Was ist Anarchie?

 

 "Perfekt ist die Gesellschaft, die Ordnung mit Anarchie verbindet!"

 

    Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865)

    französischer anarchistischer Philosoph und Politiker 

 

Hilfe Anarchie! werden nicht wenige rufen, wenn sie diesen Begriff hören. Ist er doch ausgesprochen negativ besetzt. Warum, kann im Grunde kein Mensch sagen. Wie wir aber sicherlich  wissen wird der Begriff Anarchismus nur allzu gern mit Terrorismus gleichgesetzt.

 

Stellt man die Frage, was denn nun ein Anarchist sei, in einer Runde, glauben allerdings die meisten etwas damit anzufangen, nämlich etwas absolut negatives.

Schon als Schülerin wurde ich mit diesem Begriff konfrontiert. "Anarchieeee!" So schrie mein Klassenlehrer immer dann wenn die pubertierenden Oberschüler die Gefolgschaft verweigerten oder ganz einfach mal über die Stränge schlugen. Ich verband damals mit diesem Begriff etwas durch und durch schreckliches, abgrundtief schmutziges, ja, mitunter kriminelles Verhalten. Niemand klärte uns über den wahren Sachverhalt auf. Der Stab war gebrochen, Anarchie, das ist Chaos.

Aus großbürgerlichen Kreisen hören wir da zum Beispiel. Ein Anarchist, das sei ein gewalttätiger Mensch, ein Terrorist, meist etwas schmuddelig, er liebt die Unordnung, verbreitet Chaos wohin er sich auch wendet. Seine Lieblingsbeschäftigung besteht im Werfen von Bomben. Notfalls greift er auch zu Dolch oder Revolver. Ein Außenseiter vor dem mensch sich fürchten muss.

Dogmatische Marxisten charakterisieren Anarchisten hingegen als kleinbürgerliche Chaoten, die den objektiven Gang der Geschichte noch nicht erkannt hätten, ihre Ansichten seien zwar durchaus lauter, aber letztlich sind sie doch voluntaristische Helfershelfer der Konterrevolution. Aus diesem Grunde gehören sie als Linksabweichler auch am besten gleich liquidiert.

Schließlich noch eine moderne Definition aus der neoliberalen Suppenküche: Anarchisten seien demnach frühkindlich geschädigte Psychoten, die ihre privaten Probleme in abgrundtiefen Hass auf die Gesellschaft umwandeln und sich zur Rechtfertigung eine Philosophie des Nichts schmiedeten. Sie seien bedauerliche Geschöpfe die auf jeden Fall zu bekämpfen sind.

Anhand so tiefsitzender Aversionen drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob es denn überhaupt Menschen gibt die Anarchisten mögen?

All diese Beurteilungen sind natürlich hanebüchen, sie entbehren jeglicher Grundlage, aber so ist das nun mal mit Fremdbeurteilungen, man sollte sich auf keinen Fall darauf verlassen, stattdessen nach sachkundigen Urteilen Ausschau halten.

Lassen wir doch einfach einen Kenner der Szene zu Worte kommen, den 2009 verstorbenen anarchistischen Altaktivisten und Schriftsteller Horst Stowasser, der für mich zu einem entscheidenden Ideengeber wurde und den ich noch persönlich kennen lernen durfte.

Seine Definition lautet wie folgt:

 

"Anarchisten streben eine Gesellschaft der Gleichberechtigung an, in der es keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr gibt. Die Mitglieder einer solchen  Gesellschaft sollen befähigt und ermutigt werden, ihre privaten und gesellschaftlichen Bedürfnisse ohne Hierarchie und Bevormundung mit einem Minimum  an Entfremdung selbst in die Hand zu nehmen. So soll eine andere Ordnung entstehen, in der Prinzipien wie die freie Vereinbarung, gegenseitige Hilfe und Solidarität an die Stelle heutiger Realitäten wie Gesetze, Konkurrenz und Egoismus treten können. Autoritärer Zentralismus würde durch Föderalismus ersetzt, die dezentrale Vernetzung kleiner überschaubarer gesellschaftlicher Einheiten. Menschenverachtende und Umwelt zerstörende Gigantomanie wären dann absurd, an ihre Stelle träten freie Zusammenschlüsse, die die Menschen auf der Basis gleicher Rechte und Pflichten direkt miteinander eingingen. Besonders originell an dieser Vorstellung ist die Idee, das es auf einem geographischen Gebiet nicht mehr nur eine Gesellschaft gibt, also einen alle gleichermaßen verbindlichen Staat, sondern eine Vielfalt  parallel existierender gesellschaftlicher Gebilde."

Hand aufs Herz, ist uns diese Vorstellung nicht auf Anhieb sympathisch? Eine Gesellschaft von Menschen die in einer Solidargemeinschaft leben, gegenseitige Hilfe praktizieren. Ihre Belange selbst in die Hand nehmen, kreativ und innovativ ihr Leben gestalten. Keine Hierarchien mehr, das heißt, alle kommunizieren auf Augenhöhe. Niemand braucht am Morgen den Chef zu fürchten, ganz einfach weil es einen solchen nicht mehr gibt, nicht mehr geben braucht, weil jeder Mensch in einem Miniuniversum leben darf um dort sein eigener Chef zu sein. Gleiche Rechte und Pflichten für alle. Alles geschieht auf der Grundlage der Freien Vereinbarung. Niemand wird zu einer Sache die nicht seinem Naturell entspricht, gezwungen.

Sind solche Vorstellungen wirklich so subversiv, dass wir uns davor fürchten müssen? Empfinden wir solche Ideen als derart bedrohlich das wir uns ihrer mittels Staatsorgane wie Polizei, Justiz und "Verfassungsschutz" entledigen?

Hier wird einfach die Welt auf den Kopf gestellt. Anarchie ist also nicht Chaos, sondern das genaue Gegenteil, Ordnung ohne Herrschaft. Anarchie ist die am weitesten entwickelte Form von Ordnung überhaupt,gerade weil sie ohne Hierarchien auskommen. Das ist der Grund dafür warum sie so schwer zu verwirklichen ist. Die Menschen haben sich einfach  zu sehr an die Hierarchie gewöhnt so dass es ihnen ausgesprochen schwer fällt ohne eine solche auszukommen. Anarchie bedeutet ein Höchstmaß an Eigenverantwortung, an Selbstdisziplin und moralischer Lauterkeit. Ebenso bedeutet sie aber auch ein Höchstmaß an Gemeinschafssinn, an Toleranz und die Bereitschaft zur Initiative für die Allgemeinheit.

Im Zentrum des anarchistischen Denkens steht ein allumfassender Freiheitsbegriff. Freiheit ist sowohl Ziel als auch Mittel um dorthin zu gelangen. 

Ein anderer Begriff für Anarchistisch ist daher libertär. Das klingt doch gleich viel sympathischer, oder? Libertär hat den gleichen Wortstamm wie liberal, meint auch im Grunde das Gleiche, doch im Gegensatz zu den bürgerlichen Liberalen und ihrem Wischiwaschi, haben Anarchisten stets versucht den Freiheitsbegriff mit konkreten Inhalten, Forderungen und Modellen zu füllen. Die Teilfreiheiten der bürgerlichen Liberalen, wie z.B. die Freiheit des Handels, die Freiheit des Vaterlandes, oder die Freiheit des Geistes genügen ihnen nicht. Freiheit soll vielmehr allumfassend und unteilbar sein. Schon sehr früh erkannten sie, dass Freiheit eine leere Worthülse ohne Bedeutung bleibt, wenn sie nicht mit sozialer Gerechtigkeit gekoppelt wird. Diese Gerechtigkeit ist wiederum undenkbar ohne Gleichheit ( nicht zu verwechseln mit Gleichmacherei).

"Freiheit und Gleichheit!" So lautet auch jener kleinste gemeinsame Nenner auf den sich die Anarchisten aller Strömungen einigen konnten.

Auch das hört sich doch sehr positiv an! Steht denn nicht auch im Grundgesetz und in den Verfassungen so vieler Länder, dass alle Menschen gleich seien? Lesen wir da nicht auch, dass alle Menschen frei sein sollen? Was also ist so destruktiv an anarchistischen Lebensentwürfen?

Es ist die Praxis die den Unterschied ausmacht. Gustav Landauer, einer der führenden Theoretiker des sozialen Anarchismus hat es in einem sehr schönen Zitat auf den Punkt gebracht, wenn es sagt. "Anarchie ist nicht eine Sache der Forderungen sondern eine Sache des Lebens!"

Theoretisch steht es zunächst einmal allen Menschen offen, Millionäre zu werden, warum aber machen dann so wenige Gebrauch von dieser Freiheit? Andererseits haben auch alle Menschen die Freiheit unter einer Brücke zu schlafen und Mülltonnen nach etwas essbaren zu durchsuchen. In der letzten Zeit häufen sich die Fälle dass sich Menschen für letzter Form entscheiden. Warum? Ist das nicht sehr unbequem so zu leben? Warum werden die nicht auch Millionäre? Denn die Freiheit dazu hätten sie.  Offensichtlich wollen sie nicht. Immerhin sagt doch in berühmtes Sprichwort dass ein jeder seines Glückes Schmiedes sei.

Wir erkennen an diesem Beispiel wie oberflächlich bürgerliche Ideologien sein können. Forderungen nach Gerechtigkeit, nach Gleichheit und Freiheit können überall und zu allen Zeiten gestellt werden. Doch wie lassen sich diese ins konkrete Leben übertragen? Bürgerliche Liberale begnügen sich mit der Feststellung, dass jeder theoretisch die Möglichkeit hätte aus seinem/ihrem Leben etwas zu machen, ist diese/diese zu arm um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, ja mein Gott was soll man da machen? Hier können wir nur noch mit allgemeiner Ratlosigkeit rechnen. Es sei ja alles wirklich schlimm, aber wir können es nun mal nicht ändern. Peinlich solche Aussagen. Da hatten es die Mächtigen früherer Zeitepochen bedeutend einfacher, die konnten noch den lieben Gott für alles verantwortlich machen, der angeblich die Welt nun mal so eingerichtet habe. Es müsse ja Arme geben, damit die Reichen etwas Gutes tun und ihr Seelenheil vor der ewigen Verdammnis in Sicherheit bringen konnten. Heute schenkt diesem abstrusen Schwachsinn kaum noch jemand Glauben, nicht einmal einem Bischof, der der festen Überzeugung ist von Gott persönlich das Recht erhalten zu haben, in einer 15000 Euro teuren Badewanne zu planschen.

Nein,in der Gegenwart müssen bessere Argumente her. Am besten hochwissenschaftlich fundiert.  An die Stelle des allmächtigen Gottes trat inzwischen der allmächtige Markt, der kann sich Sentimentalitäten gar nicht mehr leisten, der braucht die Armen nicht mehr um ein etwaiges Seelenheil zu retten, schon deshalb nicht weil Markt überhaupt keine Seele mehr kennt. Die wäre auch nur im Wege. Der Kosten-Nutzen-Faktor ist hier zum Katechismus geworden. Lasst doch die Armen in der Gosse verrecken, selber schuld. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Aber immerhin, die verrecken dann wenigstens in der Freiheit und das ist doch schon mal was.

Ist das so? Verreckt der Nichtsesshafte in der Freiheit, in der Demokratie wirklich besser als jener der in einer Diktatur sein Leben fristet? Und was sagen die Anarchisten dazu? Zunächst erst einmal gar nichts, denn die werden sowohl seitens der Diktatur als auch von der  marktkonformen Demokratie gleichermaßen mit einem Bann belegt. Und wenn sie doch die Frechheit besitzen und etwas von sich geben, dann ist das natürlich subversiv, aufrührerisch, ein Anschlag auf die heilige Staatliche Ordnung. Verständlich, wer eine Gesellschaft anstrebt in der es weder Millionäre noch Obdachlose gibt, kann nur subversiv sein, der gehört isoliert, ausgesondert, eliminiert.

