein einziger Fehler herausstellt.

Der Körper wird zum Gefängnis. Die Seele lebt ein Leben im Exil.

Körper, Geist und Seele finden nicht zueinander, können keine harmonische Ganzheit entwickeln. Die Folge: Dauerstress. Anhaltende, kaum therapierbare Depressionen und massenhaft psychosomatische Beschwerden.

Der Wunsch in den Körper des Wunschgeschlechtes zu schlüpfen wird zur fixen Idee. Alles dreht sich nur noch um diesen Gedanken.

Für viele beginnt eine Odyssee durch Behörden und Institutionen.

Juristen, Psychologen, Ärzte verschiedener Fachrichtungen geben sich die Klinke in die Hand im Leben vieler Transidenten. Kaum eine andere soziale Gruppe lebt heute noch so fremdbestimmt.

Besonders zu Psychotherapeuten entsteht nicht selten ein geradezu sklavisches Abhängigkeitsverhältnis. Oftmals wird der Hilfesuchende geradezu zum Bettler degradiert.

Auch viele Schwule und Lesben suchen im Laufe ihres Coming out Psychologen auf, um über ihre Lebenssituation zu sprechen. Doch das ist nicht zwingend notwendig. Ein Coming out kann, findet es in der geeigneten Umgebung statt, völlig ohne therapeutische Hilfe über die Bühne gehen.

Ganz anders jedoch bei Transidenten.

 

 

Der Weg in das Wunschgeschlecht -Die klassische konservative Methode

Die klassische Methode, dem bürgerlich-patriarchalen Denken verpflichtet, geht unhinterfragt vom Zwei-Geschlechter-Modell in unserer Gesellschaft aus, innerhalb dessen, die Transidenten eine krankhafte Abweichung darstellen, welche über die körperliche Angleichung an das gefühlte und gelebte Geschlecht (gender) behoben werden muss.

Das Recht auf eine eigenständige Identität wird den Transidenten  abgesprochen.

Nach wie vor entscheidet sich eine Mehrheit der Transidenten für die hormonelle und chirurgische Angleichung.

 

Der Behördenweg –bzw irrweg kurz beschrieben:

Du gehst zum zuständigen Amtsgericht und stellst den Antrag auf Änderung des Vornamens.

In meinem Fall in einen weiblichen. Für Menschen mit wenig Geld sei dringend empfohlen Prozesskostenerstattung mit zu beantragen, denn das Verfahren, das nun eingeleitet wird kostet richtig Geld. In meinem Fall ca. 3000 Euro. Transidentität ist eine ausgesprochen kostspielige Behinderung die die Betroffenen nicht selten an den Bettelstab bringt.

Das Amtsgericht seinerseits bestellt zwei psychologische Gutachter. Die müssen unabhängig von einander ein Gutachten erstellen, ob es sich bei dem betreffenden Fall um eine „echte Transidentität“ handelt. Richtig gelesen. Fremde Personen entscheiden über deine eigene persönliche Identität.

Wer Glück hat, so wie ich, kann schon nach einem halben Jahr mit einem Ergebnis rechnen.

Wer Pech hat wartet noch nach zwei Jahren und mehrmaliger Mahnaktion.

Sind beide Gutachten positiv, bestätigen also die Transidentität, wird der Vorname geändert.

Nur der Vorname, nicht der Personenstand, der kann in Deutschland erst nach dem operativen Eingriff geändert werden. Ich gelte vor dem Gesetz weiter als Mann, als Mann der einen weiblichen Vornamen tragen darf und sich das Recht erworben hat auf Behörden als Frau angeredet zu werden.

Das ist aberwitzig, klar, aber die Zwei-Geschlechter-Theorie legt nun mal penibel genau fest was als Mann oder Frau zu definieren ist. Und eine Frau die einen Penis hat gibt es nach der geltenden Norm nun mal nicht.

Diesen weg bezeichnen wir als „Kleine Lösung“. Diese ist seit einigen Jahren in Deutschland und Österreich möglich. Die Schweiz hingegen kennt diese nicht, dort ist nach wie vor der operative Eingriff erforderlich um den Vornamen zu wechseln.

Wie schon erwähnt begnügen sich viele Transidenten nicht mit dieser Lösung, streben die

„Große Lösung“ an, das heißt die vollständige körperliche Angleichung an das „Wunschgeschlecht“.

Wer das möchte, begibt sich wieder in „psychologische Betreuung“. Eine etwa einjährige Psychotherapie ist hier vorgeschrieben. Die beratenden Psychologen sollen eventuelle Zweifel

an der Echtheit der Transidentität abklären. Viel betrachten diese Maßnahmen als Zwangsberatung.

Es entsteht die bereits von mir angedeutete Abhängigkeit vom Therapeuten. Nur ja keinen Fehler machen, nur ja jedes Wort richtig durchdenken, bevor es über die Lippen kommt, sonst ist es aus mit den gewünschten Papieren.

Was nun folgt ist ein Vorgang, genauso grotesk wie demütigend, der so genannte Alltagstest.