Warum aber gibt es dann nur so wenig Anarchisten auf der Welt, wenn deren Ansinnen doch so sozial ausgewogen sind? Warum schließen sich nicht Hunderte, ja Tausende den zahlreichen libertären Bewegungen an? Wäre das nicht die einfachste Lösung?

Ja und nein. Denn zunächst gilt es da eine sehr hohe Hürde zu nehmen und dazu sind im Moment nur wenige Idealisten in der Lage. Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung ist einfach in einem viel zu hohem Maße autoritätsgläubig, gleichen ferngesteuerten Robotern, ohne eigene Urteilgabe.

Ein schöner Wunschtraum sei das, bekommt man von den Kritikern des Anarchismus zu hören, nicht zu verwirklichen, der Mensch sei für so viel Freiheit und Selbstverantwortung nicht geschaffen, er brauche Autorität, eine strenge Hand von Gesetz, Ordnung und Moral.

Anarchisten halten dagegen, dass Autorität und Herrschaft nicht dasselbe wären. Natürliche Autoritäten hätten in einer anarchistisch verfassten Gesellschaft sehr wohl ihren Platz. Als natürliche Autorität könnte man zum Beispiel das Alter bezeichnen. Ältere Menschen, gereift durch Lebenserfahrung, genießen diese im Allgemeinen und können auf diese Weise auch hervorgehobene Leitungsaufgaben übernehmen. Und es gibt noch eine ganze Reihe an natürlichen Autoritäten, leider kommen diese nicht zum Zug, weil von den künstlichen Hierarchien von Staat, Kapital und Ideologien, überlagert.

Ohne staatliche Ordnung geht es nun mal nicht, die ist einfach unentbehrlich. Schließlich habe es ja schon immer Staaten gegeben.

Ist das wirklich so? Wollen wir eine weite Reise in die Vergangenheit wagen? Das müssten wir um zu verstehen, dass im Vergleich zur Menschheit der Staat eine ausgesprochen junge Erfindung ist. Sehr hilfreich kann uns zu diesem Zweck die Archäologie sein und deren bahnbrechenden Endeckungen gerade der letzten Jahrzehnte.

Archäologen sind ständig auf der Suche, sie graben und buddeln an ganz verschiedenen Stellen dieser Erde in der Hoffnung fündig zu werden. Was wollen sie finden?

Schätze aus purem Gold, aber auch Erkenntnisse über das Leben in der Vergangenheit. Die ganz großen unter ihnen wurden somit schlagartig weltberühmt, etwa Heinrich Schliemann oder Howard Carter. Auch der Brite James Mellaart gehört dazu, der begann im Jahre 1961 mit umfangreichen Ausgrabungen im südanatolischen Hochland. Dort befand sich eine Steinzeitsiedlung die von 7300 bis 6100 v. Chr. ununterbrochen bewohnt war, ein Ort der zeitweise die für die damaligen Verhältnisse enorme Zahl von bis zu 10000 Menschen beherbergte, wurde nie zerstört und nie geplündert. Catal Hüyük nennt man diese frühzeitliche Zivilisation. Viele Jahre gruben Mellart und andere in den Mauern und legten erstaunliches frei. Doch erst die moderne Computertechnik unserer Tage lässt eine genaue Rekonstruktion der Siedlung zu. Auch wie sich das Leben dort abspielte, kann heute fast detailgenau erforscht werden. Man kann davon ausgehen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei 60-70 Jahren lag. Eine für die damalige Zeit ungeheuerlicher Tatsache. Das Durchschnittsalter muss bei 32 Jahren gelegen haben, klingt nicht sehr hoch für heutige Verhältnisse, aber man bedenke, dieser Wert wurde für die arbeitende Klasse in Europa erst wieder 1750 erreicht.

Wie kommt es, dass ein Bauer vor 300 Jahren eine geringere Lebenserwartung hatte als ein Steinzeitmensch vor 9000 Jahren?

Wie ist das zu erklären? Ganz einfach, in Catal Hüyük kannte man keine Hierarchien. Geradezu verzweifelt suchte Mellaart und später auch sein Nachfolger Ian Hodder nach Hinweisen für Repräsentationsbauten, etwa einen Palast oder einen Tempel, doch sie fanden nichts dergleichen. Unbewusst stießen sie dabei auf einen Schatz der bedeutend wertvoller erscheint als all das Gold und Silber was man zu finden hoffte, nämlich die Erkenntnis, dass die Geschichte einen deutlich anderen Verlauf genommen hatte als bisher angenommen. Es offenbarte sich ein Bild das allen Hergebrachten widersprach. Das Neolithikum, also die Jungsteinzeit war nicht nur nicht primitiv, sondern sozial und menschlich hoch entwickelt. Um diese Tatsache einzusehen, bedurfte es aber eines langen Entwicklungsprozeßes. Schließlich wiedersprachen diese Erkenntnisse einer jahrhundertelang vertretenen Doktrin. Jene Doktrin die besagt dass die Herausbildung von Hierarchien geradezu zwingend nötig sei, um eine technologisch und kulturell höher stehende Zivilisation zu installieren. Also ohne Klassenunterschiede kein Fortschritt, um es einmal auf den Punkt zu bringen. Diese Doktrin rechtfertigt natürlich auch die sozialen Unterschiede heutiger Tage. Es versteht sich schon fast von selbst, dass die herrschenden Eliten keinerlei Interesse an der Publikation dieses Wissen hatten und alles unternahmen, um die Erkenntnisse unter den Tisch zu kehren. Ganze Heerscharen von Historikern wurden beauftragt, diese Thesen zu widerlegen. Die meisten Historiker unserer Tage sind Reaktionäre und stehen im Solde der Herrschenden. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Heute jedoch, vor allem seit den neusten Ergebnissen aus dem Jahre 2003 lässt sich diese Wahrheit nicht mehr unterdrücken.

Um es mal vorweg zu nehmen, es geht nicht darum ein vermeintliches Paradies zu projizieren. Ein Garten Eden war Catal Hüyük mit Sicherheit nicht, das Leben in der Jungsteinzeit war hart und entbehrungsreich. Nur unter großen Anstrengungen konnte dem kargen Boden sein Ertrag abgerungen werden, um die Grundbedürfnisse der Bewohner zu sichern. Aber gerade diese Härte des Lebens überzeugte die Menschen von der Notwendigkeit einer solidarischen Gesellschaft, in der alle gleichermaßen ihren Beitrag zu leisten hatten. So konnte ein Überleben gesichert werden. Hungerperioden konnten so drastisch eingedämmt werden, es war genug für alle da.

In Catal Hüyük wurden auch keinerlei Hinweise auf die Existenz von Tempelanlagen sowie einer damit verbundenen Priesterschaft gefunden. Dogmatische Marxisten glauben so den Beweis gefunden zu haben, das die steinzeitlichen Menschen areligiös waren und Religion sich zeitgleich mit dem Entstehen sozialer Klassen formierte, dass Religion gerade zwangsläufig an eine Klassengesellschaft gebunden sei und nur in einer solchen ihre Rechtfertigung besäße. Mit dem Verschwinden der Klassenordnung würde demnach auch die Religion aufhören zu existieren.

Das ist natürlich kompletter Unsinn und beweist, welch beschränkten Horizont Dogmatiker oftmals haben. Das Gegenteil ist der Fall. Religion war ein fester Bestandteil der Gesellschaft, Religion durchdrang das gesamte Leben. Es wurde kein Unterschied zwischen sakralen und profanen gemacht. Alles war spirituell, die Natur vor allem aber auch die Menschen und ihre Tätigkeiten. Jeder Mann, jede Frau hatte einen persönlichen Zugang zum transzendenten Bereich. Es bedurfte keiner eigens dafür geschaffenen Orte oder Stätten und schon gar keiner Priesterschaft, die vorgab in einer besonderen Art mit der transzendenten Welt im Kontakt zu stehen. Da gab es sicher bestimmte Orte Landschaften Haine, Wälder oder Gewässer, die als besondere Kraftorte verehrt wurden. Dort hatte aber jeder/jede Zutritt und nicht nur eine herausgehoben spirituelle Elite, wie in späteren Zeiten.

 

Es kann davon ausgegangen werden, dass Männer und Frauen hier völlig gleichberechtigt miteinander lebten. Von einem Patriarchat war wohl nichts zu spüren.

Diese Lebensform wird im allgemeinen als Matriarchat bezeichnet. Ein etwas verwirrender Begriff, denn es geht hier nicht um die Herrschaft von Frauen über Männer, wie viele sich das wohl vorstellen und wie es uns in drittklassigen Hollywoodfilmen oft geboten wird. Nein, Matriarchat und Anarchismus gehören zusammen, sind Geschwister sozusagen, bedingen einander.

Anarchismus und Patriarchat hingegen schließen einander aus. Anarchisten, die sich das Recht nehmen Frauenzu diskriminieren  können haben ihr Recht, sich als anarchistisch zu definieren, verwirkt. Leider gab es aber solche in der Geschichte, doch das ist vor allem eine Erscheinung der Neuzeit.

Unsere steinzeitlichen Anarchisten waren den neuesten Forschungsergebnissen zufolge auch alles andere als stumpfsinnige kulturlose Barbaren. Sie trafen sich bei allen möglichen Gelegenheiten, halfen einander bei der Arbeit, schufen eindrucksvolle Kunstwerke und scheinen überaus gerne Feste gefeiert zu haben. Vor allem der gemeinschaftliche Tanz spielte in ihrem Leben dem Anschein nach eine große Rolle. Dies konnten sie aufgrund der Gleichheit und Gleichwertigkeit die unter ihnen herrschte, eine Gleichheit die keineswegs die Herabsetzungen von Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten oder die Unterdrückung von Unterschieden bedeutete sondern einfach nur eine Abwesenheit von Privateigentum an Produktionsmittels auf Kosten der Allgemeinheit.

Es gilt aus sicher das es eine  allgemeins Wertschätzung des Individuums gab, unabhängig von dessen Sozialstatus. Das geachtete Alter zum Beispiel oder eine erarbeitete Anerkennung, ein sozialer Einfluss aufgrund von Erfahrung und Wissen. All das widersprich keineswegs dem egalitären Ethos.

Alte, Kranke und Menschen mit Behinderungen wurden nicht, wie in den späteren Klassengesellschaften an den Rand gedrängt, was nicht selten zu einem vollständigem Ausschluss aus der Gemeinschaft führte, nein, sie blieben weiterhin Teil der Gemeinschaft, wurden gepflegt und mit allem versorgt. Die Menschen in jenen Zeiten schienen auch ein profundes medizinisches Wissen besessen zu haben. 

Warum fragen sich wohl viele, haben die Menschen diese solidarische Gesellschaftsform aufgegeben und sind allmählich zur hierarchisch und patriarchal strukturierten Klassengesellschaft übergegangen? Das scheint uns völlig unlogisch.

Die Antwort darauf ist nicht leicht, die Gründe können ganz verschiedener Natur sein.

Naturkatastrophen, schwere Epidemien, durch Missernten ausgelöste Hungerperioden, vieles ist möglich. In solchen Krisenzeiten beginnen Menschen sich zu verändern,oftmals in negativer Hinsicht. Sie suchen nach Antworten, suchen Schuldige, werden meist auch schnell fündig.

Wir kennen dies aus unserer Zeit nur zu gut. Läuft es etwa in der Wirtschaft nicht, sind die bösen Ausländer Schuld die uns die Arbeitsplätze streitige machen oder ähnliches. Auch in der damaligen Zeit waren Menschen vor solchen Anfechtungen nicht immun.

Man musste die Götter gnädig stimmen mit Opfergaben etwa oder durch kriegerische Exzesse.  Menschen mit besonderen Führungs-und Leitungsbegabungen begannen diese zu missbrauchen und spielten sich in den Fordergrund,lösten sich aus der Solidargemeinschaft, beanspruchten Privilegien als Ausgleich für eigens für sie geschaffene Führungsposten. Häuptlinge wurden ernannt, eine Priesterkaste bildete sich heraus. Immer deutlicher bildeten sich die Hierarchien und festigten ihre Strukturen, bis sie ihre Stellung gesichert hatten .

Damit begann die tatsächliche Barbarisierung der Menschheit.  Die Einteilung in streng voneinander getrennte soziale Schichten brachte Unterdrückung, Sklaverei, Leibeigenschaft mit sich auf der einen, maßlose Bereicherung aufkosten der Allgemeinheit auf der andern Seite. All das geht kaum ohne Gewalttaten und immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen. 

Doch wie ein schwarzer Faden durchzog fortan die Sehnsucht nach freiheitlichen Formen des sozialen Zusammenleben die Geschichte der Menschheit. Nicht immer in der gleichen Intensität. Das hängt natürlich auch damit zusammen das Aufmüpfigkeit selten Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung findet. Aber dieser Faden war immervorhanden. Keiner vermochte diesen zu durchtrennen. Auch der gewalttätigste Tyrann konnte nicht den Freiheitswillen der Menschen brechen.

Immer wieder kam es zu Versuchen den alten natürlichen Urzustand wieder herzustellen und die der menschlichen Natur völlig entgegen gesetzte Spaltung zu überwinden.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür liefert und die Bibel. In kaum einem anderen Buch ist die anarchistische Ursehnsucht der Menschen so ausführlich und plastisch beschrieben. Sowohl das Alte,als auch das Neue Testament sind in Wirklichkeit nichts anderes als Lobeshymnen auf den Anarchismus.

Betrachten wir das Buch Exodus gleich am Anfang wird uns dieser Umstand verdeutlicht. Generationen schufteten die Hebräer in der Fremde, in Ägypten für den Wohlstand des Pharao, unerträgliche Lasten wurden ihnen aufgebürdet. In ihren Gebeten ging es nur um eines, der Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Durch Jahrzehnte stumpfsinniger Erniedrigung bedurfte es zunächst noch einer Führerpersönlichkeit. Mose erkannte dem Ruf und folgte ihm und das obgleich er selbst der wohlhabensten Oberschicht angehörte und beim Pharao ein und aus ging.

Der niederländische anarchistische Theologe Dick Boer hat in seinem Buch "Erlösung aus der Sklaverei" eine sehr interessante Deutung des Auszugs der Hebräer aus dem Ägypten der Pharaonen unternommen.

Herausgeführt aus dem Sklavenhaus landete das Volk zunächst in der Wüste, diesem unwirklichen Ort, und sie begannen sich zu fragen wie sie denn nun in ihr Gelobtes Land kommen sollten. Es ist die unbedingte Solidarität, die das Volk zusammenschmiedet. Sie beginnen sich völlig neu zu organisieren. Gott will sie zu einem Volk von Königen und Priestern machen. Jeder ist gleichsam sein eigener König und Priester. Da braucht es keinen herausgehobenen Funktionsträger mehr, eine Gesellschaft also ohne Herrschaft.

Gott schließt einen Bund mit dem Volk Israel, sie werden nicht zu Untertanen sondern  zu Bundesgenossen, Gleiche unter Gleichen. Es entsteht eine Gesellschaft, die der ägyptischen, die sie hinter sich ließen, diametral entgegengesetzt war. In Ägypten die Pyramide als Symbol totaler Unterordnung mit dem Pharao als Gottgleichen Herrscher an der Spitze. Die Hebräer dagegen egalitär organisiert, Symbol ist das Lagerfeuer das alle gleichermaßen wärmt.

Leider kam es aber auch unter den Hebräern zu Perversionen ,indem sich auch hier Hierarchien abzeichneten. Moses selbst gebärdete sich als eine Art von Diktator. 

Dick Boer ist der Ansicht, die Tatsache, das Moses das gelobte Land nicht mehr betreten durfte, hängt vor allem damit zusammen, das er sich eine Herrschaftsposition aneignete die allein Gott zukommt. Auch Moses Nachfolger Joshua gebärdete sich als Herrscher. Danach aber folgt eine der interessantesten Perioden des alten Testamentes, die sogenannte Richterzeit.

Als Richter werden Personen bezeichnet die sich  im Laufe  der Zeit,eine natürliche Autorität aneigneten, das Volk begegnete ihnen mit Achtung und Anerkennung. In Zeiten der Gefahr wurden diese Richter zu Stammesführern auf Zeit, die, nach überstandener Gefahr, wie selbstverständlich ins Glied zurücktraten, ohne irgend welche Ansprüche geltend zu machen. 

Das war der alles endscheidenen Unterschied des Volkes Israel zu seinen Nachbarn, die sich vor Fürsten, Königen und Priestern zu beugen hatten.  Eine anarchistische Gesellschaftsform die keine Herrscher kannte. Leider pervertierte diese Gesellschaft nach einer gewissen Zeit . Der Ruf nach einer starken Hand wurde lauter. Sie wollten unbedingt einen König an der Spitze sehen. Der Prophet Samuel warnt sein Volk eindringlich vor den Gefahren. Aber sie lassen nicht ab von ihrer Forderung und sie bekommen ihren König. König Saul erweist sich als unwürdig und scheitert auf allen Ebenen. Nach einer kurzen Blütezeit unter den Königen David und Salomo geht es bergab.

Zerfallserscheinungen, innere Zwistigkeiten , äußere Bedrohungen und Schließlich die Vernichtung sind die Folge.

Immer wieder traten Propheten auf um die Herrscher daran zu erinnern das ihre Herrschaft im Widerstand zu göttlichen Ordnung stand, doch vergebens.

Schließlich,nach Jahrhunderten kam Jesus. In Jesus begegnet uns der vollendete Anarchist. Jesus ist der Überbringer einer völlig neuen Ordnung. Eine neue Ordnung aber bedeutet das die alte existierende verschwinden müsse und in ihr die weichen Sessel in den Nischen der Macht und Privilegien. Folgerichtig befand sich Jesus in Konflikt mit den Eliten seiner Zeit.

Werfen wir einen Blick auf die Zeit in der Jesus lebte, offenbart sich ein düsteres Bild. Etwa 40% der Bevölkerung im damaligen Palästina lebte in totaler Armut, man nannte diesen Teil des Volkes verächtlich Am-haarez, was soviel wie Landvolk bedeutete. Sie galten als unrein, ungebildet, verabscheuungswürdig. Einen Angehörigen von Am-haarez besuchte man nicht, empfing ihn nicht in seinem Haus, ließ sich mit ihm nicht auf der Straße blicken. Eheschließungen zwischen Leuten aus Am-haarez und Angehörigen höherer Schichten waren verpönt und verboten. Vor Gericht galt ihre Aussage so gut wie nichts. Sie arbeiteten nur in als unrein deklarierten Berufen, oft waren sie Bettler und Ausgestoßene. Ihnen war es aufgrund ihrer niederen Stellung auch kaum möglich die zahlreichen religiösen Pflichten und Gebote zu beachten. Das führte dazu dass sie nicht nur von der römischen Besatzungsmacht und der mit ihr kollaborierenden einheimischen Oberschicht unterdrückt wurden , sondern auch noch die gesetzestreuen Moralapostel,namentlich die so genannten Pharisäer gegen sich hatten. Sie fielen unter das Verdikt der Gesetzlosigkeit. Man nannte sie einfach nur noch die Abtrünnigen.In dieser Situation betritt Jesus die Bühne der Geschichte Jesus nennt Am-Haaretz, die Verlorenen. Zu ihnen fühlt er sich gesandt. Sie sind Ziel seines Auftretens. Sie und die ebenfalls völlig rechtlosen Frauen. Jesus erweist sich als der Messias der Armen, Verachteten, Ohnmächtigen , die er wieder in ihre angestammten Rechte einsetzen will. Darum ging es ihm und nicht etwa eine neue Religion zu begründen. Nichts lag ihm ferner, Zeit seines Lebens blieb Jesus gesetzestreuer Jude.

Die Obrigkeit hatte gar keine andere Wahl als diesen Unruhestifter aus dem Weg zu räumen. Die sich auf ihn berufene Urgemeinde setzte seine Weisungen zunächst in die Tat um. Sie gaben ihren Besitz weg, legten alles zusammen, lesen wir in der Apostelgeschichte. Eine Gütergemeinschaft entstand, heute würden wir diese wohl als Kommune bezeichnen. Wer der neuen Bewegung beizutreten gedachte, könnte dies nur, indem er sich seines Reichtum entledigte. Gleiche unter Gleiche. Das galt auch für Frauen, die in der Urgemeinde völlig gleichberechtigt waren, sogar Ämter bekleiden konnten.

Das Christentum verbreitete sich deshalb  in so atemberaubender Geschwindigkeit weil es vor allem zwei Gruppen von Menschen ansprach, die von allem ausgeschlossen waren, Frauen und Sklaven. Die Stadt Rom, in der Antike schon Millionenmetropole, bestand fast zur Hälfte aus völlig entrechteten Sklaven. Das frühe Christentum wurde so zur größten anarchistischen Bewegung der Antike. Doch es kam  zur großen Perversion. Irgendwann kehrte sich die befreiende Botschaft in ihr Gegenteil, es entstand die Kirche, mit einer bis dahin kaum gekannten hierarchischen Ordnung, ihrer extrem patriarchalen Ausrichtung und der Vergötzung des Reichtums und einer fast neurotischen Prunksucht.

Judentum und Christentum sind nicht die einzigen Religionen die in ihren Anfängen anarchistische Tendenzen aufweisen, wir begegnen diesen in fast allen bedeutenden Weltreligionen, ob Islam, Buddhismus oder Hinduismus.

Der Anarchismus musste sich auf die Suche nach einer neuen Ausdrucksform begeben.

Es bedurfte lange bis sich diese voll entfalten konnte. Erst im 19 Jahrhundert können wir von einem politischen Anarchismus im eigentlichen  Sinne sprechen. Eine Begründerperson gibt es nicht. Der Anarchismus hat viele Väter und Mütter, das gehört zu seinem vielfältigen Wesen. Die Anfänge liegen in den Wirren der französischen Revolution von 1789-1794 und deren Irrungen und Wirrungen. In jenen Zeiten wurde eine brutale Terrorherrschaft durch eine andere abgelöst, bis schließlich Napoleon die Macht an sich riss und wieder einmal alles einem übermächtigen Herrscher zu huldigen hatte. Eine allmächtige Befreiungsbewegung ist ein Widerspruch in sich selbst, sie kann immer nur eine Herrschaft durch eine andere ersetzen. Viele dieser Befreiungsbewegungen sind über die Machtverhältnisse gestolpert, dies erklärt ihr späteres Versagen.

Immer mehr aufgeklärte Geister stellten sich der Frage warum denn überhaupt eine Herrschaft von Nöten sei, wäre das Leben nicht viel erträglicher ohne diesen Kreislauf von herrschen und beherrscht werden?

Am Beginn des politischen Anarchismus stehen drei bemerkenswerte Gestalten, alle drei waren Russen. Michael Bakunin, Leo Tolstoi und Peter Kropotkin. Alle drei adliger Herkunft. Bakunin und Tolstoi waren Grafen, Kropotkin sogar Großfürst.

Ich werde mir detaillierte Biographien sparen,  über diese Personen  können wir im Internet viel interessantes nachlesen, z.B. wikipedia oder der Seite anarchopedia.

Auf Kropotkin möchte ich etwas näher eingehen, weil er für mich zu einer wichtigen Leitfigur wurde. 

Kropotkin lebte von 1842 bis 1921und entstammte alten russischen Hochadel( mütterlicherseits war er mit der Zarenfamilie Romanoff verwandt). Es drängt sich einem sofort die Frage auf, warum ein Mensch mit einer solch vornehmen Herkunft, dem eine glänzende Karriere als Diplomat oder Militär offenstand,zum Begründer des anarchistischen Kommunismus(heutige Bezeichnung meist Anarchokommunismus) wurde. Der Gefängnis und lange Jahre im Exil auf sich nahm um seine Ideen einer freien und egalitären Gesellschaft zu verbreiten. 