Die Person muss sich ein bis zwei Jahre täglich 24 Stunden in der angestrebten Geschlechterrolle bewegen. Es soll getestet werden ob die Umgebung in der Lage ist den Rollenwechsel zu akzeptieren. Gerade für Transfrauen eine Tortur, denn das biologische Geschlecht scheint an allen Stellen durch. Nur in den seltensten Fällen wird die Person als Frau wahrgenommen. Was die Umwelt vor allem erkennt ist eine männliche Person mit weiblicher Bekleidung. Dementsprechend fallen die Reaktionen aus. Gekicher, Anpöbeleien, sexistische Sprüche stellen noch die harmlosesten Reaktionen dar. Tätlich Angriffen sind nicht selten.

Es ist für mich immer wieder ausgesprochen demütigend von „Rotznasen“ angepöbelt zu werden, die meine eigenen Kinder sein könnten.

Transmänner haben ist in der Regel deutlich besser. Eine biologische Frau in männlichem Outfit ist schon lange kein provozierender Anblick mehr.

Hilfreich ist in dieser Phase eine Art Attest, dass bei Behörden, Ausweiskontrollen, bei Bank, Post oder ähnlichem vorzulegen ist. Somit ist zumindest der Diskriminierung von Seiten öffentlicher Behörden ein Riegel vorgeschoben.

 

Erst nach diesem Alltagstest kann dann eine hormonelle Behandlung eingeleitet werden.

Es muss gewährleistet sein, dass die Diagnose „Transsexualität“ gesichert ist.

Wer Hormone zu sich nimmt, muss sich im Klaren darüber sein, dass es zu erheblichen Nebenwirkungen kommen kann. Die müssen nicht notgedrungen eintreten. Manche vertragen die Behandlung ohne besondere Einschränkung. Bei anderen kann es zu Störungen verschiedener Art kommen. Depressionen, Reizbarkeit , Antriebslosigkeit ,Schwindelgefühl, Übelkeit, heftige Schweißausbrüche, Erschöpfung, Fieberanfälle, Schmerzen in unterschiedlichen Körperregionen. Immerhin werden erhebliche Veränderungen am Körper eingeleitet. Z. B. anwachsen der Brüste bei Mann-zu-Frau-Transidenten.

Die Hormontherapie kann sich über Monate, in nicht wenigen Fällen über Jahre hinziehen.

Erst nach deren erfolgreicher Absolvierung kann der endgültige Schritt in das Wunschgeschlecht eingeleitet werden die „geschlechtsangleichende Operation“.

Ich möchte jetzt nicht weiter auf die konkreten Schritte bei diesen Eingriffen eingehen. Hier kann sich mensch im Internet oder durch Fachliteratur informieren.

Nur soviel es sind eine ganze Reihe von Eingriffen von Nöten.

Doch selbst die erfolgreichste OP kann niemals alle körperlichen Merkmale des ursprünglichen biologischen Geschlechtes auslöschen.

 

Free Gender-  Eine Alternative?

Beim lesen dieser Zeilen stellt sich sicher dem einen oder der anderen die Frage, muss diese ganze Prozedur sein?

Ich habe für mich persönlich die Antwort gefunden: Nein!

Judith Butler, Gender-Theoretikerin aus den USA, bestreitet die Existenz einer essenziellen, das heißt von der Geburt an natürlich gegebenen Geschlechtsidentität, die sich in Handlungen, Gesten und im Sprechen der Menschen in Abhängigkeit vom biologischen Geschlecht ausdrückt.

Sie ist vielmehr der Ansicht, dass ein Kind nach der Geburt seine Geschlechtsidentität durch die logische Zuordnung zu einer der beiden Geschlechtskategorien aufoktruiert bekommt.

Im Laufe des weiteren Lebens wird die Geschlechtszugehörigkeit durch ritualisierte Wiederholung von Konventionen erzeugt.

Die neugeborenen Babys sind nur durch den „kleinen Unterschied“ auseinander zuhalten. Gesicht und Körper gleichen sich in jenem Alter wie ein Ei dem anderen.

Doch die Eltern glauben es nach außen sichtbar machen zu müssen, indem sie den Jungen in himmelblau, das Mädchen in zartrosa wickeln.

 

Wir alle kennen die folgende Situation: Ein kleines Mädchen, 5 Jahre alt schlägt sich beim spielen die Kniescheibe auf, vom Schmerz gebeugt beginnt es zu weinen. Das ist auch in Ordnung so, ein Mädchen darf seine Gefühle durch weinen artikulieren.

Schlägt sich der 5 jährige Junge beim spielen die Kniescheibe auf, sieht das ganz anders aus.

Ein Junge weint nicht, bekommt er dann um die Ohren gehauen, dabei empfindet er den gleichen Schmerz. Dieser Wahnsinn zieht sich dann in unendlichen Kleinigkeiten wie ein roter Faden durch das ganze Leben.

Nichts wird einem Mann weniger verziehen als „seine Männlichkeit“ aufzugeben, dass wiegt schlimmer als Mord. Mord verjährt irgendwann, vor allem wenn es sich um den staatlich sanktionierten Massenmord handelt, den wir im Allgemeinen als Krieg bezeichnen. Hier kann Mann sich bewähren, da gibt`s sogar hohe Auszeichnungen, die Mann stolz präsentieren kann.

Aber wehe dir Mann du verabschiedest dich von deiner Männlichkeit.

Eine Frau, die ihre Männlichkeit  entdeckt, kann hier schon auf mehr Verständnis hoffen, identifiziert sie sich doch mit dem „Starken Geschlecht“, wertet sich damit gesellschaftlich auf. Ob sie (bzw. er) dann auch voll akzeptiert wird, steht auf einem anderen Blatt.

Der Mann hingegen verabschiedet sich von seinen Privilegien als Mann, um dem „Schwachen“, dem „minderwertigen“ Geschlecht beizutreten.

 

Judith Butler meint:

Performanz ist die ununterbrochene  alltägliche Selbstdarstellung als Mann oder Frau, und zwar nicht als Ausdruck eines inneren Geschlechtskerns, sondern umgekehrt als ritualisierte Wiederholung von Verhaltensvorschriften, welche auf die Dauer eine natürliche empfundene Geschlechstsidentität in der Psyche der Menschen einschreibt. Oder um es mit Karl Marx auszudrücken: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.“

 

1. Eine Person gehört einem und nur einem Geschlecht an!

2. Eine Person gehört einem Geschlecht ein Leben lang an!

3. Das Geschlecht hat eine körperliche Basis, d.h., wenn eine Person in einem Geschlecht lebt, darf ihr Körper nicht dem des anderen Geschlechtes ähnlicher sein als dem Körper des Geschlechtes, in dem sie lebt.                                                    

 

Dieses unumstößliche Dogma bestimmt das Denken der Menschen seit Jahrtausenden, seit sich die patriarchale Herrschaftsstruktur herausbildete, daran darf nicht gerüttelt werden.

Die Zwei-Geschlechter-Theorie muss verteidigt werden, koste es was es wolle.

Es darf kein wie auch immer geartetes „Drittes Geschlecht“ geben.

Panisch, ängstlich, ja nicht selten aggressiv reagieren die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft, wenn sie auf diese Problematik angesprochen werden.

Transsexuelle, ja die gibt es natürlich. Das Thema wurde in den letzten Jahren eingehend erforscht.

Der Gesetzgeber bietet diesen Leuten ja die Angleichung an das gewünschte Geschlecht, bekommt mensch zur Antwort. Wer mit seinem biologischen Geschlecht nicht zurechtkommt, der oder die muss es eben ändern lassen, basta! Etwas anderes ist nicht vorgesehen.

Mit anderen Worten von der einen Schublade in die andere, schließlich muss ja alles seine Ordnung haben.

Es wird mit aller Macht versucht das Problem herunterzuspielen. Das beginnt schon mit der

Geschätzten Anzahl von transidenten Personen die es in diesem unserem  Lande gibt.

Wir können davon ausgehen, dass sich etwa 1% der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland als transidentisch betrachten, in den verschiedenen Schattierungen natürlich.

Doch die veröffentlichte Meinung gestattet lediglich 0,01%. Das entspricht in etwa einer Anzahl von 5000-6000 Personen. Mehr ist der Bevölkerung offensichtlich nicht zu zumuten.

Die 0 vor dem Komma soll den Menschen die Bedeutungslosigkeit einer sozialen Randgruppe suggerieren.

Es versteht sich von selbst, dass bei einer derart kleinen Minderheit nicht das geringste öffentliche Interesse besteht Rahmenbedingungen zu schaffen, die jenen Betroffenen auch nur annähernd die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben gestattet.

Doch wie sollen Angehörige jenes „Dritten Geschlechtes“ in einer bürgerlich-patriarchalen Gesellschaft selbst bestimmt leben? Geht das überhaupt?

 

Vom fremdbestimmten zum selbstbestimmten Leben

Prof. Dr. Udo Rauchfleisch ist Psychoanalytiker und Klinischer Psychologe an der Universität Basel.

Über dreißig Jahre hat er sich mit dem Thema Transidentität beschäftigt und weit über 100 Betroffene behandelt.

Er meint dazu:

„Es ist die Frage, ob das zum Teil extreme Bestreben einiger transidenten nach möglichst perfekter Anpassung an das Wunschgeschlecht letztlich ihr originärer Wunsch ist oder ob die Gesellschaft, in der sie leben, ihnen diesen Wunsch nicht geradezu aufdrängt, indem die Umgebung nur „eindeutige“ Frauen oder Männer akzeptiert. Wir müssen uns Fragen-und Transidenten selbst müssen sich meines Erachtens intensiv mit dieser Frage auseinander setzen- ob die Situation nicht anders aussähe, wenn in unserer Gesellschaft das Androgyne einen anerkannten, positiv konnotierten Platz einnähme.“

 

Genau hier liegt der springende Punkt.

In einer die Androgynität akzeptierenden Gesellschaft wären vermutlich die Wünsche Transidenter nach radikaler Ausmerzung aller Merkmale des biologischen Geschlechtes längst nicht  so ausgeprägt. Ja wir müssen sogar fragen ob es in einer solchen Gesellschaft

Transsexuelle in unserem heutigen Sinne überhaupt noch gäbe, also Menschen die auf eine hormonelle und chirurgische Angleichung an das Gegengeschlecht drängen. Möglicherweise wäre es für Menschen, die sich in ihrem biologischen Geschlecht entsprechend Rolle und Lebensweise nicht wohl und nicht „zuhause“ fühlen, in einer so veränderten Gesellschaft eine durchaus lebbare Variante,ohne hormonelle und operative Maßnahmen in der gegengeschlechtlichen Rolle zu leben und an Merkmalen ihres „Früheren“ Lebens in keiner Weise Anstoß zu nehmen.