Kropotkin befürwortete die Übertragung der Produktionsmittel in Gemeineigentum, einen Vorgang den wir heute zumeist als Vergesellschaftung bezeichnen. Das hat nichts mit Verstaatlichung zu tun, die lehnte Kropotkin ab, da er dem Staat keine Daseinsberechtigung zubilligte. Kleine, auf vertragliche Vereinbarung beruhende Assoziationen oder Kommunen sollten an die Stelle des Staates treten. Solchen Assoziationen kamen auch die sozialen Aufgaben zu, die bisher dem Staat oblagen.

Martin Buber, der bedeutende jüdisch-anarchistische Philosoph, bezeichnete Kropotkins Konzeption als Föderalistischen Kommunalismus. Die in Freiheit föderierenden Kommunen seien seiner Meinung nach der Hebel zur Restrukturierung der Gesellschaft.

Kropotkin machte sich auch einen Namen als Naturforscher. Seine umfangreichen Untersuchungen führten ihn zu der Erkenntnis das die wesentliche menschliche Triebkraft in der gegenseitigen Hilfe bestünde, mehr noch, selbst in der Tierwelt beobachtete er dieses Phänomen. Seine Lehre steht im diametralen Gegensatz zu den Ideen von Charles Darwin und dessen Theorie von der brutalen Auslese und dem Überlebensrecht des Stärkeren. Kropotkin glaubte einen schwarzen Faden zu erkennen ausgehend von der Tierwelt, über die Entstehung des Menschen, über die Antike bis ins Mittelalter. Überall erkannte er die Gegenseitigkeit, die Solidarität und das freiwillige Zusammenwirken der Menschen bis ins beginnende Industriezeitalter. Die Menschen versammelten sich in Horden, Sippen, Stämmen, bildeten Genossenschaften, Gilden, Zünfte, die das zusammenleben organisierten und somit auch ein soziales Netz spannen. Die industrielle Revolution, die Entstehung des Proletariates und die damit verbundene Massenverelendung bedeutete für Kropotkin das Ende jedweder Zivilisation und Kultur, das Ende der Menschlichkeit schlechthin. Die Pseudofreiheiten des Kapitalismus zerstörten sämtliche gewachsenen Strukturen. Eine Individualisierung setzte ein die das soziale Gefüge aus dem Gleichgewicht brachte.

Das mittelalterliche Gilde- und Zunftwesen nahm Kropotkin auch als Vorbild das es weiter zu entwickeln galt. Man spricht hier auch im allgemeinen vom "Gildesozialismus".

Freie Körperschaften die sich vollständig autonom verwalten,ihre Angelegenheiten regeln und untereinander nur durch ein loses Netzwerk miteinander verbunden sind, dem ebenfalls die Funktion der Gegenseitigen Hilfe zukommt. Funktioniert ein solches Gebilde tatsächlich würde der Staat überflüssig wie ein Kropf.

In Deutschland war neben Martin Buber vor allem dessen Freund Gustav Landauer maßgeblich an der Weiterentwicklung von Kropotkins Idee beteiligt.

Landauers Anarchismus ist vor allem kulturell ausgerichtet, orientiert sich ebenfalls an den Genossenschaftsbewegungen, den zu Beginn des 20 Jahrhunderts entstehenden Gemeinschaftssiedlungsbewegungen, der Lebensreform-und Jugendbewegung. Landauer verwendet als erster die Bezeichnung Sozialismus für seine Konzepte. Ein wahrer Sozialismus kann seiner Meinung nach nur im Gegensatz zum Staat und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung erwachsen. Damit stellte er sich frontal gegen die Vorstellung der Marxisten, die dem Staat eine entscheidenden Rolle beimaßen.

Nach Landauers Auffassung müsse der Keim für die neue Gesellschaft schon in der alten gelegt werden. Einen gewaltsamen Umsturz herbei zu führen, der aus dem Nichts  eine neue Ordnung zu begründen versucht, wie es die Marxisten propagierten, erteilte er eine Absage. Damit würde nur ein Vakuum entstehen, in dessen Windschatten neue Diktaturen gedeihen. (Die Geschichte hat seine Befürchtungen bestätigt). 

Vielmehr sei es wichtig freie Assoziationen;Kommunen etc. ins Leben zu rufen, diese soweit zu entwickeln, dass sie schließlich als autonome Gebilde funktionieren bis sie imstande sind den Staat abzuschütteln, einer Schlange gleich, die sich bei der Häutung der alten Haut entledigt.

Die Geschichte ging bekanntlich einen anderen Weg. Wieder kam es zu einer großen Perversion. Die russische Revolution von 1917 hatte sich anderen Konzepten verschrieben.  Kropotkin kehrte nach 30jährigen Exil, das er vor allem in London verbrachte, 1918 als Greis in seine russische Heimat zurück. Er folgte einer Einladung der neuen revolutionären Regierung unter Lenin. Doch der installierten Räterepublik war nur ein kurzes Leben vergönnt, bald wurden immer deutlicher autoritäre Züge sichtbar. Kropotkin musste resigniert feststellen, dass hier nur eine Elite, die andere abgelöst hatte. Noch saßen alle revolutionären Bewegungen, einschließlich der Anarchokommunisten in den Räten zusammen, doch schon 1920 wurden von der Staatführung alle mit Ausnahme der Bolschewiki verboten. Kropotkin, inzwischen am Ende seiner Kräfte versuchte verzweifelt einzugreifen, führte mehrere Gespräche mit Lenin und versuchte diesen vor der Gefahr eines autoritären Sozialismus zu warnen, vergeblich.

Kropotkin starb im Februar 1921. Zu seiner Beerdigung kamen Tausende, diese wurde zu einem letzten Manifest für die Freiheit für die nächsten 60 Jahre. Zahlreiche Anarchisten waren bereits eingekerkert, kamen vorübergehend frei um an der Beerdigung teilzunehmen, viele folgen schon wenige Wochen später Kropotkin in den Tod. 

Mit der Machtergreifung Stalins 1922 kehrte entgültig die Tyrannei zurück. Der "Rote Zar" setzte die Tradition der 1917 entmachteten Romanoffs fort und verfeinerte diese entsprechend den Möglichkeiten seiner Zeit. Hunderttausende wurden Opfer seines Terrorregimes. Kropotkins Ansehen in der russischen Bevölkerung war so groß, das nicht einmal Stalin es wagte dessen Familienangehörige zu schikanieren, diese lebten weitgehend unangefochten weiter.

Nach dem Ende der Sowjetunion 1991/92 erhielt Russland eine Pseudodemokratie und einen Raubtierkapitalismus mit geradezu kannibalistischen Zügen. Wieder fanden Kropotkins Ideen kein Gehör, wurde wieder nur eine Barbarei durch eine andere ersetzt.

In Deutschland brachte die Revolution von 1918 nicht die gewünschten Veränderungen. Nur in Südbayern existierte für etwa ein halbes Jahr eine Räterepublik. Diese hatte auch eine ganz kurze anarchistische Phase, im April 1919 für etwa eine Woche, hier übernahm auch Gustav Landauer Verantwortung, als eine Art "Kulturminister". Die anarchistische Räterepublik wurde bald von einer autoritär-kommunistischen abgelöst. Im Mai 1919 beendeten rechtsextreme Freikorps das sozialistische Experiment auf ihre eigene brutale Art. Hunderte wurden ermordet, unter ihnen auch Gustav Landauer. 

Es gab in der bisherigen Geschichte nur zwei Länder auf deren Boden eine anarchistische Verwaltung für einen längeren Zeitraum existieren konnte. Die freie Ukraine 1920/21 und Spanien(Katalonien) 1936.

Ich möchte hier vor allem auf Spanien ein gehen.

Es ist kaum zu glauben, aber in der Tat hätten die Spanier Geschichte schreiben können als ein Volk das sich ertsmals von allen Bevormundungen durch Staat, Kapital und Kirche hätte befreien können. Ein Volk das den Staat an sich überwindet und sich einer akratischen Gesellschaftsgestaltung zuwendet. Wenn wir heute nach Spanien blicken und deren Bewohner sich in Lobhudeleien über ihr dekadentes Königshaus ergehen ist davon freilich kaum noch was zu spüren.

In den 30ger Jahren des 20 Jahrhunderts aber waren die Bedingungen für eine libertäre Umgestaltung ausgezeichnet.  

 Denn in keinem anderen Land der Welt gab es in der Vergangenheit eine so bedeutende anarchistische Massenbewegung. Spanien bot die besten Voraussetzungen dafür sich von einem herkömmlichen Staat in ein Netzwerk sich frei verwaltender Kommunen zu verwandeln. In Spanien entstand jene Bewegung die wir Anarchosyndikalismus nennen. Syndikat bedeutet  zunächsteinmal nichts anderes als Gewerkschaft. Es handelt sich also um die Verbindung anarchistischen Gedankengutes mit der Gewerkschaftsbewegung. Die anarchistische, oder anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT(Confederacion Nacional del Trabajo_ Nationale Konföderation der Arbeit) war Anfang der 30ger Jahre die mit Abstand größte Gewerkschaft des Landes, sie zählte über 2 Millionen Mitglieder. Es gab ganze zwei hauptamtliche Beschäftigte, alles andere wurde von Ehrenamtlichen geleistet, schon hier erkennen wir den deutlichen Unterschied zu anderweitig ausgerichteten Gewerkschaften und deren aufgeblähten Verwaltungsapparat. Die Hauptaufgabe einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft besteht darin sich mit starken Zellen fest in den einzelnen Betrieben zu verankern, diese danach zu befähigen schrittweise die Kontrolle über die Betriebe zu erhalten, die Inhaber zu enteignen,um die Unternehmen schließlich zu vergesellschaften, das heißt diesen in den Besitz der gesamten Belegschaft zu überführen. Jeder Arbeiter/jede Arbeiterin ist somit Miteigentümer_in Dies alles geschieht auf freiwilliger Basis. Die Beschäftigten des Betriebes sollen sich allein aus Überzeugung und ohne Druck der Gewerkschaft anschließen.

Die CNT wurde 1911 in Sevilla gegründet, bereits unter der Monarchie begann sie ihre Tätigkeit. Mit dem Sturz der Monarchie 1931 und dem Einsetzen eines revolutionären Prozesses der das ganze Land erfasste, konnten die Anarchosyndikalisten ihre Bewegung sprunghaft vergrößern und an Einfluss gewinnen. Kooperativen, Genossenschaften, selbstverwaltete Betriebe, landwirtschaftliche Kommunen schossen wie Pilze aus dem Boden.  Die neue republikanische Regierung duldete diese Entwicklung unter Vorbehalt, versuchte sie zeitweise einzudämmen, erkannte jedoch schlussendlich die Unmöglichkeit diesen Prozess aufzuhalten. Autoritär-sozialistische Organisationen wie Sozialdemokratie oder Stalinisten verfügten über bedeutend weniger Einfluss im Spanien der damaligen Zeit. Die Moskauhörige Kommunistische Partei trat kaum in Erscheinung.

Im Landesteil Katalonien fand die libertäre Bewegung besonders große Unterstützung, auf diese Weise überzog schon bald ein breites Netzwerk selbstverwalteter Organisationen das Land. Die Zeit schien reif den Staat endgültig zu überwinden. Was hier begann ,kann ohne weiteres als das bedeutendste soziale Experiment des 20.Jahrhunderts bezeichnet werden.  Sowohl die landwirtschaftliche, als auch die industrielle Selbstverwaltung wurde zu einem großen Erfolg, vor allem die Kollektivierung im Dienstleistungssektor. Die Kollektivierung führte zu einer beachtlichen Steigerung und Verbesserung der Produktion in allen Bereichen. Die katalanischen Arbeiter entwickelten eine erstaunliche Fähigkeit die in Unordnung geratenen Unternehmen neu aufzubauen und eigenständig zu verwalten.

Zwang gab es dabei nicht. Freiwilligkeit bestimmte das Handeln. Die Belegschaften stimmten über den Status ihrer Betriebe ab. Sie hatten die Wahl weiterhin unter der Knechtschaft der Unternehmer zu bleiben, oder den Betrieb in Eigenregie weiter zu führen. Die Entmachteten Besitzer wurden auch nicht auf die Straße gesetzt, sondern ihnen wurde freigestellt zu bleiben,um durchaus bedeutende Aufgaben in der neuen Ordnung zu übernehmen, oder zu gehen.