Die Alternative lautet also:

 

Ändere deinen Körper oder ändere die Gesellschaft in der du lebst!

 

Was mich betrifft, so habe ich mich schon jetzt für die letztere Variante entschieden, mit allen Konsequenzen die sich daraus ergeben.

Denn leider leben wir eben (noch) nicht in jener von Rauchfleisch gewünschten „androgynen“ Gesellschaft.

 

Indirekt tragen nicht wenige Transidenten selbst dazu bei, dass alles beim Alten bleibt.

Ablehnend, gereizt, nicht selten aggressiv reagieren viele Transidenten, wenn man sie auf ihre Vergangenheit, auf ihr einstiges, oder noch vorhandenes biologisches Geschlecht anspricht.

Selbstverleugnung pur. Mit teils brachialen Mitteln versuchen viele ihr angestammtes biologisches Geschlecht zu überdecken, doch das gelingt nur wenigen. Vor allem sind natürlich die Mann-zu-Frau Transidenten, also die Transfrauen betroffen. Das biologische Geschlecht schimmert eben immer wieder durch, auch bei jenen, die die geschlechtsangleichende OP schon lange hinter sich gebracht haben.

Ich könnte heulen, wenn ich diesen Selbsthass spüre. Die Unterwerfung unter die bestehenden Verhältnisse wird geradezu zelebriert. Der Weg zur Glückseligkeit führt unweigerlich über das Skalpell.

Aber was kommt danach? Nach einer anfänglichen Euphorie für nicht wenige die Ernüchterung, wenn sich eben die Akzeptanz doch nicht einstellen will.

Es ist einfach vermessen zu glauben, das Problem zu lösen, in dem mensch sich „zurechtschneiden“ lässt.

Was wir brauchen ist eine echte Emanzipationsbewegung. Eine Bewegung die sich die eindeutige Überwindung der verordneten Zwei-Geschlechter-Theorie zum Ziel gesetzt hat.

Menschen die ganz bewusst zwischen den Geschlechtern leben und sich dabei wohl fühlen.

Für mich stellt es sich so dar:

Ich bin ganz bewusst Transfrau, dieser Begriff setzt mich mit biologischen Frauen gleich, unterscheidet mich aber gleichzeitig von ihnen. Es eröffnet sich für mich ein Feld geschlechtlicher Gestaltungsfreiheit. Als Transfrau muss ich nicht mit biologischen Frauen konkurrieren, muss mich nicht für meinen männlichen Körper schämen, denn er ist es, der gerade das spezifische der Transfrau ausmacht.

Ich habe nicht gerade ein Korsett abgestreift nur um mir so schnell wie möglich ein neues über zuwerfen.

Was ich spüre ist die absolute Freiheit. Ich gestalte mir meine Rolle selbstbestimmt.

Ich lerne mein körperliches Geschlecht mit Gelassenheit hinzunehmen so wie es mir auf diese Welt mitgegeben wurde. Ich betrachte den männlichen Körper nicht als Feind. Ich kann, in dem ich mich nicht festlege, allen Konventionen entfliehen.

Es ist vor allem die emanzipierte, selbstbewusste, lebensbejahende, progressive, engagierte, kritische Frau, die ich mir als Vorbild gewählt habe, rebellisch und alle Konventionen sprengend. Die aktuelle Transsexuellen-Therapie widerspricht diesem Ideal. Sie entmündigt den transidentischen Menschen(vor allen natürlich Transfrauen), legt ihn auf ein längst überholtes Rollenklischee fest.

Das dort vertretene Frauenbild ist voremanzipatorisch, erinnert an Frauenrollen aus den 50ger und 60ger Jahren.

Ein besonders auffälliges Beispiel. Während sich biologische Frauen immer häufiger von hochhackigen Schuhen emanzipieren und stattdessen bequeme Schuhe bevorzugen, sind viele Transfrauen gerade zu besessen von der Vorstellung, das zu einem idealen Frauenbild gezwungenermaßen Stöckelschuhe mit extrem hohen Absätzen gehören.

Es erübrigt sich sicher jeglicher Kommentar.

An meine Füße kommen diese Mordinstrumente jedenfalls nicht.

Ich habe meine Rolle eigenständig festgelegt. Ich brauche keine selbsternannten Modezaren, die mir vorschreiben, wie ich mich zu kleiden habe.

 

Bis auf ein paar kosmetische Veränderungen, werde ich alles so belassen wie es ist.

Dass ich mich dadurch vollständig ins Abseits setze, habe ich voll einkalkuliert.

 

Die patriarchal strukturierte Gesellschaft wird mich nie anerkennen, nun das soll sie, ich werde diese Gesellschaft ebenfalls nie als das Ende der Geschichte akzeptieren.

Vor mir liegt ein dornenreicher Weg, der mir alles abverlangt.

Das schlägt sich vor allem auf dem Arbeitsmarkt nieder.

 

Transidenten in der Arbeitswelt

„Wenn sie sich auf diesen Weg einlassen, müssen sie davon ausgehen, dass sie für diese Gesellschaft eine Tote sind. De facto existieren sie nicht mehr. Sie werden immer von Sozialstütze leben müssen und dem Proletariermilieu das sie umgibt nie entfliehen können.“

So versuchte mich mein Therapeut vor etwa einem Jahr zu warnen.

Ich bin dankbar für diese ehrliche Einschätzung. Auch wenn es sich im ersten Moment als Schlag ins Gesicht anfühlt.

Für einen Menschen der einmal studiert hat und des kritischen Denkens fähig ist, eine Art Todesurteil. Transidenten sind die Aussätzigen der Neuzeit.

Im Berufsleben können sie kaum noch Fuß fassen, vor allem wenn sie sich gegen eine hormonelle oder chirurgische Behandlung entscheiden. Da liegt auch einer der Gründe warum sich nach wie vor so viele für diesen Weg entscheiden.

Zunächst einmal eine nüchterne Betrachtungsweise. Die Klassengesellschaft in der wir nach wie vor leben müssen, macht auch vor Transidenten nicht halt. Und auch hier gilt, je höher der soziale Status, desto größer die Chancen sich durchs Leben schlagen zu können.

Der Meinung ist auch Udo Rauchfleisch wenn er bekennt: „ Je  nach Persönlichkeit, bisheriger Ausbildung und sozialem Umfeld ist es für manche Transidente relativ einfach, eine gute soziale Stabilität zu bewahren und diese sogar zu verbessern. Im Allgemeinen gilt, dass ein hoher Bildungsgrad, eine vor dem Rollenwechsel (Cross-dressing) abgeschlossene berufliche Ausbildung und eine erfolgreiche berufliche Tätigkeit günstige Bedingungen für die Integration in die neue Rolle darstellen. Je stabiler diese Situation ist, desto günstiger die Prognose.“

Mit anderen Worten tendieren die Chancen für Transidente die der Unterschicht oder den so genannten bildungsfernen Schichten angehören gegen null.

Es wird geschätzt dass etwa 80 % aller Transleute auf Arbeitslosenunterstützung angewiesen sind.

De facto werden Transidente auch gar nicht mehr vermittelt. Wie auch, da  man sie ja weder als Mann noch als Frau auf dem Arbeitsmarkt einstellen kann.      

Die veröffentlichte Meinung spielt das natürlich herunter, will davon nicht wissen. Es kommen im Grunde nur jene zu Wort denen es gut geht. Die dürfen dann in der Boulevardpresse, in diversen Talkshows etc. ihre Sicht der Dinge zum Besten geben. Schwadronieren herum wie leicht doch der Weg war und welche Gutmenschen ihnen begegnet sind in dieser ach so toleranten Gesellschaft.

Es handelt sich zudem ausnahmslos um jene, die sich für den operativen Weg entschieden haben und stellen diesen natürlich als die einzig gangbare Variante vor. Ein entsetzliches Zerrbild der Realität.

 

Die Wirklichkeit stellt sich ganz anders dar. Da ist nichts von der heiteren Beschwingtheit zu spüren, die solche Auftritte glauben machen wollen. „Clown oder Hure“ so oder ähnlich sieht

die Welt der meisten Transidenten aus, mehr billigt uns die patriarchale Ordnung nicht zu.

Sicher hat es Fortschritte gegeben, nicht zuletzt durch das Antidiskriminierungsgesetz. Noch vor 10 Jahren spielte sich ein transidentes Leben ausnahmslos zwischen Psychiatrie und Rotlichtmilieu ab. Aber von einer Normalisierung kann noch lange nicht die Rede sein. Ja die wird es innerhalb der bestehenden Ordnung ohnehin nicht geben. Es wäre geradezu vermessen auf eine systemimmanente Lösung zu hoffen.

Ich habe es bei der Bewerbung um eine Stelle dutzende male erlebt. Eine Barriere die sich einfach nicht überwinden lassen will.

 

Die Liste der Vorurteile ist lang, sehr lang, hier die am häufigsten vorgetragenen Argumente:

 

Transen sind viel zu verweichlicht, daher nicht ausreichend belastbar (vor allem Transfrauen)

Transen können sich schwer in eine Gemeinschaft einfügen

Transen benötigen viele Extras, welche Toilette sollen sie benutzen, welchen Waschraum, welche Umkleideräume

Transen fallen aufgrund häufiger Erkrankungen öfters aus (vor allem bei Hormontherapie)

Mit denen hat man viel Ärger, vor allem nach in Kraft treten des Antidiskriminierungsgesetzes

Transen sind eine Zumutung für die Kollegen die mit ihnen zusammenarbeiten müssen

Transen schrecken Kunden ab, vor allem im öffentlichen Bereich

Die sind doch alle ein wenig durchgeknallt im Kopf

Transen stellen eine Gefahr für Kinder dar

Etc, etc ,etc

 

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Wir dürfen nicht vergessen, Transidentität gilt nach wie vor als „schwere psychische Störung“, nicht wenige sehen in ihr noch immer eine Art von Geisteskrankheit.

 

Jene die noch einen Arbeitsplatz ihr Eigen nennen können, sind nicht selten einem unvorstellbaren Dauermobbing ausgesetzt.