Besonders eindruckvoll ging es auf dem Lande zu. Der zuvor beschlagnahmte Grund und Boden wurde durch die Landarbeitergewerkschaft verwaltet und gemeinsam zum Nutzen der Mitglieder bearbeitet. Die Landarbeitergewerkschaft half den Kleinbauern auch durch Bereitstellung von Maschinen, Aufkauf der Produktion etc. Bei der Durchführung der Kollektivierung wurden folgende Richtlinien beachtet: Bestand in einem Dorf die Möglichkeit die Kollektivierung auf die gesamte Einwohnerschaft ohne Zwangsausübung auszudehnen, so konnte sich die Kooperative auf das ganze Dorf ausstrecken. Niemand sollte durch Zwang zum Eintritt  genötigt werden. Kleinbauern und Pächter sollten das Recht haben, selbständig weiterzuarbeiten, wenn  sie dem Kollektiv im Dorf nicht beitreten wollten. (man beachte den Unterschied zur Zwangskollektivierung  in der Sowjetunion und ihren unzähligen Opfern). Etwa 90 % machten von der Kollektivierung Gebrauch, stellte diese doch eine immense Erleichterung der Arbeitsbedingungen dar.

Auch das soziale und kulturelle Leben wurde von den Kooperativen und Kommunen  betreut. Ein flächendeckendes Gesundheitswesen, bis dato in Spanien völlig unbekannt, wurde eingeführt, Schulen und Kinderbetreuung wurde von den Kollektiven selbständig organisiert. Kunst und Kultur, für die Landbevölkerung bisher Fremdworte, waren für jedermann und jede Frau zugänglich. Erstmals in der Geschichte des Landes begannen Frauen sich zu organisieren und ihr Leben selbst zu bestimmen. Besonderer Wert wurde auf Bildung gelegt nund dem weit verbreiteten Analphabetentum unter Erwachsenen der Kampf angesagt.

Es versteht sich von selbst dass die Mächtigen diese Entwicklung nie und nimmer akzeptieren konnten. Rechtsorientierte Kreise trauten der republikanischen Regierung nicht mehr und organisierten einen Putsch. Wem die Geschichte vertraut ist, kennt den Ablauf der Ereignisse. Rechtsextreme und Faschistische Einheiten unter der Führung des Generalissimus Fransisco Franco drängten die Republik immer weiter zurück und gingen brutal gegen die Freiheitbewegungen vor. Von Hitler und Mussolini mit Waffen, Soldaten und Geld reichlich ausgestattet konnte Franco mit dem ausdrücklichen Segen der katholischen Kirche sein Werk in Angriff nehmen.

Indirekt erhielt Franco sogar die Unterstützung Stalins der sich ebenfalls Generalissimus zum Generalissimus ernannte.  Stalin unterstützte zwar die republikanische Regierung mit Waffenlieferungen, die er sich teuer mit den spanischen Goldreserven bezahlen lies. Doch er hatte kein Interesse an einem Erfolg der libertären Revolution. In der Sowjetunion der 30ger Jahre herrschte Repression und Unterdrückung, zudem Misswirtschaft, die eine Hungersnot nach der anderen heraufbeschwor. Eine erfolgreiche alternative Sozialismusversion von unten,  konnte Stalin unter keinen Umständen dulden. KGB-Agenten wurden in Massen nach Spanien geschleust und machten Jagt auf Anarchisten und Trotzkisten. Es wurde gleichsam eine zweite Front im Rücken der Revolutionäre eröffnet. Es gilt als sicher, dass die Mordaktionen des KGB fast ebenso viele Opfer forderten wie die offiziellen Kampfhandlungen mit den Francofaschisten.    

Das die spanische Revolution letztendlich scheiterte ist nicht der Unfähigkeit der Anarchisten zu verdanken, sondern dem Verrat durch die Stalinisten.

Als ein zweiter Grund für das Scheitern kann sicherlich die radikaldemokratische Ausrichtung der kämpfenden anarchistischen Truppenteile verantwortlich gemacht werden.

Während Franco als uneingeschränkter Oberkommandierender die ganze Machtfülle in seinen Händen hielt und pyramidenförmig nach unten weiter reichte, waren die anarchistischen Milizen demokratisch verfasst, die ihre Kommandeure wählten und alle wichtigen Entscheidungen zunächst ausgiebig beraten und abgestimmt werden mussten.

Hier stellt sich unwillkürlich die Frage: Wie viel Anarchismus erträgt ein Mensch?

Der heutige spanische Staat hat ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu diesem Teil seiner Geschichte. Die Revolution von 1936-1939 und die sich anschließende Diktatur unter Franco bis 1975 gilt als Tabu und wurde im Prinzip nie aufgearbeitet. 

 

Wir unternehmen einen Sprung in die Gegenwart.

Es kann unter ganz bestimmten Umständen sogar als lebensnotwendig erscheinen zur anarchistischen Organisationsstruktur zurück zu greifen, bei Ausnahmesituationen im Katastrophenfall. Naturereignisse oder auch Folgen von kriegerischen Handlungen. Uns sind ja noch die Bilder der Überschwemmungen vom Frühjahr 2013 vor Augen. Selbstorganisation ist hier bei den von solchen Katastrophen Heimgesuchten unumgänglich, wenn diese überleben wollen. Während Politiker medienwirksam mit Gummistiefel und Friesennerz auf den Dämmen posieren und große Sprüche über Solidarität und gegenseitiger Hilfe zum Besten geben, obliegt es der gebeutelten Bevölkerung  derweil eben diese Solidarität vor Ort zu praktizieren. In solchen Situationen entsteht ein für die Eliten der jeweiligen Staatsgebilde gefährliche Situation, das liegt daran dass die Macht auf vielfache Weise auf die Menschen an der Basis übergeht. Zumeist sind es Nachbarn die Akuthilfe leisten, improvisierte Küchen auf die Beine stellen, Netzwerke knüpfen.

Von der Kanne heißen Kaffee und dem Teller mit belegten Brötchen bis zur Bereitschaft in Not geratenen oft wildfremden Personen Obdach zu gewähren. Auch die Frage der Zusammenarbeit stellt sich völlig neu. Für eine kurze Zeitspanne wird Kropotkins Traum von der gegenseitigen Hilfe zur greifbaren Realität. Soziale oder Intellektuelle Unterschiede, aber auch unterschiedliche Nationalitäten, Rassen oder Religionszugehörigkeiten werden zur Nebensache. In solchen Augenblicken bilden die Bürger selbst die Regierung, das heißt die handelnde Körperschaft der Entscheidungsfindung, so wie es die Demokratie zwar immer versprochen, meist jedoch nie gehalten hat. Nicht selten kam es in der Geschichte gerade nach solch einschneidenen Katastrophen zu Revolutionen.  

In den Medien werden uns freilich ganz andere Bilder herbeigelogen. Da wird das Bild vom selbstsüchtigen, panikerfüllten oder regressiven Wilden, zu dem der Mensch angeblich mutiert, projiziert. Doch das entspringt nur sehr selten der Realität. Es dient dazu den Regierenden die Legitimation für drakonische Handhabe zu liefern. dann schreitet zumeist das Militär ein das sich als Befreier feiern lässt. Möglicherweise mag das  in Teilen für Europa  zutreffen. In anderen Ländern sieht das freilich anders aus.

Sicherheitskräfte wie Polizei und Militär haben hier nur die Aufgabe Eigentum zu schützen, das Eigentum der Eliten versteht sich. Menschen denen es am lebensnotwendigen fehlt und die versuchen sich mit Lebensmittel zu versorgen, gelten fortan als Plünderer und dürfen wie Hasen über den Haufen geschossen werden.  Solidarität und gegenseitige Hilfe sind vielen Regierenden suspekt und müssen mit regressiven Maßnahmen unter Kontrolle gehalten werden. Das Medienzeitalter bietet reichhaltige Möglichkeiten Horrorszenarien zu konstruieren.

Im August 2005 wütete an der Südsostküste der USA der Hurrikan Katrina. Eine der schlimmsten Umweltkatastrophen in der Geschichte des Landes. Die Stadt New Orleans wurde besonders hart getroffen.  Wir erinnern uns sicher noch an den aufgebrachten Bürgermeister Ray Nagin der US-Präsident George Bush jr. als "Arschloch" betitelte.

Was war geschehen?

Auch in einem gesellschaftlich so zerrissenen Land wie den USA ist eine solidarische Einstellung möglich, sind Menschen in der Lage ihren Schatten zu überspringen, sich von rassistischen, sozialchauwinistischen oder religiös-fundamentalistischen Fesseln zu befreien um einfach nur Menschen , in der Lage sind einander zu helfen, wenn die Not am größten ist.  In den Katastrophengebieten spielte es dann auch für eine kurze Zeit keine Rolle ob  Mensch arm oder reich, schwarz oder weiß, Christ, Jude Moslem oder sonst noch was war. Den Herrschenden aber kam dass sehr ungelegen. Wen wunderts, basisiert doch jede auf hierarchischen Strukturen aufbauende Gesellschaft auf antagonistischen Gegensätzen. Kaum etwas fürchten die Mächtigen so sehr als eine Bevölkerung die zusammenhält und zusammen steht. In solchen Fällen kommen die Medien ins Spiel. Presse Funk und TV, fast ausnahmslos in den Händen großer systemergebenen Konzerne, fällt in solchen Situationen die Aufgabe zu die so lebensnotwendigen Zwistigkeiten am Leben zu erhalten. Die Berichterstattung in den US-Medien war beschämend und stellte eine infame Beleidigung und Verhöhnung aller durch die Naturkatastrophe Geschädigten dar. So fasst z.B. am 3 September 2005 die Kolumnistin der New York Times Maureen Dowd, die allgemeine  verbreitete Meinung zusammen. New Orleans sei  eine "Schlangengrube aus Anarchie, Tod, Plünderung, Vergewaltigung, marodierenden Schlägern, einer zerstörten Infrastruktur und einer ausgebrannten Polizeitruppe. Bewaffnete Banden zögen plündernd und brandschatzende durch die Gegend, sogar von Kannibalismus war die Rede. Menschen die nah am Geschehen lebten, glaubten diesen Horrorgeschichten, was deren Angst und Panik noch weiter steigerte. Der Ruf nach einer starken Ordnungsmacht wurde immer lauter.

Dann kam die Armee ins Spiel. Uncle Sam schickte seine wackeren Kämpfer, die mal kurzerhand durchgriffen. Am besten gleich von der Schusswaffe Gebrauch machen. Im Katastrophenfall können Menschen problemlos zu Terroristen deklariert werden.

Wenig später kamen zwar die Dementis, doch da war es bereits zu spät. Die Verunglimpfung einer ganzen Bevölkerung konnte nie völlig getilgt werden. Viele von denen die den barbarischen Sensationsgeschichten auf den Titelseiten der Boulevardblätter Glauben schenkten, bekamen von den kleinlauten Widerrufen nichts mit, oder wollten möglicherweise  auch gar nichts davon wissen

Fazit: Wenn Ordnung aus sich selbst heraus funktioniert, ohne Kommando von Oben, ist eine Ordnungsmacht überflüssig. Dann ist womöglich auch der Staat überflüssig?

Noch eine kurze Anekdote zu New Orleans. Die Evakuierung der Bevölkerung wurde auf geradezu kriminelle Weise in die Länge gezogen. Zahllose freiwillige Helfer die Busse,Lastwagen und sonstige Transportmittel spontan zur Verfügung stellten, wurden abgewiesen,  zum Teil regelrecht behindert. Der Grund: George Bush jr. hatte einem befreundeten Transportunternehmer das Monopol über den gesamten Transport zugesagt. Die Menschen wurden genötigt nur dessen Transportfahrzeuge zu benutzen, selbst verständlich mussten deren Benutzung teuer bezahlt werden, ein Millionengeschäft. Bürgermeister Nagin hatte also mit seiner abwertenden Bezeichnung für Bush sogar  noch untertrieben.