Es sind vor allem männliche Kollegen, die einfach nicht mit ihnen können, Frauen reagieren

in der Regel nicht so panisch. Offensichtlich fürchten sich Männer vor Ansteckungsgefahr.

Dahinter steckt einfach eine Jahrhunderte, ja Jahrtausende währende Indoktrination der Zwei-Geschlechter-Theorie, die, mithilfe unterschiedlichster Weltanschauungen den Menschen eingehämmert wurden.

So etwas lässt sich nicht innerhalb weniger Monate, durch ein paar Gesetze aus der Welt schaffen.

Transidente treffen wir daher auch häufig an als Selbständige, Freiberufler oder in alternativen Zusammenhängen.

Hier bestehen noch die besten Chancen Fuß zu fassen.

 

Transidentität und Kommunebewegung

 

Willkommen, aber…

Alternative Lebensgemeinschaften, Kommunen, Ökodörfer, etc. sollten, so meinen sicher nicht wenige, Transidentischen Personen eine ideale Lebensperspektive bieten. Haben sich doch die meisten davon große Ziele auf die Fahnen geheftet.

Viele definieren sich als antisexistisch, antipatriachal, politisch links oder libertär, wollen künstliche Hierarchien beseitigen, leben ökologisch, ganzheitlich, sind kreativ in vielen Belangen.

Kurz gesagt, sie haben sich zum Ziel gesetzt sowohl dem großbürgerlichem, wie dem kleinbürgerlichem Spießertum etwas wie auch immer alternativ geartetes entgegen zu setzen.

Doch theoretischer Anspruch und praktische Umsetzung klaffen oft weit auseinander.

 

Was mich betrifft, so möchte ich selbst bestimmt leben, mich so weit als möglich aus dem Hamsterrad des Kapitalismus befreien, auch wenn das selbstverständlich nie vollständig möglich ist. Die Großstadt bietet hier auf jeden Fall die besten Möglichkeiten.

Es wäre auch auf dem Land möglich, aber dann müsste es schon eine von der Umwelt relativ autonom funktionierende Gemeinschaft handeln, in entsprechender Größenordnung.

Andererseits kommt es natürlich auf die soziale Zusammensetzung an. Da kann eine megagroße Stadt schnell zu Dorf werden. Auch in Köln wurde ich schon beleidigt, angepöbelt, ja sogar schon bespuckt oder  mir wurde der „Stinkefinge“ gezeigt.

Die Sichtbarkeit ist die Achillesferse aller Transidenten.

Schon lange interessiere ich mich für die Kommunebewegung, sehe darin die einzige Möglichkeit mein Überleben zu sichern, vor allem da ich aus einer Region stamme (Nordthüringen) wo ein offenes Auftreten de facto undenkbar erscheint. Dementsprechend sollte sich natürlich das Umfeld gestalten.

Gerade in den letzten Wochen und Monaten habe ich mich bei einer Reihe unterschiedlicher

Projekte gezielt beworben.

Die Reaktionen vielen ausgesprochen unterschiedlich aus.

Von etwa einem Drittel der angeschriebenen Kommunen erhielt ich eine positive Rückmeldung.

Hier möchte ich vor allem die Sozialistische Selbsthilfe Köln-Mühlheim (SSM) hervorheben,

mit deren Mitgliedern ich schon seit einiger Zeit in guten Kontakt stehe und auch schon immer wieder für mehrere Tage mitarbeiten und mit leben konnte.

Ich werde hier voll respektiert, Probleme gibt es dahin gehend keine.

Vor allem finde ich gut, dass die SSM nicht dogmatisch festgelegt ist, sondern den Mitgliedern Freiräume zur Verfügung stellt, in deren Rahmen sie sich entwickeln können, genau der richtige Platz für eine Transperson.

Selbst bestimmt zu leben ist ja wie schon erwähnt für Transidente ein entscheidender Punkt.

Hier möchte ich auch eine Weile bleiben, wenn denn technische Fragen, wie Unterbringung etc. geklärt sind.

Zu anderen Kommunen habe ich nur losen Kontakt.

 

Die restlichen zwei Drittel ließen überhaupt nichts von sich hören. Eine Reaktion die mir immer wieder begegnet. Bei Bewerbungen auf dem konventionellen Arbeitsmarkt ist das Gang und Gebe und durchaus erklärbar.

Wer schweigt braucht sich für keine diskriminierende Äußerung zu verantworten. Besonders seit in Kraft treten des Antidiskriminierungsgesetzes treten solche Reaktionen verstärkt auf.

Bei einem CDU-nahestehenden Unternehmer, der sich im örtlichem Schützenverein betätig und im Kirchenchor singt, sicher nicht ungewöhnlich.

Aber von Kommunard_innen, die sich rühmen bei jeder Demo in der ersten Reihe zu stehen

erwartet die durchschnittliche Transe eigentlich etwas anderes.    

Die Erklärung ist simpel:

Auch die Alternativbewegung geht mehrheitlich von einer Zwei-Geschlechter-Gesellschaft aus. Da gibt es Frauengruppen, Männergruppen und …. Wo nun gehören Transidente hin?

In viele alternative Lebensgemeinschaften sind Transidente durchaus willkommen, so kann mensch es zumindest in den Selbstdarstellungen lesen.

Ich habe mich gefragt, wie es dazu kommt, dass sich viele so schwer damit tun, wenn es ein konkretes Interesse gibt.    

Einmal hat dazu natürlich das durch die Boulevard-Medien entstandene Zerrbild beigetragen.

Zum anderen haben besonders Transfauen eine oftmals lange Lernphase zu durchlaufen und treten am Anfang oft außerordentlich übertrieben weiblich in der Öffentlichkeit auf. Das wirkt nicht selten unnatürlich, ja abstoßend.

Gerade auf Kommunen oder Ökodörfer die einen einfachen, alternativen Lebensstil pflegen, die ihren Lebensunterhalt durch  harte, zum Teil schmutzige Arbeit erwirtschaften müssen, etwa in der Landwirtschaft, durch Baumaßnahmen etc. wirken solche Leute wie Paradiesvögel die sich doch sicher verirrt haben.  

Transmänner haben es auch hier  einfacher. Durch ihr cooles, lässiges Auftreten wirken sie gar wie geschaffen für eine alternative Lebensgemeinschaft.

Wer Transidente verstehen will, muss einfach versuchen, sich in deren Denkstruktur hinein-

zu versetzen, auch wenn das alles andere als einfach ist.

Ein Beispiel: Wer kann sich schon vorstellen den ganzen Tag mit Brustprothesen herum zu laufen, ja mit diesem zu arbeiten. Vor allem schwere körperliche Tätigkeiten können damit leicht zur Tortur werden.

Der Einwand, „dann tu die Dinger doch einfach raus“ greift zu kurz.

Eine Transfrau, die auch als eine solche wahrgenommen werden will, kann darauf nicht verzichten.

Es ließen sich noch eine Reihe weitere Beispiele finden, Kleinigkeiten oft, die auf Außenstehende banal ja nicht selten kindisch wirken.

Biologische Frauen bekommen in der Regel keinen Bart, für Männer ist der Drei-Tage-Bart

nichts ungewöhnliches, ja fast normal.

Für eine Transfrau sind Bartstoppeln im Gesicht eine Katastrophe. Sich im Gesicht „herzurichten“ darf nicht als Eitelkeit missverstanden werden.

 Auf den Vorwurf, Transidente würden immer eine Sonderrolle beanspruchen, trifft man auch in der Kommunebewegung.

Selbstverständlich sind Personen die sich auf keine eindeutige Geschlechterrolle festlegen etwas besonders. Sie haben ein Recht, dass ihnen auch zugestanden werden sollte.

Kommunen, Ökodörfer etc. sollten das respektieren und den Betroffenen Freiräume  gestatten. Nischen in die sie sich gegebenenfalls zurückziehen können.

Aber deshalb können sich Transidente genau wie jeder und jede andere auch in eine Gemeinschaft einbringen, sind zu den gleichen Leistungen fähig als andere.

Vor allem stellen Transmänner und Transfrauen, Androgyne und Menschen die sich nicht eindeutig auf eine Geschlechterrolle festlegen wollen eine Bereicherung der Geschlechterlandschaft da. Die Geschlechterdiversität sind als Reichtum einer Gesellschaft zu werten und zu respektieren.

Transidente könnten helfen beim aufbrechen der biologisch begründeten Vorherrschaft des Mannes, sie können für die Gesamtgesellschaft eine fruchtbare Herausforderung darstellen indem sie durch ihre Lebensentwürfe zeigen das die Geschlechterrollen künstlich sind und nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun haben.

 Das könnte bald zu einer echten Gleichberechtigung führen.

Vor allem die Kommunebewegung bietet sich hier als hervorragendes Experimentierfeld an.

Gelingt das Experiment, könnte es auch bald positiv auf die Umwelt ausstrahlen. Davon profitieren alle.

 

 

Zukunftsvisionen

Mein größter Wunsch wäre eine Landkommune, verkehrsgünstig gelegen, etwa in unmittelbarer Nähe einer Großstadt.

Eine Gemeinschaft die sich schwerpunktmäßig  dem Thema Transidentität widmet.

Eine Art Zufluchtstätte für Transidente, die aus der Bahn geworfen sind, deren bürgerliches Leben  binnen kurzer Zeit wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen ist, die nicht wissen wo sie unterkommen. Kurz gesagt, die vor dem Nichts stehen. Derer gibt es mehr als genug. In zahlreichen Selbsthilfegruppen treffe ich immer wie reihenweise auf solche Fälle.

Einfach zur Ruhe kommen, durchatmen. Sich über das neue Sein bewusst werden, versuchen langsam und schrittweise in die neue Rolle hinein zu wachsen, in dem Bewusstsein wenn nötig die Hilfe anderer in Anspruch nehmen zu können, so wie das ja bei allen übrigen Menschen die Regel ist. Sich in Ruhe ausprobieren können, kreativ sein und aus Fehlern lernen.

Auch psychologische Betreuung könnte hier geboten werden, aber eben solche auf Augenhöhe.

 

Willkommen wären aber auch andere Menschen, Frauen vor allem, aber auch Männer, die dem „inneren Macho“ eindeutig den Laufpass gegeben haben.

Hier könnte, in einem hierarchiefreien Raum eine neue Form des Zusammenlebens ausprobiert werden. Die Menschen könnten hier für kürzere oder auch längere Zeit neue Wege in der Überwindung der Zwei-Geschlechter-Doktrin gehen, verbunden mit allerlei politischen Engagement.