Denn die Frage drängt sich auf: wer ist wohl der größere Plünderer ? Ein Katastrophenopfer das aus Hunger einen Laib Brot stielt, oder was man sonst  zum nackten Überleben braucht? Oder ein Präsident der auch noch die größte Not ausnützt um für seine reichen Spießgesellen fette Profite zu sichern? Eine Frage die jeder/jede nur sich selbst beantworten kann. 

Ein Staat kann ohne Menschen nicht existieren. Können aber Menschen ohne einen Staat auskommen? Die Frage bleibt bis auf weiteres unbeantwortet. Aber all die Beispiele verdeutlichen uns, dass es eine perfekte und vor allem gerechte Herrschaftsform nie gegeben hat und nie geben wird. Das zum mindest sprich für die Anarchie.

Ich möchte ganz zum Schluss noch ein paar eigene Erfahrungen mit ins Spiel bringen. Ich selbst erlebte 1989/ 1990 den Zusammenbruch einer staatlichen Ordnung innerhalb weniger Wochen hautnah mit. Die DDR wird ewigen Bestand haben, die haut so leicht nichts vom Hocker, so glaubte ich noch Anfang des Jahres 1989. Logisch, ich kannte ja nichts anderes. Ein Leben jenseits der Verhältnisse, wie ich sie in der DDR vorfand, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Es schien, als habe es nie etwas anderes gegeben. Ich wurde 1965 geboren, Ministerpräsident jener Zeit war Willi Stoph. Als ich 1971 in die Schule kam bekleidete Willi Stoph noch immer dieses Amt. Als ich 1981 mit der Schule fertig war hieß der Ministerpräsident? Richtig, Willi Stoph. Als die DDR 1989 zusammenbrach stand Willi Stoph noch immer an der Spitze der Regierung. Nie wäre mir in den Sinn gekommen das es eine Regierung ohne Willi Stoph an der Spitze geben könnte. Die ewig Nummer 2 in der Staats-und-Parteihierarchie war so etwas wie eine Institution. Dieses Beispiel führt uns vor Augen wie es damals aussah. Veränderungen waren nicht vorgesehen. Dabei war Willi Stoph noch nicht einmal die Spitz des Eisberges. Es gab Funktionäre die ihre Ämter ohne Unterbrechung 40 Jahre inne hatten. Der Demokratische Frauenbund Deutschlands kannte bis 1989 nur eine einzige Vorsitzende, Ilse Thiele hatte seit 1949 dieses Amt bis zum bitteren Ende inne. Regierungswechsel gab es nicht. Hin und wieder wurden mal ein paar Minister ausgetauscht, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, versteht sich. Ämter wurden zumeist auf Lebenszeit vergeben. Alles schien dauerhaften Bestand zu haben. In jenen Jahren erschien uns das ungeheuer öde, langweilig, statisch. Aus heutiger Sicht jedoch, da wir uns einem permanenten Dauerwahlkampf mit platten dummen, nichtssagenden Sprüchen ausgesetzt sehen, scheint es uns wie ein verlorenes Paradies. Arbeitslosigkeit war unbekannt, die Löhne waren niedrig aber sicher. Das Dreipfundbrot kostete 93 Pfennig, die Mehrzimmerneubauwohnung 48 Mark pro Monat. Bezahlte einer seine  Miete nicht wurde er nicht etwa auf die Straße gesetzt, sondern erhielt frühestens nach einem Jahr eine freundliche Aufforderung doch irgendwann den Rückstand nachzuzahlen. Gesundheitswesen kostenlos, KiTa-Plätze kostenlos, Schule kostenlos, Fortbildungslehrgänge kostenlos. Wer seinen Chef im Betrieb als Blödmann bezeichnete bekam zwar einen Anschiss, mehr aber auch nicht, entlassen wurde deshalb keiner. 

Ich denke, jenen Beispielen ließen sich noch eine ganze Reihe weitere anfügen,aber es soll erst mal genügen. Ein Paradies war die DDR trotzallem nicht, denn warum  beschlossen sonst so viele "Ihrem" Land´den Rücken zu kehren, nur um sich im Kapitalismus ausbeuten zu lassen.

Klar, Südfrüchte kannten wir kaum. Im Handel waren Apfelsinen aus Kuba zu haben, die hatten eine grasgrüne Schale und eigneten sich nur zum auspressen. Ein viertel Pfund Kaffee kostete 8 Mark, ein Farbfernseher, wenn überhaupt zu bekommen zwischen 4000 und 6000 Mark. Wer einen Führerschein machen wollte musste sich anmelden und wartet dann so etwa 4-5 Jährchen bis er an der Reihe war und den neuen Trabant bekam man ohnehin erst nach 10 Jahren Wartezeit. Für Luxusgüter musste man tief in die Tasche greifen. Grund genug sich das Streben nach Luxus abzugewöhnen. Doch dazu waren nur die wenigsten in der Lage. Ins westliche Ausland durften wir nicht, die Nachwendegeneration kann sich das sicher überhaupt nicht mehr vorstellen. Trotzdem blickten wir fast täglich über den Zaun, das Fernsehen machte es möglich, den Sachsen war auch dieses Vergnügen nicht vergönnt. Und wenn die Westverwandtschaft mit der Luxuslimosine auftauchte und mit ihren Urlaubsreisen protzten, war es aus, da saßen wir nur noch wie die begossenen Pudel in der Gegend. Langsam entwickelte sich der Eindruck dass es sich bei der Bundesrepublik nur um ein Paradies handeln konnte, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen und man zwei Drittel des Jahres damit verbringt in fernen Ländern unter Palmen spazieren zu gehen. Und genau das wollten die Ossis(diesen Begriff kante man vor 1989 noch nicht) auch haben. Ja und dann geisterte ein Begriff durch die Gegend, der vollends für Verwirrung sorgte: Freiheit! Es schien, als seien die Menschen im Westen frei von jeglicher Bevormundung, da war von Rechtsstaat die Rede und ähnlichem und dass man sich seine Regierung wählen durfte. Was für eine Glückliches Volk da drüben, dürfen sich ihre Beherrscher selber wählen, ist soviel Freiheit überhaupt vorstellbar?

Wahlen gab es in der DDR auch, alle fünf Jahre, auf allen Ebenen. Es gab neben der SED vier weitere Partei, eine CDU, eine Liberaldemokratische Partei, Eine Bauernpartei und ja tatsächlich eine Nationaldemokratische Partei. Die NPD in der DDR, wie das?  Nein, sie nannte sich NDPD, reiner Zufall denn die Westnazipartei gleichen Namens wurde erst einige Jahre später gegründet. Hinzu kamen die Massenorganisationen, die allesamt in der Volkskammer vertreten waren. Der SED hatte laut Verfassung ein Machtmonopol, daher standen ihr automatisch 51% zu. Die restlichen 49 % verteilten sich auf die anderen Parteien und die 5 Massenorganisationen. Die Prozentzahl auch hier dauerhaft festgelegt. Warum eigentlich wählen, wenn vorher schon das Ergebnis feststeht? Kann ich nicht beantworten, ich habe auf diese Frage bis heute keine plausible Antwort gefunden. Die Parteien traten ja auch nicht mit eigenen Listen an, sondern es gab nur eine, die so genannte Einheitsliste. Da standen nur Namen, weiter nichts. Die Kandidaten der jeweiligen Wahlbezirke. Ein Kreuzchen brauchte man nicht zu machen, denn Gegenstimmen waren nicht vorgesehen. Wurde ein Name durchgestrichen galt die Stimme als ungültig und wurde nicht gewertet. Warum ging es dann eigentlich bei dieser Wahl? Einzig die Wahlbeteiligung war von Interesse. Die lag nach offizieller Verlautbarung immer zwischen 97 und 99 %. (Auf 100 % verzichtet man ,solche Ergebnisse gab es erst nach 1990, zum Beispiel im erzkatholischen Eichsfeld in Nordwestthüringen gelang das CDU-Politikern, eigenartiger weisehakte hier niemand nach, ob es da immer mit rechten Dingen zuging)   

Wenn im Nachhinein Politiker wegen Wahlfälschung vor Gericht gestellt wurden ist das Unsinn. Es gab keine Wahlfälschung. Oder kann man eine Fälschung fälschen?

Und ob sich die Partei und Staatsführung nun mit 93, 94 oder 99% im Amt bestätigen lassen ist doch eh irrelevant.

Es gab kein Kreuzchen auf dem Stimmzettel und eben jenes Kreuzchen, diese lumpigen zwei Kugelschreiberstriche waren es, die das Fass zum überlaufen brachten, im Mai 89 nach der letzten Kommunalwahl. Wütende Proteste, soetwas hatte man bis dato noch nicht erlebt. Ich habe bis heute nicht begriffen warum es damals wirklich ging. 

Da plötzlich das Zauberwort: Erstmals kam es in Umlauf. Freie Wahlen wurden verlangt. Freie Wahlen, was ist das? Kann denn eine Wahl frei sein? Wenn ja, wozu diente sie, was sollte sie entscheiden? Ja, wen in aller Welt sollten wir denn wählen, wenn nicht die Einheitsliste? Und was sollte sich nach eben einer solchen Freien Wahl ändern? Keiner konnte eine Antwort geben. Aber immerhin, Freie Wahlen, na und das ist doch was.

Diese Auseinandersetzungen flauten nach einigen Tagen ab, aber es lag etwas in der Luft, eine bedrückende Stimmung, es brauten sich dunkle Wolken am Horizont zusammen. Erich Honecker war abgetaucht, aufgrund einer schweren Erkrankung, Gerüchte um seine Tod machten die Runde. Da tauchte er im Herbst 89 wieder auf, lies die Menschen wissen, dass die Mauer wohl noch in 50 oder 100 Jahren stehen würde. Das war der Tropfen der das Fass zum überlaufen brachte. Es entstanden die bekannten Massenproteste. Woher kamen die Menschen? Ich selbst hätte noch wenige Wochen zuvor den gelernten DDR-Bürgern einen solchen Protest unmöglich zugetraut. Doch nun gab es ihn. Innerhalb kurzer Zeit wurden die Verwaltungsstrukturen vollständig lahm gelegt, nichts funktionierte mehr. Der 18. Oktober 89 kann als Stichtag für den Umschwung  betrachtet werden, der Tag der Entmachtung Honeckers. Schon tags darauf konnte man völlig andere Töne in den Medien hören, die Verständnis für die Proteste bekundeten. Von nun an ging es Schlag auf Schlag ein Erosionsprozess von gigantischem Ausmaß, der sich bis Mitte November fast täglich zuspitzte. Ein Staat der sich Stück für Stück in seine Bestandteile auflöst. Jeden Tag spektakuläre Rücktritte. Am 7, November trat die Regierung komplett zurück, die DDR führungslos. 

Wenn eine Bundesregierung nach verlorener Wahl zurücktritt (das kommt hin und wieder mal vor) bleibt sie bis zum Antritt der neuen geschäftsführend im Amt. Doch im Herbst 89 war das anders. Sämtliche Minister bekamen unmittelbar nach ihrem Rücktritt Hausverbot. Vom 7.-16 November 89 gab es de facto keine Regierung in der DDR.