Natürlich ist das Zukunftsmusik.

Ich bin mir im Klaren darüber mit welchen Schwierigkeiten da zu rechnen ist. Denn auch hier müsste ja der Lebensunterhalt auf irgendeine Weise bestritten werden.

Trotzdem bin ich nicht bereit diesem Traum aufzugeben. Gleichgesinnte können mich ja gelegentlich kontaktieren. 

 

Exkurs: Die Michaela-Lindner-Affäre

Im Jahre 1998 schreckte Deutschland auf. Etwas Ungeheures war geschehen.

In dem kleinen etwa 1000 Seelen zählenden sachsen-anhaltinischen Dörfchen Quellendorf

hatte sich der kurz zuvor gewählte ehrenamtliche Bürgermeister Norbert Lindner offen zur Transsexualität bekannt, nahm den weiblichen Vornamen Michaela an und trat fortan nur noch als Frau öffentlich in Erscheinung.

Schon sahen vor allem konservative Sittenhüter das christliche Abendland in Gefahr.

Es wurde eine bespiellose Kampagne gegen Michaela geführt. Ein Tabubruch. Von Wahlbetrug war die Rede, denn schließlich hätten die Bürger ja einen Mann an die Spitze ihres Dorfes gewählt.

Die Hetze führte schließlich zum Amtsverzicht Michaela Lindners. Wie viele andere Transidente stand sie plötzlich vor dem Nichts und musste auf sich gestellt völlig neue Wege gehen.

Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass 1998 auch noch ein anderer Vorgang in Sachsen-Anhalt für Schlagzeilen sorgte, der Einzug der rechtsextremen DVU in den Landtag. Mit fast 13% der Stimmen das beste Ergebnis, das je eine Rechtspartei in Deutschland nach 1945 erzielte.

Sich in einem solchem Umfeld als trans zu outen und zu bewegen kann unter Umständen lebensgefährlich sein.

Doch die Affäre rückte zum ersten Mal Transsexualität/Transidentität in eine Öffentlichkeit außerhalb des Rotlichtmilieus.

Erstmalig wurde, wenn auch vornehmlich negativ, so aber zu mindest ernsthaft darüber diskutiert.

Damit wurde eine kleine Wende eingeleitet.

Andererseits macht es deutlich das Transidente kaum eine Chance haben wirklich ernst genommen zu werden.

Schon gar nicht dass man ihnen zutraut öffentliche verantwortungsvolle Ämter zu begleiten.

Man stelle sich vor, Klaus Wowereit hätte sich einige Jahre später in Frauenkleidung vor seine Berliner Genossen gestellt mit dem Bekenntnis transidentisch zu sein. Ich denke, er würde heute nicht dort sitzen, wo er derzeit ist.

Transidente sind nach wie vor weitest gehend an den Rand gedrängt.

Eine Emanzipation, die ihren Namen verdient steht noch aus.

 

 

Kleines Begriffslexikon

Transsexualität – Bezeichnung für den Wunsch, dem jeweils anderen Geschlecht anzugehören

 

Transmann –    Bezeichnung für biologische Frauen, die sich selbst dem männlichen                     

                          Geschlecht zuordnen

 

Transfrau –     Bezeichnung für biologische Männer, die sich selbst dem weiblichem                                                                                                    

                          Geschlecht zuordnen

 

Transidentität –   Neue Bezeichnung für Transsexualität

 

Transgender –     eine weitere Bezeichnung für Transsexuelle, aber eher ein Sammelbegriff

                          für Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht mit ihrem bio-

                          logischem Geschlecht identifizieren

                     

Transvestiten –    so bezeichnet man Menschen die sich gern wie das jeweils andere Geschlecht

                           kleiden, mit ihrem Körper oder ihrer sozialen Stellung haben sie keine 

                           Probleme, die Boulevardpresse bezeichnet aus Unkenntnis auch Trans-

                           sexuelle als Transvestiten

 

Transe –              ursprünglich abwertende Bezeichnung für Transidenten, wird heute zu-

                          nehmend zur Selbstbezeichnung

 

Crossdresser –    Rollenwechsler, so bezeichnet man Menschen die bewusst sowohl die

                           weibliche, wie die männliche Identität gleichzeitig nebeneinander ausleben,

                           sie wechseln ständig, je nach Ort und Begebenheit die Identität

 

Kleine Lösung –  In Deutschland und Österreich seit einigen Jahren bestehende Möglichkeit

                           den Vornamen des Wunschgeschlechtes anzunehmen, um besser in der ange-

                           strebten Identität leben zu können, auf hormonelle oder chirurgische Be-

                           Handlung wird dabei verzichtet                      

 

Große Lösung –  Stufenweise Anpassung an das Wunschgeschlecht durch hormonelle Behand-

                          lung bis zur endgültigen operativen Anpassung

 

Free Gender –     eine Bewegung von Menschen, die bewusst ihre Transidentität annehmen,

                          sich als eine Art „Drittes Geschlecht“ erkennen, viele verzichten auch aus

                          freier Entscheidung auf hormonelle und operative Behandlung

 

 

Madeleine

 

Erschienen in der Zeitung „Contraste“ Nr.298 Juli/August 2009