Die Stunde der Anarchie? Nein, denn es gab ja noch das allmächtige Politbüro der SED, die eigentliche Machtzentrale von der alles ausging. Ein Machtvakuum gab es also nicht wirklich. Trotzdem ging die Revolution weiter, das half auch die überstürzte Grenzöffnung nichts, die hatte die SED-Führung als letzten Trumpf ausgespielt, um die Menschen abzulenken, um sie von der Weiterführung der Revolution abzubringen. Doch es sollte ihnen nicht mehr helfen. Anfang Dezember 89 kam es zum eigentlichen Machtverlust, als das gesamte Zentralkomitee der SED  am 3. Dezember zurücktrat,mit ihm natürlich auch das Politbüro. Die Parteiführung hatte sich sozusagen selbst geköpft. Damit war auch der Verzicht auf das durch die Verfassung garantierte Machtmonopol verbunden. Politbüromitglied Günther Schabowski hatte in der Hektik der Ereignisse seine Aktentasche vergessen und begab sich am Morgen des 4. Dezember zur Parteizentrale  um sich diese zu beschaffen, wurde aber vom Pförtner äußerst rüde am betreten dieser gehindert. Machtverlust total, gestern noch einen Bückling, morgen schon einen Arschtritt. So schnell kann das gehen mit der Macht. Wo heute noch absolute Macht thront kann morgen schon die Ohnmacht ihre Litanei anstimmen. Was nun folgte stellt die interessanteste Zeitspanne der revolutionären Ereignisse dar. Die Politikwissenschaftlerin und Schriftstellerin Daniela Dahn bezeichnet in ihrem Buch "Wir sind der Staat" diese Phase als Räterepublik. Bei genauer Überlegung kann ich ihr nur zustimmen, auch wenn ich mir dieser Tatsache damals gar nicht so bewußt war. Ähnlich wie in Russland 1917 nach dem Sturz des Zaren entstand eine Art Doppelherrschaft.

Einmal wurde eine provisorische Regierung eingesetzt, unter Hans Motrow, eine Allparteienregierung unter Beteiligung auch oppositioneller Kräfte, andererseits entstanden überall im Lande Räte. Natürlich nannte die sich nicht Räte, sondern wurden als "Runde Tische" bezeichnet, doch sie funktionierten wie Räte. Es hat in Deutschland nie eine so radikaldemokratische Phase gegeben wie jene zwischen Anfang Dezember 1989 und Mitte März 1990. Die anarchistische Gesellschaft war zum greifen nahe, nie wieder sollte es so günstige Voraussetzungen für die Akratie  geben  wie in dieser historischen Zeitspanne. Das Problem, keiner schien das zu merken. Niemand wäre auf die Idee gekommen Begriffe wie Anarchie oder Akratie auch nur in den Mund zu nehmen. Doch trotzdem wurde diese für einige Wochen praktiziert.Ich erinnere mich noch genau daran ,als wäre es gestern gewesen. Auf kommunaler Ebene wurden die alten Funktionäre abgesetzt. Bürgerkomitees bildeten sich, es kam zu Besetzungen von Rathäusern und Landratsämtern. Die Stadträte oder Kreistage waren nur noch Staffage.Die Runden Tische regierten, oder es kam zu spontanen Bürgerversammlungen, die Beschlüsse fassten, Bürgermeister beriefen und diese anwiesen die Beschlüsse in die Tat umzusetzen. Die runden Tische waren paritätisch besetzt. Jede initiative konnte sich gleichberechtigt daran beteiligen. Und Initiativen gab es in jenen Tagen mehr als genug, fast täglich bildeten sich neue. Kein Vergleich zu unserer heutigen Zeit der völligen devoten Hingabe an die gewählten "Volksvertreter".  Was sich hier entwickelte stellte die restaurative Demokratie der Bundesrepublik weit in den Schatten, kein Wunder das Helmut Kohl plötzlich das große Fracksausen bekam. So etwas durfte unter keinen Umständen geduldet werden, da musste man einschreiten und zwar so bald als möglich. Was tut man um eine revolutionäre Bewegung am wirksamsten zu unterbinden? Richtig! Man schreibt "Freie Wahlen" aus. Freie Wahlen dienten in der Geschichte schon immer dem Zweck Machtstrukturen einzusetzen, aufzubauen und zu erhalten. Die Wahlen zur Volkskammer, dem DDR-Parlament wurden zunächst auf den 6. Mai, dann aber in Windeseile auf den 18 März vorverlegt. Praktisch aus dem Nichts mussten Wahlkämpfe organisiert werden. Kaum eine politische Kraft war darauf vorbereitet. Es zeichnet sich ab, das kleine alternative Bewegungen nicht die geringsten Chancen hatten ihren Platz zu erobern. Nur jene, die über das nötige Hinterland in der Bundesrepublik verfügten waren im Rennen.

Dass historisch nicht gewachsene Parteiensystem der Bundesrepublik wurde der DDR-Gesellschaft einfach übergestülpt. Obwohl der zentrale Runde Tisch sowie die Volkskammer einen Beschluss gefasst hatte, nachdem es bundesrepublikanischen Politikern ausdrücklich untersagt wurde in  den Wahlkampf einzugreifen, scherten die sich einen Dreck darum. Scharenweise überfluteten sie Anfang 1990 das Land und zogen große Wahlveranstaltungen aus dem Hut. Was nun folgte erinnerte an die dunkelsten Kapitel der Weimarer Republik. Seit jenen Zeiten hatte man keinen solchen Schmutzwahlkampf mehr erlebet, zum Glück auch bis heute nicht wieder. Sachliche Argumente spielten keine Rolle. Der politische Gegner war ein Feind, den es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu auszuschalten galt. Als besonders pervers, aber ausgesprochen effektiv erwies sich die Stasikeule. Konnte man einem Gegner keine sachlichen Argumente mehr entgegenschleudern, schnüffelte man in dessen Vergangenheit und enttarnte ihn als Stasispitzel Auf diese Weise mussten bei vielen Parteien und Listenverbindungen noch während des laufenden Wahlkampfes mehrfach die Spitzenkandidaten ausgetauscht werden. Die Westpolitiker waren natürlich sakrosankt. Die versprachen auf Massenversammlungen den Menschen das Blaue vom Himmel. Programme hatte kaum eine politische Kraft aufzuweisen. Alles schrumpfte auf drei Schlagworte zusammen. Deutsche Einheit, Marktwirtschaft und keine sozialistischen Experimente mehr. Das traf den Geschmack der Volksmassen. Warnende Stimmen verhallten im Nichts. Erst recht wollte keiner was von Akratie und Selbstverwaltung hören. "Kommt die D-Mark nicht zu uns gehn wir zu ihr!" Also so schnell, wie möglich die Basis für eine Rekapitalisierung schaffen, die staatseigenen Betriebe in GmbH`s umwandeln und schon geht alles seinen Gang. So einfach ,so simpel. Die Menschen glaubten alles, wenn es nur schön bunt verpackt schien.

Und in der Tat, der Wahlabend bestätigte die Prognosen, die Mehrheit wählte konservativ. Schon hatte sich auch diese Revolution in ihr Gegenteil verkehrt, wie so viele vor und nach ihr. Die Herrschaft einer Bürokratie wurde durch die einer anderen ersetzt. Kaum hatten die DDR-Bürger ihre Freiheit erkämpft mussten sie diese schon wieder abtreten.Die gewählten Volksvertreter werde`s schon richten. Endlich sitzen da Leute in der Volkskammer die mal Politik für uns machen. Solche oder ähnliche naive Äußerungen machten kurz nach der Wahl die Runde. Oskar Lafontaine bezeichnete die neu gebildete Regierung als Laienspieltheater. Es sollte sich bald herausstellen wie recht er damit hatte. Überdurchschnittlich viele Pastoren und Theologen waren da vertreten.  Auch Journalisten und sogar Künstler. Wirtschaftsfachleute oder Finanzexperten suchte man hingegen vergebens. Die mit allen Wassern gewaschenen bundesdeutschen  Politprofis hatten leichtes Spiel als es nun zu den bekannten Wiedervereinigungsverhandlungen kam. Die letzte DDR-Regierung wurde ordentlich über den Tisch gezogen, schluckte auch die fetteste Kröte die man ihr vorsetzte.

Auf der unteren Verwaltungsebene bestand die Räterepublik noch bis zur Kommunalwahl am 6.Mai 1990 weiter. Nach dieser Wahl konnte man die erneute Entmündigung der Bürger greifbar erleben. Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten Stadtratssitzungen nach der Wahl in meinem Heimatort. Die waren bis zum letzten Platz mit Besuchern gefüllt (kann man sich heute kaum noch vorstellen). Die turbulenten Bürgerversammlungen des heißen Herbstes und Winters waren noch in lebhafter Erinnerung. Nach Eröffnung der Sitzung meldeten sich viele Bürger zu Wort , wollten Anträge einbringen, Probleme zur Sprache bringen, so wie sie es die Wochen zuvor gelernt hatten. Doch sie mussten sich eines besseren belehren lassen. Nur noch die gewählten Stadträte hatten Rede und Stimmrecht. Besucher waren wieder mal aufs zuhören reduziert. Schließlich hätten sie ja ihre Stimme bei der Wahl abgegeben, nun bräuchten sie keine eigene mehr einzubringen, das täten von nun an die gewählten Vertreter an ihrer Stelle. Frust breitete sich aus. Desillusioniert wurden die Bürger nach Hause geschickt. Rufe wie "Das ist ja schlimmer wie zu SED-Zeiten!" machten bald die Runde. Die Räterepublik war Geschichte. Der Laue Herbst der Anarchie durch einen eiskalten Frost neuer Repression abgelöst  Selbstbestimmung durch erneute Fremdbestimmung ersetzt. 

Schon im Laufe des Jahres 1990 deutete sich ein vollständiger Umschwung an. Da tauchte sie wieder auf die große Perversion, von der wir schon in den vorherigen Beispielen erfuhren. Die immer dann eintritt wenn eine Emanzipationsbewegung sich in ihr Gegenteil verkehrt. Durch die Installierung einer Profitorientierten Wirtschaftsweise erfolgte ein Erosionsprozess von gigantischem Ausmaß. Gewachsene Strukturen brachen zusammen. Massenarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Unsicherheiten auf allen Ebenen. Sie brachen auf um die Freiheit zu suchen, statt dessen strandeten sie im Kapitalismus. Viele Menschen sahen sich außer Stande dieses Trauma zu verarbeiten. Aber anstatt sich auf ihre gerade gewonnenen Erkenntnisse zu besinnen, sich zu organisieren, Bürgerinitiativen und Plattformen ins Leben zu rufen um aktiv ins Geschehen eingreifen zu können, schlug das Pendel politisch in die äußerste rechte Ecke. Wie eine Seuche breitet sich der braune Virus aus und erfasste ganze Landstriche.  Eine barbarische rechtsradikale Gesinnung mit kannibalistischen Tendenzen war geboren. 

Viele werden sich noch an die Bilder erinnern: Rostock-Lichtenhagen 1991. Menschen stürmen einen großen Wohnblock der vietnamesischen Vertragsarbeitern als Unterkunft diente. Diese wurden Anfang der 80ger Jahre von der DDR-Regierung ins Land geholt, sie galten als freundlich, hilfsbereit und ruhig. Wurden auch von ihren Nachbarn geachtet, lebten mit denen in Eintracht zusammen. Das sollte nun nicht mehr möglich sein. Im Windschatten der 89ger Proteste und schließlich der Einheitseuphorie wurde eine neue Nationalismus mit latent rassischtischen Untertönen geboren. Was gut 40 Jahre unter Verschluss gehalten wurde, nun brach es sich Bahn. Endlich durften die einstigen DDR-Bürger stolz darauf sein Deutsche zu sein. Gut, auf was auch sonst, hatten die meisten doch fast alles verloren, den Arbeitsplatz, das Ersparte, das Gartengrundstück, die Lebensperspektive. Einen Glauben oder eine echte Weltanschauung hatten sie schon vorher nicht besessen. Zum Schluss verloren sie auch noch jegliche Selbstachtung. Woran sollten sie sich festhalten? Der amerikanische Schriftsteller Walt Whitmann behauptet einmal: "Die letzte Zuflucht des Verlierers ist der Patriotismus!"

Das ist wahr gesprochen. Man könnte Patriotismus auch noch Nationalismus oder Rassismus hinzufügen. Wenn mir alles genommen wurde, bleibt nur noch die Zuflucht unter die Fahne. Als die ersten rechtsextremen Grakeler aufmarschierten fanden sie leicht ihren Anhang. Einem am Boden liegenden, der womöglich schon seine Zuflucht bei der Flasche gefunden hat zu sagen, das er doch im Grunde etwas ganz besonderes sei, da er ja von Geburt an, aufgrund seiner Nationalität zu einer echten Herrenrasse gehört und daher alle Nichtdeutschen minderwertig seien, die es von nun an zu bekämpfen gilt, das geht runter wie Honig. So was kann einem naiven Gemüt tatsächlich ungeahnte Lebensenergie einhauchen. Wie schwer haben es da doch die armen Anarchisten oder andere Linksradikale mit ihrem Gerede von Klassenbewusstsein, Internationaler Solidarität, gegenseitiger Hilfe und was sonst noch so dazu gehört. Viel zu kompliziert. Wollte damals keiner hören, kann heute noch kaum einer was damit anfangen.

Das besondere an dieser neuen, ganz speziell ostdeutschen Variante des Neonazismus ist seine abgrundtiefe Brutalität.  Auch wenn meine linksradikalen Genossen mich dafür ans Kreuz schlagen, es ist einfach so, es gibt einen speziellen Ost-Neonazismus, dagegen wirkt die westdeutsche Neonaziszene der 80ger Jahre um Michael Kühnen geradezu bieder und angestaubt. Naziideologie im Verbund mit reichlich Alkohol stellt einen hochexplosiven Cocktail dar, der einen Menschen zu Berserker werden lässt. Die Naziskins der 90ger Jahre definierten sich fast ausschließlich über Gewalt und dem einzigen Bekenntnis dass sie allen anderen jegliche Menschlichkeit absprechen. Mord, Vergewaltigung, Brandschatzung, alles ist erlaubt um seine Gesinnung zur Schau zu stellen.  Selbst den organisierten Rechtsparteien, NPD, DVU oder Republikanern schienen diese Triebe unheimlich, so dass sie sich gezwungen sahen sich in der Öffentlichkeit davon zu distanzieren.

Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gibt es ein für Europa, ja die Welt fast einmaliges Phänomen, die sogenannte Entkonfessionalisierung, ein schweres Wort. Etwa 70-80%der Menschen  gehören keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft mehr an. Der Theologe und Religionssoziologe  Hans-Martin Barth bezeichnet diese areligiöse Haltung als "Volksatheismus". Wichtige Scharnierfunktionen die im Westen von den Kirchen gepflegt werden fallen hier schlichtweg aus. 1990 entstand ein ideologisches Loch, das bis heute nicht mehr gefüllt werden konnte. Neonazis verstehen es geschickt diese Leerstellen mit ihren Inhalten zu füllen. Vor allem für die Jugend, die unter 25 jährigen ist das katastrophal.  Es gibt Regionen auf dem Lande, vor allem in Thüringen und Sachsen wo die Jugendarbeit fast vollständig in den Händen der NPD oder sogenannter Freier Kameradschaften liegt. Hier werden die Totengräber der Demokratie von Morgen herangezüchtet. Keiner scheint das zu bemerken.

Warum ich das hier überhaupt vorbringe hat einen einfachen Grund: Die Frage, gibt es Alternativen? Die kann man mit einem eindeutigen Ja beantworten. Gerade die Bedingungen in Ostdeutschland sind geradezu wie geschaffen dafür die Akratie aufzubauen.  Die Entkonfessionalisierung, das ideologische Loch, das die SED-Diktatur hinterlassen hat, all das schreit förmlich nach einer echten Alternative. Einer Alternative die auch dem brauen Spuk Parolie bieten könnte. Die Akratie könnte das! Ich wüßte nicht wer sonst dafür in Frage käme. Die Demokratie, die ist doch schon lange am Ende, der vertraut doch kaum noch einer. 51% aller Wahlbeteiligten haben in meinem Heimatort an der Bundestagswahl teilgenommen. Die Hälfte ist einfach zu Hause geblieben,weil sie das Vertrauen in diese Staatswesen verloren hat. Die Politiker tun alles dafür um der Demokratieverdrossenheit weiter Nahrung zuzuführen. Als Willy Brandt 1969 Bundeskanzler wurde versprach er bei seiner Antrittsrede mehr Demokratie wagen zu wollen. Leider wurde nicht viel daraus gemacht. Angela Merkel hingegen geht einen anderen Weg, sie will mehr Freiheit wagen. Hört sich zunächst erst mal gut an. Bei genauerem Hinsehen fällt auf was sie wirklich damit meint. Freiheit für einige Wenige um sich gnadenlos auf Kosten der Allgemeinheit bereichern zu können. In diesem Zusammenhang entstand der Begriff "Marktkonforme Demokratie" will nichts anderes heißen als dass der Markt diktiert wieviel Demokratie wir uns in Zukunft noch leisten dürfen. Also nicht Ausbau der Demokratie lautet die Devise sondern deren Abbau. Am Ende ist es dann nur noch ein Katzensprung von der Marktkonformen Demokratie zur Marktkonformen Diktatur. Das alles geschieht natürlich auf so raffinierte Art und Weise das Ottonormalverbraucher nichts davon mitbekommt.

Seit einiger Zeit wird dieser Vorgang in den Medien als Ökonomisierung der Gesellschaft bezeichnet. Alles wird einem allmächtigen Markt untergeordnet. Diese Ökonomisierung ist inzwischen in allen Bereichen zu vernehmen. Schon in den Schulen wird das spürbar, so wie dies kürzlich einem Betrag der Zeitschrift Publik-Forum zu entnehmen war.

Geschickt verpacken Unternehmen und Wirtschaftsverbände ihre Botschaften in Hochglanzhefte für Schüler. Einmal selbst Banker sein, im Chefsessel Platz nehmen. Hier wird einseitig die unternehmerische Perspektive in die Schulen getragen, nicht aber die soziale , ökologische oder politische. Die gesamte Weltanschauung wird nur aus der Sicht der Unternehmen betrachtet. Die Meinungen der Gewerkschaften wird völlig unter den Tisch gekehrt, wie dies auch die Gewerkschaft GEW kritisierte.

Schon die Schüler sollen für den Kapitalismus fit gemacht werden. Nur wer stark ist, kann sich auch später im Leben durchsetzen. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wer nicht mithalten kann, ab ans Fließband, an die Müllsortieranlage, oder zur Straßenreinigung. Die Starken, leistungsfähigen, die es verstehen sich durchzusetzen, können alles in froher Erwartung auf sich zukommen lassen. Hier werden reihenweise kleine Egoisten geformt, die es verstehen, wenn erst mal erwachsen, als cholerische Chefs ihre Untergebenen  zu schikanieren. Ist das nicht eine wunderbare Zukunftsaussicht. Geht die Schere zwischen arm und reich schon heute weit auseinander können wir gespannt sein wie es sich erst mal in 10-15 Jahren anfühlt, dann wenn  die HartzIV-Kinder erwachsen sind, die, seit sie imstande waren zu denken, sich nur als Verlierer kennen lernten. Die werden aufstehen und sich das nehmen, was ihnen vorenthalten wurde. Dafür muss der Staat gerüstet sein, mit harten Gesetzen und unbarmherzigen Urteilen. Ein Staat ist gerade dabei sich seine Kriminellen von morgen selbst heranzuziehen.

Hand aufs Herz: Wollen wir unsere Kinder wirklich dem Gekreisch dieser marktradikalen Ideologen überlassen oder wollen wir diese nicht lieber fit machen für ein Leben dessen Leitline Mitgefühl, Solidarität, gegenseitige Hilfe, Toleranz und  Liebe ist?

Es ist ganz einfach: Wir haben die Wahl Marktkonforme Diktatur oder Akratie. Dazwischen gibt es nichts. Das ist meine These. Ich lasse mich gern eines besseren belehren. Doch lag ich mit meinen Prognosen in der Vergangenheit fast immer richtig, mehr als mir selber lieb war. Wir müssen uns entscheiden. Ich habe meine Entscheidung getroffen.

 

Aus aktuellem Anlass noch ein Nachwort: Seit etwa einem halben Jahr bekommen Anarchisten ungewohnte Schützenhilfe aus einer Richtung von der sie es wohl kaum erwarten konnten.  Im kleinsten Staat Europas ist Revolution. Ich meine nicht Liechtensetin oder Monaco, sondern den Vatikan.  An dessen Spitze sitzt seit März 2013 ein Mann der gerade dabei ist die klerikale Hierarchie auf den Kopf zu stellen. Papst Franziskus steht dem klerikalen Pomp und der überspannten Hierarchie in der katholischen Kirche ablehnend gegenüber und er ist ein erklärter Feind des Kapitalismus. Sein apostolisches Sendschreiben hat eingeschlagen wie eine Bombe. Kein gutes Haar lässt er an der profitorientierten Wirtschaftsordnung. Der Kapitalismus sei schon in seiner Wurzel schlecht und verdorben und das Grundübel unserer Zeit, heißt es etwa dort. Solche klaren Worte würde ich mir von manchen Linkspolitiker wünschen. Was spricht eigentlich dagegen, dass Anarchisten über ihren Schatten springen und mit Papst Franziskus zusammenarbeiten? Zumindest was diese konkreten Sachfragen betrifft? Das können sie, denn im Gegensatz zum dogmatischen Marxismus ist der soziale Anarchismus nach vielen Seiten offen. Weltanschaulich oder Ideologisch ist er nicht festgelegt, das Dogma Anarchismus= Atheismus ist überholt, gehört ins 19 Jahrhundert, dort mag es durchaus seine Berechtigung gehabt haben, heute wissen wir es besser. Anrachismus ist antiklerikal aber keineswegs antireligiös. Papst Franziskus betone in einem Interview,

"bei all dem klerikalen Prunk der mich umgibt könnte ich glatt selbst zum Antiklerikalen werden", man stelle sich das vor, ein antiklerikaler Papst, so etwas hat die Welt noch nicht gesehen. Doch so weit wollen wir nicht gehen.

Es ist üblich das Päpste bei nach ihrer Wahl den Namen eins Heiligen annehmen. Der berühmteste und beliebteste Heilige der katholischen Kirche ist Franziskus, weit über die Grenzen der Kirche hinaus genießt er große Verehrung, bei vielen Hindus in Indien steht er hoch im Kurs, auch ihm Islam wird er hoch verehrt. Sowohl die Ökologiebewegung, wie auch die vielen Friedensbewegten wählten ihn quasi zum Schutzpatron. Franziskus lebte an der Schwelle von 12.-13. Jahrhundert. Ist es nicht merkwürdig, das seit seinem Tod kein Papst es wagte seinen Namen zu wählen? Die Antwort ist einfach. Dieser Name ist Programm. 

Der Anarchismus des heiligen Franziskus ist kaum zu überbieten. Der Sohn eines reichen Kaufmannes aus dem dem mittelitalienischen Assisi, dem alle Wege in eine glänzende Karriere offenstanden, gab nach Schicksalsschlägen seinen Reichtum freiwillig auf um als Bettler auf der Straße zu leben ,eigenhändig alte Kirchengebäude zu erneuern und sich um Aussätzige, die damals marginalisierteste Randgruppe, zu kümmern. Scharenweise schlossen sich ihm  Menschen an. Es entstand eine alternative  besitzlose Unterkirche, für die klerikale Papstkirche geradezu ein Sakrileg. Franziskus bewegte sich auf gefährlichem Terrain,stand mit einem Bein immer auf dem Scheiterhaufen,nur seine ungeheure Popularität verhinderte dass die Inquisition einschritt. Franziskus starb früh, seine Nachfolger bekamen die Härte der kirchlichen Reaktion zu spüren. Viele  wurden als Ketzer verfolgt und getötet.  Die Franziskaner waren die Anarchisten des Mittelalters. 

 

Solche Beispiele verdeutlichen uns immer wieder. Anarchistische Idee lebten durch die Jahrhunderte in ganz unterschiedlichen Gewandungen. Und sie bedienten sich unterschiedlicher Weltanschauungen, religiösen Bekenntnissen, politischer, kultureller oder sozialer Strömungen.

In jüngster Zeit gibt es wieder einige Hoffnungszeichen was den Aufbau einer antiautoritären, gewaltlosen und egalitären Ordnung betrifft